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Die Bedeutung der Karolinen für Deutschland

Vom Wirkl. Legationsrat Dr. Irmer

Dr. Irmer

Um das Wort Südsee schlingt sich ein eigenartiger reizvoller Zauber. Aus halbvergessenen Jugendtagen steigen Märchenbilder wieder auf von paradiesischen Gärten, in denen das Blühen nicht enden will, von einem Lande der reinsten Glückseligkeit, in dem das arme Menschenkind Frost und Hunger, Not und Sorge nicht kennt. Und in der Tat sind diese vielgepriesenen Eilande in der Südsee ihrem Ruf gewachsen. Von fast unvergleichlicher landschaftlicher Schönheit und von unerschöpflicher Fruchtbarkeit erinnern sie in ihrem feenhaften Gewand an die antiken Schilderungen von den Gärten der Hesperiden mit ihren goldenen Äpfeln, die die klugen Alten nicht umsonst in ein fernes koloniales Land jenseits der Meere gelegt haben. Freilich vergißt man bei dieser paradiesischen Schönheit der Tropenlande nur gar zu oft, daß sie zugleich der Löwenhöhle gleichen, in die viele Spuren hinein, aber nur wenige wieder herausführen!

In jenem weiten Meeresbecken, das, einst weit und breit durch die Piratenfahrten eines Bully Hayes und seiner Spießgesellen berüchtigt, der Schauplatz der vielgelesenen Seeromane des bekannten entschlafenen Samoanerfreundes Stevenson ist, der droben auf den sonnigen Höhen von Upolu zur letzten Rast gebettet ist, besaß Deutschland bisher zwei Schutzgebiete, das der Marschallinseln und das von Neuguinea. Das eine, nur dürftig mit Naturgaben ausgestattet, angewiesen allein auf den Ertrag der Kopra und somit von beschränkter Zukunft, gleicht einem guten Eckgeschäft in einer abgelegenen Straße, das aber seinen Mann voll und ganz ernährt; ist es doch das einzige Schutzgebiet, das zu seiner Erhaltung keines Zuschusses von seiten des Reiches bedarf.

Man hört in der Welt nicht viel von ihm, und es geht ihm wie den Frauen; die solidesten und besten sollen ja die sein, von denen man am wenigsten reden hört. Das andere, Neuguinea, in jedem Zuge dem Palast eines Großkaufmanns ähnlich, ist ein Land weitschauender Spekulation, das, heute zwar noch von nicht allzugroßer wirtschaftlicher Bedeutung, aber die allergrößte Zukunft verspricht. Wer jemals seinen Einzug nach Herbertshöhe durch den Georgskanal gehalten hat, wird von der Großartigkeit der landschaftlichen Schönheit und der üppigen Fruchtbarkeit dieses gesegneten Landes überrascht gewesen sein. Auch wenn das Schutzgebiet heute noch nicht viele Kolonisten angelockt hat — und das hat seinen Grund mit in dem wenig angenehmen Charakter der dortigen Eingeborenen, die fast ausnahmslos noch die zudringliche Eigenschaft des Menschenfressens aufweisen — so ist doch der Reichtum seiner Naturschätze so bedeutend und seine Produktionskraft so unerschöpflich, daß die zeit nicht fern sein kann, wo auch dorthin der Weltverkehr mit zwingender Notwendigkeit ganz von selbst gelenkt werden wird.

