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Malivuka

Eine Erzählung aus Samoa von A. Riemann

Riemann

Badeplatz

Erstickende Schwüle lagerte auf Land und Meer. Der Mond war aufgegangen, und mit Besorgnis sahen die am Strande versammelten braunen Insulaner drei große schwarze Ringe um die glänzende Scheibe gezogen. Der Himmel war düster, beim Scheine der häufigen Blitze zeigten sich lange Reihen dunkler, niedrig ziehender Wolken, die mit großer Schnelligkeit vom Meere her über die Inselgruppe von Samoa daherflogen, obwohl nicht der geringste Luftzug zu spüren war. Kein Donner war zu vernehmen. Am Saume des Wassers, dessen Wellen phosphorisch leuchteten und mit unheimlichen Heulen immer höher aufschwollen; war ein reges Treiben. Die geschmeidigen nackten Gestalten der Samoaner waren in eifriger Bewegung, um ihre Pirogen auf den Sand zu ziehen und möglichst weit hinauf auf das Land zu bringen, damit der gefürchtete, nahe bevorstehende Sturm sie nicht zerschmettere.

An einer Stelle, in einiger Entfernung vom Meere brannte ein Feuer, dessen Flammen in der stillen Luft hoch emporzüngelten und den Schiffen und Böten, die etwa noch draußen waren, als Richtungspunkt dienen sollten. Hier war eine kleine Gesellschaft von Fischern und Arbeitern versammelt, und sie sprachen davon, daß vor Einbruch der Dunkelheit ein Schiff auf dem hohen Meere zu sehen gewesen sei, welches gerade auf die Korallenriffe zugesteuert habe. Die Meinungen über das Schicksal dieses Fahrzeugs waren verschieden. Während einige versicherten, das Schiff sei unrettbar verloren, sprachen andere die Vermutung aus, es möchte wohl noch zur rechten Zeit in die sichere Straße zwischen den Riffen und der Insel eingelenkt sein. Gegenwärtig hatte die Finsternis das Schiff ihren Blicken gänzlich entzogen.—

Während sie so miteinander sprachen, zuckte ein schwacher Blitz dicht über den Wasser auf, dem ein Donner folgte, von derselben Stelle gingen wiederum Blitz und Donner aus, und die Samoaner erkannten, daß ein gefährdetes Schiff Signale gab. Es mußte gerade zwischen den Riffen sein, oder vielleicht schon auf einer der scharfen Bänke gestrandet sein. Doch war nicht daran zu denken, ihm vom Strande aus zu Hilfe zu kommen, denn das Meer war viel zu sehr bewegt, als daß ein Boot sich hätte hinauswagen können. Die braunen Männer liefen an den Strand hinab, die dicht vor die schäumende Brandung, sie spähten hinaus, doch sie sahen nichts. Nur zuckte immer wieder der Blitz der Kanonenschüsse von der bestimmten Stelle auf, und der Schall dieser Explosionen mischte sich in das Brausen des Meeres. Von Minute zu Minute stieg die Unruhe des Wassers; von den Riffen, an denen sich die Wellen brachen, donnerte es herüber, und mit hohlem Schwall pflanzte sich das Getöse fort.

So ging es die Nacht hindurch, und als der Morgen anbrach, zeigte sich die Natur noch schrecklicher. Der ganze Himmel war mit dunklen Wolken bedeckt, deren Ränder kupferrot über dem Meere hingen, während sie hoch oben im Zenit ganz schwarz waren. Die Luft ertönte von den Rufen der Tropikvögel, der Fregattenvögel, der großen Meerschwalben und anderer Seevögel, welche trotz der Düsterheit von allen Seiten herbeikamen, um auf der Insel Schutz zu suchen. Ein dichter Nebel lag bleischwer auf dem heulenden Wasser und verbarg das Schiff vor den Augen der Samoaner. Schon lange hatte dasselbe aufgehört, zu schießen, und die Insulaner wußten nicht, ob es untergegangen sei oder die Nutzlosigkeit seiner Signale eingesehen habe. Plötzlich erhob sich vom Meere her ein erschütterndes Geräusch, gleich als ob Wassergüsse unter der Begleitung von Donnerschlägen sich von Berggipfeln herabstürzten. "Der Sturm! der Sturm!" schrieen die braunen Männer und warfen sich zur Erde nieder.

Nun erhob sich unter einem rasenden Wirbelwinde der Nebel und zerflatterte in hoher Luft, und jetzt zeigte sich das Schiff, das Verdeck mit Menschen besetzt, die Raaen und Marsstangen auf das Oberdeck niedergelassen, das Notzeichen aufgehißt. Es saß auf einem Riffe fest und bot sein Vorderteil den von hoher See herbrausenden Wogen. Bei jeder neuanstürmenden mächtigen Welle hob sich der Bug so hoch in die Luft, daß der Kiel sichtbar wurde, und dann verschwand zugleich das Schiffshinterteil eintauchend im Wasser. Die Menschen hatten sich auf dem Vorderteil zusammengedrängt, die scharfen Augen der Insulaner sahen sie in der Entfernung wie kleine Puppen auf dem wiegenden Schiffe auf und nieder tanzen.

Die großen Wellen, welche mit dem Fahrzeug spielten, kamen alsdann brüllend zum Strande und schleuderten, indem sie zusammenbrachen, Geröll und allerhand Seegetier bis auf hundert Schritte weit ans Land. Indem sie zurückfluteten und das Ufer wieder sehen ließen, rollten sie mit heiser rasselnden Tönen Kiesel und Muscheln über den Sand hin. Bis zu den Riffen hin verwandelte sich unter den peitschenden und kreisenden Stößen des Sturmwindes das an die Insel schlagende Wasser in einer Fläche weißen Schaumes, die nur von den schwarz aufbäumenden Wogen unterbrochen wurde, und weiterhin zerstäubte fliegender Gicht.

Ein Schrei des Schreckens brach von den Lippen der Insulaner: das Schiff ward losgerissen, trieb mit großer Schnelligkeit eine Strecke weit auf die Insel zu und saß dann von neuem fest. Es war nunmehr nur noch eine halbe Kabellänge vom Ufer entfernt, inmitten der wildgepeitschten Schaumfläche, und einzelnen Gestalten der Schiffsmannschaft waren auf der Insel deutlich zu erkennen. Die Leute hatten in ihrer Not ihre Kleidungsstücke und Schuhe abgeworfen und liefen auf dem wiegenden Verdeck in Verzweiflung hin und her, als wollen sie den am wenigsten gefährlichen Platz zum Sprung in das Meer aussuchen. Denn auf Rettung des Schiffes hoffte wohl keiner mehr. Die unregelmäßigen Bewegungen des zürnenden Wassers ließen das auf scharfer Klippe hangende Fahrzeug bald völlig eingehüllt und überschüttet.

Die braunen Männer am Strande hätten gern Hilfe gebracht und Belohnung erworben, aber obwohl sie schwimmen konnten wie die Fische, so wagten sie es doch nicht, sich in solche Brandung hinauszubegeben, und sie mußten sich damit begnügen, aus der Ferne zuzusehen. Jeden Augenblick erwarteten sie das Schiff zertrümmert auseinanderfallen zu sehen, und mit lebhaften Gebärden und rufen verfolgten sie das Benehmen der gefährdeten Mannschaft. Schon hatten einige der Matrosen, Tonnen und Planken in den Händen haltend, sich hinabgestürzt in die Wellen, aber die Mehrzahl blieb noch auf dem Verdeck und schien unschlüssig zu sein. Da stieg eine Woge auf, höher und schwärzer als alle vorherigen. Mit furchtbaren Brüllen zog sie heran und näherte sich dem Schiffe. Für kurze Zeit lief das Wasser zurück von der Klippe, als zöge die große Woge es an sich, und der dunkle Rumpf des Fahrzeuges war zu sehen, dann aber kam die Wassermasse schaumgekrönt daher und öffnete ihre dunkle Flanke.

