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Die Melanesier, die auf Owa Raha und Owa Kiki wohnen, bilden eine besondere Kulturgruppe. Sie unterscheiden sich sowohl in ihren gemeinsamen materiellen und geistigen Kulturelementen als auch in ihrer gemeinsamen Sprache wesentlich von den übrigen Melanesiern. Sie haben sich auch vielfach mit dem jüngsten Volk der Südsee, den Polynesiern, vermischt, ohne jedoch ihre melanesiche Eigenart aufzugeben. Die Bewohner des südöstlichen Teils der Insel San Christoval gehören ebenfalls zu dieser Gruppe, und ich beschloß daher, auch diese Insel zu besuchen. Auf San Christoval war es, wo Kuper seine ersten Sträuße mit den Eingeborenen ausgefochten und vor Jahren damit begonnen hatte, Kokospalmen anzupflanzen. In seiner kleinen Barkasse machten wir uns auf den weg. Die Insel
liegt etwa fünf Seemeilen westlich von Owa Raha und ragt steil aus
dem Meere empor. Im Südosten bildet sie eine kleine Zunge, die durch
dichten Busch und Felsgestein von der eigentlichen breiten Insel getrennt
ist. Diese beiden teile der Insel sind von verschiedenen Volksgruppen
besiedelt worden. Wir ankerten einige hundert schritte von der Küste
entfernt, da das seichte Wasser ein Näherkommen nicht gestattete.
Das Wasser war so klar, daß man alle Einzelheiten der Pflanzen ,
Muscheln und Steine des Meeresgrundes deutlich erkennen konnte. Der dicht
überwucherte Boden glich einem Urwald im kleinen. Ein schmaler Pfad durch dichten Buschwald führte zu den Dörfern. Wir wanderten noch nicht lange, da kamen wir an einem Grab vorbei. Es war das eines Russen, der hier fern von der Heimat, seine letzet Ruhestätte gefunden hatte. Franki hatten ihn die wenigen weißen genannt, mit denen er zusammengekommen war. Gott allein mag wissen, wie sein wahrer Name gelautet hatte. Die Geschichte seines Todes gibt einen Einblick in die Art und Weise, wie die Weißen vor Proklamierung des britischen Protektors in der Südsee hausten. Franki hatte sich auf den Salomoninseln niedergelassen, um mit den Eingeborenen Handel zu treiben. Es war die Zeit, in der Handel in der Südsee einen Goldene Boden hatte, und man sich für außerordentlich anständig hielt, wenn man „nur“ mit tausend Prozent Russen arbeitete. Alle sechs Monate kam ein kleines Russenschiffchen und versorgte den Russen mit Waren für die Eingeborenen und Spirituosen für seinen eigenen bedarf. Meist wurden letztere gleich in der ersten Nacht verjubelt, und aus der Alkoholvergiftung gab es erst viele Tage später ein erwachen. Eines Tages feierte Franki gerade wieder ein Liebesmahl mit dem Kapitän des Schiffes, als zwei Eingeborene schüchtern herbeikamen und Angelhacken gegen Korpa tauschen wollten. Angelhaken sind billig, doch soll einmal einer versuchen, diese Teufelshacken zu zählen, wenn der Blick von Alkohol getrübt ist und die Hände zittern! Der Russe versuchte sein Glück zweimal vergeblich, geriet in die sinnlose Wut des Betrunkenen, riß die Pistole vom Gürtel, und schon sank einer der Eingeborenen, von der Kugel mitten durch die Stirn getroffen, lautlos zu Boden. Der andere Bursche entfloh und alarmierte den Klan des Getöteten. Die beiden Weißen saßen noch immer beisammen, als die Rächer angefahren kamen. Beide Europäer waren schwer berauscht. Der Häuptling, der die Krieger führte, stellte sich schützend vor den Kapitän. Der Russe aber wurde von kräftigen Männerfäusten ergriffen. Er schlug wild um sich. Da viel sein Kopf hart auf den Boden auf, und er verlor die Besinnung. Ein Krieger stieß ihm den Speer, dessen vielfach gekerbte Spitze wie eine Säge wirkte, in die Gurgel. Irgend jemand hat später den Weißen, der sein Glück in der Südsee gesucht hatte, begraben. Noch eine andere Begebenheit fällt mir ein. Weiße Männer waren ausgefahren, um auf den Salomonen Arbeiter für die Plantagen des tropischen Australien anzuwerben. Ich will die Geschichte so wiedergeben, wie ein alter Häuptling sie erzählte, denn sie zeigt, wie die