Nun sind in diesem älteren deutschen Kolonialbesitz in der Südsee auch noch die westlichen Gruppen Mikronesiens, die Karolinen mit den Palauinseln und die Marianen, die den Übergang zu dem Archipel der Philippinen und andererseits nach Japan bilden, gekommen, und weht zweifelsohne heute schon die deutsche Flagge wieder auf diesen prächtigen Inseln. Ein Blick auf die Karte zeigt, wie eng diese Eilande den Marschallinseln und dem Bismarckarchipel angegliedert sind, so eng, daß es schwer war, eine Grenze zwischen spanischem und deutschem Besitz festzustellen. Sie erscheinen mit ihren gewaltigen Basaltgebirgen wie der Brückenkopf zu der Kettenbrücke der niedrigen Koralleninseln, die sich bis nach dem fernen Samoa ununterbrochen fortsetzt. Schon aus diesen rein geographischen Gründen hat jeder deutsche Kolonialpolitiker seiner Zeit ihren Verlust für Deutschland tief beklagt und in eingeweihteren Kreisen hat man niemals die Hoffnung auf eine dereinstige Zurückerwerbung dieser Inseln ganz aufgegeben. Und wenn man das Besitzrecht der abendländischen Nationen an überseeischen Gebieten billigerweise nach der Größe der von ihnen geschaffenen Kulturarbeit und der Ausdehnung ihrer bestehenden Handelsinteressen beurteilt, so müßten die Karolinen wie ganz Mikronesien längst deutsch sein; denn diese Inselgebiete sind erst durch die Kühnheit und den Fleiß deutscher Kaufleute der Kultur erschlossen worden, und hamburgischer Handel beherrscht noch heute fast ausschließlich dieses Gebiet.

Selbst das historische Recht spricht für uns, denn die Männer, die zuerst eine genauere Kenntnis von diesen Korallen- und Basaltinseln des nordwestlichen Mikronesiens nach Europa gebracht haben, waren Deutsche: Kotzebue, der zweite Sohn des bekannten Lustspieldichters, und der Dichter Adalbert von Chamisso. Noch heute sind die Erinnerungen an diese beiden Männer und den "Rurik", den sie brachte, in den Südseeinseln lebendig, während in Deutschland kaum hier und da einer die Aufzeichnungen Kotzebues und Chamissos gelesen hat. So heißt der schöne Hafen in der Lagune von Lukunor in den Karolinen noch heute Chamissohafen. Als ich auf der Atolle Wotje gemeinsam mit dem Kommandanten S.M.S. "Falke", Kpt. Krieg, den kranken Häuptling Murgil besuchte, saßen, wie es bei solchen Fällen üblich ist, die ältesten Leute an seinem Krankenlager. Darunter ein eisgrauer Mann mit langem Bart, den Körper bedeckt mit tausend Hautfalten und die Ohrläppchen zu lebendigen mächtigen Ohrringen ausgebildet, die bis auf die Schultern herabhingen und ihm zur Aufbewahrung seiner Pfeife und anderer Dinge dienten, die man bei uns für gewöhnlich in der Brusttasche trägt.

Greis

"Das ist der Mann," sagte Murgil, "der deine weißen Freunde, den "Cotabu" und "Camito" (Kotzebue und Chamisso) noch gesehen hat". Der Greis erzählte, wie eines Tages Kotzebues "Rurik" in die Lagune eingefahren sei, wäre zuerst alles erschreckt davon gerannt; denn sie hätte noch nie ein so großes Schiff und weiße Menschen gesehen. Das seien böse "Anidsche" (Teufel), hätte sein Großvater gesagt; aber sein Vater sei mutiger gewesen; er habe Kokosnüsse und ihn, den zehnjährigen Knaben, mit sich in das Kanoe genommen und sei zuerst an das Schiff herangefahren. Es war sehr vergnüglich zu hören, wie der alte Herr noch nach achtzig Jahren alle die Einzelheiten dieser ersten Begegnung mit Weißen im Gedächtnis behalten hatte. Es sei aber, meinte er, auch nicht ohne Schrecken für ihn abgelaufen, denn auf dem Schiff sei ein großer Hund mit einem langen weißen Bart, wie er ihn jetzt hätte, gewesen, mit Knochen am Kopf. Das sonderbare Tier hätte auf zwei Beinen gehen können und wäre sehr böse gegen ihn gewesen. Über das Mißgeschick mit diesem deutschen Ziegenbock hat der liebenswürdige Dichter des Peter Schlemihl dann den kleinen Kanaker mit Zuckerwerk, das damals in jenen Gegenden auch noch unbekannt war, getröstet.

