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Deutschland in der Südsee

von A. Woldt

Tänzer

Es war ein schönes Weihnachtsgeschenk für die deutsche Nation, als der Telegraph die Kunde brachte, daß die deutschen Schiffe "Elisabeth" und "Hyäne" auf ihrer gegenwärtigen Reise durch die Südsee nunmehr auch die deutsche Flagge gehißt hätten auf der Küste von Nord-Neuguinea, auf Neubritannien, Neuirland, Neuhannover usw. Es war hierdurch, wenigstens in den Augen derjenigen, die mit den Verhältnissen nicht genau vertraut waren, gewissermaßen noch ein drittes Neudeutschland geschaffen, wie wir ja ein zweites bereits in Afrika besitzen.

In der Südsee jedoch hat der deutsche Name schon seit Jahrzehnten einen guten Klang. Deutsche Handelsunternehmungen, wie beispielsweise diejenigen der Hamburger Firma J.C. Godeffroy und Sohn, legten auf Samoa schon vor vielen Jahren Handelsniederlassungen an, und der alte Chef dieses Handelshauses begann bereits im Jahre 1862 jenes große gemeinnützige Unternehmen, im Interesse der Wissenschaft Reisende durch die Südsee zu senden und dort naturwissenschaftliche Sammlungen zu machen uns Studien auszuführen. Deutschland verdankt diesen mit beispiellosen Uneigennützigkeit durchgeführten Unternehmungen das berühmte Museum Godeffroy in Hamburg, dessen Wert über eine Million geschätzt wird, es verdankt ihm die vielleicht am glänzendsten ausgestattete Zeitschrift Deutschlands, das im Verlage von L. Friederichsen und Ko. in Hamburg erschienene Journal des Museum Godeffroy.

Wie in den Zeiten der mittelalterlichen Entdeckungsfahrten breiteten sich die Handelsunternehmungen dieses und andrer deutschen Häuser netzförmig über einen großen Teil der pazifischen Inselwelt aus. Man entsandte Schiffe hierhin und dorthin, und überließ es deren Führern nicht selten, sich bei der Mangelhaftigkeit der vorhandenen Seekarten selber den richtigen Weg zu suchen, und gelegentlich auch geographische Entdeckungen zu machen, die natürlich im Interesse des Hauses geheim gehalten wurden.

In neuerer Zeit war es besonders die deutsche Handels- und Plantagengesellschaft der Südseeinseln in Hamburg, welche ebenso wie die Hamburger Firma Hernsheim u. Ko. ihre Niederlassungen weithin über die Südsee ausbreitete, wobei auch der südöstliche Teil der Südseeinseln, der im großen und ganzen unter dem Namen Melanesien bekannt ist und welcher die dem Festlande von Australien im Norden und Nordosten vorgelagerten großen Inselgruppen enthält, in die Unternehmungen mit hineingezogen wurde.

Den politischen Mittelpunkt aller dieser zahlreichen deutschen Handelsniederlassungen und Stationen bildete das kaiserliche deutsche Konsulat für die Südseeinseln, welches sich in Apia, auf der Samoainsel Upolo befindet. In der dritten Sammlung von Aktenstücken, welche Fürst Bismarck Ende Dezember 1884 dem deutschen Reichstage übergeben ließ, finden sich die zahlreichen Handelssationen usw. der beiden oben genannten Firmen angegeben. Wir finden danach, daß dieselben sich fast über die ganze Inselwelt der Südsee ausgebreitet haben. Es ist daher vollkommen erklärlich, wenn die deutschen Handelsinteressen in der Südsee sich um Schutz und Unterstützung an unsre deutsche Reichsregierung gewandt haben. In dieser Beziehung müssen wir das ganze Gebiet der Südsee als etwas Einheitliches auffassen, denn der deutsche Handelsgeist hat keinen Unterschied zwischen Polynesien im Osten, Mikronesien im Norden und Melanesien im Süden gemacht, sondern sich unbekümmert um ethnographische oder andre Grenzen gleichmäßig überall hin ausgebreitet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß die Inselgruppen von Melanesien bis vor wenigen Jahren durch Weiße überhaupt nicht besucht worden sind und daß ihre erst zum Teil ausgeführte Erforschung der Gegenwart angehört.

