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Aus unserem neuesten Schutzgebiete.

Kanubau und Kanufahrten der Marschall- Insulaner*

Das Alter der Steinzeit geht mit raschen Schritten seinem völligen Untergang entgegen. Die wenigen Repräsentanten derselben, welche wir so gern als "Wilde" bezeichnen, werden in den entlegensten Winkeln des Erdballs von der Zivilisation aufgesucht und verfallen, mit ihr in Berührung gebracht, unaufhaltsam ihrem Schicksal. Wie unsere Vorfahren, die Pfahlbauer, nur noch an den zum Teil fragmentarischen Überresten ihrer Geräte, ja ihrer Küchenabfälle studiert werden können, so verschwinden unter unseren Augen Stämme des Menschengeschlechts, noch ehe wir von ihnen hinreichend Kunde erhielten.

Mit schmerzlichen Gefühlen betrachte ich im Museum zu Hobart den Inhalt zweier kleinen Schränke: alles, was von den Arbeiten der Tasmanier übrigblieb, die mit Truganini vor bereits zehn Jahren ausstarben. Wie den Tasmaniern wird es anderen Stämmen der Südseevölker ergehen. Die Kolonie Viktoria zählt nur noch etwa siebenhundert Eingeborene; die Inseln der Torresstraße kaum mehr fünfhundert! Aber auch viel höher stehende Stämme als die angeführten, ja selbst solche, die seit Dezennien die Zivilisation kennen, sind dem gleichen Fatum verfallen, wobei nur an die Hawaiier und Maoris Neuseelands erinnert sein mag. Ähnliche Verhältnisse traten mir selbst in der Südsee entgegen, so z. B. auf der lieblichen Karolineninsel Kuschai (Ualan), die 1880 kaum mehr dreihundert Eingeborene besaß.

Viel schneller als die Eingeborenen selbst verschwindet, im Umgang mit Fremden und der sogenannten Kultur, ihre Originalität. Wie rasch sich dieser Prozeß vollzieht, wird ein Beispiel aus Neubritannien lehren. Im Jahre 1880 war hier noch ein Musikinstrument, Pangolo genannt, bei den Weibern gäng und gäbe, das insofern Interesse verdient, weil es meines Wissens das einzige mit Saiten bespannte in der ganzen Südsee ist. Drei Jahre später erhielt ich keins mehr. "Pangolo starb", sagten mir die eingeborenen, "die Maultrommel tötete es!" — Ja, die Maultrommel! ist sie doch von Eisen! Und Eisen bewirkt bei Völkerstämmen, die es noch nicht kannten, gewöhnlich das Gegenteil von dem, was wir voraussetzen: statt vollkommener, geschickter, fleißiger macht es sie ungeschickter, fauler! Meine Südseeerfahrungen unter Stämmen, die noch durchaus in der Steinzeit leben, wie solchen, die derselben bereits entwöhnt wurden, berechtigen mich zu diesem Urteil, das manchem vielleicht sonderbar klingen mag.

Von dem, was der Mensch nur mit Werkzeugen aus Stein oder Muschel zu schaffen vermag, geben unsere Museen nur schwache Vorstellungen. Ist es schon schwierig, kleinere Sachen in solcher Vollständigkeit auszustellen, daß sie das Leben ihrer Verfertiger möglichst umfassend veranschaulichen, so läßt sich dies bei Denkmälern der Baukunst nicht durchführen, schon des Raumes halber. Nur ein Museum besitzt, meines Wissens, ein vollständiges Haus, zwar nicht mit Steinwerkzeugen, aber doch von Eingeborenenhand und -kunst erbaut. Es ist dies ein Haus aus den Pandangschen Oberlanden, im Reichsmuseum für Ethnologie zu Leiden oder vielmehr in einem dazugehörigen Garten desselben aufgestellt, wofür die Ethnologie dem rührigen Direktor Dr. Serrurier aufrichtig Dank wissen wird. Aber ähnliche Bauten, zum Teil viel größere, hat das Steinalter der Südsee noch heute aufzuweisen: das große Versammlungshaus in Humboldtbai auf Neuguinea ist an sechzig Fuß hoch und wurde durchaus mittels Steinäxten errichtet!