Neuguinea
West- und Ostkarolinen

 

Die Karolinen mit den Palauinseln und zum Teil auch die Marianen vereinigen in sich die charakteristischen geologischen Erscheinungen der Inseln des Bismarckarchipels und der Marschallinseln. Zwei- bis dreitausend Fuß hohe Felseninseln wechseln dort mit flachen, einförmigen Korallenatollen ab, die sich nur wenige Fuß über die Flutwelle des Meeres erheben und kaum auf eine Entfernung von über 10 bis 20 englische Meilen für das bewaffnete Auge erkennbar sind. Die bedeutendsten hohen Inseln der weit auseinandergezogenen Gruppe sind außer der Palau und Marianen, Kusaie, der Sitz der Bostonmission, Ponape, Ruck und Yap.

Als ich zum erstenmal mit S.M. Kreuzer "Falke" in den Chabrolhafen von Kusaie einfuhr, war ich, trotzdem ich damals doch schon recht vieles Schöne in der Welt gesehen hatte, in hohem Grad von dem wunderlieblichen landschaftlichen Bild überrascht, wie es sich hier dem Auge bot. Die Bucht, im Norden von der Insel Lele gebildet und ringsum von anmutigen und bis zum höchsten Gipfel mit tiefen Grün bedeckten Bergen umschlossen, ist weit mehr einem oberitalienischen Bergsee, etwa dem Comersee, ähnlich als einem Meereshafen. Um das azurblaue, kristallklare Seebecken reihte sich ein Ufergelände mit üppigster Blumen- und Pflanzenpracht, wie sie in ihrer Mannigfaltigkeit selbst die kühnste Phantasie eines Kunstgärtners sich nicht auszudenken vermag, unterbrochen hier und da von den malerischen Hütten der Eingeborenen mit einem schmucken Kirchlein auf der äußersten Landzunge. Kusaie ist der Zentralsitz der amerikanischen (Boston.) Mission, die seit fast einem halben Jahrhundert in Mikronesien tätig ist. Die hübschen, sauberen Gebäude und sorgfältig gepflegten Anlagen der amerikanischen Mission ziehen sich an einem Hügel des Westhafens hin, der den Bergen des Innern vorgelagert ist und mit ihnen fruchtbare Gründe bildet. Eine besondere Überraschung wurde uns bei unserer Anwesenheit dadurch zu teil, daß wir von den Zöglingen, die größtenteils aus den Marschallinseln stammten, mit dem Gesang der "Wacht am Rhein" — allerdings in englischer Sprache — begrüßt wurden.

Zwar nicht so lieblich, aber in seinen Bergformationen großartiger und grotesker erscheint der Jamestonhafen von Ponape, flankiert von den malerischen Doppelinseln Langar Poitik und dem gewaltigen Felsenkap von Jakoits, das wie eine riesige steinerne Sphinx am Eingang Wache zu halten scheint. Gegenüber der Einfahrt lag die Besitzung des hochverdienten deutschen Südseeforschers Kubary, der nach einer stürmischen Jugend in seiner posenschen Heimat ganz Ozeanien kreuz und quer ruhelos durchzogen hat und hier am Ende seines bewegten Lebens seinen Kaffee und Tabak baute. Als ich nach zwei Jahren wieder an den hübschen Wasserfall zurückkehrte, den der Grenzfluß seines Besitztums und der spanischen Station bildete, und wo wir einst köstlichen Karolinenkaffee trinkend den humorvollen Erzählungen dieses originellen Mannes, der die typischen Tätowierungen fast aller Südseevölker auf seinem Leib trug, gelauscht hatten, wurde ich zu dem breitästigen Mangobaum, einst seinem Lieblingsplätzchen, geführt. Dort unter diesem, in der nun deutschen Erde, ruhte der alte Veteran für deutsche Kolonisation der Südsee von seinen Strapazen und Mühen aus. Not und Sorge um das Dasein hatten ihn zu früh unter die erde gebracht. Es wäre es wohl wert, daß ein kleiner Gedenkstein am Ufer des Pillapenchokolaflusses für alle Zeit an diesen verdienstvollen Gelehrten und Forscher erinnerte.

