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Kaiser-Wilhelmland

Küsten und Aufbau des Landes, Klima.

Einen bemerkenswerten Unterschied gegenüber den afrikanischen Schutzgebieten des Reiches will es bedeuten, das selbst die gewissermaßen einem großen Festlande angehörenden Teile dieser Kolonialländer, also auch das auf Neuguinea gelegene Kaiser-Wilhelmland, als eine überall leicht zugängliche Landschaft bezeichnet werden müssen. Bei der Erstreckung unseres Anteiles an der riesenhaften Insel, der immerhin der anderthalbenfachen Größe Süddeutschlands entspricht, ist es von Bedeutung, dass die größte Entfernung vom Meer nicht mehr als 250 km beträgt.

Das ganze Gebiet besitzt eine recht mannigfaltige gestaltete Küste. Zwar ist der westliche, über 500 km lange Teil derselben nicht durch besonders tiefe Einschnitte ausgezeichnet, indessen an seinem zum Teil gebirgigen, bisweilen von Mittelgebirgshöhen begleiteten Meeresufer gibt es eine ganze Anzahl durchaus guter und brauchbarer Häfen.

Noch abwechslungsreicher gestaltet ist aber der östliche, dem Bismarckarchipel näher liegende Abschnitt. Zwei gewaltige Buchten, die Astrolabebai im Westen und der Huongolf im Osten, schneiden sie tief in das Land ein, dass die von hohen Gebirgen erfüllte, zwischen beiden gelegene Landschaft dadurch vollständig den Charakter einer Halbinsel gewinnt. Auch in diesem Teile des Ufergeländes ist an guten Landungsplätzen kein Mangel. Auch landschaftlich wirksam erweisen sich die bergigen Küsten, und D. Finsch rühmt den Eindruck, den man, von Norden kommend, bei der Einfahrt in die weite Astrolabebai durch den Blick auf die nahen Bergreihen und die fernen Ketten hoher, die erwähnte Halbinsel durchziehender Gebirge hat.

Eine auffallende Tatsache, die übrigens vom Innern des Landes in noch höheren Grade gilt, ist, dass wir auf unseren Karten fast an allen bezeichneten Punkten Namen europäischer Herkunft begegnen, ganz im Gegensatz zu unseren afrikanischen Besitzungen oder zu einzelnen der Südseegruppen. Sie beweist, wie urwüchsig dieses ganze Gebiet noch in jeder Hinsicht ist und wie es selbst der Anfänge einer irgendwie nennenswerten Kultur oder eins selbständig entwickelten Verkehrs entbehrte. In der Tat werden spätere Zeiten schon aus diesem Umstande folgen können, dass ganz allein der Einfluß der Europäer es ist, der dieses reiche Gebiet zu wirtschaftlichem Leben erweckt hat.

So ist es denn, eben wegen der erst beginnenden Kolonisation dieses Landes, auch nur wenig, was wir über den Aufbau des Landes zu sagen haben.

Während die westlichen Küsten von einem nur in Mittelgebirgshöhen emporsteigenden Gebirge begleitet werden, das mehrfach Gipfel von etwas über Brockenhöhe trägt, erheben sich im Innern, allerdings durch breite Flußebenen von jenen getrennt, noch sehr wenig bekannte Ketten zu gewaltiger Höhe. Weit im Innern, nach der britischen Grenze zu, scheinen sie die Höhe der Tiroler Alpen zu erreichen.

Anders wird der Bau der Landschaft indessen, wenn wir die Länge der Astrolabebucht erreicht haben. Zwar scheinen die hohen, südlich von den Flußtälern sich erhebenden Züge des Bismarckgebirges in Zusammenhang mit den das westliche Land im Innern erfüllenden Bergländern zu stehen, doch tragen sie wohl ihre Hauptgipfel erst in den östlicheren, als Bismarckgebirge bezeichneten Teilen des Landes. Hier dürften diese zu mehr als 4000 m aufsteigen. Aber auch in der Nähe des Meeres steigt die Umwallung der Küste zwischen der Astrolabebai und dem Huongolf in gewaltigen Massen auf, Hochgebirgshöhen erreichend, denen man am besten als Sammelnamen den seit längerer Zeit in Anwendung befindlichen des Finisterregebirges läßt. Ihm parallel verlaufend verstreichen niedrigere, aber immer noch recht stattliche Höhenzüge, vom (höheren) Kräetkegebirge ausgehend, in der Richtung auf den Huongolf zu, an dessen Nordküsten sie bereits wieder auf die Höhe von mitteldeutschen Gebirgslandschaften herabgesunken sind, hier als Rawlisongebirge bezeichnet.

