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Neuguinea

Krieg unter Papuas

 

Als wir von Singoyabu aufbrachen, gaben uns einige Krieger das Geleit. Unser Weg führte über eine steile Lehne hinab, dann über Lehmigen Grund, den zahlreiche Quellen in einem Morast verwandelt hatten. Wir glitten mit unseren Nagelschuhen ebenso aus wie unsere Träger mit den nackten Füßen.

Nach einer Biegung des Weges sahen wir uns plötzlich einer Abteilung von Kriegern gegenüber. Sie waren in vollem Kriegsschmuck und hatten den Körper mit Kalk und roter erde streifenförmig bemalt. Jeder hielt einen mit Bambussehnen bespannten Flachbogen und ein dichttes Büschel von Kriegspfeilen in den Händen. Einige hatten Steinbeile geschultert. Wir blickten forschend in das Tal, das vor uns lag Etwa zweihundert Schritte entfernt erregten einige runde, grauweiße Flecke, aus denen feine Rauchsäulen aufstiegen, unsere Aufmerksamkeit. Es war kein Zweifel, daß wir frisch niedergebrannte Dörfer vor uns hatten. In denen Gärten, die sich den verbrannten dörfern anschlossen, waren Frauen emsig bei der Arbeit. Mit hilfe unserer "Affen" versuchte ich ein Gespräch anzuknüpfen und erfuhr auf diese Weise, das es Krieger von Singoyabu waren, die bei einen Überfall auf die benachbarten Dörfer gemacht und sie vollkommen eingeäschert hatten. auch die Frauen stammten aus Singoyabu und waren gekommen, die Gärten der in die Flucht geschlagenen Feinde zu plündern, während die Kriegerabteilung auf der Hügelspitze Wache hielt. Die Krieger begegneten uns zwar freundlich, doch wir sahen besorgt in die Zukunft. Wie während wir in den nächsten Dörfern empfangen werden, da wir direkt von den Feinden kammen? Wir dachten aber nicht an eine Umkehr, sondern verließen uns auf das Glück, ohne welches einem bekannterweise sogar in einer europäische Großstadt ein Ziegelstein auf den Kopf fallen kann.

Vorerst durchwanderten wir die niedergebrannten Dörfer. Nun konnten wir sehen, wie sich die Palisaden im Kriegsfall bewährten. In die Zäune waren große Löcher gebrannt, durch die die Krieger offenbar eingedrungen waren. Die gut verrammelten einschlupflöcher Warenlagern unberührt geblieben. Was war aber mit den Bewohnern der Häuser geschenen? Waren sie wie in einer Mauerfalle gefangen worden und verbrannt, oder war es ihnen gelungen zu entfliehen? Auf diese Frage gab uns niemand Antwort.

Nachdem wir einige Stunden marschiert waren, hörten wir gellende Alarmrufe und sahen, wie sich eine Schar Krieger, vorsichtig Deckung nehmend, an uns heranschlich. Wir gingen ihnen aufrecht und ruhig, entgegen, und so wußten die Kriegslustigen nicht recht, wie sie sich verhalten sollten. Einige liefen davon, andere blieben stehen, den Bogen mit aufgelegten Pfeilen schußbereit in den Händen. ich ging auf einen vor Aufregung schwer atmenden Burschen zu, deren mich unbeweglich anblickte, und reichte ihm ein kleines offenes Messer. Augenblicklich verzog sich sein verängstigtes Gesicht zu einem Lächeln, und er stieß einen lauten Schrei aus. Daraufhin legten die anderen Krieger ihre Waffen auf die Erde nieder und kamen auf uns zu. Immer mehr eilte herbei, um uns fremdartige Wesen zu bestaunen. Die Büsche rings um uns schienen aufeinmal lebendig zu werden, wir mußten völlig umzingelt gewesen sein. Doch jetzt hatten wir nichts mehr zu befürchten, wir schlossen freundschaft und und besiegelten diese mit eine Büschel meiner Haare, die ich einem alten Krieger überreichte.

