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Samoa

Durch Abkommen des Deutschen Reiches mit England vom 14. November 1899 und mit Amerika vom 2. Dezember 1899 sind die westlich des 171.° west. Länge v. Greenwich gelegenen Inseln der Samoagruppe in den Besitz des Deutschen Reiches übergegangen. Die Samoagruppe besteht aus einer Reihe von Inseln, deren größte Upolu, Sawai, Tutuila und Manua heißen. Upolu und Sawai sind deutsch, Tutuila und Manua amerikanisch. Die Inseln erstrecken sich vom 13-15.° südl. Breite und 169. bis 173.° west. Länge und haben eine Größe von 2787 qkm mit rund 35 000 Einwohnern deutsch. Auf Samoa leben etwa 400 Europäer, darunter 250 Deutsche.

Die Inseln sind Vulkanischen Ursprungs, wie die zahlreichen Krater, wie die zahlreichen Krater, die Basalt-, Lawa-, und Schlackenreste beweisen; ihr großer Reichtum an Flüssen und Bächen und das denkbar beste Klima haben ihnen eine überaus große Fruchtbarkeit verliehen. Die Berge, die sich bis zu 1500 m erheben, sind bis zum Gipfel bewachsen und geben der Szenerie ein wunderbar üppiges Aussehen. Alle arten von Früchten gedeihen in seltener Fülle und die verschiedensten Pflanzen sind auf Samoa in überreicher Zahl vertreten. Ein Naturforscher sammelte über Farnenarten mit leichter Mühe. Die Durchnittstemperatur beträgt 27. C. Der Name Samoa wird von sa (heilig) und moa (Land) abgeleitet, doch gibt es noch verschiedene Erklärungen für das Wort Samoa. Die Einwohner sind Polynesier, eine Mischung aus Malayen und Javanern; sie selbst halten sich jedoch für das Urvolk, von dem die andern Stämme, wie z.B. die Maoris auf Neuseeland, abstammen.

Sie sind braun, von kräftigem Wuchs und schön gebaut, die Gesichter sind trotz der etwas platten Nase sehr sympathisch und viele der Mädchen können mit recht hübsch genannt werden. Die Eingeborenen sind durchweg von freundlichem Charakter, sie sind fröhlich , zutraulich und haben so gut wie keine Sorgen, da sie für ihren Lebensunterhalt kaum zu arbeiten brauchen. Die Männer sind die Herren im Hause und überlassen die meisten arbeiten den Frauen, die sie aber gut behandeln. Ein großer Teil der vielen freien Zeit wird mit Versammlungen hingebracht. In jedem Dorf ist ein Versammlungshaus fale-tele "Haus Großes". Hier werden endlose Reden gehalten und zum Beginn und Schluß jeder Versammlung wird "Kawa" getrunken. Kawa ist das Nationalgetränk der Samoaner. Die Bereitung der Kawa ist eine sehr einfache. Kleine Stückchen der Kawa- oder eigentlich Awawurzel werden gekaut und auf den kürzesten Wege in eine flache Schüssel aus dem Holz der Kokospalme befördert. Hierauf wird Wasser zugetan und mittels seiner Bastbündel werden die Fasern der Kawawurzeln herausgefischt. Durch das Kauen — neuerdings Zerstampfen der Wurzel — wird eine Art Gärung hervorgerufen. Der Geschmack des in der Farbe etwas an Seifenwasser erinnernden Getränkes ist für Europäer anfangs durchaus nicht angenehm, auch der Geschmack hat etwas Seifiges. Bei längerem Aufenthalt auf Samoa gewöhnt man sich aber an den Geschmack und es gibt viele Europäer, die schließlich die Kawa gern trinken und ihre erfrischenden und kühlenden Eigenschaften loben.

Ein jedes Fest wird durch Kawabereitung eingeleitet und angeschlossen und jede denkbare Gelegenheit wird von den Samoanern wahrgenommen, um ein Fest zu feiern. Die Samoaner lieben den Gesang und Tanz, beide werden von einer größeren Anzahl von Teilnehmern ausgeführt, meist singt einer vor und die anderen singen den Refrain, oder sie singen alle zugleich; ähnlich verlaufen die Tänze, die zum größten Teil in rhythmischen Bewegungen der Hände und Arme und in Drehung und Wendungen des Oberkörpers bestehen*
( Eine Eigentümlichkeit des Elbogengelenkes der Samoanerinnen besteht darin, das sich der Unterarm nach hinten gegen den Oberarm beugen läßt, weil der zapfenartige Fortsatz des Unterarmknochens fehlt, so daß z. B. der Arm einer sich auf die Hand Stützenden eine stumpfen Winkel bildet; die Finger scheinen ein Glied mehr wie unsere zu haben und können beinahe ebensoweit nach oben wie nach unten gebogen werden.)

