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Eine Fahrt über Korallenfelsen

Von Erich Olkiewicz

Bevor ich mit der erzählung dieser Tour über die Korallenfelsen der Insel Angaur selbst beginne, möchte ich nicht unterlassen, eine kleine Beschreibung der Insel Angaur und der Palaugruppe vorauszusenden. Möge diese dem Leser ein ungefähres Bild von dem Ort der Handlung geben.

Die Palaugruppe, zu welcher die Insel Angaur gehört, umfaßt etwa 200 kleinere Inseln und liegt zwischen dem 6. und 8. Grad nördlicher Breite. Die ausdehnung der gesamten Inselgruppe beträgt von Norden nach Süden etwa 90 — 100 Seemeilen, während sie von Osten nach Westen nur rund 45 Seemeilen mißt und von dem 134. Längengrad östlich von Greenwich geschnitten wird. Die ziemlich langgestreckte Inselgruppe ist von einem Korallenriff umrahmt, das durch mehrere Einfahrten in den Lagunen durchbrochen wird. Die südlich gelegene Insel Angaur hingegen ist nicht von einem Riff umrahmt, sondern vielmehr durcj eine breite Wasserstraße von der Hauptgruppe getrennt.

Die Insel hat eine fast dreieckige Form mit dem Breitende im Nordosten und der Spitze im Südwesten. Ihre Ausdehnung beträgt von Ost nach West ca. 3 Kilometer, von Nord nach Süd etwa 3,5 — 4 Kilometer. An der Westseite befindet sich eine flache Bucht, in deren Mitte ein kleiner Hafen vorhanden ist, der jedoch bei Niedrigwasser fast trocken liegt und daher von See aus für größere Schiffe absolut unzugänglich ist und nur flachen Booten die Überfahrt gestattet.

Ein Hafen für größere Schiffe ist überhaupt nicht vorhanden, und die Ankerverhältnisse sind die denkbar schlechtesten, da der Meeresboden von etwa vier Metern an der Riffkante auf beträchtliche Tiefe abfällt. Die Verankerung der Schiffe kann daher nur vermittels Bojen erfolgen, die in beträchtlicher Tiefe gelegt werden müssen.

Die Insel, die aus einem fast undurchdringlichen, herrlichen Urwald besteht, in dem die Tarosümpfe, eine Art Rüb- und Hauptnahrung der Eingeborenen, sowie die kleinen Bananenpflanzungen die einzigsten Lichtungen bilden, läßt als einzigste Gesteinsart Korallenkalk und als bedeckende Bodenart im nordwestlichen Teil Phosphat zutage treten. An dem Kalkstein läßt sich noch deutlich die Kotallenstruktur erkennen.

Allem Anschein nach sind die Koralleninseln teils durch tektonische oder vulkanische Kräfte der Erdrinde bis zu 100 Meter und mehr aus der see herausgehoben. Wer ein besonderes Interesse für die Enstehung der Koralleninseln hat, dem dürfte die bekannte Darwinsche Theorie über die Entstehung der Koralleninseln den gewünschten Aufschluß hierüber erteilen.

Das Jahr wird auf der Insel Angaur wie überhaupt in dem ganzen Atoll (Riffgebiet) der Westkarolinen in zwei Abschnitte geteilt, und zwar nach den Winden. Die Zeit des Nordostpassats geht von Dezember bis April, die Zeit des Südwestmonsuns von Juli bis September. — Der Regenfall ist das ganze Jahr hindurch recht bedeutend. Der Nordostpassat tritt selten heftig, meist ruhig und stetig auf, während der westmonsun böig und sehr unregelmäßig ist und sich manchmal bis zur orkanartigen Stärke steigert..

Die ganze Insel Angaur, die nach dem Stande der üppigen Gewächse zu urteilen, bis auf heute wohl von noch keinem Taifun heimgesucht sein dürfte, wird von etwa 80 — 100 Eingeborenen bewohnt, welche äußerst friedliebenden Charakters und ein hübscher Menschenschlag sind. —

Es war des Morgens gegen 5½ Uhr, als sich unsere kleine Karawane, bestehend aus drei Weißen und zwei Eingeborenen, die als Führer dienen sollten, zum Aufbruch rüstete.

Der zu erwartenden Hitze wegen hatten wir vorsichtshalber die Jacketts zu Hause gelassen und waren nur mit einem Flanellhemde, einer starken Khakihose und den schweren, äußerst haltbaren Expeditionsstiefeln bekleidet. Die Kopfbedeckung bestand aus dem unentbehrlichen Tropenhelm, der Schläfen und Genick einen reichlichen Schutz gegen die Sonnenstrahlen gewährt. Bewaffnet war ein jeder mit einem gewaltigen Buschmesser, um nötigenfalls einen Weg durch das dichte Urwaldgestrüpp bahnen zu können. Da unsere Fahrt, die der Bersichtigung der südwestlichen Korallenfelsen und einer sich dort befindlichen, von der Natur bezw. der Wasserkraft gebildeten Fontäne galt, nur auf höchstens sechs Stunden berechnet war, hatten wir uns mit fast gar keinem Proviant, sondern nur mit Getränken und Apfelsinen versehen.

Unter dem Gezwitscher der erwachenden Vogelwelt sezte sich unsere kleine Karawane in Bewegung.

Die Kronen der gewaltigen Urwaldriesen schienen, von einer leichten Brise bewegt, uns einen guten Morgen zuzurauschen. Neugierig streckte hier und dort eine der hübschen, grünen Eidechsen ihr Köpschen aus dem Buschwerk hervor, oder eine Schlange, die auf dieser Insel vollständig unschädlich sind, huschte über den Weg, jedenfalls erstaunt über diese so seltene und frühzeitige Störung.