Eingeborenen über die Zukunft der weißen Männer denken. Vor vielen Monaten (die Eingeborenen kennen den begriff des Jahres nicht), ankerte am Strande von Owa Raha ein großes Boot mit weißen Segeln. Viele weiße Menschen waren an Bord, doch auch viele Schwarze, die diese zumeist schon von anderen Inseln zusammengefangen hatten. Das Segelschiff setzte viele Kinder aus( der alte meinte kleine Beiboote) , in denen weiße Männer mit großen Donnerbüchsen saßen. Die kleinen Boote fuhren gegen das Riff, und die weißen versuchten, eine Anzahl von unseren Leuten, die dort eben mit Angeln und Speeren fischten zu fangen. Doch die unsrigen kannten die drohende Gefahr und liefen davon. Sie sprangen von Fels zu Fels und durchschwammen die hohen Brecher. Die weißen versuchten ihnen den Weg abzuschneiden, und tatsächlich gelang es ihnen, zehn Mann zu umzingeln. Als diese sahen, daß es für sie kein entrinnen gab, begannen sie sich zu verteidigen. Doch es war ein sehr ungleicher Kampf. Es kamen viele der Fremden, die alle gut bewaffnet waren, auf einen der unsrigen, die nur ihre Fischspeere bei sich hatten. So wurde denn sechs von ihnen getötet, und ihre zerschlagenen Körper Trug die Flutwelle in das unendliche Wasser hinaus, vier aber gerieten in die Gewalt der Feinde. Sie wurden zusammengebunden, daß die scharfen Stricke tief in ihr Fleisch eindrangen, und Sand und Steine stopfte man ihnen in den Mund um sie am schreien zu hindern. Eine Frau aber hatte dies auf dem Wege zu ihrem Garten zufällig mitangesehen, alarmierte das Ganze Dorf und berichtete uns von den Unglück. Wir bliesen auf unseren Muschelhörnern, und bald eilten von allen seiten die Krieger mit ihren Waffen herbei und bemannten in aller eile die großen Kriegsboote. Der Mwane Apuna opferte den Geistern des Meeres, und dann schossen unsere schweren Kanus wie Pfeile durch die Riffpassage. Sie kamen zu spät, das Schiff der Weißen verschwand bereits am Horizont. Da berieten sich die Priester und Häuptlinge aller Klane. Sie ließen Schweine schlachten und brachten Opfer dar. Und sie hatten die Ahnen und Meergeister nicht vergebens gebeten. In der nächsten Nacht, die ganz schwarz und Sternenlos war, brausten schwere Stürme über das Meer, und das Schiff der Weißen konnte der Wut der Elemente nicht standhalten. Der Führer des Schiffes bemerkte, daß ihn die Geister in die Felsen des Riffes zogen, und als sich der Wind etwas gelegt hatte, ließ er alle Segel setzen, um gegen die starke Strömung aufzukommen. Auf diesen Augenblick hatten die Geister gewartet. Heulend fuhren sie in das Gestänge des stöhnenden Schiffes, zerrissen die großen weißen Segel und trugen sie weit über das Meer davon. Auch die schwarzen Menschen an Bord des Schiffes sahen ihren Tod vor Augen. Denn sie kannten unsere Sitten und die Macht unserer Ahnen und Geister. Als sie von den Gefangenen unserer Insel erfuhren, daß sich unter ihnen der Sohn unseres mächtigen Häuptlings befand, erzählten sie dies den Weißen und versicherten ihnen, daß sie alle zugrunde gehen würden, da die Geister dem Häuptlingssohn bestimmt zur Seite stehen und ihn schützen würden. Da ließ der Führer des großen Schiffes den Urenkel der großen Schildkröte herbeischleppen. Die Geister verlangen deine Freigabe, sagte er, wir wollen Ihnen also den Gefallen tun. Löst seine Fesseln! Nun trat der Weiße, der das Steuer führte, auf den Gefangenen zu, reichte ihm eine hölzerne Schüssel, mit welcher man das Schiff auszuschöpfen pflegte, und sagte höhnisch: Damit du dich selbst ausschöpfen kannst, und stieß den Jüngling über Bord in die hochgehende See. Sofort beruhigte sich das Meer, denn die Geister wollten den Häuptlingssohn nicht in den Wellen umkommen lassen. Die Räuber aber entkamen. Der Schützling
der Ahnen schwamm Stunde um Stunde. Er sah nichts um sich als Wasser und
immer wieder Wasser. Wenn er müde wurde, legte er seinen Kopf auf
die hölzerne Schaufel und ruhte sich aus, dann schwamm er weiter.
