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Geschichte und Organisation der deutschen Südseekolonien

Eine Entdeckungsgeschichte der Südseegebiete ist anders aufzufassen als eine solche afrikanischer Länder. Von jenen großen und epochemachenden Reisen, denen wir die Entschleierung weiter Räume innerhalb des "Dunkeln Weltteils" oder Asiens verdanken, kann bei der Kleinheit selbst der an Fläche ausgedehnten Schutzgebiete nicht die Rede sein. Höchstens auf Neuguinea würde sich etwas Ähnliches wie in kleinen afrikanischen Landschaften leisten lassen, doch auch hier genügten eine Anzahl kürzerer Reisen, um uns die Grundzüge der Anlage zur Genüge erkennen zu lassen. Ist man dort schon in ziemlich geringer Entfernung von der Küste imstande, die uns besser bekannten Teile der Gebirgsmauern im Innern ihrer allgemeinen Lage nach festzulegen - das hohe Gebiet im Osten ist nicht weiter als sechzig bis siebzig Kilometer vom Meere entfernt -, so gilt das in noch viel höherem Grade von den Inseln des Bismarckarchipels, während man bei den übrigen Eilanden überhaupt nur von einer topographischen Kleinarbeit, nicht aber von eigentlichen Entdeckungsreisen innerhalb der einzelnen Teile der verschiedenen Gruppen sprechen kann.

So kommt es, dass die Hauptarbeit hier nicht eigentlich der Entschleierung des Aufbaus im orographischen Sinne, sondern der Fülle von Untersuchungen gewidmet war, welche der Aufklärung über die verschiedenen Erscheinungen der unbelebten und ganz besonders der belebten Natur dienen. Neben einzelnen immerhin für die Aufstellung des vertikalen Baues wichtigen Reisen in das Innere von Kaiser-Wilhelmland ist es somit hier von Anbeginn an die außerordentlich wichtige Arbeit der Spezialforscher, der wir ein höchst wertvolles Material verdanken. Weniger Wirkung auf die sensationslüsternen Kreise der europäischen Welt bedeutet aber keineswegs eine geringere Wichtigkeit dieser Art von Arbeit. Manch hervorragende Leistung und eine reiche Fülle von Einzelbeobachtungen verdanken wir namentlich der deutschen Forschertätigkeit, um die sich neben Gelehrten auch zahlreiche Beamte und manche Private ein nicht geringes Verdienst erworben haben. Manch bekannten Namen begegnen wir, und diejenigen eines Finsch, Lauterbach, Warburg und Reinecke, eines Sapper, Pöch, Friederici, eines Kersting und Wohltmann, endlich eines Funk, Schlechter, Stephan, Pflügler und Thilenius unter den Forschern im engeren Sinne, sowie unter den Beamten die v. Schleinitz, v. Bennigsen, Kraetke, Hahl und Schnee neben so manchem anderen unter den Angestellten des Reiches zeigen neben manchem hier nicht aufgeführten, wie hoch die Beteiligung Deutscher an der Erschließung der hierher gehörigen Gebiete einzuschätzen ist. Wertvoll schon wegen der geringen Bekanntschaft unsres Volkes mit diesen unsrer Kolonien ist aber auch die Mitarbeit mancher mehr als Reiseschilderer tätigen Männer gewesen, und die zum Teil glänzenden Darstellungen von Männer wie Zöller, Ehlers, Deeken und Troost haben das ihrige dazu beigetragen, das Interesse für verschiedene teile unsres Besitzes zu heben.

Die Entdeckungsgeschichte im engeren Sinne des Wortes liegt indessen viel weiter zurück. Ihr für die Geschichte der Erdkunde wichtigster Abschnitt fällt in jene große Zeit, in der die Grundlinien das auf der erde vorhandenen Landes durch die Seefahrten derjenigen Völker festgelegt wurden, deren Fahrten das Bild von Grund aus umgestalteten, unter dem ein frühere Periode sich diesen Teil der Welt vorgestellt hatte. So begegnen wir hier noch den beiden wichtigsten Seevölkern jener Tage, den Portugiesen und den Spaniern, und einer der für alle Zeit ruhmreichsten Männer jener Zeit, Magalhaes, ist es gewesen, der als Erster von ihnen eine Inselgruppe des nunmehr deutschen Südseebesitzes, die Marianen, erreicht hat. Auch die Holländer und Franzosen sowie einige Engländer sehen wir auf ihren Fahrten die weite Inselflur dieser Meere kreuzen und die Namen eines Dampier und eines Bougainville mögen als zwei der bekannteren an dieser Stelle genannt werden.

Die eigenartige Beschaffenheit der Inselwelt brachte es endlich mit sich, dass auch wirkliche Expeditionen zur See zur genaueren Kenntnis der Archipele in höherem Grade beitragen konnten als in anderen Gegenden der Erde. Auch hier sind es wieder Reisen, welche besonders durch die Namen mancher Teilnehmer im Gedächtnis selbst er heutigen Welt haften, wie die von A. v. Chamisso begleitete Expedition, besonders aber die neueren Fahrten des Challenger und der von v. Schleinitz geführten Gazelle. Von Ausländern, die zur See im neunzehnten Jahrhundert ihre Forschungsreisen ausführten, sei endlich noch an Dumont d'Urville erinnert.