Bei diesem Anblick stürzte sich die Schiffsmannschaft, von Furcht getroffen, hinab in die See, und nur wenige Gestalten blieben noch auf dem Verdeck, unter diesen ein junger Mensch mit langen blonden Haar und von auffallend kräftigen Gliedern. Er stand vorn auf der äußersten Spitze des Vorderteils. Als aber jetzt die riesige Woge das Schiff erfaßte, da verschwand er, und mit ihm verschwand das Schiff selbst. Die Woge brauste über das Fahrzeug hin, begrub es mit ihrer Masse, und als sie sich, zum Strande weitertosend, verlaufen hatte, da war von dem Schiffe nichts mehr zu sehen. Es war vernichtet und die Wellen spielten mit seinen Trümmern.

Von den Menschen, welche sich auf dem Schiffe befunden hatten, ward nur ein einziger gerettet. Den blondlockigen Jüngling trieb eine Welle, mit seinem totenähnlichen Körper spielend, auf den Strand, und die Insulaner zogen ihn vollends auf das trockene. Sie merkten, daß noch Leben in ihm sei, und trugen ihn zu einer Hütte, sie pflegten ihn, verbanden ihrer einfachen Heilkunde gemäß seine Wunden, doch den ganzen Tag hindurch und auch noch die folgende Nacht blieb er bewußtlos.

Als der junge Mensch endlich wieder zum Leben erwachte, als er die Augen aufschlug und um sich blickte, da war es ihm, als sei er in einem Traum befangen. Inmitten der tosenden Wirbel, des heulenden Sturmes und der Kälte des peitschenden Schaumes hatte ihm die Besinnung verlassen, und nun umfingen ihn Licht und Wärme. Ein weiches Lager trug ihn, eine Matte bedeckte ihn, und sein Blick ward von fremdartigen Gegenständen beschäftigt, während eine behagliche Müdigkeit seine Glieder umfing. Durch die breite Türöffnung fiel ein wunderbares Licht in den niedrigen, dämmerigen Raum: die sanft bewegten Fächer der Palmen ließen die Sonnenstrahlen nur als eine gedämpfte lichtgoldene Flut hereindringen, und ein süßer Duft von fremdartigen Blüten wehte zugleich in die Hütte.

Eine Zeitlang sah der junge Mensch halb gedankenlos dem grünglänzenden Licht entgegen, dann ward seine Besinnung allmählich heller, er sah forschend umher und ward seine Besinnung allmählich heller, er sah forschend umher und ward auf eine Erscheinung aufmerksam, die ihm ganz zauberisch vorkam. Ein braunes Mädchen saß zu Füßen seines Lagers auf einen Schemel und betrachtete ihn mit dunkeln, glänzenden Augen. Ihr schwarzes Haar, das in dichten Fluten die Schläfen umwallte und bis auf die Schultern herabfiel, war mit weißen Blüten besteckt, und ein dichtes Gewinde von vielfarbigen Blumen und Blättern schlang sich ihr um den Hals und bedeckte ihre Brust. Vom Gürtel abwärts umhüllte sie ein helles schürzenähnliches Tuch, und zierliche Füße sahen unter dessen Saum hervor.

Das Mädchen lächelte ihn an, stand auf, als sie seine fragende Miene bemerkte, und reichte ihm eine hölzerne Schale, die mit einer weißlichen Flüssigkeit gefüllt war. Er trank und merkte, während er sich aufrichtete, daß ihn die Glieder steif waren und alle Gelenke schmerzten. Das Getränk schmeckte ihm erfrischend, er leerte die Schale, lehnte sich dann wieder zurück und schloß ermüdet die Augen. Seltsam wogten Wirklichkeit und Märchenbilder durch seinen Kopf, während der Schlummer ihn wieder zu umfassen anfing.

Mehrere Tage dauerte es noch, bis der Jüngling seine volle Kraft wiedererlangt hatte und die Hütte verlassen konnte. Aber diese Tage waren nicht leidvoll. Die Besitzer der Hütte waren freundlich, und vor allem ihre Tochter pflegte und stützte den schwachen und im Gehen wankenden Fremdling. Sie versorgte ihn mit Anananas, Bananen und Mangofrüchten, briet ihm Fischen zwischen erhitzten Steinen und labte ihn mit dem säuerlichsüßen Palmensaft aus der Kokosschale. Der Jüngling ließ es sich gefallen, nach der Arbeit und Not der Seefahrt erschien dem Matrosen die fremde Insel wie ein Paradies. In süßen Nichtstun verbrachte er die Zeit, essend und trinkend, behaglich auf dem Lager von weichen Blättern ausgestreckt, und wenn die braunen Menschen ihn anlachten und ihm ihre Freude über seine Genesung durch Nicken und Winken kundgaben, so lachte er sie wieder an und nickte ihnen zu.

Denn deutsch verstanden die Insulaner nicht, und die Sprache von Samoa war dem Deutschen fremd. Auf die Schultern der braunen Schönheit gestützt, fing der Jüngling zu gehen an, und er bekleidete sich, da er nackt und bloß vom Meere ausgespieen worden, nach Art der Samoaner, dem Zwange gehorchend, mit einem groben Gewande, einem bis zu Knien reichenden Hüfttuch, welches er der Mildtätigkeit seiner Wirte verdankte. Nichts war gerettet von dem gestrandeten Schiffe, dieses eine Leben hatte der Strand erhalten. Aber wenig Sorge machte sich der Jüngling, sein Gemüt war ruhig und stark, er nahm das Schicksal, wie es ihm beschieden ward. Unter den Samoanern ging er jetzt lächelnd als Samoaner umher, und nur die Farbe unterschied ihn.

Pflanzung

Ein kleines Dorf, eine Anzahl regellos zerstreuter Hütten lag unweit des Meeresufers, dem erfrischenden Südwind ausgesetzt, und Palmen, Brotfruchtbäume, Orangenbäume und Bananen umkränzten die niedrigen Dächer und beschatteten die freien Plätze vor den Wohnungen. Müßig und glücklich lebte das braune Völkchen, spielend sah es die Zeit dahinziehen. Arbeit tat ihm nicht not, denn überreich beschert die gütige Natur saftige Früchte, und nur zum Spiel fuhren bisweilen die braunen Männer hinaus, um Fische zu fangen, und säten, pflanzten und ernteten in den Reis- und Baumwollfeldern. Eine Zeitlang sah der Deutsche das Spiel mit an und saß zufrieden unter fächelnden Palmen, um den Tanz der braunen Mädchen in der Abendkühle anzusehen, dem Gesang der heiter versammelten Leute zu lauschen und die Sprache zu erlernen, die um ihn her erklang, aber bald ergriff ihn der Schaffenstrieb; ohne daß er es wollte, fingen seine kräftigen Händen an sich zu rühren, und mit lachenden Erstaunen sahen die Insulaner, was der weiße Mann mit dem lockigen Goldhaar zu treiben begann.

In den lässig bestellten, vernachlässigten Feldern fing er an Ordnung zu schaffen, zog gerade Linien und legte Alleen von jungen Brotfruchtbäumen an; mit mächtigem Arme zerspaltete er Stämme und Äste und baute ein Haus, das von allen als ein Wunderwerk angestaunt wurde. Es hatte eine Tür und vier Fenster mit schließenden Fensterläden, es war dicht mit Palmenzweigen gedeckt, die auf regelrecht behauenen Sparren lagen, und als es fertig war und der Jüngling am Türpfosten lehnend mit befriedigtem Stolze umhersah, da betrachteten ihn alle mit Ehrfurcht.

Aber Malivuka, die sanfte Schönheit mit den brennenden Augen und der Samthaut, die ihn bis jetzt als Gast bewirtet hatte, sah traurig aus.