Eifrig um uns bemüht, geleiteten sie uns ins nächste Dorf. Sie hielten mich an den Händen oder versuchten wenigsten ein Stück meiner Kleidung zu erfassen. Sie zogen und stießen mich mit unheimlicher Geschwindigkeit über das schwierige Gelände und machten mich dabei fürsorglich auf jeden Stein, auf jedes kleine Hindernis aufmerksam. Andere waren in der gleichen Wiese um den Patrouillenoffizier bemüht oder eilten laut schreiend voraus.

So ging es vorwärts, bis wir endlich auf der nächsten Bergspitze das Dorf Gasia erreichten. Hunderte von Eingeborenen, sowohl Frauen wie Männer, standen vor den Palisaden und eilten neugierig und hilfsbereit herbei. Jeder brachte uns ein Geschenk:ein Bündel Zuckerrohr, Yam, Maiskolben und andere dinge.

Sie forderten uns auf, im Tale neben einem Bach unsere Zelte aufzuschlagen.Der Platz lag in einem Kessel und war ringsum von dicht bewachsenen Hügellehnen umgeben. Ich glaube, einen besseren Platz, um Überfallen zu werden, gab es in der ganzen Gegend nicht. Zehn Krieger hätten genügt, uns in Pfeielschußweite zu umzingeln, und wir wären, ohne uns währen zu können dem unsichtbaren Gegner ausgeliefert gewesen.

Doch es bestand keine Gefahr, die Eingeborenen hatten uns sichtlich in ihr Herz geschlossen. Wir waren ja die ersten Weißen, denen sie begenten, und sie hatten noch keine schlechten Erfahrungen mit " Weißhäuten" gemacht. Aus allen benachbarten Dörfern strömten sie herbei, denn die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Geschenke häuften sich in der Mitte unseres Lagers. Sie schleppten sogar Brennholz in solchen Mengen herbei, daß wir einen Monat damit ausgekommen wären. Mit den Zeltstangen, die sie uns brachten, hätte man ein Lager für eine ganze Kompanie aufstellen können, und die Lebensmittel reichten aus, alle Mitglieder unserer Expedition wochenlang zu ernähren. Spät nachts erst machten sie sich auf Heimweg, und auch wir fielen von dem stürmisch = freundlichen Empfang ermattet todmüde auf unsere Feldbetten.

Am nächsten Morgen sah es bei uns wie in einem Kriegslazarret aus. Es ist bezeichnend für die Einstellung der meisten Eingeborenen, sogar dieser hier, die nichts von europäern wußten, daß sie von den Weißen auf alle Fälle und vor allem medizinische Kenntnisse vorraussetzten. Ihre Hilflosigkeit den furchtbaren Krankheiten gegenüber ist ja das einzige Elend dieser Menschen und dafür hilfe zu finden, ihr stärkster Wunsch.

So kamen auch zu uns viele Kranke und Verletzte, um bei uns Heilung zu suchen. Ich konnte nun mit eigenen Augen sehen, welch furchtbaren Wunden die zierlich geschnitzten Pfeile zu reizen vermögen. Als ich die ersten Patienten verbunden hatte, klagten mir alle ihr Leid. Tropischer Ulcus, schreckliche Entstellungen durch Frambösie und auffallend viele Augenkrankheiten kamen mir zu Gesicht. Viele junge Burschen waren auf einem Auge erblindet, aber Ganzblinde sah ich nicht. Machten diese ihrem Leben mit eigener Hand ein ende, oder hatten sich ihrer die Gefährten angenommen?

Hautkrankheiten gab es fast keine, doch hatten fast alle Eingeborenen merkwürdig schlechte Zähne, Zahnfleicherkrankungen, Pyorrhöe und schwere Karies waren weitaus am häufigsten vertreten. Während sonst die Eingeborenen oft ausgezeichnete Medizinmänner besitzen schienen diese Papuastämme auf hygienischem und medizinischem Gebiet nicht die geringsten Kenntnisse zu haben. um so schmerzvoller war es für mich, ihnen nicht besser helfen zu können und sie, die voll Vertrauen zu mir kamen, in soviel Elend zurücklassen zu müssen.

Quelle: Südsee von Hugo Adolf Bernatzik, Deutsche Buchgemeinschaft Berlin; © 1934 by Bibliographisches Institut AG., Leipzig; © by jadu safa 2003