Wie schnell werden diese Denkmäler der Baukunst, Blätter aus der Geschichte der Menschheit, verschwunden sei? Und mit ihnen ihre ebenbürtigen Schwestern in Kunstfleiß und Geschicklichkeit der Steinperiode, die Erzeugnisse des Schiffbaus, welcher gerade im Leben der Südseevölker eine so hervorragende Rolle spielt. In vielen Gebieten gehört sie bereits zu den ausgespielten und nur Fragmente geben noch Kunde von ihr. Die Tradition hat uns nur die Namen der gewaltigen Doppelkanus erhalten, mit denen die Maoris vor sechsundzwanzig Generationen von Hawaiki nach Neuseeland kamen; von den großen Fahrzeugen Kamehameas I., des Eroberers Hawaiis, sind nicht einmal diese bekannt, obwohl kaum ein Jahrhundert darüber verfloß. Mit dem, was die Südsee noch heute in dieser Richtung bietet, und zwar in großer Mannigfaltigkeit, wird es ähnlich gehen, wenn sich nicht die Museen beeilen.

Freilich bedarf es dazu besonderer Mittel und Kräfte, denn Fahrzeuge, zumal Kanus, verursachen allein schon des Transportes wegen ungeheure Schwierigkeiten. Ich darf aus Erfahrung sprechen, denn es gelang mir, eins jener seetüchtigen Fahrzeuge der Marshallinseln für die Wissenschaft zu retten, welches jetzt das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin bereichert.

Diese Kanus, Ua oder Wa genannt, nehmen unter denen der Südseebewohner unbestritten eine hohe Stelle ein und rechtfertigen den Ruf ihrer Verfertiger als den tüchtiger Schiffsbauer. Die letztere Bezeichnung ist nicht wörtlich zu nehmen, denn ein Kanu ist noch lange kein Schiff in unserem Sinne, nicht einmal ein Boot. Von letzterem unterscheidet es sich schon durch den Ausleger, ein wagerechtes Seitengestell, welches mittels Querstangen mit einem parallel laufenden Längsbalken, dem Balancier, verbunden, ohne welchen sich der schmale Schiffskörper überhaupt nicht aufrecht halten würde.

Letzterer besteht im wesentlichen aus einem ausgehöhlten Baumstamme, dem zuweilen Bretter aufgelascht, ja zuweilen mittels Rippen verbunden sind, wie z. B. die Kanus der d'Entrecasteauxinseln. Solche Fahrzeuge nähern sich dann in der Bauart unseren Böten. Trotz steter Wiederholung der Grundformen findet sich eine große Mannigfaltigkeit, und jedes Gebiet der Südsee hat in Form wie Segelgeschirr und Aufputz besondere charakteristische Eigentümlichkeiten aufzuweisen.

Wir haben es hier nur mit dem Ua oder Segelkanu der Marshallinseln zu tun, von denen die beigefügten Illustrationen nach meinem Originalphotographien eine so gute Vorstellung geben, daß es nur einer kurzen Erklärung bedarf. Auf der Seitenansicht bezeichnet a den Schiffsrumpf (ca. fünfundzwanzig Fuß lang und ca, sieben Fuß hoch), b das Auslegergestell (Ere), ca fünfzehn Fuß lang und fünf Fuß breit, c den Auslegerbalken (Kubak), so lang als das Fahrzeug, d die Plattform (Bedak), ca fünf Fuß breit und ca. zehn Fuß über die dem Auslegerbalken entgegengesetzte Seite vorragend, e der Mast (Gidschu), f das aufgerollte Segel (Wudschela); das übrige erklärt sich von selbst.

Boot
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Der Brotfruchtbaum liefert in der armen Flora der Koralleninseln das einzige brauchbare Material. Aber selten finden sich entsprechende Stämme, und so müssen dem eigentlichen Kielstücke stets nach Seitenstücke an -resp. aufgesetzt werden. Dieselben werden durch Tauwerk aus Kokosfaser, durch entsprechende Löcher gezogen, befestigt; auf den Verbindungsflächen werden streifen von Pandanusblatt eingelegt. Klebemittel wie Harz und dergleichen kennt der Schiffsbau der Marshallaner nicht, dagegen Kalfaterung mit sein gezupfter Kokosfaser. Völlige Dichtung läßt sich aber selbstredend nicht erreichen, und ein Kanu erfordert daher beständiges Ausschöpfen. Man bedient sich dazu Schöpfer, Linn , wie sie in dieser oder in ähnlicher Form über die ganze Südsee verbreitet sind.