So kam es, daß die Schmerzensschreie deutschen Unternehmungsgeistes vornehmlich aus Melanesien ertönten und daß es notwendig erschien, durch Aufhissen der deutschen Flagge dort die Interessen unsrer Landsleute zu schützen, namentlich auch deshalb, damit englischaustralische Rivalität aus dem naheliegenden Festlande von Australien auf diesen Inselgruppen kein erdrückendes Übergewicht erhalten sollte.

Trauer
Häuptling

 

Deutschland hat aber auch ein größeres Recht als jede andre Nation, sich hier auszubreiten, denn Se. Maj. Schiff "Gazelle" war es auf ihrer berühmten wissenschaftlichen Erdumseglung 1874 bis 1876, unter Führung des gegenwärtigen Chefs des Hydrographischen Amtes in Berlin, Baron von Schleinitz, welche diese Inseln zuerst anlief und Land und Leute zu erforschen suchte. Während das große Reisewerk über diese Fahrt der "Gazelle" gegenwärtig in Ausführung begriffen ist, liegen uns die damals veröffentlichten ersten Berichte vor. Wir sind in der Lage aus ihnen, sowie aus den Berichten des russischen Reisenden N. von Miklucho-Maclay und des Reisenden L.M. D'Albertis — nach dessen zweibändigem Prachtwerk über Neuguinea die Illustrationen zu diesem Artikel angefertigt sind — uns über Land und Leute der jetzt unter deutsche Flagge stehenden Gebiete ein Bild zu machen. Es trifft sich rein zufällig, daß die Bewohner dieser, in der Nähe des Äquators liegenden neuen deutschen Küstenstriche und Inseln fast ganz den Papuas angehören.

Als Sr. Maj. Schiff "Gazelle" im Jahre 1875 den nördlichen Teil von Neuguinea besuchte, wurden einige sehr schöne Häfen entdeckt und Exkursionen ans Land gemacht. Die Niederlassungen der Küstenbevölkerung bestanden aus Pfahlbauten, die unmittelbar über dem Wasserspiegel liegen. Die Plätze für die Dörfer pflegen teils versteckt in einer Uferbucht zu liegen, teils werden sie so gewählt, daß sie durch eine kleine Insel gedeckt werden.

Bei der Bevölkerung fallen zwei verschiedene Typen in die Augen: die Bewohner des Innern, wohl die eigentlichen Papuas, von sehr dunkelbrauner Farbe mit behaartem Körper, mager und schlecht gebaut, häufig mit hervortretendem Bauche und dünnen, hochsitzenden Waden, mit dichtem wolligen Haarwuchs, plattem Gesicht und schönen Augen mit wenig Ausdruck, schmaler Stirn und breiten Backenknochen, dicken Lippen, breiter Nase und vorgeschobener Mundpartie; der zweite Typus der Bevölkerung von rotbrauner Hautfarbe, ziemlich gut gebautem, schlanken Körper, mit recht intelligentem, mitunter ganz hübschen Antlitz, mit kurzer breiter Nase, großem Munde und krausem Haar. Dieser letztere Menschenschlag ist wahrscheinlich aus der Mischung der echten Papuas mit malayischen Handelsleuten entstanden. Freiherr von Schleinitz berichtet: Die Leute erwiesen sich gegen uns im ganzen scheu und zurückhaltend, doch nicht feindselig, denn die Pfeilschüsse, mit denen eins unsrer Boote empfangen wurde, werden auf Rechnung der durch das Erscheinen noch nie gesehener weißer Männer erzeugten Überraschung zu setzen sein, da das spätere Verhalten auch hier ein ganz friedliches war. Das scheue benehmen und die Furcht, welche die Leute z. B. bewog, beim Erscheinen des Schiffes ihre Frauen aus den Dörfern in die Wälder zu entfernen, ist zum Teil wohl auf die Abgeschlossenheit zurückzuführen, in welcher die einzelnen Dörfer leben, zum Teil auf das bekannte Raubsystem der Honigflotten, welches in früheren Jahren vom Sultan von Tidore geübt wurde, um die von ihn beanspruchten Tribute an Waren und Sklaven von dieser armen Bevölkerung beizutreiben.