"Du willst von uns weggehen, weißer Fremdling?" fragte sie. "Dein Vater hat nicht Raum für einen Müßiggänger", antwortete er.

Da wandte sie sich ab und weinte.

Der Jüngling war betroffen, er ging unter den Bäumen dahin und dachte über Malivukas Tränen nach. Er kam zu dem Wasserfall, der unweit der Hütten sein Brausen ertönen ließ. Der Wasserfall von Papasea war ein Lieblingsplatz der Dorfbewohner. Unter grüngoldenem Landdach fluteten die klarsten Gewässer und über dem Spiegel des Flusses wiegten sich Vögel mit schillerndem Gefieder und tauchten oft die Brust und die Flügelspitzen in das erfrischende Naß. Jähe Steinblöcke hemmten den Lauf des Gewässers und weißschäumend schoß die die unaufhaltsame Flut über sie weg in die Tiefe. Hier stürzten sich die Gewandten braunen Kinder der Natur gern in die Flut, schwammen bis zu den Felsen und ließen sich an klug gewähltem Platze von dem Falle mitten im Schaumwirbel hinabwerfen. Träumerisch setzte sich der Jüngling am Ufer nieder und sah dem stürzendem Wasser von unter zu.

Wasserfall

Eine mächtige Palme wölbte sich mit weitgeschwungenen Fächer über dem Fall. Hier warfen die Insulaner ihre leichten Gewänder im Schatten ab und glitten in den Fluß. Der Jüngling sah ihnen zu. Eine ganze Schar brauner Leute tummelten sich dort oben herum, und mit lautem Gelächter kamen sie im Schaum herabgeschossen, um dann unterhalb aufzutauchen und den Kopf zu schütteln, daß die blitzenden Tropfen umherflogen. Jetzt kam auch Malivuka mit zwei Freundinnen gegangen, und lustig warfen die Mädchen ihre Blumenkette ab. Aber Malivuka sandte einen Blick herüber zu den Weißen, und als sie ihn sah, zauderte sie. Sie blieb unter der Palme sitzen und begleitete die Freundinnen nicht im fröhlichem Sturze.

In der klaren Flut unterhalb der Felsen schwammen jetzt die Mädchen, ihre vom triefenden Wasser hell funkelnden Haarmassen zeigten sich unweit des Platzes, wo der Jüngling saß. Er winkte, und die Eine kam nahe zum Ufer. "Was hat Malivuka? Warum ist deine Freundin traurig?" fragte er.

Da lachte das Mädchen, daß die weißen Zähne zwischen den roten Lippen schimmerten, tauchte unter wie eine Nixe und kam erst weit entfernt wieder an die Oberfläche empor. Der Jüngling aber stand auf und ging am Ufer hin zu der Stelle, wo Malivuka im Palmenschatten saß.

"Malivuka", sagte er, "was fehlt dir?"
Sie schüttelte den Kopf und sah vor sich nieder.
"Hat dich dein Vater geschlagen?"
"Mein Vater ist sehr gut" antwortete sie.
"Hat dich deine Mutter gescholten?"
"O nein, weißer Herr."
"Haben deine Freundinnen dich gekränkt?"
Malivuka erhob sich und schickte sich an zu gehen.

Da faßte der Jüngling sie am Arm. "Bleibe, Malivuka",sprach er. "Wenn du traurig bist, so bin ich es auch. Ich dachte, du solltest vergnügt sein. Ich habe ein schönes Haus gebaut, und ich hoffte, Malivuka würde mit mir darin wohnen. Du hast mich gepflegt, als ich krank war, du hast mich versorgt, seitdem ich wieder gesund bin, du darfst nicht aufhören, meine Freundin zu sein. Komm mit mir in mein Haus und laß uns fröhlich sein.!"

Da sah Malivuka ihn an, und ihr Gesicht war von Freude ganz rund, ihre brennenden Augen lachten und ihre weißen Zähne glänzten. Ein großes Fest ward zugerüstet. Im schönsten Schmucke ihrer Gewänder und Blumenketten versammelten sich die Frauen und Mädchen vor der Hütte Malivukas, das Haar mit roten Tüchern umwunden oder mit den leuchtenden Blüten der Baumwollenstaude und mit Rosen besteckt, auch die Männer in Festkleidung, schön geflochtene Matten und bunte Tücher tragend, Hals und Brust mit Blumen geschmückt, Ringe um Arm und Bein. Lustig ertönten die Flöten und die dröhnende Trommel, fröhlich trank die Festgesellschaft die gegorenen Getränke, aus Palmsaft bereitet, und schmauste gebratene Ferkel und Fische, Rebhühner, Yamswurzeln und die saftigen Früchte der segenschweren Bäume. Glücklich war das sorgenlose Völkchen. Es sang und sprang, aß und trank, lachte und scherzte auf grünem Rasen im Schatten der prachtvollen Palmen, und in glücklicher Zufriedenheit saßen der deutsche Matrose und Malivuka, die Königin des Festes, auf den Ehrenplatz, der mit rotem Kattun belegten Rasenbank.

Nach dem Takte der Trommel schwingen sich die geschmeidigen Mädchen im Wirbeltanz. Auf der braunen Haut glänzten die bunten Blumen, und reizend bewegen sich die geschmückten Gestalten. Und immer lebhafter, immer schneller, immer wilder wird der Tanz. Der Palmwein glüht in den Adern, im Tanzen erhitzt sich das Blut , lauter und heftiger tönen die Trommeln und Flöten. Männer und Frauen tanzen durcheinander, eine bunte, lebensprühende Schar, helles Jauchzen, lautes Schreien und ein wilder Gesang steigen zum Nachthimmel auf, denn schon längst sank die Sonne, und mit silberner Klarheit übergießt der strahlende Mond die zauberhaft schöne Insel und läßt die Blüten in den dunklen Gebüschen schimmern und leuchten.

Behaglich ruht der Deutsche neben seiner braunen Schönen, schlürft den Palmwein und lächelt. Sie betrachtet ihn wie ein höheres Wesen und windet ihn in ehrfürchtiger Liebe einen blütenschweren Kranz, mit dem sie die goldigen Locken umflicht. Dann neigt sich das Fest dem Ende zu, müde von Tanz und Wein sinken die Mädchen im Grase nieder und allmählich verliert sich das Völkchen. Der lächelnde Jüngling führt die Geliebte in das prächtige Haus, das er selbst erbaute.

Mann
Frauen

 

Und immer prächtiger gestaltet sich diese Wohnung durch die wundersame Kunst des weißen Mannes. Er sammelt Früchte in den Plantagen, die er anlegt, er erntet Baumwolle, Reis und Yamswurzeln; diese Schätze trägt Malivuka mit ihren jüngeren Geschwistern hinüber zu der Stadt auf der andern Seite der Insel, wo die reichen Fremden wohnen, und verkauft sie auf dem Markte. Für den Erlös werden herrliche Dinge angeschafft: bunte Tücher für Malivuka, glänzende Halsketten, dann Rohrstühle, Kissen und sonstiges leichtes Hausgerät. Und mit kundiger Hand schlägt der weiße Jüngling Tische und Bänke zusammen: wie ein Schloß steht seine Wohnung unter den Hütten der Samoaner da. Wild umherlaufende Hühner fängt er ein und umzäunt sie mit hohem Gitter, Schweine sperrt er ein und macht sie mit Yamswurzeln und Ananas fett, immer höher wächst sein Reichtum, und obwohl er nur im Spiele arbeitet, in der Frühe des Morgens, wenn die Seeluft kühlend daherweht, so ist er doch fleißiger als alle die braunen Leute zusammengenommen, und der Segen schwillt unter seinen Händen.—