Für die Bauart der Marshallkanus ist die Ungleichheit der beiden Seiten ganz besonders charakteristisch. Während die dem Ausleger zugekehrte Seite sich sanft rundet, verläuft die entgegengesetzte fast gerade. Die Vorderansicht veranschaulicht dies am besten, ebenso wie das Auslegergestell. Die Verbindung der verschiedenen Teile des Holzgerüstes desselben, wie mit dem schweren Auslegerbalken selbst, geschieht mittels Stricken aus Kokosfaser, wie alles Tauwerk aus demselben Material verfertigt ist. Da die Breite des Schiffskörpers nur wenig mehr als zwei bis drei Fuß beträgt, würde es ohne Ausleger gar nicht seefähig sein.

Aber das Umschlagen vermag der Ausleger nicht zu verhindern, wie meist irrig geglaubt wird. Sehr häufig kommt während der Fahrt der Auslegerbalken über das Wasser, etliche Zoll mehr und die Katastrophe ist da! Dieser Fall ereignet sich gar nicht so selten, geniert die Eingeborenen, wenigstens bei ruhiger See, aber nicht viel. Als ausgezeichnete Schwimmer wissen sie das Ua wieder flott zu machen, was übrigens keine leichte Arbeit ist.

Die Plattform dient zur Unterkunft der Reisenden, da der Raum des Fahrzeuges selbst dafür nicht Platz bietet, sondern nur zur Bergung von Lebensmitteln usw. dient. Auf großen Reisen wird je nach der Größe des Ua ein kleines Häuschen (Billebil) aus Pandanusgeflecht errichtet, auch wohl zwei, die bei schlechtem Wetter in beschränkter Weise Schutz gewähren.

Das Material zu dem einen, sehr großen, dreieckigen (lateinischen) Segel (Wudschela) ist grobes Flechtwerk aus Pandanusblatt (Mang) in sieben Zoll breiten Streifen (Irr in Wudschela), die aneinander genäht werden. Diese Segel, übrigens mit die besten, welche ich in der Südsee sah, können nicht gerefft werden, ihre Hantierung ist also weit weniger geschickt als bei unseren Böten.

Der Mast ist beweglich und in einer Höhlung an der Leeseite des Kanus befestigt. Beim Wenden wird die an vorderen Kanuschnabel befestigte Spitze des Segels nach dem hinteren getragen, ein ziemlich umständliches und nicht immer einschlagendes Manöver. Da das Kanu selbst nicht wendet, muß mit dem Segel auch der Steuernde seinen Platz wechseln. Als Steuerruder dient ein großes Flaches Paddel, das nur mit der Hand regiert wird.

Die Segelfähigkeit dieser Kanus ist sehr häufig übertrieben beschrieben worden. Sie segeln vor dem Winde so schnell als ein europäisches Boot und vielleicht näher an dem Winde als Letzteres. Vier bis sechs Seemeilen in der Stunde ist wohl die höchste Leistung. Die Fahrt nach Ebon, ca. hundert Seemeilen, kostet etwa 36 Stunden, zuweilen aber auch zwei Tage und zwei Nächte.

Fehlt dem Ua auch Zierat an Schnitzereien, wie sie in anderen Gebieten der Südsee, z. B. Neuguinea, so reich vorkommen, so ist es doch nicht alles Ausputzes bar. Von Mast wie Segel flattern Büschel gespaltener Federn des Fregattvogels (Tachypetes), die für die Marshallkanus charakteristisch werden. An den Kanuschnäbeln findet sich zuweilen noch ein anderer Schmuck, Bellik genannt, aus Holz oder Korbgeflecht und in der Form an die Kopfbedeckung der Ulanen erinnernd. Auch diese Zier ist für die Marshallgruppe eigentümlich.

Als Proviant für Seereisen kommt in erster Linie die Kokosnuß in Betracht. Sie verdirbt in dem Salzwasser des Raumes nicht, aber der letztere ist zu gering, um eine große Menge aufzunehmen. Trotz der Armut ihrer Inseln haben die Eingeborenen sich auch in dieser Richtung zu helfen gewußt durch Bereitung einer haltbaren Konserve (Dschäneguwe) aus Brotfrucht oder Pandanusfrucht. Die letztere wird auf Korallensteinen gerieben, der süße Saft eingekocht und an der Sonne getrocknet. Die zähe Masse, in Pandanusblatt eingeschlagen, bildet dann, sorgfältig eingeschnürt, eine ca. drei Fuß lange Rolle von sechs Zoll Durchmesser.

