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Satuila und Ich

Erinnerungen an Samoa

Ich habe ein Jahr in Polynesien verbracht, in Falilati, einem Dorf auf der Insel Upolu, die den Samoainseln zugehört. Ich lebte in einem kleinen Hause aus Palmenblättern, das ich mit Hilfe der Eingeborenen nicht weit vom Meere aufgeführt hatte. Während des Baues half emsig ein schönes Mädchen mit großen Augen und kleinen, schmalen Händen. Satuila wurde es genannt. Wenn ich des Nachts in meiner halbfertigen Hütte lag, dachte ich nur an sie. Bei Tage sah ich sie dann wieder sich mühen, und ich durfte ihren feinen Nacken bewundern, der mich ganz bestrickte. Ihr Gang war traumhaft, ihre Stimme dunkel und weich. Wenn sie auf ein paar Stunden fort war, fehlte mir etwas, und ich war unzufrieden. Ich liebte Satuila und beschloß, bei ihren Eltern um sie zu werben, sobald meine Hütte fertig wäre.

Als meine Hütte fertig war, warb ich um sie und erhielt sie zur Frau. Satuila war sechzehn Jahre alt, als ich sie zur Frau erhielt. Am Tage der Hochzeit wurde ein kleines Fest in dem bekränzten Hause ihrer Eltern gefeiert, mit Schweinebraten und vielen Früchten, besonders Bananen und Ananas. Dann, als der Mond über dem Meere stand, gab man uns das Geleit in unsere Hütte. Satuila trug große blaue Blüten im Haar und eine Kette aus roten Bohnen (Polo) über der Brust. Von den schönen Hüften abwärts war sie in ein dünnes Tuch aus grüner Seide gekleidet, das ich ihr für diesen Tag geschenkt hatte. Ihr Oberkörper war unbedeckt. Ich nahm sie auf den Arm und trug die Lachende über die Schwelle meiner Hütte auf das Lager, über das eine feingeflochtene Matte gebreitet war.

Ich lebte ein Jahr mit Satuila zusammen, ein glückliches Jahr. Oft denke ich an sie zurück, an die schönen Abende am Meere, wo die Farnbäume standen und die goldenen Regenpfeifer (tuli) schreiend über die Kiesel flogen; an unsere kleine Hütte, an Satuilas Nacken, an den Klang ihrer Stimme.
Es war ein glückliches Jahr für uns beide, nicht wahr, kleine Satuila?

*

Sie liebte die Blumen und schmückte sich mit ihnen. Sie wand sich Kränze und Girlanden, und in unserer Hütte standen immer frische Blumen in einem Krug. Auch mir steckte sie Blüten an die weiße Jacke oder das bunte Hemd, Blüten des Mangobaumes oder die großen roten Blüten einer Kaktusart. Satuila ging barfuß; das wellige Haar trug sie frei den Rücken hinab; sie hatte eine Kette bunter Glasperlen, die ich ihr geschenkt hatte, hineingeflochten. Sie trug weder Ringe noch Armspangen, auch zeigte sie keine Tätowierung an den Schenkeln, wie manches Mädchen und so gut wie alle Männer auf den Inseln Polynesiens. Sie war nicht eitel und nicht besessen auf Schmuck, nur die Blumen konnte sie nicht entbehren.

Sie zeigte mir, wie man Kawa bereitet, das nationale Getränk der Samoaner, das aus einer Pflanzenwurzel gewonnen wird. Junge Mädchen mit guten Zähnen kauen die Kawawurzel, und der so gewonnene Brei wird in einer hölzernen Schüssel mit Wasser angemacht. Der Genuß der Kawa erzeugt ein süßes Gefühl der Ermattung in den Beinen. Ich habe niemals Kawa trinken können, sie hat einen seifigen, unausstehlichen Geschmack. Satuila war erst sehr betrübt darüber, daß ich die Kawa zurückwies. Sie selbst konnte natürlich ohne das Getränk, das man vor dem Essen zu genießen pflegt, nicht sein. Wenn wir die Mahlzeiten einnahmen, stellte sie einen aus dem Kern der Kokosnuß geschnittenen Becher reinen Wassers vor mich hin, während sie selbst aus dem kühl gehaltenen Krug der Kawa schöpfte. Einmal verwechselte ich die Becher und trank in Gedanken einen Schluck von Satuilas Kawa. Sie wollte sich totlachen über die Grimasse, die ich schnitt. Dann griff sie nach dem Wasserbecher, trank davon und schnitt nun gleichfalls Grimassen, als ob das Wasser etwas Ungenießbares sei. Schließlich lachten wir beide, griffen jeder nach seinem richtigen Becher, streichelten ihn und überboten uns in Ausdrücken des Entzückens, die von mir aus dem Wasser, von ihr aus der Kawa galten.