So wenig wir im allgemeinen über den inneren Bau der Neuguineaberge zu sagen vermögen, so scheint, als seien die gebirgsbildenden Kräfte in einem Teile der Insel noch in lebhafter Tätigkeit begriffen. Wenigstens ereignen sich an den Küsten des Kaiser-Wilhelmlandes von Zeit zu Zeit weitverbreitete Erdbeben, die bis auf den Bismarckarchipel übergreifen und bei ihrer großen Ausbreitung und zeitweilig großen Stärke auf durchgreifende tektonische Änderungen im Bereich des ganzen Gebietes hindeuten. Nach Sapper ist die flache Küste im Nordwesten des Landes im Sinken begriffen. Sind auch Urgesteine im Innern des Insellandes als der Grundstock der Gebirge anzusehen, so fehlt es doch nicht an vulkanischen Massen, wie z. B. im Kraetkegebirge, während in der Nähe des Meeres die in warmen Gebieten so häufigen Korallenkalke auftreten.

Weite Alluvialgebiete finden wir an den Flüssen. Da sie als deren eigenstes Erzeugnis gelten müssen, so wenden wir uns unmittelbar zu diesen. Trotz ihrer nicht übermäßig großen Laufentwicklung empfangen sie in dem von ungeheuren Regenmassen überfluteten höheren Lande so gewaltige Zuflußmengen, dass sie in Breiten- und Tiefenverhältnissen selbst viel größere Ströme Afrikas übertreffen. Ein günstiger Umstand ist ferner, dass ihre Tallinien nicht, wie man nach dem geographischen Bau bei oberflächlicher Betrachtung vermuten könnte, quer, sondern als Längstäler zwischen den Ketten der Küste und denen des Inneren dahinziehen. Dies gilt in Sonderheit von den beiden Hauptflüssen, dem Kaiserin-Augustafluß, der, von Westen kommend, an der Nordküste der Insel unter dem vierten Grade südlicher Breite mündet und von dem in seiner Nähe in das Meer strömenden, aber im fernen Osten südlich von der Astrolabebai entspringen Ramu. Vom Augustaflusse, dem größten des ganzen Landes, wird berichtet, dass er noch 700 km oberhalb seiner Mündung bei einer Breite gleich der des Rheines oberhalb Mannheim eine Tiefe von 4 m besitze. Bei dieser Gunst ihrer Lauf -und Wasserverhältnisse sind deshalb die Flüsse der Insel vielfach schiffbar und vermögen sogar ziemlich weit in das Innere hinein größere Fahrzeuge zu tragen, so dass sie in Zukunft in der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes eine große Rolle zu spielen berufen sind.

Das Klima des Festlandes kennen wir nur an der Küste genauer. Es besitzt alle Eigenschaften der äquatorialen Region, zu denen noch die Einwirkungen eines stets gleichmäßig warmen Meeres sich gesellen. In abgerundeter Zahl beträgt das Temperaturmittel an der Nordküste von Neuguinea 26°, aber der Unterschied des wärmsten und des kühlsten Monats erreicht hier kaum anderthalb Grade! Da außerdem ein außerordentlich hoher Sättigungsgrad der Luft mit Wasserdampf besteht, so ist die gesundheitliche Wirkung dieser andauernden Treibhausluft für den Europäer auf die Dauer eine ungemein schwächende, auch ganz abgesehen von allen auf Infektion zurückzuführenden Krankheiten.

Anders verhalten sich natürlich die Gebirge. Doch dürften auch hier die Gegenden, in denen der Europäer die Wirkungen der selbstverständlich auch hier sich das ganze Jahr hindurch ziemlich gleichbleibenden Temperatur nicht mehr als erschlaffend empfindet, erst in größeren Höhen liegen. Südlich vom deutschen Gebiet beobachtete man bei Tage von 2600 m Höhe an eine sehr erträgliche, zwischen 16 und 21° wechselnde Temperatur, während die Nächte in dieser Erhebung über dem Meeresspiegel sogar empfindlich kalt genannt werden konnten, denn dann zeigte das Thermometer nur 4 bis 7°. Immerhin ist möglich, dass die Gebirge unsres Kaiser-Wilhelmlandes bei ihrer Ausdehnung noch einmal infolge ihrer Küstennähe wertvolle Erholungslandschaften für die daselbst tätigen Europäer abgeben.