Angriff
Landschaft

Daß ein derartiger Verkehr mit der höher stehenden malayischen Rasse, der sich erst in neuerer Zeit unter holländischem Einflusse friedlicher gestaltet hat, nicht gerade besonders hebend auf den kulturstand der Neuguineer gewirkt hat, ist nur natürlich. Er scheint nur äußerlich Bekleidung, Waffen und Hausgerät in etwas beeinflußt zu haben, dagegen Haus- und Ackerbau, Industrie usw. ebensowenig, wie er die geistigen Eigenschaften zu heben vermocht hat. Die Bekleidung bei den Männern besteht aus einem Tuche um die Hüften oder auch nur aus einer Binde zwischen den Beinen; von manchem wird daneben noch das malayische Kopftuch getragen. Die aufgebauschte Haarfrisur, wie sie die Papuas sonst lieben, sieht man hier selten, gewöhnlich wird das Haar kurz getragen, zuweilen länger und nach timoresischer Art in einen durch eine Kamm gehaltenen Schopf gebunden. Das Barthaar wird ausgerupft oder abgeschoren. Die Frauen sind, ähnlich denen des holländisch-ostindischen Archipels, bis zu den Schultern in Tuch gehüllt oder nur bis unter die Brust und pflegen das Haar kurz zu tragen, wenn schon auch langes, loses Haar, nach malayischer Sitte, vorkommt. Des Schmuckes bedienen sich hauptsächlich die Männer und zwar in Gestalt von Halsketten, Ringen, Ohrgehängen aus Perlen, Knochen, Wurzeln, zuweilen auch aus Silber, um Hals, Arme beziehungsweise als Fingerreife getragen; im Haar sieht man oft Kämme oder eine schwarze Feder. Geschlitzte Ohrläppchen und durchbohrte Nasenscheidewand wurden mehrfach bemerkt. Geregelte Ehen existieren jedenfalls, indes nach den vielen Frauen und Kindern im Hause eines Häuptlings zu urteilen, auch Vielweiberei. Die Frau besorgt die Hausarbeit und rudert oft das Kanoe, während der Mann fischt.

Als Nahrungsmittel dienen Fische, Bananen, Zuckerrohr, Yams, Sago, Kokosnüsse und die Larve eines Borkkäfers. Schweine und Hühner kommen vor, sind aber nicht häufig.

Über das Familienleben der Papuas liegen anderweitige Mitteilungen vor: Die Heirat ist eine sehr einfache, der Bräutigam heiratet früh, indem er für seine Braut Geschenke zahlt. Alsdann wird ein Schwein oder ein Hund geschlachtet, ein Festmahl eingerichtet und das Ehebündnis ist geschlossen. Im allgemeinen behandeln die Männer ihre Frauen gut. Täglich bringt die Frau die Früchte vom Felde und sammelt Holz für das Nachtfeuer, auch holt sie Wasser vom Strande und vom Bache. Abends kann man oft Frauen, schwer beladen, vom Felde zurückkommen sehen. Auf dem Rücken tragen sie an Schnüren, die sie mit vornübergebeugter Stirn halten, zwei Säcke, deren unterer Früchte, und deren oberer das jüngste Kind enthält. Gleichzeitig tragen sie große Bündel von dürrem Holze, und halten in der Rechten Hand oft noch eine Quantität Zuckerrohr, während sich an die linke Hand zuweilen noch ein jüngeres Kind anhängt. Eine solche Last bei der Hitze und den engen Pfaden ist sehr ermüdend, und reibt die Gesundheit der jungen Frauen bald auf. Die Kinder sind sehr munter und weinen und schreien sehr selten; sie werden vom Vater, auch zuweilen von der Mutter, sehr gut behandelt. Die Regel ist, daß die Mutter die Kinder weniger zärtlich behandelt, als der Vater. Überhaupt zeigen die Papuas eine sehr große Kinderliebe, man hat sogar, was bei wilden Völkern selten vorkommt, Spielsachen bei denselben gesehen. Es waren eine Art Kreisel, kleine Schiffchen, die die Kinder aufs Wasser setzten und mehrere andre dergleichen. Aber früh begleitet schon der Junge seinen Vater auf die Plantage oder auf seinen Zügen durch den Wald und bei seinen Ausfahrten zum Fischen. Er lernt aus der Praxis fast in der Kindheit alle seine späteren Beschäftigungen kennen, und bekommt schon als junger Knabe ein sehr ernstes und vorsichtiges Wesen.