Abends saßen wir vor unserer Hütte und blickten aufs Meer. Wir sahen zu, wie die ziegelrote Sonne hinter den Bergen der Insel Savai unterging und wie der Mond aus den Palmen herauskam. Ich rauchte eine Pfeife, Satuila ordnete Blumen und plauderte oder sang ein Lied. Ich hörte sie gerne singen, mit ihrer dunklen, mädchenhaften Stimme. Nicht selten holte ich die Gitarre heraus und begleitete sie. Die Lieder der Samoaner sind kurz und monoton, sie haben etwas Schwebendes, Ungewisses. Sie handeln vom Fischfang, vom Vogelflug, von der Liebe, auch spotten sie über die Eigenheiten der Weißen. Satuila sang manches Spottlied und sah mich mit verschmitzten Augen dabei an.

Auch sang ich mitunter zur Gitarre, deutsche, französische und spanische Lieder, die Satuila nicht verstand und die ich ihr erklären mußte. Wenn die Leute des Ortes die Gitarre hörten, kamen viele von ihnen herbei und lagerten sich um uns her, Männer, Frauen und Mädchen. Die braunen, schweigenden Gestalten lauschten dankbar und mit kindlicher Andacht auf die fremden, rätselhaften Melodien. Mitunter sangen sie auch selbst im Chor, ohne die Begleitung eines Instrumentes. Auch Wechselgesänge stimmten sie an, die von kriegerischen Taten handelten.

Satuila und ich brauchten des Abends fast niemals Licht. Wir suchten früh das Lager auf, um uns früh zu erheben. Vormittags las ich ein wenig oder lehrte Satuila Buchstaben schreiben oder nahm Verbesserungen an unserer Hütte vor. Nachmittags nahm ich die Büchse und ging in den Wald, um einen Vogel zu schießen, oder ich nahm am Fischfang der Eingeborenen teil. So ging die Zeit hin, sorglos und still, mit kleinen Beschäftigungen und süßem Nichtstun, in einer paradiesischen Natur, die uns alles bot, was wir brauchten.

Nicht weit von unserer Hütte zog sich eine kleine, mit Kokospalmen und Banyanbäumen bestandene Landzunge ins Meer, auf deren Spitze Satuila und ich oftmals verweilten. Von hier hatte man einen wundervollen Blick auf die Küste mit den grauen Häusern von Falilati, auf den Urwald und die schön geschwungenen, bis auf ihre Gipfel mit Grün bedeckten Berge des Innern von Upolu. Drüben über dem Meer sah man die Berge von Savai ragen. Einer unter ihnen, ein Vulkan, zeigte immer eine Rauchwolke über seinem Haupt. Abends schwebte ein matter Feuerschein über ihm, wie eine purpurne Krone.

Ich hatte eine kleine Bank auf der Spitze der Landzunge gezimmert, die Satuilas Entzücken bildete. Auf dieser Bank stellte sie primitive Ornamente aus kleinen Muscheln zusammen, ordnete Blumen und übte mit der Bleifeder Buchstaben auf Papier. Wenn ich hier saß und schrieb oder in einem Buch las, hockte sie mir zu Füßen, legte ihren Kopf auf meine Knie und sah schweigend auf das Meer. Bis der Augenblick kam, wo sie mich ins Bein kniff, aufsprang und lachend fortlief. Sie erwartete dann, daß ich das Buch schloß und sie einfing. Ich tat ihr auch meistens den Gefallen, haschte sie um die Banyanbäume herum, und wenn ich sie hatte, schlenderten wir plaudernd Arm in Arm unserer Hütte zu.

*

Ich lag mit Satuila am Strande, nicht weit von uns fuhr ein Kanu mit Eingeborenen vorüber. „Talofa!" riefen uns die Leute zu, das ist der Gruß der Samoaner, er heißt zu Deutsch: „Ich liebe dich!" Es war sehr heiß, Satuila war nackt, sie trug nur einen Schurz aus Bast um die Lenden und hinter den Ohren Blumen. Sie spielte mit einer grauen Waldtaube, die ich geschossen hatte. Ich neigte mich, küßte ihren braunen Nacken, plötzlich sah sie mich ernsthaft an und fragte:
„Warum liebst du mich?"
„Weil du schön bist — und gut," entgegnete ich. „Liebst du mich auch?"
Sie nickte.
„Warum?"
„Weil du gut bist," entgegnete sie.
Ich erwiderte nichts.
Im stillen liebte ich Satuila noch mehr als sonst wegen ihrer Ehrlichkeit. Kann man es ihr verdenken, daß sie die Braunen schöner findet als die Weißen?