Diese Konserve, Dschäneguwe in Bob genannt, hält sich acht bis neun Monate, ist sehr nahrhaft und hat einen angenehmen süßlichen Geschmack, der sehr an Feigen mit etwas Datteln erinnert. Noch heute ist diese Konserve, und nicht bloß für Seereisen, sondern überhaupt beliebt, wenn auch sonst in den Nahrungsmitteln Umwälzungen stattgefunden haben, wenigstens soweit Jaluit (spr. Dschalut) in Betracht kommt. Eingeführter Reis wie Schiffsbrot müssen die ausgeführte Kopra (getrocknete Kokosnuß) ersetzen; aber auch andere unserer Konserven haben bereits Eingang gefunden, und Sardinen in Öl sind den Marshallanern besser bekannt als manchem Bäuerlein bei uns.

Das Naß der Kokosnuß dient auf Seereisen als Getränk, da Wasser nur in beschränkter Menge, ebenfalls in Kokosschalen, mitgenommen werden kann. Die Eingeborenen sind, was Beachtung verdient, sehr mäßig im Trinken (außer wenn sie Schnaps oder Bier haben können!), und der Inhalt von ein paar Kokosnüssen genügt einer Person für den ganzen Tag.

Außerdem, und was die Hauptsache ist, handelt es sich ja nicht um weite Seereisen, denn freiwillig ist wohl noch kein Marshallkanu weiter als höchstens ein paar Hundert Seemeilen unterwegs gewesen. Aber die Reisenden müssen bei der allgemeinen Armut der Inseln für sich selbst etwas zu leben mitbringen, und Dschäneguwe ist allenthalben sehr beliebt. Da ein großes Kanu an vierzig Personen aufnehmen kann, die dann dichtgedrängt wie die Heringe auf der Plattform hocken, so bringt eine ganze Flotte eine große Menge Gäste, für die man nicht so eingerichtet ist als bei uns, zur Kirchweih. Daß das schöne Geschlecht einer Schiffsgesellschaft nicht fehlt, ist selbstverständlich.

Als dien feindliche Kriegsflotte Loiaks 1880 in der Lagune von Jaluit aufsegelte, waren die Kanus mit Weibern überladen, alle im schönsten Staate bunter Kattunkleider, als ginge es zur Hochzeit. Aber die Frauen sind nicht müßige Passagiere, sie müssen für Musik sorgen, das heißt singen und die Trommeln dazu schlagen. Möglichst viel Lärm ist ja beim Absegeln sowie bei der Ankunft unbedingt erforderlich!

Die Trommeln, Adscha, ist ein über zwei Fuß langer sanduhrförmiger hohler Holzzylinder, an der einen Seite mit Kehl - oder Magenhaut des Haifisches überzogen, und wird mit der Hand geschlagen. Sie ist in derselben Form übrigens weit über Polynesien und Melanesien verbreitet, hier sehr häufig mit kunstvoller Schnitzarbeit verziert.

Die Trommel dient übrigens auch praktischen Zwecken, indem sie während der Nacht die Kanus zusammenhält, wozu auch die Muscheltrompete, Dschilil, aus Tritonium benutzt wird, welche namentlich in der Nacht weithin hörbar ist. Ihr Ton ähnelt am meisten dem des "Hirschrufes".

Serie

Eigentliche Handelsfahrten, wie an den Küsten Neuguineas, wo Sago, Töpfe usw. wichtige Handelsartikel bilden, werden in den Marschalls nicht unternommen. Es handelt sich hier meist um freundnachbarliche Besuche, wobei viel gesungen und getanzt wird, und die zur Anknüpfung von Familienverbindungen dienen, da die Frauen oft von entfernteren Inseln herstammen. Dabei wird natürlich auch etwas Tauschhandel getrieben; aber die Marschallaner haben nicht viel: Matten, Grasröcke, auf den nördlichen Inseln etwas Arrowroot (Moggemug) ist ungefähr alles.