Menschenfresser
Dorf

Es ist eine komische Szene, die man oft zu sehen bekommt, wie ein kleiner Junge von etwa vier Jahren mit sehr ernster Miene ein Feuer anmacht, Holz holt, die Schüsseln rein wäscht, dem Vater hilft die Früchte zu schälen und dann plötzlich aufspringt, zu seiner bei irgend einer Beschäftigung hockenden Mutter läuft, sie bei der Brust anfaßt und trotz ihres Abwehrens zu saugen anfängt. Es ist nämlich eine sehr verbreitete Sitte, daß die Kinder sehr lange gesäugt werden.

Die Insel Neuguinea, eine der größten Inseln der Erde, wird bekanntlich nur in ihrem nördlichen Teile für das deutsche Reich in Anspruch genommen, wir dürfen aber hoffen, daß gerade dieser Teil dem von der Südsee aus herantretenden deutschen Handels- und Unternehmungsgeist noch herrliche Früchte tragen wird, zumal er sich in Bezug auf geographische Lage, Bewohnerschaft und Ertragsfähigkeit von den Inseln Neubritannien, Neuirland, und den übrigen Teilen Melanesiens wenig unterscheidet.

Die Insel Neuhannover besteht aus einem einzigen Gebirgsstock von 300 bis 600 Meter Höhe ohne hervorragende Kuppen. Nur die Ausläufer dieses Gebirges, namentlich nach dem Süden hin, weisen einige größere und kleinere berge und Kuppen auf. An der Nord- und Nordwestküste der Insel erstreckt sich niedriges, zum Teil sumpfiges und mit einer wallartigen Erhebung — jedenfalls dereinst ein Korallenbarrieriff — eingefaßtes, Küstenland in einer Breite von 2 bis 4 Seemeilen. Das äußere unter dem Wasserspiegel liegende Korrallenbarrieriff , welches diesen nördlichen Teil der Küste in ungefährer Entfernung von einer Seemeile umgibt, schließt eine Anzahl schön bewaldeter Korallen Inseln ein.

Ganz ähnlich verhält sich der nordwestliche Teil der Insel Neuirland, von welchem fast 20 Seemeilen aus flachem und zum Teil stark sumpfigen Korallenkalkland bestehen und der sich dann zu einem sehr nahe an die Südwestküste herantretenden kuppellosen Gebirgszuge von 400 bis 600 Meter Höhe erhebt. Längs der grünbewaldeten Küste von Neuirland segelnd, passieren wir den St. Georgs Kanal und nähern uns dem Nordostende Neubritanniens, der geräumigen Blanchebai. Drei das Hinterland weit überragende, sehr hohe isolierte Berge, drei erloschene Vulkane, die "Mutter" und die "beiden Töchter" genannt, schieben sich auf der Kraterhalbinsel weit nach Osten in das Meer vor. Mitten in der Blanchebai liegt die kleine Insel Henderson oder Matupi, auf welcher unter dem Schutz der deutschen Flagge stattliche Lagerhäuser sich befinden. Von hier aus wird der Handel mit den verschiedenen Unterhandelsstationen des Archipels von Neubritannien betrieben. Der ehemalige Konsul des Deutschen Reiches auf Jaluit, einer Laguneninsel des nordöstlich davon gelegenen Marschallarchipels, Franz Hernsheim hat in seinem sehr interessanten Buche "Südsee Erinnerungen," welches in glänzender Ausstattung vor kurzem im Verlage von A. Hoffmann u. Ko. in Berlin erschienen ist, u.a. eine fesselnde Beschreibung der Insel Matupi gegeben.