Aber eines Abends ertönt ein Schrekensruf unter den Palmen. Angstvoll laufen Männer und Weiber umher und raffen ihre wenigen Habseligkeiten zur Flucht zusammen. "Was gibt es?" fragte der Jüngling zwei Männer, die zu seiner Hütte herankamen.—

"Die wilden Malaisen kommen", antworteten sie voll schrecken. "Ihre Schiffe sind nahe der Küste zu sehen. Es sind schreckliche Leute. Sie werden uns Töten, wenn wir nicht fliehen. Sie sind sehr schlimm, sie braten und fressen ihre Feinde." — "Es wäre nicht gut, wenn diese Leute uns verjagten", sprach der Jüngling und reckte den sehnigen rechten Arm, der eine schwere Axt mit haarscharfer Schneide trug. "Haben wir doch hier unsere Häuser und Felder!" — "Was willst du machen, weißer Herr?" fragten sie erstaunt. "Besser die Häuser verlieren als das Leben, denn die Häuser, wenn sie verbrannt sind, bauen wir wieder, aber niemals kehrt das Leben zu den Getöteten zurück." —

Da kam Malivuka an die Tür, sie hatte ihr Kindlein in ein Tuch gebunden und trug es auf dem Rücken, all ihren Schmuck hatte sie angelegt und schleppte in den Händen die kostbarsten Besitztümer, Tücher, Gewänder und Teppiche. Laß und fliehen, Herr!" so rief sie unter Tränen und bleich vor Angst. "Hinauf ins Gebirge laß uns eilen und uns verbergen, bis die Feinde wieder abgezogen sind." — "Geh zurück, Malivuka," sagte er, "bleibe bei dem Kinde in der Wohnung. Ihr aber, ihr Männer, geht mit mir, wir wollen die Malaisen in das Wasser zurückwerfen." — Bestürzt sahen sie ihn an. Aber sie waren voll Ehrfurcht und sahen mit heimlichen Schrecken die blauen Augen mutvoll blitzen. Gehorsam kehrte Malivuka zurück, die Männer aber folgten den Deutschen, der machtvollen Schrittes durch die Gruppe der Hütten dahineilt und mit donnernder Stimme zu den Waffen rief.

Die flüchtigen Männer blieben stehen, hörten auf seine Ermahnung, und folgsam wie die Kinder scharten sie sich um ihn. Sie ergriffen ihre Bogen und Pfeile, ihre scharfgespitzten Jagdspieße und schweren Keulen mit zierlichen Schnitzwerk in dem dunkeln geglätteten Holze. Sie zeigten einer dem andern den weißen Mann und die beherzteren redeten den Feigen zu. "Geht dort," sprachen sie, "der weiße Herr wird uns beschützen. Er ist sehr stark, sehr reich und sehr klug. Folgen wir ihm, er wird uns erretten!" — Eine Schar von mehr als fünfzig bewaffneten Männern eilte an den Strand, wo die feindlichen Pirogen sich gezeigt hatten. Und voran stürmte der weiße Jüngling mit der schweren Axt. Er sah wohl zehn lange, dunkle Schiffe auf dem in der Abendsonne rotleuchtenden stillen Wasser, zwei hatten angelegt, und schon standen wohl zwanzig Männer im Waffenschmuck auf dem Sande, die andern Schiffe hielten sich noch in der schwachen Brandung und lenkten dem Lande zu.

"Auf sie! Schlagt sie nieder! Werft sie in die See!" rief der Deutsche mit dröhnender Stimme seiner Schar zu, die ihn halb in Angst und halb in Hoffnung umgab. Die Feinde am Wasser sahen den anstürmenden Haufen und wandten sich gegen ihn. Pfeile flogen durch die Luft, und ein riesiger Krieger, fast ganz schwarz von Farbe, mit hohem buntfarbigen Federschmuck auf dem Haupte, sprang mit wildem Geheul an der Spitze der Feinde den herabkommenden Verteidigern ihrer Heimat entgegen und schwang den langen schweren Speer. — Aber behender und stärker, als er vermutet hatte, kam der weiße Mann über ihn. Ehe er, vom Anblick des Weißen betroffen, seinen Speer dem unerwarteten Feinde in die Brust stoßen konnte, traf ihn die furchtbare Axt auf den Kopf, zerschnitt Federputz und Haarwulst und zertrümmerte ihm den Schädel, daß er jählings zu Boden stürzte. Da überfiel Schrecken die Angreifer, gellend schrieen sie auf, ein Dämon schien ihnen die Insel Upolu zu bewachen und ihnen zürnend den Raub zu verwehren. So schnell sie laufen konnten, flohen sie zu den Schiffen zurück, und hinter ihnen wüteten jetzt mit Triumphgeschrei die Begleiter des Weißen. Fünf von den Flüchtigen fielen unter den Pfeilen und Speerwürfen, die anderen warfen sich in die Flut, ließen die Schiffe im Stich und schwammen furchterfüllt hinaus in die See. Dort wurden sie von den Zurückgebliebenen aufgenommen, und mit hastigen Ruderschlägen entfernte sich die ganze Flottille aus dem Bereich ihrer Feinde. —

Krieger

Ein frohes Fest vereinigte von neuem die dankbaren und von Freude begeisterten Bewohner Upolus. Siegestaumel hatte sie ergriffen und ihre Verehrung für den Erretter, den Helden, den weißen Mann war grenzenlos. Sie umtanzten und bekränzten ihn. Lelirkama aber, der angesehenste unter ihnen, der Häuptling des Dorfes, setzte sich im höchsten Schmucke auf die Richterbank, wo er die Streitigkeiten des Völkchens zu schlichten pflegte, und erklärte den Fremdling öffentlich für den Schutzgeist des Volkes von Upolu.

Mehrere Tage waren vergangen seit jenem Kampfe, und friedlich lebte der Jüngling wieder in seiner gemächlichen Ruhe, da kam von der anderen Seite der Insel her ein befremdlicher Zug zu den zerstreut liegenden Hütten. Drei Reiter, näherten sich, weiße Männer in europäischer Tracht auf gesattelten und gezäumten Pferden, und vor ihnen her lief ein Insulaner, der ihnen den weg zeigte. Der ernst blickende Mann, welcher der vornehmste unter den Ankömmlingen zu sein schien, sah sich bedächtig um und lenkte sein Pferd dann auf die Hütte zu, welche den besten Anblick bot, die Hütte des jungen Deutschen. Er sah ein braunes Weib mit einem Kinde vor der Tür sitzen, und als sie furchtsam aufstand und hineingehen wollte, winkte er ihr und ließ sie durch den Führer, den braunen Landsmann beruhigen.

"Sage mir, wo ist der weiße Fremdling, der bei euch wohnt?" fragte der Führer.

Malivuka aber hörte die Frage mit ahnungsvoller Scheu und blickte furchtsam auf die Rosse und Reiter. Sie wandte sich ab und lief, das Kind an den Busen pressend, in die Plantage hinein, wo ihr Mann mit den Brotfruchtbäumen sich zu tun machte.

"O Herr!" rief sie, "es sind weiße vornehme Leute aus der Stadt da, und sie fragen nach dir."

Verwundert blickte der Jüngling sie an, ergriff unwillkürlich die Axt, die neben ihm an einem Stamm lehnte, und schlenderte verdrossenen Ganges der Hütte zu, während Malivuka mit hochklopfendem Herzen ihm folgte. Er ging auf die Reiter zu und sah sie mißtrauisch an, indem er sich an den Türpfosten lehnte. Sie aber erwiderten seine Blicke mit Mienen unverhohlener Verwunderung, und der ernst blickende Mann, der von den anderen hielt, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er den starken Jüngling betrachtete, der barfüßig vor ihm stand, verbrannt von der Sonne, mit dem samoanischen Schurz und einer weißen Kattunjacke bekleidet, das schöne Gesicht mit den blauen Augen von ungebändigter Lockenfülle umwallt.