Im Jahre 1879 erstreckten sich die Kanureisen von Jaluit aus selten weiter als nach Ebon, Namurik, Madschuru, Arno und Ailinglablab, Inseln, von denen keine weiter als 120 Seemeilen entfernt ist. Selbst Milli (120 Seemeilen) wurde kaum mehr besucht, und nur noch ältere Leute kannten die nördlichen Inseln, obwohl Rongerik und Rongelab (ca. 300 Seemeilen) Jaluit zugehörten. Auch im Fischfang, mittels Kanu betrieben, war man schon sehr faul geworden, so daß ich z. B. nie einen fliegenden Fisch bekam, obwohl der Fang derselben früher sehr im Schwung war.

Das Hauptprinzip bei weiteren Kanufahrten der Marschallaner ist, gemeinschaftlich mit soviel Kanus als möglich zu reisen, und dies ist, wie ich gleich zeigen werde, von der größten Wichtigkeit. Auch wartet man auf ruhiges und beständiges Wetter, sollten auch Wochen darüber hingehen. Eine zweite wichtige Regel, in welcher fast die ganze Nautik der Marschallaner gipfelt, ist die Segelordnung. Die Kanus bleiben während der Fahrt in Sehweite, bei Nacht in Hörweite der Trommeln auseinander, bilden auf diese Weise also eine weit ausgedehnte Linie, innerhalb welcher es einem der Kanus viel leichter wird, Land zu sichten. Denn diese nur wenige Fuß über den Meeresspiegel erhobenen Atolle sind, selbst von größeren Schiffen aus, nicht weit sichtbar, werden also gar leicht vorbeigesegelt.

Es gehört ein sehr geübtes Auge dazu, um ein Atoll von weitem überhaupt zu erkennen, denn sie erscheinen zuerst als niedriges Buschwerk, das sich nach und nach zu einer Art Hecke zusammenfügt und welches der Laie meist übersehen würde, da es sich so wenig vom Horizonte abhebt. Die Abbildungen zeigen das allmähliche Auftauchen eines solchen Atolls und zwar die Insel Milli, aus ca. fünf Seemeilen Entfernung, dabei noch vom Deck eines Schiffes von 300 Tons. Erst nach und nach zeigen sich die Wipfel der Kokospalmen, die zerfetzten Regenschirmen ähneln, und erst nachdem man der Insel ziemlich nahe gekommen ist erblickt man den weißen Strandgürtel aus Korallsand, an dem es meist mächtig brandet.

Atoll
Atoll

Vom Mast aus kann man oft über das Gelaube der Bäume weg die Lagune sehen. Aber die Schiffer vermeiden es, zu nahe der Küste zu kommen, weil tückische Korallriffe sich oft weit in See erstrecken, weshalb die Schiffahrt in diesen Gewässern mit viel Gefahren verknüpft ist. Die Abbildung von Milli gibt ein gutes Bild einer Korallinsel in der Nähe.

Ist die Flotte in einer gewissen Richtung gesegelt, ohne das gewünschte Land zu finden, so tritt sie den Rückweg an. Dies ist nicht immer leicht, zumal in jenen Gewässern plötzlich heftige Böen aufspringen, die oft den Untergang herbeiführen.

So sehr auch diese primitive, in der Reihe der Südseevölker allerdings hochstehende Schiffahrtskunde unsere Anerkennung, ja Bewunderung verdient, Navigation in unserem Sinne ist sie nicht, ebensowenig als die vielgepriesenen "Seekarten" ein nautisches Hilfsmittel abgeben. Sie bestehen in einem Gestell kreuzweis aneinander gebundener Stäbchen, an welchem kleine Muscheln und dergleichen befestigt sind, welche die verschiedenen Inseln bezeichnen. Als Beleg für die Kenntnis der letzteren ist daher ein solches Gestell (Medu in Ailing) immerhin ganz interessant, denn es zeigt am besten die Unvollkommenheit derselben. Durch einen der erfahrensten Insulaner ließ ich die "Inselkarte" anfertigen, welche sich jetzt im Berliner Museum befindet, aber der Mann hatte nur die Nachbarinseln richtig gelegt und irrte sich in der Lage der entfernteren gründlich.