Noch weit vorzüglicher und sicherer ist der Metalanimhafen, wo ehedem der Häuptling Paul, bis zu seinem kürzlich erfolgten Tod der erbittertste Feind der Spanier, seinen Wohnsitz hatte. Das Innere der Insel mit seinem dichten Urwald hat kaum ein Eingeborener bisher durchwandert, geschweige denn ein Europäer. Die Kanaker, die übrigens im Aberglauben ganz Außergewöhnliches leisten, glauben, daß dort in den tiefgründigen Schluchten behaarte, geschwänzte und sehr bösartige Menschen wohnen; vielleicht sind es Meereskatzen, und kindische Furcht hält die sonst so tapferen Ponapeleuten von einem Vordringen in das geheimnisvolle Innere ab.

Die westlichste Insel Yap hat einen wesentlich andern Charakter als diese östlichen Karolinen. Außerordentlich reich gegliedert in seiner insularen Formation bietet Yap, nach der Sage von zwei Meeresgöttinnen getragen, in seinem Conilhafen einen sicheren Ankerplatz, dessen Szenerie mit seinen Berginselchen eine sehr anmutige ist. Dazu kommt die hohe Stufe der Kultur der dort schon stark malayischen Eingeborenen, die sich in der Anlage wohlgepflegter gepflasterter Straßen und sauberer Dörfer zeigt.

Friedlich und gutmütig weisen die Yaper dieselben angenehmen Umgangsformen auf, wie ihre Götter auf den einzelnen Inselchen, von denen man sich erzählt, daß sie sich ab und zu gegenseitig Höflichkeitsbesuche abstatten. Nur nach einer Richtung hin stehen die Yapleute weit hinter den übrigen Kanakern zurück und fast auf einer vorsintflutlichen Kulturstufe — in ihrem Gelde. Von dem kann man mit positiver Sicherheit behaupten, daß es "Motten und Rost nicht fressen"; es besteht in riesigen Mühlsteinen, die um die Häuser der Häuptlinge herum zur Schau gestellt sind.

Ganz überraschend ist der Blick auf die Lagune von Ruck, aus deren weitem Wasserbecken sich zahlreiche, in ihrer ganzen Ausdehnung dicht bewaldete Basaltinseln erheben.

Und in diese Reihe von hohen Karolineninseln schiebt sich die ungezählte Menge von niedrigen Koralleninseln und Lagunen, wie sie für Mikronesien so charakteristisch sind, hinein. Ein der andern zum Verwechseln ähnlich und ohne ein gerade üppiges landschaftliches Gewand zu zeigen, gedeiht auf ihnen der Hauptexportartikel der Südsee am besten, die Kopra. Und wenn auch die hohen Inseln der Karolinen und Palau sich mehr für die einträglicheren Kulturen von Kaffee, Zucker, Kakao, Tabak und Baumwolle eignen, so wird doch — für die erste Zeit jedenfalls — die wirtschaftliche und merkantile Ausbeutung der neuerworbenen Inselgruppe sich auf eine möglichst intensive Kopragewinnung in den Korallenatollen stützen müssen. Denn es wird ohne Zweifel eine Zeitraums von Jahren bedürfen, um den überschweren Boden aus verwittertem vulkanischem Gestein für den tropischen Plantagebau empfänglich zu machen.