Die Tänze, die zum Teil im Sitzen ausgeführt werden, sind immer von einem etwas eintönigen Gesang und Klatschen der Hände begleitet. Da die Samoaner und besonders die Samoanerinnen sehr viel natürliche Grazie haben, geben die Tänze ein hübsches Bild, zumal sich alle Teilnehmer dazu vorher mit Blumen, Muscheln und Perlen schmücken. Die Mädchen schmücken sich auch an Wochentagen oder zu nicht besonders festlichen Gelegenheiten gern mit Blumenketten, den Ola-Ola's, die aus sehr gut riechenden Blumen bestehen. Beim Tanz, dem Siwa-Siwa, oder zum Fest sind sie aber nicht nur ganz besonders reich mit Blumen, langen Gräsern und buntem Schilf geschmückt, sondern haben auch ihren Körper mit nicht immer wohlriechenden Öl gesalbt.

Die Samoaner sind jetzt sämtlich Christen und haben nur noch wenige Gebräuche von früher her bewahrt. Die Kleidung bestand früher nur aus dem selbstverfestigten Lawa-Lawa, einem Gewebe aus Baumrinde und aus Blumen. Jetzt haben die Frauen und Mädchen eine Art Bluse und Rock aus europäischen Baumwollstoffen, die Männer haben allerdings außer ihrer ganz eigenartigen Tätowierung nur selten etwas an. Die Tätowierung besteht in einer sehr sorgfältigen Verzierung der Oberschenkel und macht in einiger Entfernung den Eindruck, als habe der Samoaner dunkelblaue Kniehosen an. Wenn der Samoanische Knabe in das entsprechende Alter gekommen ist, muß er sich der sehr schmerzhaften, oft mehrere Wochen dauernden Operation unterziehen und wird dadurch in die Reihe der Krieger aufgenommen. Obgleich die Samoaner einen friedlichen Charakter haben, sind doch in früheren Jahren Kriege nichts Seltenes auf den glücklichen Inseln gewesen. Teils waren es Streitigkeiten der Könige und ihrer Anhänger, teils führten Streitigkeiten einzelner Stämme zu Feindseligkeiten. Der Verlauf solcher Kriege erinnert vielfach an die Turniere des Mittelalters, im allgemeinen ging es in Samoa nur weniger blutig zu. Schreiber dieses hatten vor einigen 20 Jahren Gelegenheit, einen solchen "Krieg" mitzuerleben. Zunächst kam mein Wäscher und "Freund" mit der nichtgewaschenen Wäsche zu mir und packte den ganzen Haufen wieder in den Kasten, aus dem ich ihn vor wenigen Tagen geholt hatte. Als ich ihm höchst verwundert fragte, was das zu bedeuten habe, sagte er mit edlem Stolz, er habe jetzt keine Zeit, zu waschen, er zöge in den Krieg, um Menschen zu töten. Ich erfuhr dann auf Befragen, daß der Kampf in einigen Tagen mit einem benachbarten Stamm beginnen werde und wurde feierlich eingeladen, mir die Sache mitanzusehen.