*

Als ich eines Abends nach Haus kam, saß Satuila in einem Winkel der Hütte und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Was ist los?" fragte ich.
Sie schluchzte, aber antwortete nicht.
„Was ist los?" fragte ich nochmals.
Sie stand auf, verließ das Haus und setzte sich vor die Tür, in der gleichen Weise, wie sie erst im Innern gesessen hatte. Ich folgte ihr und fragte nochmals:
„Was ist denn geschehen? Gib doch Antwort. Warum weinst du?"
Nun erzählte sie mit müder, ganz verdunkelter Stimme.

Ein Jüngling des Dorfes war während meiner Abwesenheit zu ihr gekommen und hatte ihr gesagt, daß er sie liebe. Sie hatte ihn fortgeschickt, aber er war geblieben und hatte nicht abgelassen, von seiner Leidenschaft zu sprechen. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie die Frau eines Weißen geworden sei, und hatte es gewagt, mich zu schmähen. Satuila hatte ihm den Mund verboten, er aber hatte weiter gesprochen und gesagt: „Denkst du etwa, daß er dir treu ist? Du irrst dich, wenn du das denkst. Du glaubst, daß er jetzt im Walde weilt, um ein Wildbret zu schießen, aber das ist nicht wahr. Er ist hinüber nach Satapuala, dem Dorf an der nördlichen Küste, dort liebt er ein Mädchen, mit dem er sich im Walde trifft. Ich habe ihn einmal belauscht auf seinen Wegen, ich schwöre dir, es ist so, wie ich sage."

Als Satuila ihre Erzählung beendet hatte, mußte ich lachen.
„Und du glaubst, daß er die Wahrheit gesprochen hat?" fragte ich.
Sie stand auf, sah mich mit ihren großen, verweinten Augen an, legte die Hände auf meine Schultern und fragte:
„Sage mir, ob es Wahrheit ist."
„Es ist eine elende Lüge", sagte ich.

Nun hellten sich ihre Züge auf, ich fühlte, daß sie mir mehr glaubte als dem anderen, sie legte ihren Kopf an meine Brust wie eine Ermüdete, die ruhen will.
„Dumme Satuila", sagte ich. „So leicht glaubst du Schlechtes von mir?" „Ich habe es nicht geglaubt", sagte sie, „aber ich war dennoch traurig."
Am nächsten Morgen suchte ich den Jüngling auf und tadelte ihn wegen seiner Lüge. Er bat um Verzeihung, ich merkte, daß er Satuila in der Tat heftig liebte. Er sagte, daß er Falilati verlassen wolle, um Satuila nicht mehr zu sehen. Er wolle zu Verwandten weiter ostwärts an der Küste. Ich billigte seinen Entschluß. Einige Tage später war er in der Tat verschwunden.

*

Tangaloa ist der Gott des Weltalls. Ihm zu Ehren wurden eines Abends Feuer am Meere angezündet. Die Samoaner sind heute dem Namen nach Christen, aber die Missionare können es nicht verhindern, daß sie zu Ehren der alten Götter die altgewöhnten Feste begehen. Einige junge Männer in reichem Schmuck führten einen Tanz auf. Dann tanzte die Taupou, d. i. die Vortänzerin des Dorfes, ein schönes Mädchen. Zuerst wiegte sie sich sitzend hin und her und schwenkte die Arme in einem welligen Rhythmus, dann sprang sie auf, im bunten Schmuck ihrer Blumen, und bezauberte uns durch den heiteren Tanzschritt einer liebenswürdigen Grazie, wobei sie in der Rechten ein Zepter schwang.

„Sie tanzt sehr schön", sagte ich zu Satuila.
Satuila sprach:
„Ich kann auch so tanzen."
„Bei uns tanzt man zu Paaren", sagte ich. „Immer Mann und Frau zusammen, indem sie sich bei den Armen halten."
„Das verstehe ich nicht", sagte Satuila. „Warum tanzt man so?"
„Weil es Sitte ist."
„Woher kommt die Sitte?"
Sie konnte einen durch Fragen in die Enge treiben wie ein Kind. Ich zuckte die Achseln.

