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Auf den Salomoneninseln

Wirtschaftskrise in der Südsee

 

Die heiligen Männer auf Owa Raha hatten mir von seltsamen sakralen Sitten der Eingeborenen auf der Insel Ulawa erzählt, die sonst nirgends in Melanesien vorkämen. Ulawa liegt nördlich von San Christoval, und man muß Riffe und Meeresströmungen gut kennen, um in glatter Fahrt dorthin zugelangen. In der Barkasse Kupers ging es also wieder ins Meer hinaus, der Insel entgegen. Als wir en Strand von San Christoval verließen, huschten große schwarze Schatten über uns hinweg. Es waren fliegende Hunde, die die Papayabäume aufgesucht hatten, um sich an ihren süßen Früchten gütlich zu tun. Jetzt kehrten sie zu ihren Schlafbäumen in den Busch zurück. Kuper nahm ihn diese harmlose Beschäftigung Übel. Fliegen die Hunde über einen hinweg, so bedeutet das nach Seemannsglauben Unglück. Er wäre am liebsten gar nicht losgefahren. Aber schon ging es durch das Riff und über das bräuende Meer nach Norden. Während der Weiterfahrt hatte Kuper nicht viel Zeit, an die Hunde zu denken; schweigsam stand er in sein Ölzeug gehüllt am Kommandoplatz.

Und musterte mit seinem krankhaft glänzenden Augen die schweren Wolkenbänke, die im Nordwesten die Sonne verhüllten. Er achtete auch nicht der zahlreichen Bonitofische, die um uns herum meterhoch aus der See emporsprangen und die winzige Fischchen jagten, die zu Tausenden und Millionen die Wasserfläche zu bedecken schienen. Denn er mußte seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden, unsere Nußschale über die schäumenden Wellenberge zu steuern.

Sollten die fliegenden Hunde wirklich...?das Wetter überstanden wir und kamen mit nassen Kleidern aber heiler Haut nach Ulawa. Doch Glück hatten wir keines. Wir kamen zu spät. Der größte teil der Eingeborenen war eingeschleppten Krankheiten und Epidemien zum Opfer Gefallen, und auch der letzte Priester, der uns hätte Aufschluß geben können, war vor einem Jahr gestorben. Die wenigen Menschen, die in den halb verfallenen Dörfern noch lebten, hatten sich mit europäischen Ratunfetzen bekleidet. Sie waren „Zivilisiert“. Hier hatten wir nichts zu suchen, und bedrückt machten wir uns auf den Rückweg.

Die Wettergeister schienen uns auch auf der Heimfahrt nicht gewogen sein. Wir landeten an einer Ropraplantage, die auf einer kleinen, einsamen Insel liegt. Kaum waren wir an Land gegangen, als ein kleines heftiges Unwetter losbrach. Der Sturm heulte, schwere Regenschwaden stürzten wie aus geöffneten Schleusen herab. Die Kokospalmen bogen sich bis zur Erde, und ihre noch unreifen Nüsse fielen wie Hagelschauer nieder.

Im Hause des Pflanzers wurden wir gastfreundlich aufgenommen und schlugen in seinem netten Holzhaus , das uns köstlichen Schutz vor den tobenden Elementen bot, unsere Feldbetten auf. Die Plantage gehört einer großen Aktiengesellschaft. Unser Hausherr hatte die Stellung eines Verwalters und war pensionsberechtigt. Er konnte damit rechnen, in wenigen Jahren „ausgesorgt“ zu haben. Trotzdem war er nicht zufrieden.

Sowohl er wie auch seine vorzeitig gealterte Frau sahen krank und unglücklich aus. Anfangs versuchten sie, uns ein „trautes Heim „ vorzuspielen, doch nur allzu bald entpuppte sich die traurige Wirklichkeit. Das konventionelle Lügen, das des Städtern so leicht fällt, hatten diese Menschen in ihrer grenzenlosen Einsamkeit verlernt. Sie klagten uns in erschütternden Worten ihr Leid. Es war nicht ihr Leid allein, sondern das vielertausender unternehmungslustiger Europäer, denen die Heimat zu eng geworden und die in die Weite hinausgezogen waren, um ihr Glück zu versuchen.

