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Auf Neuguinea

Ein Böllerschuß erdröhnte vom Bug des "Prinz-Sigismund", das schlafende Papua zu wecken. Vor zehn Tagen hatten wir Hongkong, den "Berg des Wohlgeruchs", das Tor des Ostens, verlassen, dann hatte uns die Südsee auf ihren grauen Wogen tüchtig, herumgeschüttelt, bis wir zwischen den grünenden Inselbergen der Philippinen Schutz fanden, und jetzt sah uns der anbrechende Tropenmorgen auf den klaren Fluten des Friedrich-Wilhelmshafens zur stillen Landungsbrücke dahingleiten. Noch lag die Welt in süßem Morgenschlummer, gedämpft ertönte da und dort aus dem dichtem Grün heraus das Krähen eines Hahns. Und ringsumher erschallte als erste Verkündigung tropischen Insektenlebens der Zikaden tausenfaches Gezirp, eine Musik, die ich während der folgenden zwei Jahre fast ununterbrochen vernahm.

Der erste Eindruck, den Neuguinea auf den Ankommenden macht, ist der eines ungeheuren botanischen Gartens, eines Treibhauses. Wo das Auge hinblickt, erschaut es Grün und abermals Grün, selbst im Wasser spiegelt sich die gewaltige grüne Wand des Uferwaldes, der landeinwärts über terassenförmig aufgebaute Hügelkette und Berge in unverminderter Üppigkeit ansteigt, und diese ganze zauberhafte Bild ist eingehüllt in den warmen Dunst einer feuchtigkeitsgesättigten Atmosphäre. Lockender kann sich kaum ein Land dem Auge darbieten, als es die Astrolabenbai im farbigen Morgenlichte tut.

Nachdem der Dampfer sich in geräuschvoller Weise bemerklich gemacht hatte, erschienen bald einige krausköpfige Papuagestalten in brennend roten Lendentüchern, phlegmatisch sich den Schlaf aus den Augen reibend, und dann kamen auch die Europäer, für die eine Dampferankunft zu den reizvollsten Ereignissen ihres sonst nicht gerade abwechslungsreichen Daseins gehört.

Bald war die kleine Schiffsgesellschaft, die sich in Hongkong zusammengefunden hatte, wieder zerstreut; die einen setzten die Reise nach dem Bismarckarchipel oder Australien fort, die Missionare wurden von ihren Amtsbrüdern nach ihren Stationen abgeholt, die Beamten der Neuguinea Kompanie suchten ihre Posten auf. Ich gehöre zu diesen und wurde alsbald der Pflanzung Jomba zugeteilt, welche 5 km von Friedrich-Wilhelmshafen entfernt und durch eine Feldbahn, die berühmte Ochsenkarre, verbunden ist, welche trotz häufiger Streike des vierbeinigen Zugpersonals sowie fahrplanmäßiger Entgleisungen das beste Warentransportmittel zwischen dem Hafen und der Pflanzung darstellt.

Die erste Tage verbrachte ich in dem fürchterlichen "Hotel", einer Bretterbude, die damals wenigstens den Schrecken aller derer bildete, die gezwungen waren, in ihr zu verweilen. Denn das ganze Gebäude war mehr eine Reinkulturanstalt für Moskitos und ähnliches Ungeziefer denn eine menschliche Behausung.

Friedrich-Wilhelmshafen, die Eingangspforte zum deutschen Teil Neuguineas, ist unstreitig einer der entzückendsten Plätze der Tropenwelt. Zum Regierungsgebäude führt eine stolze Allee hochgewachsener Kokospalmen. Die Gärten, welche die Häuser umrahmen, sind wohlgepflegt und erfreuen das Auge durch bunte Blüten und blätter. Auch die Lagune selbst ist von wunderbarem Zauber, der durch die erhabene Stille noch vermehrt wird. Nur der Schrei des komischen Lederkopfes, der in den Kokospalmen herumklettert, sowie etwa der Ruf eines Reihers, der über das Gewässer streicht, ertönen durch die urweltliche Ruhe. Wenn nicht gerade ein Dampfer an der Landungsbrücke liegt, so macht sich das geschäftige Treiben des weißen Mannes nicht über die nächste Umgebung der Lagerhäuser und Bureaugebäude hinaus bemerkbar. Denn die Pflanzungen sind so ausgedehnt, dass selbst die nach hunderten zählenden Arbeitsgruppen sich darin wie in einer Wildnis verlieren. Und von den freien Eingeborenen bemerkt der Neuling erst recht wenig. Höchstens sieht er einige dunkle gestalten auf leichtem Einbaum über die stille Lagune paddeln. Um sie näher kennen zu lernen, muß man sie schon in ihren Dörfern aufsuchen.

Mein Häuschen in Jomba steckte in einer mehr malerischen als hygienischen dichten Umgebung von Kokospalmen, Bananen, Woll-, Kautschuk- und Kakaobäumen.

Trat ich morgens hinaus auf die breite Veranda, so blickte ich zwischen den Bäumen hindurch auf ein wogendes Meer von lichtem Grün, auf dem die ersten Strahlen des jungen Tages spielten. Landeinwärts war die liebliche Kulturfläche durch einen ernsten Kranz gewaltig aufstrebender, dunkelgrüner Urwaldbäume, seewärts dagegen durch den weißen Saum der Brandung abgegrenzt. Bald färbte sich das noch fahlgraue Firmament. Rosenrote Streifen spannten sich vom Ostpunkte nach dem Zenit und verschwanden im Düster des Westens. Wie die Chöre eines feierlichen Meßgesanges allmählich an Stärke zunehmen, um schließlich in brausendem Jubel auszuklingen, so wuchsen hier die wogenden Strahlen der aus dem stahlblauen Ozean siegreich emportauchenden Sonne zur Sturmflut an, zu einem überwältigenden Lichtkonzert.

Solange ich freilich in Jomba als Pflanzer wohnte, blieb mir meist nicht viel Zeit, mich in die Schönheiten des Tropenmorgens zu vertiefen. Denn der Tandock, das sind die im ganzen Südseegebiet als Signalinstrument verwendeten Schalen der Tritonsschnecke, rief um 1/2 6 Uhr nach dem Appellplatz, wo mehrere hundert Papuas aus allen Küstengegenden Kaiser-Wilhelms-Lands versammelt waren und der Arbeitsverteilung harrten.

Quelle: Dr. Eugen Werner, Deutschtum im Ausland in den Kolonien, 1925 Verlag Quelle und Meyer, Jadu 2000

Der Tabakbau und seine Bedeutung für unsere Kolonien.

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