Die Bewohner der Inselgruppe von Neubritannien sind von beinahe schwarzbrauner Hautfarbe und gehen vollständig unbekleidet; sie zeichnen sich durch kräftigen, besser entwickelten Körperbau von den Mikronesiern aus. Das dicke, wollige Haar wird von den Frauen kurz geschoren, ohne jegliche Verzierung, meist mit eisenocker rot gefärbt, getragen; die Männer dagegen entfalten viel größere persönliche Liebhaberei in Bezug auf den Kopfputz und rasieren mit Muscheln bald den Vorderkopf, bald einen schmalen Streifen quer über den Scheitel, oder lassen nur einige Büschel Haare in der Mitte stehen. Andre ziehen die verfilzten lockigen, vom Wirbel gleichmäßig nach allen Seiten fallenden Haarstränge in die Länge, so daß man lebhaft an einen Pudelkopf erinnert wird, oder sie verzieren die weißgetünchte Perücke mit rot- oder gelbgefärbten Federn verschiedener Formen.

Da das Klima des schönen Landes die Bekleidung entbehrlich macht, äußert sich der Schönheitssinn in andrer Ausschmückung des Körpers und gerät, wie überall, auch bei diesen Naturkindern auf manche Abwege. Als Schmuck dienen namentlich weiße, aus einer Muschel geschnittene Armringe, deren mitunter ein Dutzend auf einem oder beiden Oberarmen getragen wird, Perlenschnüre von bunten Pflanzenkernen, von Tierzähnen, von kleinen Muscheln und dergleichen, sowie große Scheiben, ebenfalls aus einer Muschel geschnitten und im Zentrum mit einer durchbrochen gearbeiteten kleineren Scheibe von Schildpatt oder andrem dunklen Material belegt. Die Scheibe wird an einer Bastschnur um den Hals befestigt auf der Brust hängend getragen. Federn oder Federbüsche im Haare sind Abzeichen der Höherstehenden. Rote Bastbänder und bunte Bastschnüre als Stirnband oder um die Hüften befestigt, sind stellenweise in Gebrauch. In Neubritannien treten dazu noch breite platt auf den Schultern liegende Kragen mit reihen- oder musterweis darauf befestigten Zähnen von Menschen, von Haifischen usw. von kleinen Muscheln oder dergleichen.

Als Sr. Maj. Schiff "Gazelle" im Jahre 1875 diese Inseln besuchte, hatten die Einwohner noch keinen Europäer gesehen; aus diesem Grunde konnte Baron von Schleinitz hier selbst eine so großartige ethnographische Sammlung machen , wie seitdem niemals wieder auf einer Expedition in diesem Teil der Erde zusammen gebracht worden ist. Diese, im Berliner Königlichem Museum befindlich und seitdem noch erweiterte Sammlung legt uns einen Beweis von der hohen Kunstfertigkeit dieses Menschenschlages ab, obgleich derselbe noch in der Stein- und Knochenzeit lebt. Mit ihren primitiven Werkzeugen vermögen die Einwohner sogar den Wald auszuroden, wo irgend der Boden dem Ackerbau einigen Erfolg in Aussicht stellt. Mehrfach — sagt Baron von Schleinitz — stieß ich bei meinen Wanderungen auf größere Strecken, wo zunächst der Wald abgebrannt war. Dabei verkohlen aber die Baumstämme nur äußerlich und nun müssen sie Stein- und Muschelwerkzeugen abgeschnitten, die Wurzeln womöglich ausgegraben und schließlich der Boden, man denke, mit Stöcken umgegraben werden. Was es heißt, Tropenbäume zu fällen, hatten wir selbst gute Gelegenheit, kennen zu lernen, als wir Holz zum Ersatz der Kohle einnahmen und unsre Äxte und Sägen nicht selten entweder wie Glas zersplitterten oder sich wie Blei bogen, als sie mit diesem eisenharten Holze in Berührung kamen.

Die Bewohner eines großen Teils der gesamten Inselwelt der Südsee sind noch Kannibalen, gerade so wie manche unsrer neuen Brüder im Innern von Afrika; wie überhaupt die Menschenfresserei sehr weit über den Erdboden verbreitet ist. Im Museum Godeffroy in Hamburg befinden sich sehr kunstvoll geschnitzte hölzerne Schüsseln, welche auf einer Insel dazu verwandt wurden, daß ein Häuptling einem andren, oft auf tageweite Entfernung hin, einen in hockender Stellung gebratenen Menschen darauf als Beweis der Aufmerksamkeit und Höflichkeit zusendete.