„Ich finde eure Sitte nicht schön", sagte sie. „Wie kann man tanzen, wenn man einen anderen in den Armen hält? Man ist ja nicht Herr über die Bewegungen seines Körpers. Es muß häßlich sein zu tanzen, während man einen ändern festhält. Nicht wahr, unsere Tänze sind schöner? Ihr habt merkwürdige Sitten in deiner Heimat. Ich bin glücklich, daß ich auf Upolu geboren bin."

Ich legte den Arm auf ihre Schulter und sagte:
„Auch ich bin glücklich darüber."

*

Es kam die Zeit, wo ich die Südsee verlassen mußte. Mir graute vor dem Abschied von Satuila und von Falilati. Wie sollte ich das ertragen, fortzugehen, und wie sollte es Satuila ertragen?

Ich bereitete sie langsam vor, ich sprach davon, daß ich wichtige Dinge in Europa zu erledigen hätte, und daß ich gleich nach Regelung der Angelegenheiten zurückkehren würde. Aber sie schüttelte das Haupt bestimmt und müde und sagte:
„Du kehrst niemals wieder."

Sie saß oft starr, mit toten, in die Ferne gerichteten Augen da, und etwas merkwürdig Tatloses kam über sie. Sie jammerte mich. Ich sann nach, wie ich ihr den Abschied erleichtern könnte, aber ich verfiel auf nichts. Sie rührte mich, sie war jetzt doppelt liebevoll zu mir, sie sah mich mitunter mit Augen an, in denen so viel Trauer lag, daß ich gar nicht wußte, wie ich ihnen begegnen sollte, und daß ich mir wie ein Übeltäter vorkam. Einmal, in einer hellen Nacht, als ich wach lag, während sie glaubte, daß ich schlief, richtete sie sich neben mir auf, brachte ihr Gesicht dicht vor meines und sah mich lange an. Dann küßte sie mich auf die Stirn, streckte sich wieder hin, und ich hörte, wie sie leise weinte..
Ich dachte: es ist ein Unrecht, einen Menschen an sich zu ketten mit dem Vorsatz, ihn ein Jahr später wieder zu verlassen.

Ich wurde meiner Tage nicht mehr froh. Satuila aß wenig, sie sang niemals mehr, sie drückte sich in den Ecken herum. Ihre Leidenschaft war größer als sonst, aber es war etwas Schmerzliches, Schweres dabei. Ich versicherte sie immer wieder, daß ich bestimmt zurückkehren würde, doch sie schenkte mir keinen Glauben.

Ich ließ meine Sachen etwa eine Woche vor meiner Abreise nach Apia bringen,wo mich das Schiff aufnehmen sollte. Satuila stand tatlos dabei, als die Sachen aufgeladen wurden, und starrte dem Wagen fast verwundert nach. Dann ging sie langsam auf die Landzunge hinaus und setzte sich auf die Bank. Ihr folgend, setzte ich mich neben sie und sprach freundliche Worte zu ihr. Es war, als ob sie nichts davon hörte, ihre Augen waren glanzlos und die Züge ihres jungen Gesichts schlaff. Man sah es auch ihren Schultern an, daß sie ganz trostlos und innerlich schon so gut wie verlassen war.

Ich konnte es nicht über mich gewinnen, Abschied von ihr zu nehmen. Nein, das wollte ich nicht durchmachen. Ich verließ sie eines Nachts, ohne daß sie es ahnte. Sie schlief, sie atmete ruhig, mit einem holden Zug um den Mund, vielleicht sah sie mich im Traum. Ich erhob mich leise, küßte sie auf den Mund und auf die Brust und nahm meine Büchse. Es war die Zeit der schwülen Ostwinde, dunkle Wolken fegten über den Himmel. Mein Auge umfing noch einmal den kleinen Raum, in dem ich ein Jahr so froh mit Satuila gehaust hatte. Da lag sie auf der Matte hingestreckt und wußte nicht, daß ich nun fortging. Ich konnte ihre Züge im Dunkeln nicht mehr erkennen, ich wußte nur, dort lag ein Mensch, der mich liebte. Ich spürte den Duft von Satuilas Blumen, die irgendwo in irdenen Schalen standen. Ich neigte mich und küßte die Schlafende noch einmal und spürte noch einmal die Wärme ihres Körpers.

Und dann hinaus in die Nacht, wo die riesigen Farne im Ostwind rauschten und kleine Vögel verstört aus den Kakaobäumen schrien. Und durch die Wälder und auf das Schiff und über das große Meer, das Herz voll Trauer — und voll Angst vor Europa.

Quelle: Oestergaards Monatshefte von Juli bis Dezember 1928; © by Peter J. Oestergaard-Verlag, Berlin-Schöneberg, 1928; Jadu 2000

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