Dann aber wird dieses Bergland der Karolinen, das vor Neuguinea noch den großen Vorzug ausgezeichneter gesundheitlicher Verhältnisse aufweist, Ernten an Reichtum und Güte gleich denen der besten Inseln der benachbarten Philippinen liefern; denn Versuche in geringem Umfang haben zur Genüge gezeigt, daß die reich bewässerten Anhöhen von Ponape, Kusaie, von Ruck und Yap, ebenso wie die Inseln der Marianen und Palau alle Vorbedingungen für die verschiedenen Arten von tropischem Plantagenbau liefern. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß die Karolinen und Marianen ehedem fast die zehnfache Bewohnerzahl aufgewiesen haben als jetzt, wenn der Boden auf diesen Inseln nicht von unerschöpflicher Fruchtbarkeit wäre? Steht es doch geschichtlich fest, daß auf den südlichen Marianen noch vor 100 Jahren ausgedehnte Zuckerplantagen bestanden haben, die von den Spaniern in den Kämpfen mit den aufständischen Chamorros durch das Hineintreiben von zahllosen Schweinen absichtlich vernichtet wurden. Die Riesenbauten in Kusaie und Ponape, aus gewaltigen Basaltsteinen aufgetürmt, die bisher allen Stürmen getrotzt haben, weisen ebenfalls mit Sicherheit darauf hin, das hier ehedem ein zahlreiches Volk mit hoher Kulturstufe seinen Wohnsitz hatte, und die alten in den heutigen Eingeborenen noch lebendigen Sagen von fremden wilden Leuten, die aus dem fernen Süden gekommen seien und die Menschen aufgefressen hätten, lassen es ahnen, wie die Bewohner von Kusaie und Ponape in alter Zeit ihren Untergang gefunden haben.

Die jetzigen Karolinenbewohner unterscheiden sich nur wenig von ihren Nachbarn, den Marschallanern und Gilbertinsulanern. Wie jedes Bergvolk einen größeren Drang nach Freiheit hat wie die Talbewohner, so haben auch die Karoliner der hohen Inseln sich der spanischen Herrschaft gegenüber ablehnender verhalten als die der flachen Inseln. Einmal haben die Ponapeleute die ganze spanische Garnison in ihren Befestigungen angegriffen und samt ihrem Gouverneur bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. Ein zweites Mal ist von einer starken Strafexpedition der Spanier in das Innere nicht ein Mann zurückgekehrt. Die Leute sind ohne Zweifel, wenn es not tut, aber auch nur dann, von kriegerischem Sinn und von hohem persönlichen Mut, aber sie sind nach meinen Erfahrungen auch lenksam und empfänglich für das Gute, was man ihnen erweist. Wird man sie mit Wahrheit und Gerechtigkeit behandeln, so bin ich überzeugt, daß dort auch kein Schuß zu fallen braucht. Niemand ist so empfindlich gegen Lüge und Unrecht, wie Kinder und unsere Südseeinsulaner. Und die Erhaltung des Friedens ist doch das Notwendigste, was in einer Kolonie geschehen muß, und die Kolonien sind zweifelsohne die besten, in denen nicht so viel geschossen wird, in denen es aber dem deutschen Kaufmann und Plantagenbesitzer gut geht.

Der Nachfolger
Die Königsfamilie
Haus

 

Ein Teil der Karolinenbewohner, so die Pingelaper, gelten schon heute als ganz vorzügliche Arbeiter; es ist daher die Hoffnung keineswegs ausgeschlossen, daß die Erziehung zur Arbeit hier und da, namentlich auf den niedrigen Inseln der Karolinen, gelingt. Sonst sind die Leute geschickt im Bootsbau und Flechtarbeit, dabei vortreffliche Seeleute und ausgezeichnete Schwimmer. Wie die Männer sind auch die Frauen kräftige, schöne Erscheinungen. Das dunkle haar, stets durchflochten mit Blättern und duftendem Blütenwerk, und die großen leuchtenden Augen stehen den braunen Gestalten sehr gut. Sie leben ohne Sorge wie die Lilien auf dem Felde, tanzen lachend durch das Leben hin, stets heiter wie der blaue Himmel über ihnen, und es gewährt einen überaus anmutigen Anblick, wenn die Karolinenfrauen zu Ehren von Neuvermählten sich beim Fackelschein zierlich im Tanz drehen. Das junge Ehepaar ist dabei übrigens am übelsten daran, denn es wird zur Feier des Tages am ganzen Körper mit einer sehr haltbaren gelben Farbe dem "Tyk" bemalt, und so kann für die Ärmsten von einer Inkognitohochzeitsreise nicht die Rede sein.