Die Gründe für das Bestehen des Kannibalismus werden verschieden angegeben. Man muß sich nicht vorstellen sagt Franz Hernsheim, daß ein Kannibale seinen Mitmenschen anfällt und, wenn er Hunger hat, anbeißt; sondern es geht alles weit ruhiger zu. Zum alleinigen Zweck des Auffressens wird selten oder nie jemand getötet; es sind lediglich die gefangen genommenen oder getöteten Feinde, die zum festlichen Gelage verspeist werden. Von gefallenen Freunden sollen die edlen Teile, wie Herz, Auge und dergleichen verzehrt werden, weil dadurch Mut, scharfes Gesicht usw. auf den davon Genießenden übergehen. Dagegen ist der Führer der "Gazelle" der Ansicht, daß das natürliche Bedürfnis nach Fleischnahrung die erste Veranlassung für jenes Laster gewesen sei und daß alsdann der Kultus sich der Sache bemächtigte und, um den natürlichen Widerwillen, welcher mit den Gelüsten in Kampf tritt, beseitigen zu helfen, sie in religiöse Formen eingekleidet hat. Nach dieser Ansicht haben sich die Priester also nur ein vorhandenes Bedürfnis dienstbar gemacht, um ihren Einfluß auf das Volk zu vermehren.

Die Bevölkerung jeder Insel zerfällt in zahlreiche Stämme, die miteinander wenig verkehren, und fast in gegenseitiger Fehde leben. Hierfür spricht auch die versteckte und befestigte Lage vieler Dörfer, das stete Bewaffnetgehen der ganzen Bevölkerung sowie zahlreiche, von Speerwürfen herrührende Narben. Gefangene oder getötete und erbeutete Krieger aus feindlichem Stamme werden gewöhnlich gespeist.

Diese für unsre Auffassung grauenhaften Eigenschaften vertragen sich trotzdem mit andren, die auf Vorhandensein von Gemüt und edleren Gefühlen deuten, wie man sich überhaupt — so berichtet Schleinitz — bei längerem Beisammensein mit diesen Leuten einer gewissen Sympathie für sie kaum verschließen kann. Die großen Fehler, welche sie besitzen, scheinen mehr aus einer gewissermaßen kindischen Unerzogenheit hervorzugehen, als aus Schlechtigkeit des Charakters. Stellenweise, namentlich in Neuhannover war ein starker Diebssinn ausgebildet. Als wir am ersten Ankerplatz ans Land gingen, verschwand uns bald alles aus den Taschen, was lose getragen wurde. Wurde ein Kerl dabei ertappt, so lachte er, als habe er nur einen guten Witz machen oder seine Geschicklichkeit zeigen wollen. Man fühlt als Europäer solchen Leuten gegenüber ganz von selbst die Verpflichtung, ihnen etwas Gesittung beizubringen und sobald ich z.B. beim Beginn einer Exkursion, wo mich eine Schar Einwohner begleitete, nachdem sie auch wieder eine Entwendung versucht hatten, durch heftige Worte und durch Androhung von Züchtigung ihnen verständlich gemacht hatte, das Stehlen ein Unrecht sei, wurden Diebstähle auf der weiteren Tour nicht mehr versucht, vielmehr waren die Leute willig, dienstbar und freundlich.

Die kleine Insel Matupi ist stark bevölkert, doch wird nicht, wie auf dem Festlande, Ackerbau getrieben, sondern man lebt vom Fischfange, den zahlreichen Früchten der Kokospalme, mit der die Insel dicht bestellt ist und einem sehr lebhaften Handel, der mit Neubritannien und der York Insel unterhalten wird.

Die Bewohner Neubritanniens, deren Dörfer, Bananen und Tarofelder meist weit vom Strande inmitten des Urwaldes, oder hoch oben auf den Bergen liegen, kommen an bestimmten Wochentagen mit Lebensmitteln beladen zum Strande herab, wo ein förmlicher Marktag abgehalten wird.

Eine kleine weiße Muschel ist das Geld, Diwarra genannt. Durchlöchert, wird sie auf dünne, gespaltene Bambusfäden aufgezogen und zu großen dicken Rollen, wie Tauwerk, zusammengelegt. Ein paar Armlängen Diwarra ist der Preis eines gewöhnlichen Kanoes; für Lebensmittel und dergleichen wird die Schnur nach Fingerlängen abgemessen.