Wie mit der Navigation verhält es sich auch mit den weiten Seereisen der Marschallaner. Wenn behauptet wird, daß dieselben früher bis nach der Karolinen segelten, so ist dies nicht zu bezweifeln, aber es geschah dann unfreiwillig: sie wurden eben verschlagen! Einen eklatanten Fall dieser Art erlebte ich selbst. Die Häuptlinge von Jaluit kauften im Jahre 1879 einen kleinen Schuner (Schoner) von achtzehn Tons, mit dem sie im November eine Fahrt nach der Nachbarinsel Ebon unternahmen.

Aber statt auf Ebon landeten sie nach einer Fahrt von etlichen zwanzig Tagen halbverhungert auf Faraulap, einer Insel der westlichen Karolinen, eine Distanz von 1 500 Seemeilen! Nur mit einem Fahrzeuge und ohne Kenntnis von Navigation waren sie Ebon passiert, ohne es zu sehen, eine westliche Strömung hatte sie dann glücklich nach jener Insel geführt, und einem Sacke Reis verdankten sie ihr Leben! Sechs Monate später langten die kühnen Seefahrer sehr niedergeschlagen wieder in Jaluit an, diesmal unter der Führung eines kundigen Europäers. Aber auch mit ihren eigenen Kanus pflegt es ihnen zuweilen nicht besser zu ergehen, wie ein Fall zeigt, der sich bald nach meiner Abreise ereignete und der sehr interessant ist.

Anfang August 1880 verließen sieben Kanus, darunter die zwei größten der ganzen Gruppe, die Südwestpassage von Jaluit, um sich nach ihrer Heimatinsel Ebon zurückzubegeben. Die ersten Tage der Reise waren böig und still, so daß sie ihre Richtung verloren und Ebon nicht erreichten. Sie überließen sich daher entmutigt Wind und Strömungen, die sie nach fast vierwöchentlichem Hungern und Dursten nach der Insel Milli brachten, welche bekanntlich in ganz entgegengesetzter Richtung liegt. Von den fünfzig nahezu halbtoten Eingeborenen starben infolge der Entkräftung zwölf!

Ein zufällig anwesender Schuner (Schoner) erbot sich, die Gesellschaft gegen entsprechende Vergütigung nach Ebon zu bringen, aber die Häuptlinge wiesen das Anerbieten mit den Worten stolz zurück: " Wir verstehen sehr gut selbst zu segeln!" Am 25. September landeten denn auch, nach zweitägiger Fahrt, die sieben Ebonkanus auf Jaluit, oder vielmehr eine ganze Flotte, denn elf Kanus von Milli begleiteten sie, da sich diese Insulaner zu einem Besuche auf Jaluit und Ebon entschlossen hatten. Mit bewunderswertem Selbstvertrauen in ihre Seegeschicklichkeit verließ nun die vereinte Flotte, achtzehn Kanus stark, am 9. Oktober abermals Jaluit, zwei Tage später Killi, eine kleine unbewohnte Insel nur dreißig Seemeilen Südwest von Jaluit.

Daher stammten die letzten Nachrichten, denn wochenlang hörte man nichts weiter und hatte das ganze Geschwader bereits als verloren aufgegeben. Die Aufklärung sollte erst viel später kommen! Am Tage nach der Abreise von Killi war furchtbares Wetter eingetreten, das die Flotte wiederum total aus dem Kurse brachte. Die Häuptlinge waren aber diesmal besonnener und beschlossen, durch Hin - und Herkreuzen Land zu suchen. Die Flotte nahm also die allgewohnte Segelordnung, die einer langer Linie, wieder ein, wobei das in der Mitte segelnde größte Kanu des Häuptlings Lariha das Kommando führte.

Vier Kanus gerieten nachts von der Flotte ab, und von ihnen ist nie wieder etwas gesehen und gehört worden! Aber die übrigen Kanus hielten wacker zusammen und sichteten am 6. November, nach fünfundzwanzigtägiger Fahrt und fast ebenso langem Hungern und Dursten, Namurik. Diese Insel liegt nur 65 Seemeilen ziemlich West von Jaluit und immer noch 60 Seemeilen von Ebon entfernt; sie besitzt keine Passage, und es ist für Kanus sehr schwierig, auf ihr zu landen. Obwohl die Eingeborenen diese Verhältnisse gut kannten, nahmen sie sich doch nicht einmal Zeit, die Leeseite aufzusuchen, sondern rannten, nur um das nackte Leben vom Hungertode zu retten, auf dem kürzesten Wege auf der Wetterseite aufs Riff, wobei mit Ausnahme von fünf reparaturfähigen sämtliche Kanus zerschellten!