Eine solche Gelegenheit, die Sitten eines Volkes zu studieren, ließ ich mir natürlich nicht entgehen und erwartete mit Ungeduld meinen "Freund", der mich auch an dem festgesetzten Tage abholte. Dann ging es zu dem Lagerplatz der befreundeten Krieger. Es war ein befestigtes Lager, das von alters her bei Kriegsfällen bezogen wurde; in einer Entfernung, die wohlweislich größer als Pfeilschußweite war, befand sich das feindliche Lager. Die Zeit wurde dann durch Reden ausgefüllt, abwechselnd trat in dem einen oder andern Lager ein Wortführer auf die Verschanzung und hielt eine lange Rede, die mit Hohn und Spott für die Gegner gewürzt war. War die mit großer Geduld angehörte Rede beendet, so antwortete einer der Gegner. Ab und zu entflammten die Redner ihre Leute zu Taten, die im Abschießen zahlreicher Pfeile und im Werfen einiger Spieße bestanden. Es fing schon an, für Nichtsamoaner ziemlich langweilig zu werden, da stürmten plötzlich die Gegner unser Lager und wir verließen das unsrige an der anderen Seite so rechtzeitig, daß kein Blut floß. Im Dorf angekommen, sammelten sich meine Freunde, machten kehrt und besetzen ihr Lager wieder. So ging es einigemale mit wechselndem Kriegsglück hin und her, bis schließlich doch einige Verwundungen vorkamen und die eine Partei für besiegt erklärt wurde. Die Besiegten müssen dann feierlich "Ifo-Ifo" machen, d.h. Abbitte leisten. Die Häuptlinge kommen dazu auf den Versammlungsplatz und setzen sich mitten in der Sonne hin; haben sie dort lange genug gegessen, so werden die Bußen bestimmt, die in Schweinen, Hühnern, Früchten bestehen, und der Friede ist wieder hergestellt. — Einige Tage darauf holte mein "Freund" die Wäsche zur Reinigung ab und der Vorfall war erledigt.

Wie oben erwähnt, gab es in Samoa früher Könige, die von den Amerikanern, Engländern und von uns unterstützt oder auch, wenn sie anders wollten wie die Europäer, abgesetzt und zeitweise verbannt wurden. Der erste von Deutschland anerkannte König war Malietoa Laupepa — wörtlich übersetzt: Großer = Malie, Krieger = toa, Blatt = lau, Papier = pepa. Er war kein großer Krieger; wie er zu dem Beinamen Laupepa kam, weiß ich nicht. Ihm folgten Tamasese und Mataafa.

Die Kämpfe, die wir auf Samoa zu bestehen hatten im Jahre 1889, verliefen leider nicht so harmlos, wie der oben geschilderte. Die Samoaner hatten Gewehre erhalten und sollen von Europäern geführt worden sein. In den Gefechten, die die Landungskorps der "Olga" , des "Adler" und des "Eber" zu bestehen hatten, fielen 2 Offiziere und 15 Mann; 1 Offizier und 38 Mann wurden verwundet. Das Jahr 1889 wurde dann durch einen der schwersten Stürme, die Samoa jemals heimgesucht, für unsere und die amerikanische Marine verhängnisvoll. Wie erinnerlich, strandete im März des Jahres 1889 das Kanonenboot "Eber" an einem Korallenriff und ging mit der gesamten Besatzung unter, nur ein Offizier rettete sich durch schwimmen und wurde halb bewußtlos von Samoanern aufgefischt. Die Besatzung eines Bootes war an Land, als den "Eber" die Katastrophe ereilte.

"Adler" wurde durch eine gewaltige See auf das Riff geworfen und blieb als Wrack dort liegen; von der Besatzung ertranken 20 Mann. Die "Olga" konnte nach mehrfachen Kollisionen mit den amerikanischen Schiffen auf den Strand gesetzt werden, von wo sie später wieder abgebracht wurde. Die Amerikaner verloren 2 Schiffe und 117 Mann. Die sämtliche Kauffahrteischiffe, die im Hafen von Apia lagen, strandeten, hierbei kamen 6 Mann ums Leben. Einem englischen Kanonenboot, das am weitesten nach See zu lag und das Dampf auf hatte, gelang es, die offene See zu erreichen.

Von den Orkanen, die in früheren Jahren in mehr oder weniger langen Pausen die Inseln heimgesucht haben, war der von 1856 der heftigste; seit 1889 ist Samoa von schweren Katastrophen verschont geblieben. Die Bevölkerung hat sich der deutschen Regierung vollkommen untergeordnet und wird langsam auch zu allerhand Arbeiten herangezogen. Wie anfangs erwähnt, sind die Samoaner Christen; sie sind gutherzig und willig, nur darf man von ihnen nicht zu Arbeit verlangen, da sie früher ohne jede Arbeit ganz gut auskamen, sehen sie den Segen der Arbeit nicht so leicht ein. In der Hauptstadt von Samoa, in Apia auf den Insel Upolu, herrscht reges Leben und die Europäer, die dort in hübschen Häusern wohnen, fühlen sich in dem herrlicher Klima ungemein wohl. Die Stadt liegt langgestreckt an der Bucht mitten im Grünen, im Hintergrund rage hohe Berge, über denen sich fast immer ein tiefblauer Himmel spannt. Von Apia nach den anderen Hauptorten führen breite, gut gehaltene Wege oder Straßen durch riesige Kokosplantagen hindurch.