Außerordentlich ergiebig ist der Regenfall in Deutsch-Neuguinea. Allerdings lassen in den meisten Landschaften die Regen während einer Anzahl von von Monaten nach, so dass man in beschränktem Sinne von einer Art Trockenzeit sprechen könnte. Doch auch dann fallen in der Regel noch ziemlich beträchtliche Regenmengen. Die Hauptzeit der Niederschläge fällt in die Monate des Sommers der Südhalbkugel, wenigstens gilt dies von dem größten Teile des Küstenlandes. Die Küste von Finchhafen dagegen bildet eine Ausnahme, insofern hier die Hauptniederschläge in der Zeit des Nordsommers zustande kommen. Die Menge des Regens ist sehr groß; für die Küste von Kaiser-Wilhelmland kann man 250 bis über 300 cm als mittleren Wert ansetzen, während an einzelnen Punkten noch weit größere Mengen zu Boden gelangen. In einzelnen Monaten sind bisweilen Regenmengen beobachtet worden, die denen des ganzen Jahres in Mitteldeutschland entsprachen. Wir haben es also hier mit einem der regnerischsten Gebiete der Erde zu tun, in dem schon aus diesem Grunde dichter Pfanzenwuchs das ganze, vom Menschen nicht beeinflußte Land überzieht.

Leider muß man das Neuguineagebiet zu den ungesundesten Teilen unseres überseeischen Besitzstandes zählen. Malaria und, wenn auch neuerdings etwas seltener, das Schwarzwasserfieber spielen unter den Europäern, immer noch die Hauptrolle, wenngleich auch das Wechselfieber in seinen schweren Formen dank der besseren hygienischen Vorsorge gegen frühere Zeiten seltener auftritt. Daneben tritt auch die Dysenterie auf. Unter den Eingeborenen kommt neben sonstigen, nicht den Tropen eigentümlichen Krankheiten die Beriberikrankheit vor, in einzelnen Fällen tritt unter ihnen auch der Aussatz auf.

Pflanzen - und Tierwelt

Niederschlagsreichtum und hohe Temperatur bedingen den üppigen Pflanzenwuchs, durch den sich das Kaiser-Wilhelmland vor all unseren anderen Tropenlandschaften, mit Ausnahme etwa der Kamerunküste, ausgezeichnet. Unter den Pflanzenformen, die das Interesse des Wirtschaftsgeographen wachrufen, ist in erster Linie der Reichtum an nutzbaren, teilweise recht wertvollen Hölzern zu erwähnen. Eisen -und Rotholz, sowie eine Art Ebenholz sind vorhanden. Doch stehen augenblicklich andre Pflanzen noch mehr im Vordergrunde des Welthandels. Infolge der höchst verdienstlichen Tätigkeit des Kolonialwirtschaftlichen Komitees hat man den Kautschuk und Gutta liefernden Pflanzen größere Aufmerksamkeit zugewandt, und Schlechter entdeckte verschiedene Gutta liefernde Bäume, deren einer, das nach dem Vorsitzenden des Komitees benannte Palaquium Supfianum Schlechter, ein recht gutes Erzeugnis, liefert. Dagegen sind die heimischen Kautschukgewächse wohl nicht so häufig wie in manchen Gegenden unsres afrikanischen Besitzes.

Erwähnenswert ist außer Bambus, Rotang und der Sangopalme der Baumwollbaum (Kapotbaum) und einige Eukalypten. Vor allem aber muß der in großen Umfang, namentlich in unmittelbarer Meeresnähe oft massenhaft vorhandenen Kokospalme gedacht werden.

Von einem Klima wie dem in diesem Lande herrschenden kann man sagen, dass es der Erzeugung besonders fein zusammengesetzter Stoffe, wie solche in den Gewürzen wirksam sind, besonders günstig ist. Kennen wir auch deren in unserm Schutzgebiet erst verhältnismäßig wenige, unter denen einer, die Massoirinde, sich durch ein sehr angenehmes Aroma auszeichnet, und zu denen auch einige wilde Muskatnußarten zu rechnen sind, so ist doch anzunehmen, dass bei fortschreitender Entwicklung des Plantagenbetriebes auch hierhergehörige Produkte eine hervorragende rolle zu spielen vermögen.