Die Nacht ist freilich ihr Freund nicht, nur bei Sonnen- und Mondschein fühlen sich die Südseeinsulaner wohl. Ihr Aberglauben bevölkert jeden Strauch, jeden Baum, jeden Fluß mit Geistern; im Haifisch sehen sie den Gott des Krieges, im Kastanienbaum sitzt der Gott des Donners und im blauen Sternfisch der des Regens. Bei jeder Gelegenheit werfen sie das "Bubu", eine Art Orakel, und jeder Ponapemann glaubt, daß er sterben muß, wenn der Häuptling das Tabu, das Interdikt, auf ihn legt. In Yap glauben die Leute, ihre Insel werde von zwei Meerweibern über Wasser gehalten, die hin und wieder die Gestalt von blauen Fischen annehmen. Wird einer davon gefangen, so sinkt die Insel wieder in das Meer hinab. So schlingen sich reiche Sagen um die Karolineninseln, deren Entstehen zugleich von der geistigen Höhe der Bewohner Zeugnis ablegt.

Alle Karoliner aber, wie überhaupt alle Südseeinsulaner von Samoa bis Yap, glauben an einen guten Gott, in Ponape Anulap genannt, an ein Weiterleben nach dem Tode, an eine Belohnung der Guten und eine Bestrafung des Bösen — d.h. derer, die ihrem Häuptling gehorsam oder ungehorsam waren — in der Ewigkeit. Den Himmel denken sie sich als eine schöne, fruchtbare, sehr warme Insel, auf der alle ihre Lieblingsfrüchte in seltener Größe und in Hülle und Fülle gedeihen und wo unzählbare Scharen von Fischen und Schildkröten ihnen zuschwimmen. Wie bei den Arabern bevölkert auch die Phantasie unserer Kanaker ihren Himmel mit einer überreichen Schar schöner Frauen. Die Hölle aber bilden zwei ferne einsame Felseninseln, kahl und kalt, ohne Fische und Früchte — die einzige Nahrung der Bösen bildet der von den Insulanern auf das tiefste verabscheute Trepang — ohne Sonne und Mond, dorthin müssen sie schwimmen, verfolgt von Haifischen und riesigen Meeraalen, die sie noch mehr als jene fürchten. Den Eingang bewachen zwei schreckliche Frauengestalten von Riesengröße, die eine bewaffnet mit einem Schwert aus Haifischzähnen, die andere mit einer qualmenden Fackel.

Aber das Allerböseste ist dabei, daß die Männer verdammt sind, auf der einen Insel allein zu leben, die Frauen auf der andern, ohne daß für sie die Möglichkeit besteht, zu einander zu kommen. So leiden die Ärmsten die Tantalusqualen einer hoffnungslosen Liebe, und dies lieblose Leben ist unsern arg verliebten Kanakern, die nebenbei alle ohne Ausnahme die ärgsten Pantoffelhelden sind, wie ich sie je in der alten und neuen Welt sah, das schrecklichste Schicksal.

Hätten diese gutmütigen, religiös angelegten und ihren Königen im Leben und im Tod getreuen Leute seitens der Europäer, die ihr Stillleben in der Südsee unterbrachen, eine bessere Erziehung, als es tatsächlich der Fall gewesen ist, erfahren, so würde es in den letzten Jahrzehnten bei ihnen nicht so wild und kriegerisch zugegangen sein. Aber nach so edlen Männern wie Kotzebue und Chamisso, kamen die rohesten Abenteurer, die Ausgestoßenen aus aller Herren Länder, die an diese friedliche Gestade vom Schlechten das Schlimmste, dazu noch Schnaps und Pulver brachten und das Verderben und der Schrecken dieser armen Insulaner wurden.