Früh morgens verlassen Dutzende von Kanoes den Hafen von Matupi und kehren erst nachmittags zurück; die Fahrzeuge sind klein und unbedeutend und können sich bei weitem nicht mit denen Mikronesiens messen. Der ausgehöhlte, vorn und hinten zugespitzte Stamm, notdürftig mit dem Ausleger verbunden und ohne Segelvorrichtung, wird von wenigen, meist alten Weibern gerudert, denn ihnen liegt fast ausschließlich die Beschaffung von Lebensmitteln ob. Die Mitte des Fahrzeuges wird gewöhnlich von einem jungen Mädchen oder Knaben eingenommen, der die Langeweile der Fahrt mit Flötenspiel verkürzt.

Das einfache Instrument, auf dem eine ebenso einfache Melodie gespielt wird, ist aus Bambus verfertigt und manchmal mit niedlichen Schnitzereien versehen. Einen Anspruch auf große Tonkunst kann der Neubritannier sicherlich nicht erheben, aber zu den bewegungslosen Meere, durch das mit lautloser Stille das Kanoe gleitet, zu der warmen, duftigen Atmosphäre, die uns umgibt, passen die langgezogenen melodischen Töne und erinnern uns an die heimische Äolsharfe.

Die Damenwelt hält als Haustiere Hühner und Schweine; letztere werden, so lange sie jung sind, von den Frauen wie Schoßhündchen herumgetragen, ja sogar gesäugt. Auch den Vogel Kasuar pflegt man zu zähmen.

Von einer Insel der Karolinengruppe berichtet Hernsheim, daß die jungen Damen der Eingebornen häufig die bekannten überriechenden "fliegenden Hunde" zu ihrer Unterhaltung zu zähmen pflegen. Diese Tierchen kriechen dann zutraulich an dem ganzen Körper ihrer schönen Besitzerin herum, fressen aus der Hand und kommen sogar, da man sie frei umher fliegen läßt, auf einen Lockruf vom Dache oder den nahestehenden Bäumen herab.

Zahllose Zeremonien für Tanz und andre Festlichkeit, für religiöse Gebräuche u.a.m. finden in den verschiedenen Teilen der Südsee statt. Eine ziemlich weit verbreitete ist die in unsrer Illustration angedeutete Duk Duk Zeremonie, welche gewöhnlich bei Erkrankung eines Häuptlings veranstaltet wird. Hierbei kleiden sich die sogenannten Zauberer in hutartige bis zu den Knien reichende Gestelle von Pflanzenfasern und durchlaufen bettelnd die Insel. Während dieser Zeit müssen sich Weiber und Kinder bei schwerer Strafe verbergen.

Duk Duk

Das von dem deutschen Unternehmungsgeist bis jetzt auf der Südsee Inseln in Ausbeutung genommene Terrain umfaßt Hunderttausende von Hektaren. Es spielt hier die Frage der Beschaffung der einheimischen Plantagen Arbeiter gegenwärtig die bedeutendste Rolle; aus diesem Grunde ist die bisherige nicht mehr ausreichende Vertretung des Deutschen Reiches in der Südsee vermehrt und der Schutz des Reiches über die oben genannten Inseln ausgesprochen worden. Hiermit kann und wird das Deutsche Reich indessen nicht in der Kolonisationsfrage aufhören; es wird im Gegenteil seine schützende Hand auch noch über jene zahlreichen Inselgruppen des Ostens und Nordens des Südsee Archipels ausbreiten, auf denen deutsches Kapital und deutscher Handelsfleiß schon längst, sei es in eignen Unternehmungen, sei es in Unterstützung fremdländlicher Firmen Fuß gefaßt hat. Wenn irgendwo auf Erden, so ist gerade im Stillen Ozean, diesem größten und rätselhaftesten Kulturbecken der Menschheit, noch die Möglichkeit geboten, daß der deutsche Aar seine Schwingen mächtig entfalten kann.

Quelle: Schorers Familienblatt, 1885, von rado jadu 2001

Äolsharfe
Kasuar
Diwarra