Die Wälder bergen endlich in ihrem Innern eine Fülle echt tropischer Erscheinungen, und besonders in den Bergen mit ihrer großen Feuchtigkeit sind es Baumfarme und Orchideen, wie sie Werner im Finisterregebirge fand, die uns immer wieder an den Regenreichtum gewisser Regionen erinnern.

Die Formation, die wir uns ursprünglich in der weitesten Verbreitung vorstellen müssen, ist diejenige des Hochwaldes. Unter den vielen, die mächtigen Urwälder bildenden Bäumen findet sich auch ein Brotfruchtbaum, der ab der nicht die gleiche Bedeutung besitzt wie seine Verwandten auf den polynesischen Inseln, da er keine besonders brauchbaren Früchte liefert. Während aber die im Tieflande und an den unteren Gehängen der Berge sich ausbreitenden Wälder relativ trocken genannt werden können, überziehen sich in den oberen, feuchteren Gehängelandschaften die Stämme mit Moos, und alles trieft von Nässe.

Keineswegs darf man nun aber annehmen, dass das ursprüngliche Bild des Pflanzenwuchses im Kaiser-Wilhelmlande sich gänzlich unverändert erhalten habe. Waldbrände und verwildertes Kulturland waren die Veranlassung zur Entstehung buschiger Waldungen, die sich übrigens mit der Zeit wieder in echten Hochwald zu verwandeln vermögen. Auch für die Grasflächen der Niederung nimmt man eine ähnliche Entstehung an. Wie sehr aber der Urwald diese als sekundär zu bezeichnenden Pflanzenformationen auch in unseren Tagen noch übertrifft, ergibt sich aus der bekannten Äußerung, nach welcher ein in den Baumwipfeln lebendes Tier imstande sein würde, durch die ganze Insel zu wandern, ohne jemals den Boden zu berühren.

In den höchsten Teilen der Gebirge scheint eine Hochgebirgsflora zu herrschen, und der Baumwuchs in geschlossenen Beständen dürfte kaum über 3600 m emporsteigen.

So reich das Land, wie wir sahen, an Pflanzen ist, so arm ist es anderseits an Tieren. Ist die australische Welt schon an und für sich viel ärmer mit solchen ausgestattet als die alte Welt, so darf man in dem Fehlen größerer Mengen abermals eine Folge des dichten Waldwuchses sehen, der in seiner tropischen Entwicklung ja stets ein Hindernis für die Entfaltung höheren Tierlebens abzugeben pflegt. So sind es einige fast nur ihrer Seltsamkeit wegen auffallende Formen, die einer besonderen Erwähnung wert sind. Unter den Säugern ist als nutzbares Tier ein weitverbreitetes Wildschwein und ein Baumkängeruh zu nennen, unter den Vögeln vor allem ein Kasuar. Die Vogelwelt ist viel reicher, besonders in den tiefen Landschaften, und unter den geflügelten Bewohnern des Waldes ist ganz besonders einer zu erwähnen, der wegen seines herrlichen Gefieders allgemein bekannte Paradiesvogel.

Unangenehmer als Schlangen und andres Getier macht sich ein Landblutegel bemerkbar, der besonders in den durchfeuchteten Gegenden der Bergwälder angetroffen wird.

Fische beleben in großer Menge die Gewässer des Küstenmeeres, daneben aber auch einige Tiere, welche Anlaß zu einer Ausfuhr geworden sind. Es sind dies Schildkröten, welche als Lieferanten des Schildpatts eine gewisse Bedeutung für den Handel mit Europa besitzen, und außerdem ein Meerestier, der Trepang, eine Art Seewalze, die getrocknet namentlich nach China versandt wird, wo sie ein beliebtes Nahrungsmittel bildet. Der Preis für dieses merkwürdige Produkt der Fischerei schwankt je nach Güte und Nachfrage auf dem Markte von Singapore etwa zwischen 400 und 2000 Mark für die Gewichtstonne.