Er redete ihn in deutsche Sprache an. "Es ist mir zu Ohren gekommen," sagte er, "daß vor einigen Tagen ein Kampf am Strande stattgefunden hat, in welchem ein Weißer sich hervorgetan hat. Sind Sie dieser Weiße?"

"Es ist ein harter Kampf gewesen," antwortete der junge Mann, dem der Ton der Muttersprache seltsam klang.
"Ich bin der deutsche Konsul in Apia," fuhr der Herr fort. "Ich habe mit ihnen zu reden."

Mit diesen Worten schwang er sich vom Pferde und ging in die Hütte, während die anderen draußen blieben. Er winkte dem Besitzer der Hütte sich ihm gegenüber zu setzen und fuhr fort: "Eine deutsche Bark, namens Anna Maria, Kapitän Jan Bissar, ist vor etwa fünfzehn Monaten in diesen Gewässern verloren gegangen, ohne daß man eine Spur von dem Schiff hat auffinden können. Gehörten Sie vielleicht diesem Fahrzeug an?"

"Ja, Herr, ich diente auf dem Schiff als Leichtmatrose."
"Sind Sie der einzige, der gerettet wurde?"
"Ja, Herr!"
"Und wie heißen Sie?"
"Ich heiße Georg Martini."

"Georg Martini!" rief der Konsul ganz erstaunt. "Das ist wahrlich eine eigentümliche Fügung unerwarteten Zusammentreffens! Sie scheinen sich hier trefflich eingewöhnt zu haben, Martini, und beinahe ein richtiger Samoaner geworden zu sein."

Er sah dabei Malivuka an, die soeben zur Türe hereingekommen warm sich auf dem Fußboden niedergekauert hatte und den Herrn mit ängstlichen Augen anstarrte.

Der junge Mann errötete und drehte verlegen an dem Stiele der Axt, die er noch immer in der nervigen Fäusten hielt.

"Versteht dies braune Mädchen deutsch?" fragte der Konsul. — "Nein, Herr."

"Das ist gut, denn ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, was sie allein hören sollen. Mir ist vor einiger Zeit ein Schreiben aus Deutschland zugegangen, worin ich aufgefordert werde, mich nach dem Verbleib der Bark Anna Maria und namentlich nach einem Matrosen Georg Martini umzutun, da man vermutet, daß die Bark in diesen Gegenden verloren gegangen sei. Georg Martini wird aus einem besonderen Grunde gesucht. Beachten Sie dies wohl! Es ist ein für Sie sehr erfreulicher Umstand. Ihr Vater interessiert sich für Sie, Martini, und will an Ihnen ein Unrecht gut machen, das er Ihrer Mutter gegenüber verschuldet zu haben meint."

Der junge Mann errötete von neuem bis unter die Haare. "Sie wissen doch wohl, wer Ihr Vater ist?" fragte der Konsul. — "Nein, Herr."

"Ich darf Ihnen den Namen nennen," sagte der Konsul nach einer Pause des Nachdenkens. "Es ist der Graf X., ein sehr vornehmer und hochgestellter Mann. Nun Ihre Mutter verstorben ist, erinnert sich der Graf mit erneuter Lebhaftigkeit seines Sohnes und hat die Nachforschungen veranlaßt, an denen auch ich beteiligt bin. Doch war ich ohne Hoffnung auf irgend welchen Erfolg des Suchens, bis in diesen Tagen die Erzählung von einem weißen Manne, der unter den Insulanern gekämpft habe, sich in Apia verbreitete."

Der Matrose ließ den Herrn sprechen, antwortete nichts und sah ihn nur mit einem Blicke an, der nach der Bedeutung seiner Worte fragte.

"Es ist ein großes Glück für Sie, daß ich so auf Ihre Spur gelenkt wurde, mein lieber Martini," fuhr der Konsul fort. "Denn sonst wären Sie vermutlich bis an Ihr Lebensende hier in diesen zweifelhaften Verhältnissen geblieben. Ihr Vater will sich Ihrer annehmen, und er ist der Mann dazu, Sie vorwärts zu bringen. Ich werde Sie auf dem nächsten Schiffe, welches nach Deutschland abgeht, in die Heimat befördern lassen. Kommen Sie zunächst nach Apia, damit wir Sie menschenwürdig ausstatten!"

Der junge Mann kraute sich mit der starken Hand in dem goldigen Haar und sah den Konsul verlegen an.
"Nun?" fragte dieser.
"Ich mag nicht," sagte Martini.
"Wie? Sie wollen nicht?" fragte der Konsul überrascht. "Was wollen Sie nicht? Nicht nach Apia kommen? Nicht mit Kleidung und Geld versehen werden? Nicht in die Heimat und zu Ihrem Vater reisen, der Ihnen möglicherweise die glänzendste Laufbahn eröffnet?"
"Es gefällt mir hier gut", antwortete der junge Mann zögernd, "und dann habe ich hier meine Frau und...."
"Ihre Frau?" fragte der Konsul. "Diese Eingeborene?"
"Ja sagte jener, "meine Frau."

Malivuka mußte gemerkt haben, daß von ihr die Rede war, instinktmäßig drängte sie sich an die Knie des Gatten und preßte ihr Kind fester an sich, während ihre dunkeln Augen, fast denen eines scheuen Wildes ähnlich, von einem der Männer zu dem andern wanderten.

"Mein lieber Martini", sagte der Konsul, "Sie sind offenbar durch den langen Aufenthalt unter diesem gutmütigen Völkchen den Anschauungen der zivilisierten Welt entfremdet worden. Es wäre besser gewesen, wenn Sie gleich nach dem Unglück, welches Ihr Schiff traf, den Anschluß an Ihre Landsleute in Apia gesucht hätten, anstatt hier Beziehungen anzuknüpfen, die Ihrer nicht ganz würdig sind. Überlegen Sie sich, was Sie tun! Natürlich will ich Ihren Gefühlen nicht zu nahe treten, aber nach meiner Kenntnis und Erfahrung hinsichtlich dieser Eingeborenen wird sich das gute Geschöpf, welches Sie Ihre Frau nennen, leicht zu trösten wissen, wenn Sie ihr Geschenke zurücklassen, die ihrem Gesichtskreise und ihren Bedürfnissen angemessen sind. Überlegen Sie, was Sie tun und ob Sie sich für immer zu den Wilden rechnen wollen. Überlegen sie auch, was Sie einem Vater schuldig sind, der sich nach Ihnen sehnt, der alles aufbietet, Nachricht über Sie zu erhalten und der gewiß, wenn Sie zurückkehren, nichts versäumen wird, Sie zu einem nützlichen und angesehen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu machen. — Wie ist es, wollen Sie kommen?

Der junge Mann sah Malivuka an, blickte auf den Konsul, dachte an Deutschland zurück und sagte endlich: "Ist das alles so richtig, Herr Konsul, wie Sie es vorstellen, und ist mein Vater wirklich willens, für mich zu sorgen?"
"Würden sonst solche Anstalten gemacht worden sein, um Sie aufzusuchen?" fragte der Konsul dagegen.
"Das ist wahr", sagte der Matrose. "dann will ich also kommen."

"Es freut mich, daß Sie den Entschluß gefaßt haben, mein lieber Martini," sagte der Konsul, indem er aufstand. "Schieben Sie die Ausführung nicht zu lange hinaus. In acht Tagen geht ein Dampfer nach Hamburg ab, und mit dem Schiffe können Sie reisen." — "Ein sonderbarer Mensch," sprach der Konsul draußen zu seinen Begleitern, als er mit ihnen zurückritt. "Eine merkwürdige Indolenz in dem hübschen Kerl, so daß kaum an seine Heldentat gegen die Räuber von Malaisa glauben mag."

