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Kaisersgeburtstag in einer deutschen Kolonie der Südsee.

von Erich Olkiewicz

Es war am Nachmittag des 26. Januar 1909, als auf der in der Inselgruppe Palau in der gelegenen Insel Koreor sich eine fieberhafte Tätigkeit unter den eingeborenen Soldaten der kaiserlichen Station bemerkbar machte.

Wie die Katzen erkletterten diese Kinder der Südsee die 40 -50 Meter hohen Kokospalmen, um sie einiger der schönen Palmenwedel zu berauben. Auch trennte der Daug, eine dem Dechsel des Zimmermanns ähnliche, jedoch kleinere Handwaffe, unerbittlich ein Blatt nach dem andern von den herrlichen Cykaspalmen.

Unter fröhlichen und melancholischen Gesängen wurden diese Palmenwedel, welche in dem lieben deutschen Vaterlande einen außerordentlichen Wert dargestellt und die Bewunderung manchen Gärtners erregt hätten, nach dem Stadionsgebäude und den Soldatenhäusern geschleift, um dort in einer, dem Palaueingeborenen besonders eigenen, schönen Geschmacksweise angebracht zu werden. Zwischen den Palmenwedeln hindurch leuchteten die wunderbaren, einer Doppelnelke ähnlichen, roten Hibiskusblumen und schienen wie ein verträumtes, junges Liebesglück aus dem Dunkelgrün der Palmen ihre Köpfchen zu recken.

Eben waren diese Ausschmückungsvorbereitungen zum bevorstehenden Kaisersgeburtstag beendet, als mit der in den Tropen eigenartigen Plötzlichkeit die Nacht den Tag ablöste. Lange noch hörte man in den Mannschaftshäusern Gewehrgriffe üben, welche den Eingeborenen Soldaten besondere Freude bereiten. Zwischendurch erklangen die schwermütigen, so außerordentlich weichen Töne eines von den Eingeborenen aus Bambus verfertigten, der Flöte ähnlichen Instrumentes, "Nauug" genannt. — ——

"Die Sonn erwacht
Mit ihrer Pracht
Erfüllt die Berge das Tal!"

Wer den Sonnenaufgang in den Tropen auf einer mitten im Ozean gelegenen Insel gesehen hat, der wird das ganze, hinreißende, staunende und entzückende Bewundern dieses schönen Liedes aus "Preciosa" verstehen.

Wie ein feindliches Heer, so dicht und mächtig lagern sich die Wolken vor der Sonne. Hier und da dringt durch die wenigen vorhandenen Lücken ein heller Schein hindurch, und es beginnt der Kampf zwischen Nacht und Tag. Ein gewaltiges Feuer scheint hinter diesen ungeheuren Wolkenmassen angefacht zu sein, immer röter und röter färben sie sich; immer mehr aber müssen sie dieser alles durchdringenden Glut weichen. Die letzten Reserven stürmen heran und versuchen die Glut zu ersticken. — Aber vergebens! Höher steigt sie, und immer stärker wird das Rot der Wolken. Das Meer erglänzt im Widerschein dieser großen Schlacht der Elemente blutigrot, und die sich fern am Horizont abhebenden Palmenkronen scheinen mitten in den Flammen zu stehen.

Da ein Schrei, ein Jubeln der ganzen Natur! — Die Vöglein zwitschern und jubilieren, die Hähne lassen ihr Gekrähe erschallen, und siegreich steigt "Phöbus Apollon" aus der Schlacht empor auf seinen Thron, genannt "der Tag".

So brach der 27. Januar 1909, der Geburtstag unseres geliebten Deutschen Kaisers Wilhelm II. an.