Nach diesen Beispielen wird man am besten urteilen können, was von dem Lobe der Marshallinsulaner, "der beste Seefahrer Mikronesiens, die in kleinen Flotten vereinigt segelnd ihr fernes Endziel stets richtig zu finden wissen", wie es bei Waitz heißt, zu halten ist!

Nach dem eben angeführten Unglücksfalle, der einen großen Teil der Kanuflotte von Ebon und Milli vernichtet hatte, war das Vertrauen der Eingeborenen in ihre Schiffahrtskunde und Fahrzeuge mächtig erschüttert worden. Aber schon früher zogen sie es vor, auf den kleinen europäischen Schiffen zu reisen, die den Zwischenhandel auf den Inseln betreiben. So sind Kanufahrten immer mehr aus der Mode gekommen und werden bald ganz aufhören.

Den Kanubau selbst hat dieses Schicksal fast erreicht, denn mit Ausnahme der nördlichsten, wenig berührten Inseln der Gruppe werden wohl kaum mehr Kanus gebaut. Als ich im Jahre 1879 und 1880 die Inseln bereiste, waren es eigentlich nur die Alten, welche ein Ua zu bauen verstanden. In Anbetracht der primitiven Werkzeuge muß man die Geschicklichkeit ebensosehr als den Fleiß bewundern — Eigenschaften, welche die gegenwärtige Generationen, obwohl im Besitz vollkommener Werkzeuge, bereits einbüßte. Noch vor wenigen Jahrzehnten kannte man auf den Marschalls keine andere Gerätschaften als solche aus Muscheln, da diese Koralleninseln ja keine Steine besitzen, auf ihnen also von eigentlicher "Steinzeit" nicht die Rede sein kann. Aber die äußerst feste und harte Masse, welche der Schloßteil der Riesenklappmuschel (Tridacna gigas) liefert, ist Steinen völlig ebenbürtig und wird auch da gern benutzt, wo es an solchen nicht mangelt, wie zum Beispiel auf den östlichen Karolinen.

Dieses Material, auf den Marschalls Medschenorr genannt, liefert den Stoff zu den Äxten, deren Anfertigung allein schon von ungeheurem Fleiße zeigt und unsere vollste Anerkennung verdient. In den Marschalls gelang es mir nicht mehr, eine vollständige Axt, Mella, zu erlangen: drei Axtklingen und ein hölzerner Stiel waren noch alles, was ich für das Berliner Museum retten konnte! Aber in den Karolinen war ich glücklicher und erlangte noch eine Anzahl Muscheläxte, die übrigens hier auch schon außer Gebrauch waren. Die größte derselben ist neunzehn Zoll lang, über vier Zoll breit, 26 Linien dick und wiegt gegen neun Pfund; man kann sich danach einen Begriff von der ungeheuren Größe der Muschel machen,aus welcher diese Axtklinge gearbeitet wurde.

Fig 5
Fig 6
Fig 7

 

Die beigegebenen Abbildungen sind nach solchen karolinischen Muscheläxten von der Insel Kuschai (Ualan), die übrigens fast ganz mit solchen aus den Marschalls übereinstimmen. Figur 5 zeigt eine der schweren Axtklingen; Figur 6 eine montierte Axt. Zu dem Stiele (a) wählt man, wie überall in der Südsee, ein passendes knieförmig gebogenes Axtstück, an welches die Muschelklinge mittels haltbaren Bindfadens aus Kokosfaser (b) festgebunden wird.

Die Stein - wie Muschelaxt entspricht daher in der Form am meisten der Axt unserer Schiffszimmerleute, indem die Klinge nicht längsseitig mit dem Stiele, sondern quer gestellt ist, was sich besonders für Schiffsbau sehr praktisch erweist. Eingeborene, welche noch kein Eisen kennen, ziehen daher ein Stück Flacheisen oder selbst Bandeisen von einer Kiste einem fertigen europäischen Beile mit Holzstiel bei weitem vor, da sie sich dasselbe leicht nach ihrer Weise an ihren Holzstielen befestigen können.