Während dessen blieb der junge Mann in einem Zustande der Verwirrung zurück, der ihm ganz neu war, und seine verstörte Miene erschreckte Malivuka. Sie fragte ihn voll Sorge, was der Besuch der vornehmen Fremden zu bedeuten habe, als er sie aber unwirsch zurückwies, zog sie sich in einen Winkel zurück, küßte ihr Kind und weinte. Martini ging durch seine Plantage, in welcher er jeden Baum und jede Pflanze kannte, und wunderte sich, wie lieb ihm das alles plötzlich geworden war. Er nahm sich vor, in der Nacht heimlich wegzugehen, ohne daß Malivuka es merkte.

Die Nacht kam heran, er warf sich auf sein Lager, blieb aber wach und harrte des günstigen Augenblicks der Flucht. Der Mond schien hell und konnte ihm den Weg nach Apia zeigen. Als ihm die regelmäßigen ruhigen Atemzüge Malivukas bewiesen, daß sie schlief, erhob er sich, stützte sich auf den Arm und sah das braune Weib und das kleine Kind an dessen Seite nachdenklich an. Was würde aus dem Kinde werden? Es war sehr niedlich. Es hatte eine helle Farbe, beinahe wie ein deutsches Kind, und seltsam glänzendes Haar, von einem Schimmer wie dunkle Bronze. Was würde aus Malivuka werden? Er betrachtete ihre samtartige Haut und sah noch die Spuren ihrer Tränen unter den langen schattigen Wimpern. Der junge Mann ward noch verwirrter, als er bis jetzt gewesen war, er seufzte, er wußte nicht mehr was er tun sollte. Endlich dachte er, das Schiff ginge ja erst in acht Tagen ab, und bis dahin würde er schon nach Apia kommen. Er wollte in einer der nächsten Nächte weggehen, es sei noch Zeit.

Und dann streckte er sich wieder aus, schlief ein, und war, als er am Morgen erwachte, zufrieden sich in der Hütte zu sehen. So ging es eine Nacht nach der andern, einen Tag nach dem andern, bis die Woche verstrichen war. Am Tage vor Abgang des Schiffes war der junge Mann in Besorgnis, der Konsul möchte etwa wiederkommen und ihn holen, als aber nichts sich ereignete, als der Termin vorüber war und das Schiff nun weg sein mußte, da kehrte ruhige Heiterkeit in sein Gemüt zurück, er vergaß allmählich was ihn beunruhigt hatte, und lebte wieder sorgenlos wie früher. Auch Malivuka hatte ihren kurzen Schmerz vergessen und lachte wieder und sang von früh bis spät, wie ein Kind.

Ein halbes Jahr verging für die ungleiche Familie unter den Palmen und Brotfruchtbäumen in glücklicher Stille, prächtig gedieh die Plantage, und leuchtend blickte der südliche Himmel auf die niedrige Hütte herab, da ward Martini eines Nachmittags von neuem durch die Ankunft des ungebetenen Gastes überrascht, der ihn schon einmal aus seiner Ruhe aufgeschreckt hatte. Er sah, vor der Tür sitzend, Reitergestalten erscheinen und erkannte von weitem schon den Konsul. Bestürzt stand er auf, winkte Malivuka, die mit dem Kinde spielte, und versteckte sich mit beiden in der Anpflanzung. Als aber sein Name wiederholt gerufen wurde, kam er beschämt hervor und trat mit verdrossener Gebärde dem Besucher entgegen. "Sie haben Ihr Wort nicht gehalten, Martini", sagte der Konsul. "Ich habe sie vergeblich erwartet."

Martini murmelte etwas Unverständliches in den Bart und kratzte sich hinter dem Ohre.

Der Konsul stieg vom Pferde und ging mit ihm beiseite, so daß seine Begleiter die Unterredung nicht mit anhören konnten, denn er sah die Verlegenheit des jungen Mannes.

"Ich habe Ihretwegen nach Deutschland geschrieben"; sagte er, "und nun einen Brief von Ihrem Herrn Vater erhalten. Überzeugen Sie sich, daß es ihm Ernst ist mit seinem Verlangen, Sie wiederzusehen." Er zog ein Schreiben aus der Tasche und gab es Martini, der nun in halber Geistesabwesenheit, weil er in Gedanken bei Malivuka weilte, den eleganten Briefbogen hin und herwandte und dessen Inhalt mehreremale überflog. Graf X. schrieb dem Konsul, er möge darauf bestehen, daß der Verirrte zurückkehre, es liege ihm sehr viel daran, seinen Sohn zu sehen, und er werde ihn mit väterlicher Liebe empfangen und für ihn sorgen.

"Dieses Schreiben ist nicht das einzige, was mir in Ihrem Interesse zugegangen ist", sagte der Konsul. Auch die Behörde hat mir geschrieben, daß ich dafür sorgen sollte, Sie zurückzuschaffen. Dazu hat Ihr Herr Vater eine Anweisung wegen der nötigen Mittel geschickt. Hier, sehen Sie, mein lieber Freund, diese Summe ist die Ihrige, wenn Sie sich entschließen, der Stimme der Pflicht und der Vernunft zu gehorchen."

Er griff wiederum in die Tasche und zeigte dem jungen Manne eine Börse voller Goldstücke.

"Ich kann mir denken, daß es Ihnen schwer fällt, sich von hier loszureißen," fuhr der Konsul fort, als Martini noch immer schwieg und bald das Geld, bald den Brief anstarrte. "Aber sie wollen doch wohl nicht vollständig verwildern! Sie sind doch der Angehörige eines gebildeten Volkes. Sie haben Angehörige in der Heimat. Für eine Zeitlang mag es hingehen, sich, wie Sie getan haben, in den Naturzustand zurückzuversetzen, aber schließlich besinnt sich ein tüchtiger Mann doch auf sich selbst. Es war unrecht von Ihnen, daß Sie nicht damals schon, als Sie mir versprochen hatten, nach Apia zu kommen, Ihr Versprechen hielten. Nun aber müssen Sie der Sache ein Ende machen."

"Aber ich mag nicht," sagte Martini. "Ich bin hier ganz zufrieden." Der Konsul schüttelte den Kopf. "Ich will das nicht hören," sagte er. "Schämen Sie sich. Das unnütze Leben, der Umgang mit den Eingeborenen hat Sie geistig heruntergebracht. Sie werden völlig verkommen, wenn Sie das noch länger fortsetzen."

"Ja, ja". antwortete Martini, halb zustimmend. "Was will denn mein Vater mit mir machen?"

"Das weiß ich nicht. Aber seien Sie überzeugt, daß er die besten, wohlwollendsten Absichten mit Ihnen hat. Und — um zum Schluß zu kommen — Sie werden nicht nur gebeten, zurückzukehren, sondern ich erteile Ihnen hiermit den Befehl. Sie sind deutscher Untertan, Sie sind im militärpflichtigen Alter, Sie dürfen sich nicht Ihren Pflichten entziehen. Wenn Sie nicht freiwillig kommen, so werde ich Maßregeln ergreifen müssen, die ich gern vermeiden möchte. Ich zähle also auf Ihre vernünftige Einsicht und rechne darauf, daß Sie innerhalb der nächsten drei Tage bei mir in Apia auf dem Bureau des Konsulats erscheinen werden."

Damit wandte sich der Konsul ab, stieg wieder auf und ritt davon Martini blieb mit dem Briefe und der Börse zurück. "Liebe Malivuka", sagte er traurig zu den braunen Weibe, das schüchtern von weitem gestanden hatte und nun zu ihm eilte, "ich muß weg. Aber sei ruhig, ich komme bald wieder." Malivuka stieß einen gellen Schrei aus und sah ihn mit so entsetzten Augen an, daß es ihm in s Herz schnitt.

"Sei still und gräme dich nicht", sagte er tröstend. "Es hilft nichts, ich muß weg. Die vornehmen Leute wollen es, und ich muß gehorchen. Aber ich bleibe nicht für immer weg, ich komme wieder."