Wie Kinder am Weihnachtsmorgen vor Vorfreude nicht mehr schlafen können, so erging es auch den Eingeborenen Soldaten. Fröhlich und lustig plaudernd tummelten sich diese bereits seit etwa zwei Stunden herum und konnten die Zeit des Antretens und des Flaggenhissens kaum erwarten, geradeso, wie es wohl einem jeden deutschen Soldaten am Kaisersgeburtstag ergangen sein mag. Nachdem an jeden Soldaten drei Platzpatronen ausgegeben waren, traten diese fünf Minuten vor 8 Uhr an dem vor dem Stationsgebäude befindlichen großen Flaggenmast an. Malerisch schön sah diese herrliche Gruppe aus. Kerzengerade, Gewehr bei Fuß, so standen die die braunen, großen und schöngeformten Gestalten da, wie eine aus Bronze gegossene Gruppe. In dem üppigen schwarzen Haar, das in einem nach hinten stehenden, keiner Mode unterworfenen, schönen Knoten verschlungen war, prangte der selbstgeschnitzte, mit bunten Federn verzierte, schöne Haarpfeil. Ein weißes Hemd, gleich dem Treuer der Matrosen der Kaiserlichen Marine ließ die kräftige, schön geformte Brust und den sehnigen Hals frei, und aus den kurzen Ärmeln der Hemden sahen die muskulösen Arme hervor. Vorzüglich zu der glatten, braunen Hautfarbe stand das um die Hütten geschlungene und fast bis zu den Knien reichende rote Tuch, das um den Leib durch das Koppel, an welchem die Patronentaschen und das Seitengewehr befestigt waren, zusammengehalten wurde. Das schwarze, samtweich glänzende Auge, das so sehr an ein verträumtes, schönes Märchen erinnerte, leuchtete vor inniger Freude und Erwartung. So standen sie da bis 20 malerisch schönen Gestalten und erwarteten die wenigen Minuten bis 8 Uhr. — ——

"Stillgestanden!" "Das Gewehr über!"
"Achtung, präsentiert das Gewehr!"

Langsam stieg die deutsche Regierungsflagge in die Höhe, während die Beamten salutierten und die Uhr die acht Schläge vollendete.
"Das Gewehr über!"  "Bataillon soll chargieren, geladen!"  "Chargiert fertig!"  "Hoch legt an!"  "Feuer!" —  Und dreimal krachte die Salve zu Ehren des hohen Geburtstagskindes, als wollten sie eherne Grüße zum lieben Vaterlande hinübertragen. "Seine Majestät, der Deutsche Kaiser und König Wilhelm II Hurra!" — Und dreimal gaben die gegenüberliegenden Felseninseln das Echo der mit Begeisterung gerufenen Hurras zurück.

Von dem nahen Dorf "Eijibuko", in dem die Mission der Kapuzinermönche liegt, schallen die Glocken der kleinen Kapelle herüber. Weiße, Eingeborene und Soldaten versammeln sich zu einer Andacht, einem Dankgebet zu dem Herren aller Heerscharen.

Mit Blumen geschmückt war der einfache Altar. Winzige Bilderchen der biblischen Geschichte, so einfach wie sie die Liebe, welche so gerne gibt und doch nicht besser zu geben vermag, spenden konnte, dienen als Schmuck der Bretterwände. Eine feierliche Ruhe und Andacht herrschte in dem kleinen Gotteshaus, in dem jetzt der Pater Superior, von zwei Chorjungen geleitet, erschien und die Messe laß. Die sanften Töne des Harmoniums begleiteten den Zelebranten in seinen Gesängen, und zum Schluß der Andacht brauste, von den eingeborenen Knaben und Mädchen mitgesungen, das herrliche Kirchenlied: "Großer Gott wir loben dich!" durch das kleine Gebäude, hinaus in den tropischen Urwald und verlor sich dort in den Wipfeln der Palmen.

Eine Vorführung der Schulkinder durch den zweiten Pater folgte der kirchlichen Feier. Selten wohl dürften Erwartungen, welche jemals an eine Schulklasse gestellt worden sind, in reichlicherem Maße befriedigt worden sein als hier von den Kindern der Eingeborenen.

Wie in einer Schulklasse in Deutschland, so waren auch hier die Wände mit Bildern zum Anschauungsunterricht geschmückt, und es befanden sich außer der Schultafel große Landkarten bei dem Pulte des Lehrers. Das Kaiserbild war von einem schönen Kranze umgeben.