Bevölkerung

Die Bevölkerung, die Papuas, gehört zu demjenigen Zweige der Südseebewohner, der seiner Hautfarbe nach eine gewisse Ähnlichkeit mit der Negerrasse besitzt. Man bezeichnet sie daher ihrer vom Dunkelbraun zum Schwärzlichen hinüberspielenden Farbe wegen auch als Melanesier. Doch ist zu beachten, dass ihre Züge weniger häßlich und ihr Haar feiner gekräuselt ist als bei der afrikanischen Rasse. Im Kaiser-Wilhelmland ist die papuanische Bevölkerung besonders im Innern noch reiner erhalten als im Archipel, wo Beimengungen fremder, hauptsächlich polynesischer Bestandteile deutlicher zu bemerken sind als auf Neuguinea.

Niedriger Kulturstand, Wildheit und Grausamkeit, für die mannigfache Beispiele angeführt werden könnten, sind bezeichnend für dieses Volk. In seinen Geräten und Waffen noch auf dem Stande der vor der Metallbearbeitung liegenden Zeiten stehend, kann man es im allgemeinen allerdings als unkultiviert bezeichnen. Trotzdem sind auch die Bewohner des Kaiser-Wilhelmlandes seßhaft und Landbebauer. Neben dem Fischfang findet eine nicht unwesentliche Bodenbenutzung statt. Die wichtigsten Feldfrüchte sind Taro und Yams, auch Bananen werden gebaut, und die Kokospalme spielt in den Küstengegenden eine große Rolle. Auch Mais sieht man in einigen Landschaften häufig. Wie sehr aber auch Taro und Yams an erster Stelle stehen, erkennt man daraus, dass nach Böch in Britisch-Neuguinea über 2000 m Seehöhe keine Siedlungen der Papuas mehr angetroffen werden, weil diese beiden Feldfrüchte in jener Erhebung über dem Meere nicht mehr gedeihen.

Selbst die tiefer im Innern der Gebirge lebenden Papuas sind nicht etwa Nomaden; vielmehr bindet sie nach fröhlich auch in den Bergen die Anlage ihrer Bananen., Zuckerrohr- und sonstige Pflanzungen für längere Zeit an einen Ort. Zudem ist ihr Auftreten in größerer Anzahl ein Beweis dafür, dass sie auch dort in dorfartigen Verbänden leben, wenngleich sie nach Ansicht des genannten Reisenden vielleicht innerhalb bestimmter Reviere ihre Pläne wechseln und zu gewissen Jahreszeiten (besonders in der Trockenzeit) tiefer zu den Flüssen herabkommen mögen, um den Fischfang obzuliegen.

Die Zahl der Urbewohner ist natürlich nur ganz schätzungsweise zu ermitteln. Man nimmt aber nach den Nachrichten, die wir aus der letzten Zeit über das Innere erhalten haben, wohl nicht zuviel an, wenn man die Volksdichte anstatt auf 0,6, wie ehedem, auf etwa einen Einwohner für das Quadratkilometer ansetzt. Bei alledem bleibt diese Zahl noch außerordentlich niedrig und es ergibt sich aus der höchst geringfügigen Volkszahl eine recht nachteilige Folge für die wirtschaftliche Entwicklung des Schutzgebietes. Ist dieses doch damit die von unsern tropischen Kolonien am dünnsten besiedelte, was sich in der Arbeiterfrage auf das stärkste geltend machen muß.

Die uns in erster Linie interessierende weiße Bevölkerung des Kaiser-Wilhelmlandes ist noch außerordentlich gering. Im Beginn des Jahres 1909 gab es in dem großen Gebiet nur 197 Europäer, darunter 112 erwachsene Männer. Die Mehrzahl der Weißen, nämlich 102 an Zahl, war obendrein in einem einzigen Orte, in Friedrich-Wilhelmshafen ansässig. Dagegen waren die Deutschen erfreulicherweise in größter Überzahl; nur 34 von den 197 Europäern waren ihrer Staatsangehörigkeit nach nicht Untertanen des Reiches.