In nächster Nähe der Stadt bildet der Baisinganofluß einen hübschen Wasserfall, unter dem ein tiefes Becken mit kristallklarem, kühlem Wasser als Badeplatz sehr beliebt ist. Die Samoaner sind vorzügliche Schwimmer und lieben es, stundenlang sich in den Flüssen oder in der See zu tummeln. Das Meer liefert ihnen unbegrenzte Nahrung an allerhand Seetieren, Fischen, Muscheln und Würmern. Unter letzteren ist der Palowurm zu erwähnen. Zweimal im Jahre kommt in der Nähe der Küste der Palowurm an die Meeresoberfläche; es sind etwa 10 cm lange, sehr dünne fadenartige Würmer, die in ungeheuren Mengen einige Stunden das Meer bedecken und hier von den Eingeborenen in allen erdenklichen Gefäßen gesammelt und dann in rohem, gekochtem und gebackenen Zustande mit Leidenschaft verzehrt werden.

Der Fischfang wird von den Samoanern vielfach als Sport betrieben, einzelne Dörfer haben ihre besondere Fangart von alters her überkommen und fordern andere Gemeinden zu Wettkämpfen heraus. Fast jede Herausforderung wird angenommen, große Schmausereien und Kawagelage finden während der Zeit des Wettkampfes und dann noch tagelang nachher statt. Es ist nichts Seltenes, daß die unterliegende Partei, die natürlich das Gelage bezahlen muß, durch einen solchen Kampf fast ganz verarmt.

Die Sprache der Samoaner ist, wie die Leser aus den wenigen Worten schon ersehen haben wird, eine sehr vokalreiche; sie klingt weich und angenehm und ist, wie die meisten Sprachen der Polynesier leicht zu erlernen. Der Accent liegt bei fast allen Worten auf der vorletzten Silbe bzw. auf dem vorletzten Vokal, z. B. Samóa, Apía, Tamasése. Die Begrüßung erfolgt durch Handschlag — ob die Samoaner oder Samoanerinnen das Küssen kennen, weiß ich nicht! — Der Buchstabe t und k wird abwechselnd gebraucht, z.B. kalôfa oder talôfa "guten Tag", kofá oder tofá "leb wohl" (deutsch: adieu!) — Die Samoanische Sprache hat für einen Begriff oft mehrere Worte, so heißt das Mädchen fúnga (d.i. "Blume"), ist das Mädchen ist das Mädchen eine Häuptlingstochter, so heißt das Wort sína (die "Helle" oder "Lichte"). Essen heißt für gewöhnlich ai, wenn aber ein Häuptling Nahrung zu sich nimmt, so heißt das kaumafá — ähnlich wie wir essen (seemännisch "stauen"), speisen oder dinieren.

Zum Schluß soll noch einer Einrichtung Erwähnung getan werden, die wohl kaum noch in einem anderen Lande zu finden ist, es ist die der Dorfjungfrauen. Jedes Dorf hat als Repräsentantin bei feierlichen Gelegenheiten eine "taupoú", eine Dorfjungfrau. Sie wird aus den Töchtern der Häuptlinge erwählt und und genießt große Ehren; sie darf nicht nur als einziges weibliches Wesen den Versammlungen der Männer beiwohnen, sondern sie führt auch oft bei diesen Beratungen den Vorsitz.

Wenn Fremde in das Dorf kommen so werden sie von der taupoú begrüßt und bewirtet. Eine Art Ehrenwache, aus drei bis vier Männern und ebensoviel Frauen bestehend, bilden ihr Gefolge und stete Begleitung.

Über Samoa sind schon eine Reihe von Büchern geschrieben worden, die das Land, die Einwohner, ihre Sitten und Gebräuche mehr oder weniger ausführlich beschreiben und die meist sehr interessant zu lesen sind. Der Zweck dieser Zeilen war nur, den geneigten Leser für einige Minuten in eine unserer Kolonien zu versetzen, die vielleicht nie die Bedeutung anderer erreichen wird, aber die sicher zu den schönsten und eigenartigsten zu rechnen ist.

Quelle: B.M., Die Flotte März 1906, von rado jadu 2000

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