Macht das Fällen und Behauen des Baumstammes schon ungeheure Mühe, so ist das Aushöhlen desselben nicht minder mühsam, denn es ist eine ganz irrige Annahme, wenn man meint, daß Feuer diesen Dienst allein leistet. Zum Aushöhlen des Schiffskörpers sind die schweren Äxte nicht geeignet, man bedient sich daher solcher mit schmalen Muschelklingen, aus einer längs durchgeschnittenen Terebra oder Mitra, deren halb zirkelförmige Schneide am besten dem Zwecke entspricht. Figur 7 stellt eine solche Terebraaxt von den Karolinen (Kuschai) dar, wie sie sich in gleicher Form weit über Polynesien und Melanesien findet.

In der geübten Hand des Eingeborenen sind diese Äxte, zumal da es sich meist immer um weicheres Holz, etwa wie das unserer Pappeln, handelt, keineswegs so unvollkommen, als sie uns erscheinen, und werden oft eisernen vorgezogen. In Keräpuno an der Südostküste Neuguineas sah ich Eingeborene mit Steinäxten an einem Kanu zimmern, obwohl sie gute amerikanische Äxte neben sich liegen hatten. Dieselbe Erfahrung machte ich noch 1885 auf der Insel Rusa in Neuirland, und der Eingeborene war um keinen Preis zu bewegen, mir die Axt mit Mitraklinge abzustehen.

Sägen, nach unseren Begriffen für Zimmerarbeit unentbehrlich, kennt die Steinperiode der Südsee nicht, dagegen aber Bohrer. Am häufigsten ist eine Art Drillbohrer, in den Marschalls Dribal genannt, wie er in ähnlicher Weise auch bei uns vorkommt. Die Spitze wurde früher in den Marschalls aus einem Stift von Tridacna oder einem Stück Haifischzahn hergestellt, aber diese Bohrer existieren jetzt kaum mehr. Meine Abbildung Figur 8 ist daher nach einem fast übereinstimmenden Instrument von der Südostküste Neuguineas gemacht.


Figur 8

Früher bediente man sich auch der langen zugespitzten Arme von Pteroceras lambis, Aurak genannt, zum Löcherbohren. Als Raspeln diente, wie in der ganzen Südsee, Knochenhaut.

Mit dem Luit (Figur 9), einem rundlichen, circa zwölf Zoll langen Klopfer aus Eisenholz, wäre die Aufzählung der Werkzeuge zum Schiffsbau beendet. Ist ihre Zahl auch gering, so dürfte es, wenigstens soweit die Marshallinseln in Betracht kommen, jetzt wohl nicht mehr möglich sein, sie in solcher Vollständigkeit zu erlangen, als wie sie das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin durch mich besitzt.


Figur 9

An sechzig Stück illustrieren hier den Schiffsbau der Steinzeit, und welche Mühe es kostete, sie zusammenzubringen, weiß ich am besten. Meines Wissens ist das Berliner Museum auch das einzige, welches ein vollständiges Ua mit Segel und allem Zubehör aufzuweisen hat, Gegenstände, die für die Kulturgeschichte und zur Kenntnis einer fast untergegangenen Periode derselben jedenfalls unschätzbar und von höchstem Interesse sind.

Wenn es überhaupt möglich war, ein solches Kanu zu erstehen, so verdanke ich dies nur besonderen Verhältnissen, dem Kriege! Kabua, der "König" von Jaluit, zog nach monatelangem Handeln sein Versprechen, ein Kanu zu verkaufen, zurück, da seine Flotte ohnehin nur 13 Fahrzeuge zählte. Aber die Gegenpartei unter Loiak ließ sich williger finden. Sie besaß mehr Kanus, aber kein Geld; meine blanken chilenischen Dollars wirkten daher ganz unwiderstehlich. Man kannte diese Münze schon damals auf den Marschalls trefflich, denn auch hier gilt das Sprichwort: "Geld regiert die Welt!"

* Die Marshallgruppe, ca. dreizig Koralleninseln oder Atolle, mit 400 qkm Flächeninhalt und vielleicht 6 000 bis 8 000 Einwohnern, wurde am 6. April 1886 unter deutschen Schutz gestellt.

Bilder der Geschichte

 

Quelle: Westermanns Monatshefte, 1887, von rado by jadu 2003

Pandanus (Pandanus amaryllifolius Roxb.) auch Schraubenbaum, Schraubenpalme

Der Sago, ein Ernährer von Millionen

Mugamug - Südseekartoffel

from Hawaiki to Hawaiki