"O, wohin willst du gehen?" fragte sie voll Verzweiflung. "Ist es hier nicht schön? Sieh deinen Sohn an, das prächtige Haus und die reichen Bäume und Felder! Wird es anderswo schöner sein? Ich sterbe, wenn du mich verläßt."

"Sei nicht so töricht," sagte er. "Ich komme wieder. Sieh, dies viele Gold schicken sie mir. Ich werde noch viel mehr mitbringen, wenn ich wiederkomme. In meiner Heimat ist alles noch viel prächtiger als hier. Mein Vater will, daß ich zurückkehre, und er ist ein großer Häuptling. Aber ich komme wieder, Malivuka, und dann wollen wir fröhlich sein."

"Du wirst niemals wiederkommen, wir werden niemals wieder fröhlich sein," sagte sie, und die Tränen strömten aus ihren Augen. "Du wirst in deiner Heimat ein weißes Mädchen nehmen und mich vergessen."

Sie warf sich zu Boden, rang die Hände, schluchzte, zog das Kind an sich, küßte es und drückte es, und schrie dann wieder jammervoll. Martini konnte das Bild nicht länger mit ansehen. Er ging zur Seite, irrte durch die Plantage, setzte sich dann in die Hütte, las den Brief wieder und wieder, zählte das Geld und starrte aus dem Fenster nach dem Meere, das als heller Streif dort unten am Horizonte glänzte. Endlich raffte er sich auf. Es war ihm der Gedanke gekommen, er könnte Malivuka und das Kind mitnehmen. Er machte sich sogleich auf die Füße, er wollte nach Apia gehen und den Konsul fragen. Von diesem Vorsatze sagte er Malivuka nichts. Sie würde doch keinen Verstand annehmen, sagte er sich. Aber wenn er zurückkehrte und sie hole, um mit ihm übers Meer zu fahren, dann werden sie getröstet sein.

Mit mächtigen Schritten wandelte er dahin, überstieg das Gebirge und erreichte in wenigen Stunden Apia. Leicht fand er das Konsulat, trat ein, obwohl schon die Nacht hereinbrach, und fand den Konsul beim Lampenschein auf der Veranda sitzend. Eine Gesellschaft von Herren und Damen umgab ihn, und verwundert sahen sie alle auf den wunderhübschen Mann in der sonderbaren halbwilden Tracht, den der Diener hereinführte.

"Wahrhaftig, da ist er!" rief der Konsul, der seiner Gesellschaft gerade von dem verwilderten Landsmann erzählt hatte. Er ging den jungen Mann entgegen, führte ihn in sein Arbeitszimmer und hörte sein Begehren an.

"Geben Sie mir die Hand, mein lieber Martini," sagte er dann. "Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie sich losgemacht haben. Der erste Schritt ist der schwerste. Was Sie da sagen von Mitnehmen Ihrer braunen Gefährtin, macht Ihrem Herzen alle Ehre, ist aber der bare Unsinn. Das arme Geschöpf wäre, von hier weggeführt, verraten und verkauft. Sie können auch keine Banane, keine Baumwollstaude von hier mitnehmen und in Deutschland anpflanzen. Jedes Geschöpf gedeiht nur auf dem Boden, der ihm von der Natur angewiesen worden ist. Das gilt für Malivuka, wie für Sie selbst. Machen Sie keine Dummheiten! Ziehen Sie sich bei mir um, ich werde Ihnen einen Anzug geben. Kommen Sie herüber und erzählen Sie von Ihren Erlebnissen, es wird uns höchlich interessieren.

Er rief einen Diener, ließ Martini in ein Nebenzimmer führen, ließ ihm andere Kleidung bringen, und der junge Mann, wie betäubt, halb in Scham, als ein Wilder dazustehen, ließ alles mit sich geschehen. Bald trat er in der Tracht eines Pflanzers zu der Gesellschaft und erzählte, von neugierigen Fragen bestürmt und vom Wein, den man ihm bot, belebt, seinen Schiffbruch und seine Abenteuer unter den Samoanern. —

Er kehrte nicht zur Hütte zurück. Von den Händen geleitet, die ihn nun ergriffen hatten, bestieg er schon am folgenden Tage ein Schiff, das nach England ging, und suchte zu vergessen. — Als Malivuka entdeckte, daß sie allein war, da stürzte sie nieder und verlor die Besinnung. Erst das Weinen des Kindes, das sich an sie schmiegte, erweckte sie, und sie blickte in der nachdunkeln Wohnung voll Verzweiflung um sich. Dann sprang sie auf, nahm das Söhnchen auf den Arm und fing an, suchend umherzueilen. Beim schwachen Licht des Sternenhimmels strich sie mit weitgeöffneten tränenlosen Augen umher, suchte die Felder ab, die Baumwollplantagen, die geraden Alleen von Brotfruchtbäumen, die der Stolz ihrer Besitzung waren, und dann die weitere Umgebung, das ganze Dorf. Rastlos, vom Fieber getrieben, das schlafende Kind im Arme, irrte sie umher, bis die Sonne aufging und die Dorfbewohner erwachten.

Da ergriff sie die Angst, von den Landsleuten gesehen zu werden, sie kehrte in ihre Hütte zurück und sank ermüdet auf ihr Lager. Aber nur wenig Stunden schlief sie, bald ward sie von Gram erweckt, erhob sich und eilte auf den Gipfel des Berges, von wo sie das Meer überblicken konnte. Dort spähte sie nach den Schiffen aus, die etwa mit weißen Segeln oder mit schwärzlicher Rauchfahne dahin zögen. Sie wußte wohl, wo er, den sie suchte, war, aber sie getraute sich nicht nach der Stadt zu gehen; nur das Schiff, auf dem er floh, wollte sie sehen. Schiffe kamen herein in den Hafen von Apia, Schiffe zogen hinaus; bis die Nacht hereinbrach, kauerte sie auf dem Berge, den Knaben im Arme.

Ein Dampfer hatte gegen Mittag die Insel verlassen, und sie blickte ihm stundenlang nach, bis ihre scharfen Augen der kleine schwarze Punkt des enteilenden Fahrzeugs entschwunden war. Noch lange blickte sie auf den Fleck, wo sie es zuletzt gesehen hatte — war er mit diesem Schiffe davongefahren? Sie war nicht zornig. Wie der treue Hund, der seinen Herrn verloren hat, suchte sie. Sie fühlte, daß sie des weißen Mannes unwürdig sei. In der Dunkelheit kehrte sie zurück und schlich ängstlich in die Hütte, gramvoll durchweinte sie die Nacht. Und am folgenden Tage begann das Suchen von neuem, sorgsam entwich sie den Blicken und Fragen ihrer braunen Landsleute, so lange sie konnte.

Tag reihte sich an Tag, Nacht an Nacht. Er hatte gesagt, er werde wiederkommen, dies Wort allein hielt sie aufrecht. Aber ein Monat schloß sich an den andern, und er kam nicht zurück. Die besten Männer ihres Stammes besuchten sie, redeten ihr zu, wollten sie trösten, wollten die Hütte in Besitz nehmen, ihre Plantage bebauen. Aber sie wies alle zurück, sie blieb allein. Er hatte gesagt, er werde wiederkommen, und Malivuka blieb dem weißen Herrn treu. So schloß sich ein Jahr an das andere, dreimal vollendet sich der Kreislauf der Jahreszeiten, und noch immer war Malivuka allein mit dem heranwachsenden Kinde, dessen große blauschwarze Augen sie oft wundersam ansahen.