Heimweh quält sie in der Fremde. Die völlige Abgeschlossenheit von der Europäischen Kultur, der Mangel an Betätigung des Geistes und an Zerstreuung, grenzenlose Einsamkeit, Malaria und das unerträgliche tropische Klima machen es ihnen unmöglich, hier Wurzel zu fassen. Aber nach Europa zurückgekehrt, fühlen sie sich dort ebenso unglücklich wie auf ihren Plantagen. Diese Menschen , die gewohnt waren, als Weiße in den Tropen eine bevorzugte Sonderstellung einzunehmen, fühlen sich in der Heimat stets verkannt und zurückgesetzt. Ihr krankhaft gesteigertes Ich, gleichgültig ob man es nun Selbstbewußtsein oder Eitelkeit nennen will, fühlt sich schmerzhaft verwundet.

Auch in die Anforderungen des täglichen Lebens können sie nicht mehr hineinfinden. Die Hausfrau, die sich in den Tropen nur bedienen läßt, erblickt nun in den tüchtigsten europäischen Hausgehilfinnen unachtsame, häßliche Kobolde im Vergleich zu den aufgeweckte, hübschen Burschen, die ihr unter der Tropensonne jeden Wunsch von den Augen absahen. Die Heimgekehrten sind meist krank an Körper und Geist, und nur in Ausnahmefällen finden sie sich in die Gemeinschaft der Heimat zurück.

Während draußen der Sturm tobte, saßen wir mit unseren Wirten beim heimatlichen Mahl, das uns zu Ehren zubereitet worden war, und besprachen die Verhältnisse in der Südsee. Welche Goldgrube war doch früher eine Kokosplantage gewesen! In wenigen Jahren konnte man ein reicher Mann werden und sorgenfrei in die Heimat zurückkehren. Wem das Leben als Pflanzer nicht zusagte, mußte nur etwas Handel treiben und erreichte damit das Ziel noch schneller. Ein unternehmender junger Mann hatte nicht einmal Betriebskapital nötig. Die großen Handelsgesellschaften räumten ihn mehr Kredit ein, als er brauchen konnte.

Später aber begann die Wirtschaftskrise nach und nach die europäischen Länder zu untergraben, und ganz zuletzt erreichte das Schicksal auch diesen weltrückenden Erdenwinkel. Billigere Produkte, vor allem Wal, Tang und Sojabohnenöl verdrängten die Kopra von den Weltmärkten die Koprapreise fielen. Die Pflanzer konnten nicht daran denken, die Zinsen ihrer Kredite zu bezahlen, und wurden von den Hypothekargläubigern zum Konkurs gezwungen. Doch noch immer fielen die Koprapreise, und die Plantagen brachten auch den neuen Eigentümern, die sie so Billig erworben hatten, kein Glück. Die Preise gingen auf ein fünftel der ursprünglichen Höhe, (in Gold gerechnet noch weit tiefer) zurück. Da warfen die Plantagen nicht nur keinen Ertrag ab, sondern man mußte zusetzen.

Nun löste sich die Arbeiterfrage von selbst. Da die Eingeborenen im raschen aussterben begriffen sind, bestand vor der Krise immer eine nachfrage nach Arbeitern, die nicht befriedigt werden konnte. Mit allen Mitteln, Geld, schönen Versprechungen und Betrug fingen sich die Werber gegenseitig die „Ware“ vor der Nase weg. Nun konnte man nicht mehr die Arbeitswilligen unterbringen.