Mit einem Gebet und einer Ansprache an die anwesenden Weißen eröffnete der Pater die Prüfung, zu welcher außer den Eltern der Schüler auch sämtliche Häuptlinge mit ihrem Stabe erschienen waren. Alsdann unterrichtete der Pater in einer längeren, in der Sprache der Eingeborenen gehaltenen Rede die Kinder über den Zweck des Tages. Nach der Reihe kamen Knaben und Mädchen an die Tafel, rechneten und schrieben. Mit staunenswerter Sicherheit multiplizierten Kinder von 10-12 Jahren eine achtstellige Zahl mit einer fünfstelligen, addierten sechs Millionensummen und leisteten ebenso Erstaunliches im Dividieren und Subtrahieren. Ein Mädchen von zehn Jahren nannte sämtliche Erdteile nebst großen Flüssen. Ein anderes Kind nannte und zeigte an der Karte von Europa sämtliche Reiche sowie deren größere Städte und Ströme, kannte das deutsche Vaterland vollständig und zeigte an der Karte sogar das "heldenhafte Kolberg von 1807". Alsdann wurden von Kindern Gedichte vorgetragen, und zwar so schöne Gedichte, wie man sie selber einst gelernt hatte. "Ich hatt' einen Kameraden", "Mit dem Pfeil, dem Bogen", "Dem Kaiser sei mein erstes Lied" , "Goldene Abendsonne, wie bist du so schön", und weitere schöne Gedichte wurden von den Kindern nicht ohne Verständnis zum Vortrag gebracht. Man vergaß die Umgebung und hörte nur alte, längst entschwundene Weisen, fühlte sich selbst wieder auf der Schulbank sitzen und in die schönsten, sorgenfreiesten Stunden des Lebens zurückversetzt. — Und von weit, weit her schien es zu klingen so leise, daß es nur dem Herzen verständlich war:

"Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar.
O, wie liegt so weit,o, wie liegt so weit,
Was mein einst war!" —


N
achdem noch "Heil Dir im Siegerkranz" verklungen war, wurde diese schöne Feier geschlossen.

Wenn man in Betracht zieht, daß die Patres der Kapuziner Mission erst seit drei Jahren in den Palauinseln wirken, und den Eingeborenen überhaupt jeder kulturelle Begriff fast gänzlich fremd ist und fehlt, dann weiß man erst die unendliche Mühe, Ausdauer und Geduld zu schätzen und recht zu verstehen, die erforderlich sein muß, um die Kinder zur Absolvierung eines so guten Schulpensums zu bringen. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, daß die Kinder durchweg einen stark ausgeprägten Ehrgeiz besitzen.

Ein Eingeborener, der mit seinem äußerst schön gebauten Kanoe schon mehrmals bei festlichen Gelegenheiten als erster Sieger durchs Ziel gegangen war, mußte seinen Gegnern einen Vorsprung von 25 Bootslängen geben. Ohne eine Miene zu verziehen, ging er hierauf ein, bemerkte jedoch zu seinen Landsleuten, daß, wenn er das Rennen jetzt nicht gewinnen sollte, er sein Kanoe auf den Molenkopf fahren und zerschellen lassen würde.

Der Schuß für die zuerst absegelnden Kanoes fiel, und wie Möven flogen die leichten Fahrzeuge an dem Boote unseres Freundes vorbei.
Zehn Bootslängen waren diese entfernt, 20 Bootslängen, und noch immer stand unser brauner Freund da, wie eine aus Bronze gegossene Figur. Keine Muskel bewegte sich an seinem schönen Körper, kein Zucken verriet seine Unruhe; nur sein schwarzes Auge war geradeaus auf die enteilenden Kanoes gerichtet, als suche er sich schon jetzt den Platz aus, wo er mit seinem Kanoe hindurchschlüpfen könne. Seine sehnige Faust hielt das Ende der Segelstange fest umklammert, um das Segel sofort klar zu machen.
Da ein Zeichen des Beamten, und der zweite Schuß erdröhnte.

Wie ein Katze, so schnell hockte unser brauner Sportsmann nieder, setzte das Segel ein und schon schoß das schöne, schlanke Fahrzeug wie ein Pfeil über die Wasserfläche, seinen Gegnern nach.
Lautlose Stille herrschte unter den weißen sowie eingeborenen Zuschauern. Näher und näher rückte das Kanoe den Gegnern, immer mehr verringerte sich der Vorsprung. Schon waren zirka 4-5 Gegner überholt und näher ging es der Wendeboje, die durch eine Pinasse gebildet wurde.
Da schallte plötzlich von der Pinasse ein vielstimmiges "Hurrah". Unser Freund war geschickter beim "über Stag gehen" und hatte den verlorenen Vorsprung eingeholt.
Stetig näher kam das schmucke Fahrzeug, seine Gegner weit zurück lassend, und wie es dicht vor dem Ziel war, schwenkte der Führer seinen alten Tropenhelm und hippte dreimal mit dem Segel.