Bedauerlich ist aber, dass trotz des großen Wertes, den man dieser Kolonie zusprechen darf, erst so wenig Europäer den produktiven Berufen angehören. Zwar ist die Zahl der Beamten mit 9 Berufsangehörigen keineswegs hoch. Aber es läßt sich keine erfreulichen Schlüsse auf die Entwicklung des Landes zu, wenn man sieht, dass im genannten Jahre von den 122 erwachsenen Männern diesen Erwerbszweigen, unter denen Ansiedler, Pflanzer, Gärtner, Techniker und Handwerker sowie Kaufleute, Händler und endlich auch Fischer und Seeleute zusammengefaßt sind, nicht mehr als 41, dem Stande der Missionare dagegen nicht weniger als 67 angehörten! Damit soll diesen letzteren keineswegs ihre Bedeutung und ihre Verdienste abgesprochen, sondern es soll damit nur betont werden, dass auch die Entwicklung der äußeren Kultur ein rascheres Tempo einschlagen möge, als es bisher der Fall gewesen ist.

Die fremdländische Bevölkerung nichteuropäischen Ursprungs wird auch bei der Behandlung des Bismarckarchipels berücksichtigt werden. Im Kaiser-Wilhelmland belief sie sich 1909 auf insgesamt 293 Köpfe.

Produktion/Handel und Verkehr.

Produktion

Die eben berührte, ein wenig eigenartige Berufsverteilung führt von selbst auf die Frage, was denn an Kulturen bisher im Kaiser-Wilhelmlande vorhanden ist. Denn da die Eingeborenen für eine den Handel belebende Gütererzeugung hier so gut wie gar nicht in Frage kommen, so genügt ein Blick auf den Stand der von Europäern geleiteten Unternehmungen, um ein Urteil hierüber zu ermöglichen.

Die bebaute Fläche im Kaiser-Wilhelmlande belief sich im Jahre 1908 auf insgesamt nur 4771 ha, von denen aber erst 1063 ertragsfähig waren, was gegen das Vorjahr immerhin ein Mehr von 284 ha bedeutet. Unter den angepflanzten Gewächsen steht im Vordergrund die Kokospalme, mit der drei Viertel des gesamten Kulturlandes bestanden waren. Von den fast 400 000 Bäumen war indessen im genannten Jahre erst ein Viertel ertragsfähig. Neben der edlen Palme sind es die Kautschuk liefernden Pflanzen, denen man die größte Aufmerksamkeit zugewandt hat. Von den verschiedenen Arten war indessen erst ein sehr kleiner Teil ertragsfähig.

Alle anderen Gewächse treten vorläufig noch vollständig gegenüber den genannten in den Hintergrund. Doch ist der Kakao zu erwähnen, der in einer ziemlich großen, aber 1908 noch kaum tragenden Stückzahl angesetzt worden war. Auch Sisalagaven und der seines Holzes wegen so sehr geschätzte Teakbaum mögen Erwähnung finden.

Alles in allem noch ein sehr in den ersten Anfängen stehenden systematische Bodennutzung. Es ist klar, dass sich dieser geringe Grad der Entwicklung auch in dem wichtigsten Maßstab für den wirtschaftlichen Stand eines Landes im Handel und Verkehr sehr deutlich äußert. Der Gehalt der in den beiden Häfen Eitape (Berlinhafen) und Friedrich-Wilhelmhafen 1908 angekommenen Schiffe belief sich auf 84 000 Registertonnen, d.h. auf nicht mehr als ein Fünftel desjenigen der in dem viel kleineren Bismarckarchipel verkehrenden Fahrzeuge.

Noch deutlicher zeigen uns die Zahlen für die Ein - und Ausfuhr, wie weit zurück dieser Teil unserer Südseebesitzungen noch ist. Der Wert der gesamten Einfuhr belief sich in dem mehrfach erwähnten Jahre auf nur 723 000 Mark; davon entfielen auf Deutschland 292 000, während aus Australien für 185 000, aus Asien für 168 000 Mark waren zugeführt sind. Alle anderen Länder treten gegenüber diesen hier angeführten völlig in den Hintergrund.

In der Ausfuhr ist bisher fast nur die Kopra von Bedeutung, die 1908 dem Werte nach mit 205 000 Mark etwas mehr als fünf Siebentel der Gesamtausfuhr ausmachte. Neben ihr kommt bisher nur Kautschuk (mit einem Siebentel)

Quelle: Die Deutschen Kolonien, II. Das Südseegebiet und Kiautschou, von Prof. Dr. R. Dove, Göschen'sche Verlagshandlung 1911, Jadu 2000

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