Arbeiter
Pflanzen
Arbeiter

 

Sie hatte die Flaggen der Fahrzeuge kennen gelernt. Was sie in glücklichen Zeiten unbeachtet hatte vorübergehen lassen, war von großer Bedeutung für sie geworden. Sie wußte, daß er ein Deutscher war, und bald lernte sie aus ihrem spähenden Ausblick nach dem Hafen und Sternenbanner und dem Union Jack unterscheiden, indem kundige Männer aus dem Dorfe, die mit Apia Handel trieben, ihr die Zeichen der fremden Nationen erklärten. Kein deutsches Schiff entging ihrem Blicke, hatte er doch gesagt, er werde wiederkehren. —

Und eines Abends zeigte sich ein großes Schiff am Horizont, das die Aufmerksamkeit des Dorfes auf sich zog, nachdem Leliokama, der Häuptling, vom Gebirge niedersteigend, erzählt hatte, es sei größer und schöner als irgend ein Schiff, das bis jetzt die Insel besucht habe. Beim Untergange der Sonne sah Malivuka es jenseits der Korallenriffe mit seinen schlanken Masten und den feinen Linien des Takelwerks, und sie glaubte die schwarz-weiß-roten Streifen zu erkennen. Aber am folgenden Morgen, als sie auf den Berg zurückkehrte, da war es verschwunden, und sie ging gesenkten Hauptes in die Plantage an die Arbeit. Sie pflückte die schimmernden Flocken der Baumwolle, um sie in Apia zu verkaufen, denn sie wollte ihren Knaben kleiden, wie es dem Sohne des weißen Herrn zukam.

Die Sonne senkte sich dem Meere zu, und ihr glühendes Licht übergoß die Insel mit rotem Glanz, da schritt weit ausgreifend ein Mann über das Gebirge hin und kam auf die Hütten zu. Er war von hohem Wuchse und von breitem Schultern, unter der seemännischen Kopfbedeckung blitzten blaue Augen und glänzte goldiges Haar. Hastigen Ganges kam er daher, seine braune Wangen glühten, und suchend durchspähte sein Blick die Umgebung der Hütte Malivukas. Er sah die Hütte in verfallenem Zustande, die Stürme und der Regen haben das Dach zerrissen, er sah die Plantagen verwildert, die üppig gewachsenen Sträucher in einander verflochten zu blühender Wildnis. Er drang weiter vor, und plötzlich hemmte er seine Schritte. Er sah ein Weib zusammengekauert in den Baumwollpflanzen, halb versteckt durch eine Ananasstaude, und vor ihr stand ein Sack, in den sie hellschimmernde Blüten häufte.

Jetzt hatte sie seine Schritte vernommen und sah empor, so daß sich unter ihrem Kinn eine glänzende Münze zeigte. Diese Münze hatte er einst Malivuka geschenkt, dies mußte Malivuka sein — sonst würde er sie kaum erkannt haben. Wie dies Antlitz gramdurchsucht, wie dieser Blick kummervoll war! — "Malivuka!" rief er.

Sie schrie laut auf. Ja, es war der weiße Herr! Wie furchtbar er aussah! Sein Anzug war glänzend und kriegerisch. Am blinkenden Ledergurt hingen Waffen, das kurze Schwert der Marinetruppen und der Matrosenrevolver.

Aber sein starker Arm umfaßte sie, und ihre Furcht verging. Er war es, der weiße Herr war wiedergekommen, er hatte sein Wort gehalten. Sie weinte und lachte vor Freude, sie führte ihn in die Hütte, wo sein Söhnchen schlief, und Tränen liefen ihm über das gebräunte Antlitz, als er das rosige Bildnis sah. — Wie seltsam erschien beiden die Welt!

Sie vermochten kaum zu glauben, daß sie wieder vereinigt waren. Hatten sie geträumt ? Lag die Wirklichkeit in dem alten Glück oder in der grausamen Trennung? Er stand in der Morgenfrühe wieder mit der Axt in der Hand vor der Hütte und sah in die Wildnis hinein. Hier wollte er von neuem Bahn brechen und die schnurgeraden Linien der Brotbäume befreien.—

Da kam sein Söhnchen gelaufen und rief der Mutter zu. Fremde schöne Männer kämen den Weg entlang, meldete er. Malivuka zuckte zusammen, sie kannte die Bedeutung vornehmen Besuches. Er aber reckte verdrossen die starken Glieder und erhob sich, um auszuschauen. Er trat vor die Hütte, und als er Uniformen erblickte, die ihm wohlbekannt waren, da biß er die Zähne zusammen und runzelte die Stirn. Währenddessen kam Leliokama herbeigelaufen, und andere braune Männer folgten ihm. Sie hatten von der Rückkehr des weißen Mannes gehört und sahen nun mit Staunen einen Trupp bewaffneter Matrosen dahermarschieren.

"Was bedeutet dies, o Herr?" fragten sie den weißen Freund, der finsteren Blickes den Gurt mit den Waffen umschnallte und sich dann trotzig an den Pfosten der Tür lehnte.

Da kamen die Matrosen schon heran, und ein Mann in goldverzierter Uniform ging vor ihnen her und rief: "Bootsmann Martini, Sie haben ohne Urlaub das Schiff verlassen. Ich fordere Sie auf, mit mir zurückzukehren."

Martini rührte sich nicht, er blickte mürrisch den Offizier an und ließ dann seinen Blick über die Insulaner hinschweifen, die sich in seiner Nähe zusammengeschart hatten und in neugieriger Spannung zusahen.

Noch einmal wiederholte der Offizier die Aufforderung, und wiederum verweigerte der trotzige Mann den Gehorsam, indem er unmutig die mächtigen Schultern reckte und halblaute Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelte.

"Sie werden als Deserteur behandelt werden! Hüten Sie sich!" rief der Offizier. Und dann, als Martinis Hand nach dem Revolver griff, befahl er den Matrosen, den Widerspenstigen zu ergreifen.

"Rührt mich nicht an!" rief dieser drohend, indem er den Revolver zog. "Ich werde schon wieder zum Schiffe kommen, aber faßt mich nicht an, oder ihr seid des Todes."

Einen Augenblick stutzten die Matrosen, dann aber gehorchten sie dem erneuten Zuruf des Offiziers und setzten sich wieder in Bewegung. Aber ein Schuß krachte, einer der Leute stürzte nieder, und als die Insulaner sahen, daß der weiße Gastfreund den Kampf aufnahm, da entsannen sie sich des Sieges über die Malaisen, und Leliokama schwang seine schön verzierte Keule. Ein allgemeiner Kampf drohte auszubrechen. Noch einmal krachte der Revolver in Martinis Hand, und dem Offizier ward von der streifenden Kugel ein Achselstück abgerissen.

Da ertönte das Kommando zum Feuern, die Matrosen, in zwei Glieder geordnet, neun Mann an Zahl, legten die Gewehre an, und während die braunen Männer voll Schrecken zurückwichen, stand in seiner übermütigen Kraft der weiße Flüchtling allein den Mündungen seiner Landsleute unerschüttert gegenüber. Aber ein wilder Schrei ertönte hinter ihm, gelenkig mit geschmeidigem Sprunge, eilte ein braunes Weib herbei und deckte mit seinem Leibe den Geliebten.

"Haltet ein!" wollte der Offizier rufen, aber schon war es zu spät. Sein Säbel schlug zwei der angelegten Gewehre in die Höhe, aber als jetzt die Schüsse ertönten, als der blaue Rauch unter den Palmen dahinwallte, da sah er zwei Gestalten tödlich getroffen sich am Boden winden.

Malivuka schied zugleich mit dem weißen Mann, mitten durch das treue Herz getroffen, aus dem Leben. Blut benetzte den Boden, der das Glück des ungleichen Paares getragen hatte, und ein gemeinsamer Hügel wölbt sich jetzt über den Armen an der Stelle, wo sie gemeinsam den Tod fanden. Ihres Sohnes hat sich Leliokama, der Häuptling, angenommen.

Quelle: Daheim 1886, von rado jadu 2001

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