Mit Gebrüll wurde der Sieger am Ziel von den Eingeborenen begrüßt. Als ihm aber der wohlverdiente I. Preis überreicht werden sollte, lehnte er ihn ab und "stolz wie ein Spanier" zeigte er dem Preisrichter ein Fünfmarkstück, indem er sagte, er verzichte auf den Preis, möchte sich aber für sein Kanoe einen Namen kaufen. Als dieser stolzer Sieger nun bedeutet wurde, daß er die fünf Mark behalten, den Preis nehmen solle und sein Kanoe vom Amt mit dem Namen "Kaiser Wilhelm II," versehen werde, zog er, glücklich lächelnd wie ein Kind, von dannen.

Die Soldaten erhielten nun zur Feier des Tages einen gewaltigen Schweinebraten. Auch wurde ein mit Seife bestrichener Mast errichtet, an dem oben an einem Kreuzholz Geschenke befestigt wurden, die jedoch, bei der katzenartigen Geschicklichkeit der Eingeborenen im klettern, von ihrem erhöhten Thron bald heruntergeholt wurden.
Mitten im Trubel trat plötzlich Stille ein, und von fernher erklangen klagende Gesänge, die in einem wilden, schallenden "Ruuh" ausliefen, eine Ankündigung des Kriegstanzes "Geuijang" der Palau Eingeborenen.

In wilden phantastischen Sprüngen, bemalt mit den Kriegsfarben nahten sich gegen 150 Krieger. Im Haar steckten die Kriegsfedern, und lange, buntbemalte Speere und Holzschwerter wurden von kräftigen Armen geschwungen. Ein farbenprächtiger Anblick war es, wie sie in einer Doppelreihe formiert heranstürmten unter wilden Gesängen, die immer wieder in den monotonen Einzelgesang des Anführers ausliefen, und welcher dann mit einem wildem "Ruuh" beantwortet wurde. Mit blitzenden Augen und verzückten Mienen stürmten die Krieger wild aneinander, als wollten sie sich die Speere in den Leib rennen, parierten jedoch im selben Augenblick den geführten Stoß, daß es weithin schallte.

Hierauf zog ein Kriegstrupp von Leuten der Insel Jap auf, die den so wilden, wie harmonisch schönen Bambustanz, genannt "Gamell" aufführten. War der Schmuck der Palaukrieger schon schön, so übertraf der der Japleute diesen doch bei weitem. Ketten von bunten Vogelfedern, teilweise noch bemalt, schmückten den Kopf und Hals sowie die Arme und Beine und hoben sie schön von der braunen Hautfarbe ab.

Mit etwa 5 - 10 Zentimeter im Durchmesser starken und einen Meter langen Bambusknütteln bewaffnet, nahmen die Krieger zwei gegen zwei Mann Aufstellung. Der Bambusstab wurde zur Mitte gefaßt, und mit dem Einzelgesang des Vortänzers begann dieser wirklich schöne Tanz.

Mit welcher Geschwindigkeit und Eleganz wurden die wilden und doch so schönen Bewegungen ausgeführt! Jedes Glied am Körper lebte und gab sich ganz den Reiz des Tanzes hin. Dazu klangen gewissermaßen als Begleitung die Bambusstäbe mit kurzem Schlag aneinander. Die Tänzer wechselten die Plätze, tanzten nach rechts, nach links hinüber, ein Paar durch das andere. Und nie ein Fehler, nie ein Mißklang der ständig begleitenden harten Bambusschläge! Nach zehn Minuten endete dieser reizvolle Tanz und bildete somit den Schluß der festlichen Veranstaltungen dieses Tages.

Eine bunte Tafelrunde, betstehend aus den Regierungsbeamten, den Patres und Brüdern der Mission, Engländern und Japanern, vereinte sich am Abend an der vor dem Stationsgebäude unter freiem Himmel gedeckten langen Tafel. Als für das leibliche Wohl gesorgt war, trat ein echter deutscher Trunk in seine Rechte.

Lange schon hatte es Zapfenstreich geblasen, und noch immer feierten Gott "Bachus" ohne Rücksicht auf den Unterschied der Nationen an dieser gemütlichen Tafelrunde seine Feste. Goldig perlte der Rheinwein im Glase und erzählte ein leises, leises Lied vom "letzten Zecherglück".


Quelle: Süssenrotts Illustrierter Kolonial Kalender 1912, von rado jadu 2000


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