Und von Südamerika erschienen dazu Menschenhändler, die erbarmungslos ganze Inseln ausraubten und die zarten Eingeborenen in die Bergwerke von Peru und Chile zu einem langsamen qualvollen Hinsterben verschleppten. Angesichts der Brutalitäten, die man ihm schonungslos antat, waffnete sich endlich das Volk mit der Kraft der Verzweiflung, und dieselben Kanaker, die einst die Menschenfreundlichkeit selbst gewesen waren, wurden die bluttriefendsten Riffpiraten aller Zonen und der Schrecken aller Seefahrer. Im großen und ganzen kann heute in Mikronesien auch diese Periode des Menschenhandels und des wilden Abenteuertums als überwunden gelten; der ernste deutsche Kaufmann ist an der Stelle der ehemaligen Verfemten und Glücksritter, getreten, und christliche christliche Sendboten haben mit Mut und Geduld in den meisten Gegenden das alte Vertrauen der Insulaner zum weißen Mann wieder zurückgewonnen. Auf diesem Boden friedlicher Verständigung mit den Eingeborenen wird die deutsche Verwaltung, belehrt durch die trüben Erfahrungen des spanischen Regiments, Milde und Gerechtigkeit übend, weiter bauen müssen, dann wird das Inselgebiet für uns nicht zu teuer bezahlt sein, und es wird neben Neuguinea, den Marschallinseln und Kiautschau mit ein Faktor zu weiterer wirtschaftlicher Erstarkung des alten Vaterlandes sein.

Und wer heute noch angesichts der bedeutsamen Vorgänge in dem fernen Osten von "weggeworfenen Millionen" bei dieser Erwerbung der Karolinen mit seinen vortrefflichen Berghäfen sprechen kann, dem muß entweder der Sinn für das Verhältnis überseeischer Fragen überhaupt fehlen, oder sein Fuß ist über die Grenzen des alten Europa noch nicht hinausgekommen. Man braucht nicht gerade ein besonders begabter Prophet zu sein, um den Flügelschlag der heraufziehenden neuen Zeit zu fühlen, um zu ahnen, daß wir in einer Zeitepoche leben, die in der Weltgeschichte einen ähnlichen Einschnitt bedeuten wird wie das Zeitalter der Entdeckungen. Es scheint, als wolle der große Ozean, der bisher auch in der Handelsgeschichte und in der Politik tatsächlich der "stille" war, den atlantischen in seiner Vorherrschaft und in seiner Bedeutung ablösen, wie es um die Wende des 15. Jahrhunderts dem Mittelmeer, dem Schauplatz der antiken und mittelalterlichen Weltgeschichte, geschehen ist.

Darum darf Deutschland, will es seine Weltmachtstellung behaupten, bei der staunenswerten Entwicklung unserer produktiven Kräfte für den Export und bei dem glänzenden Stand unserer Schiffahrt gerade dort nicht abseits stehen; denn auf den Bahnen der Weltpolitik ist jeder Stillstand Rückschritt! Ein Blick auf die Karte des großen Ozean läßt uns schon heute ahnen, was die Karolinen in Zukunft uns werden können und sollen. Im Süden das mächtige und überaus aussichtsvolle Gebiet von Neuguinea und des Bismarckarchipels, im Norden Kiautschau, dessen eminente Bedeutung für unsere ostasiatische Stellung erst eine zukünftige Generation voll und ganz ermessen wird, im Osten das herrliche Samoa, das uns nach langem Ringen nun endlich zugefallen ist, und im Westen die Gruppe der Karolinen, Marianen und Palau mit den einzigen sicheren Häfen in ganz Mikronesien. Hier liegen die kräftigen Nährwurzeln für den künftigen Welthandelsverkehr der Südsee, der sich dereinst nicht weniger lebhaft entwickeln wird wie der auf den heutigen Weltstraße des indischen Ozeans.

Die deutsche Reichsregierung hat mit schweren Mühen und Opfern den Boden zum Arbeitsfeld für deutschen Handel und Reederei dort geschaffen. Jetzt ist an dem deutschen Kaufmann und Reeder, auch ihrerseits zu zeigen, das ihnen Kraft und Unternehmungsgeist genug innewohnt, um das Kaiserwort wahr zu machen: "Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!"

Ruben
Samoa
Palau

Quelle: Die Woche, 1899, von rado jadu 2001

 

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