Und die Geister schickten ihm günstige Strömungen und milde
Wellen, die ihn sanft der Heimat entgegentrugen. Drei Tage und drei Nächte
dauerte es, bis er Land erreichte. Er hatte eben noch die Kraft, sich
ans Ufer zu schleppen, da brach er erschöpft zusammen. Der Häuptling, der diese Geschichte erzählte heiß Nasumanga. Er war ein Greis, der trotz seiner gebrechlichen Gestalt und seiner zerfurchten Gesichtszüge soviel Energie besaß und eine so starke Persönlichkeit ausstrahlte, daß man meinen konnte, einen Mann in voller Lebenskraft vor sich zu haben. Er war noch einer von den wirklich“ Großen“, die ihr Volk zu führen verstanden und nur eines vor Augen hatten; die Macht des eigenen Klans. Sein ganzes Leben hindurch hatte er sich bemüht, sein Volk vor den weißen Eindringlingen zu warnen und zu schützen. Doch nun in seinen alten Tagen mußte er es erleben daß die alten ehrwürdigen Sitten in Verfall gerieten. Das Missionswesen begann sich auf San Christoval auszubreiten. Das war der große Schmerz Nasumangans, der ihm die Freude am Leben vergällte und ihn an den Tod denken ließ. Doch fürchtete er, und nicht mit unrecht, das sein Klangefährten, auf Betreiben der Missionare, es nach seinem Tode unterlassen würden, ihm eine gebührende und den Sittengemäße Totenfeier zu veranstalten. Er hatte daher beschlossen, sich selbst ein Totenfest zu bereiten, solange er noch lebte. Mehr als zwei Jahre hatte man an dem großen Festhaus gebaut, das er zu diesem Zwecke errichten ließ. Jeder Stützpfosten war unter den entsprechenden Zeremonien hergestellt worden, und nun stand das Kunstwerk vollendet da. Auf den Geschnitten Pfosten waren die Ahnen des Häuptlings in ihrem Festschmuck vereinigt, aber auch noch lebende Freunde, ja selbst eine Frau hatte der Künstler in treffender Ähnlichkeit abgebildet. Einer der Balken endete in eine geschnitzte Opossumgestalt, auf anderen sah man das berühmte Fabelwesen Karemanua dargestellt, das, halb Mensch, halb Haifisch, seinerzeit als Mann auf Owa Raha gelebt hat, nun aber im Meere herumschwimmen soll vielleicht hatte der Häuptling Nasumanga mit Absicht soviel Sorgfalt auf das Gebäude verwendet, weil er ahnte, daß es wohl das letzte Werk sein würde, das der schöpferischen Urkraft seines Volkes entsprungen ist. Das Totenfest selbst konnte ich leider mit erleben. Die Vorbereitungen dauern stehst lange. Die Eingeborenen haben ja Zeit. Und Nasumana schien seine Tod noch nicht sobald zu erwarten. Ich aber mußte weiter, wollte ich doch noch die anderen Dörfer der Insel besuchen.
Quelle: Südsee von Hugo Adolf Bernatzik, Deutsche Buchgemeinschaft Berlin; © 1934 by Bibliographisches Institut AG., Leipzig; © by jadu safa 2003 :
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