Aber nicht nur Arbeiter und Pflanzer litten unter diesen Zuständen. Es war doch nicht mehr daran zu denken, daß man für die Arbeiterbeschaffung dem Anwerber fast ebensoviel bezahlte wie den Arbeitern selbst. So wurden auch die Rekurter brotlos. Als letzte bekamen die Händler die veränderten Verhältnisse zu spüren. Sie waren gewohnt, den Eingeborenen die gesamten Lohngelder schon am Tage der Auszahlung wieder abzunehmen. Der Begriff des Sparrens ist ja den eingeborenen, wie Geldeswert überhaupt, völlig unverständlich. Nun aber hatten die kauffreudigen Eingeborenen keine Lohngelder mehr, und die Waren der Händler waren unverkäuflich geworden.

Der Kreis schloß sich. Auch die Zahleinamen gingen zurück. Regierungsbeamte mußten abgebaut werden und andere Sparmaßnahmen ergriffen werden. Gerade als die Not am größten war, schien Hilfe am nächsten. Außerordentlich reiche Goldfunde wurden in Neuguinea gemacht, und es war naheliegend, auch auf den Salomonen nach dem Edelmetall zu suchen. Man kann sich die Freude der vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch stehenden Menschen vorstellen, als tatsächlich Golderze gefunden wurden. Im nu eilten aus aller Welt Abenteurer herbei, die Schiffahrtsgesellschaften, die Händler machten wieder Geschäfte, und die Einnahmen der Regierung nahmen zu. Es wurde eine große Aktiengesellschaft gegründet, die Pflanzer steuerten ihren letzten verheimlichten Notgroschen bei denn bald mußte ja alle Not ein Ende haben. Doch dann kam die bittere Enttäuschung, das Gold hatte getrogen. Jede Goldhaltige Schicht, die man glücklich gefunden hatte, war plötzlich, nach einigen Metern, unterbrochen. Die Fortsetzung fand sich niemals mehr, viele Kilometer Schutt, Fels und Urwald lagen dazwischen. Durch Erdbeben und Vulkanische Ausbrüche waren die geologischen Schichten derart zersprengt worden, daß an einen rentablen Abbau nicht mehr gedacht werden konnte. So war auch das letzte Geld verlorengegangen.

„Und warum verlegen die Pflanzer sich nicht auf die Erzeugung anderer Rohstoffe?“ war meine Frage, darüber hätten sich schon viele den Kopf zerbrochen, meinte der Hausherr. Doch was käme da wohl in Betracht? Gummi wird in solchen Mengen gewonnen, daß in den Gummiländern eine Plantage nach der anderen stillgelegt werden muß. Kaffee kommt nicht in Frage, solange Länder wie Brasilien den ihrigen verfeuern müssen. Der Anbau von Südfrüchten aber, wie zum Beispiel Bananen, kann nie rentieren, da doch sogar für die soviel günstiger liegenden indischen oder Westafrikanischen Plantagen die Absatzmöglichkeit fehlt. Außerdem muß auf den Salomonen jedes Stück Land erst in mühevoller und kostspieliger Weise gerodet werden, bis es anbaufähig ist. Infolge des auch für die Tropen sehr hohen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft ist die Vegetation derart üppig, das schon das Reinhalten der gerodeten Flächen dem Pflanzer große kosten verursacht.

Aus allen diesen Gründen sind die wirtschaftlichen Aussichten auf den Salomoninseln sehr ungünstig. Sollte sich auch die Weltwirtschaftskrise bessern, so wird doch das Hauptprodukt der Plantagen, die Kopra, in immer steigenden Maße verdrängt. Unser Gastgeber aber hoffte noch so lange als Verwalter der Plantage tätig sein zu können, bis er sich ein kleines Vermögen erspart haben würde. Hoffentlich hat er Glück und es werden ihm in Europa bessere Zeiten beschieden sein und hoffentlich gehören er und seine Frau zu den wenigen Ausnahmen , die es verstehen, sich nach langem Tropenaufenthalt in Europa wieder einzuleben.

Quelle: Südsee von Hugo Adolf Bernatzik, Deutsche Buchgemeinschaft Berlin; © 1934 by Bibliographisches Institut AG., Leipzig; © by jadu safa 2003

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