Geschichtlich im politischen Sinne sind unsere Südseegebiete nur sehr wenig in den Vordergrund des Interesses getreten. Kriegerische Ereignisse, wie sie die allgemeine Aufmerksamkeit der deutschen Welt zeitweilig auf afrikanische und asiatische Gebiete richteten, sind hier aus naheliegenden Gründen völlig ausgeschlossen. So beschränkt sich denn die "Geschichte" der in Frage kommenden Inseln im wesentlichen auf die mit ihrem Erwerb durch das Reich verknüpften Ereignisse; diese aber waren in der Hauptsache mit der Tätigkeit der Diplomatie verknüpft und äußerten daher ihre stärkeren Wirkungen hauptsächlich in den Verhandlungen des deutschen Reichstages. Größere Kämpfe haben nur auf Samoa stattgefunden, diese aber ereigneten sich lange vor der Besitzergreifung durch das Deutsche Reich.

Es genügt daher, wenn hier nur die Zeit der Erwerbung der einzelnen Hauptgebiete durch Deutschland verzeichnet wird, der die wirtschaftliche Tätigkeit des bekannten Hamburger Hauses Godeffroy in der Südsee borausgegangen war. Die erste Besitzergreifung, zunächst auf Neuguinea und im Bismarckarchipel, fand im Herbst 1884 statt, doch wurde erst zwei Jahre darauf der deutsche Besitzstand in seinem heutigen Umfange vertragsmäßig abgegrenzt. Anders in Mikronesien, wo zunächst nur die Marschallinseln 1885 deutsch wurden, während es hinsichtlich der Karolinen und Marianen zu dem bekannten, für Spanien eintretenden Schiedspruch Leos XIII. kam. 1899 wurden die Karolinen mit den Palauinseln und den Marianen (ohne Guam) dann an das Reich verkauft. Am Anfang des Jahres 1900 endlich fand die Erwerbung des deutschen Anteiles an der Samoagruppe statt, diesmal auf Grund eines Vertrages zwischen dem Reiche, Großbritannien und der Union, und erst seit diesem Zeitpunkt kann unser Südseebesitz in seiner jetzigen Ausdehnung, von kleinen nebensächlichen Grenzregulierung im Kaiser-Wilhelmlande abgesehen, als festgelegt gelten.

In der Organisation des Südseegebietes ist man zu der Errichtung zweier Gouvernements gekommen. Das erste, mit dem Regierungssitz in Herbertshöhe, umfaßt den gesamten Westen unserer Besitzungen. Dem Gouverneur unterstehen eine Anzahl Bezirksamtmänner, da die Eigenart des Inselgebietes eine Teilung in verschiedene Bezirke trotz der Kleinheit der einzelnen Inselgruppen erforderte. Übrigens erhebt Sievers mit Recht Einspruch gegen diese Zusammenlegung voneinander abweichender Inselgruppen und gegen deren Folgen, die sich namentlich in der Handelsstatistik unangenehm bemerkbar machen.

Das zweite selbständige verwaltete Gebiet ist Samoa; hier finden wir zugleich eine Polizeitruppe. Eine Schutztruppe dagegen gibt es in der Südsee nicht.

Einer der wichtigsten Zweige der Verwaltung, das Postwesen, hat bei der Insellage mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zwar gab es im Westen einschließlich der Agenturen 16 Postämter, allein eine einzige Stelle von diesen, die auf der Insel Jap gelegene Agentur, war an das internationale Telegraphennetz angeschlossen. Samoa besaß im gleichen Jahre einschließlich des in Apia befindlichen Postamtes sieben postalische Stellen. Die telegraphische Verbindung, die sich im Besitz der Deutsch-Niederländische Telegraphengesellschaft befindet, verbindet Jap über Menado(Celebes) mit Schanghai.

Außerordentlich verschieden ist die nationale Stellung der verschiedenen, im Südseegebiet tätigen Missionen, die natürliche Folge der geschichtlichen Beziehungen. Unter den evangelischen Missionsgesellschaften sind neben drei deutschen je eine englische, australische und amerikanische Gesellschaft auf den dem Reiche gehörigen Inseln tätig. In diesen kommen noch vier deutsche und zwei spanische Missionsgesellschaften katholischer Konfession. Die im Verhältnis zur geringen Bevölkerungsmenge große Zahl der von all diesen Gesellschaften unterhaltene Stationen darf nicht in Verwunderung setzen, da ja die Zerstreutheit der verschiedenen Volksbestandteile über so zahlreiche, oft weit voneinander entfernt liegende Eilande von selbst eine größere Anzahl von Angehörigen der Mission erfordern.

Hinsichtlich der Finanzen der einzelnen Gebiete ergeben sich erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Inselgruppen. Neuguinea und der Bismarckarchipel hatten im Jahre 1908 eine eigene Einnahme von 381 000 Mark, der 1 523 000 Mark Ausgaben gegenüberstanden. Hier war demnach noch ein erheblicher Zuschuß von seiten des reiches zu den laufenden und einmaligen Ausgaben nötig. Die mikronesischen Inseln hatten in demselben Jahre eine eigene Einnahme von 394 000 Mark, denen ebenfalls eine größere Ausgabensumme, insgesamt 762 000 Mark, gegenüberstand. Samoa dagegen verzeichnete 1908 eine selbständige Einnahme in Höhe von 580 000 Mark, die von den Ausgaben nur um 75 000 Mark übertroffen wurde.

Quelle: Die Deutschen Kolonien, II. Das Südseegebiet und Kiautschou, von Prof. Dr. R. Dove, Göschen'sche Verlagshandlung 1911, Jadu 2000.

William Dampier (1652-1715)
Bougainville, Louis-Antoine de
Infoblatt zu Ferdinand Magellan
Österreichisch- Südpazifische Gesellschaft

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