Welch eine unendliche Fülle von Majestät und wunderbar geheimnisvollem Tun und Treiben birgt doch ein Urwald in sich!

Scön sind die Wälder in Thüringen, Schlesien, dem Harz und an anderen herrlichen Stätten des deutschen Vaterlandes, und bewundernd habe auch ich oft ausgerufen:

"Wer hat dich du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch dort oben?"

Aber noch nie ist meine Seele von staunender Bewunderung so groß und weit geworden, wie bei dem Anblick der Majestät eines Urwaldes. Ehrfurchtgebietend stehen die Baumriesen da, wie Säulen eines uralten wunderbaren Domes. Es scheint, als riefen sie dem kleinen, winzigen Menschenkind ein gebietendes "Halt ein" entgegen. All das geheimnisvolle unsichtbare Leben, das in diesem Naturdom sein Dasein fristet, scheint dem Eindringling zuzrufen: "Lasse uns unsere Ruhe, störe nicht unser friedliches Dasein und werde kein Schänder an dem Dome Gottes!" Die Zweige der gewaltigen Baumriesen haben sich wieder zur Erde geneigt und dort von neuem Wurzeln geschlagen, und somit bildet der ganze Baum eine Naturlaube von gigantischer Schönheit, die mit vielen Ankern in der erde verankert zu sein scheint, als wolle sie sich nie wieder von dem Mutterboden entfernen lassen.

Von dem Zauber des Urwaldes hingerissen, hatten wir fast eine Stunde lang schweigsam unseren Weg fortgesetzt. Hatten sich uns bisher nur wenige Unebenheiten des Weges gezeigt, so schien sich uns jetzt ein um so größeres Hindernis in den Weg zu stellen und uns aus der Ruhe aufzuwecken.

Vor uns tauchte eine fast sechs meter hohe und etwa zwei Meter breite, mit dichtem Schlinggewächs und Moss bewachsene Steinmauer auf. Diese Mauer ist vor langen Jahren von den Eingeborenen der Insel angaur um den größten Teil derselben errichtet worden. Da auf Angaur besonders hübsche und zahlreiche Mädchen vorhanden waren, machten die in dieser Hinsicht vom Schicksal weniger beglückten Eingeborenen der benachbarten Insel "Pililju" oftmals räuberische Überfälle auf die ahnungslosen Angaureingeborenen und beraubten diese ihrer schönsten Mädchen und Frauen. Da die Männerzahl der Insel Angaur in bedeutender Minderheit gegenüber der der Insel Pililju war, errichteten die ersteren die erwähnte Mauer zu ihrem Schutze und führten regelmäßige Wachposten ein. Dieser Frauenraub hat jedoch jetzt, nachdem sich die Insel und das ganze Inselgebiet unter deutscher Herrschaft befindet, völlig aufgehört.

So schwer es f. Z. wohl den Feinden geworden sein mag, diese hohe, sehr schlüpfrige Mauer zu ersteigen, ebenso schwer wurde es jetzt uns. Nachdem wir uns mit großen Bambusknütteln versehen hatten, gelang es uns mit deren Hilfe, dieses Hindernis nach etwa 20 Minuten unter Aufopferung ganzer Sröme von Schweiß glücklich zu überwinden. Von dem Abstieg hätte man mit Recht sagen können:

"Halb zog es ihn,
Halb sank er hin,
Da war's um ihn gescheh'n."

Nur war es in diesem Falle nicht um ihn, sondern um unsere schönen Khakihosen geschehen, welche ganz gegen jegliche Vereinbarung beliebt hatten, sich von der Mutter Natur für ihren Boden einen herrlichen dunkelgrünen Anstrich zu leihen. Nach einer weiteren halben Stunde gelangten wir an die offene See und wanderten, wenn auch jetzt in glühenden Sonnenstrahlen, auf dem schönen Strandsand unserem im nächster Nähe winkenden Ziele, den Korallenfelsen entgegen.

Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir an die fast 50 Meter hohen, glasharten und scharfen, fast unbesteigbaren Felsen herankamen? Welchüppig schömnen, zugleich aber auch gefährlichen Bergformationen zeigten sich hier dem Auge! Unser fröhlicher Wandermut sank, unumwunden gesagt, in Anbetracht der zu überwindenden Hindernisse und der sich ständig mehr bemerkbar machenden Hitze auf ein beträchtliches Minimum herab; jedoch hatten wir den festen Willen, unsere Tour planmäßig auszuführen und gingen daher nach kurzer Rast und Stärkung an die Arbeit.

Da die Zeit der Ebbe war, und daher bis auf 50 Meter vor den Felsen die Korallenbänke mit höchstens einem Meter Wasser bedeckt waren, zogen wir es vor, die Felsen soweit wie irgend möglich durch das Wasser watend zu umgehen. Unmöglich wäre es gewesen, mit entblößten Füßen auch nur zehn meter weit auf den scharfen Korallenbänken zu gehen, und wir spazierten daher zum Erstaunen der beiden Eingeborenen mit Stiefeln und Sporen in das nasse Element hinein. Die Eingeborenen schnitten sich größere Blätter ab, um sich diese nachher etwa noch unter die ohnehin schon harten Fußsohlen binden zu können. Ungefähr eine Stunde lang waren wir so gewandert, wobei es oftmals vorkam, daß der eine oder andere ausglitt und ein unfreiwilliges, bei der großen Hitze jedoch recht wohltuendes Vollbad nehmen mußte. Undankbar wie das Menschengeschlecht immer ist, schimpfte der also beglückte in allen möglichen Tonarten, die durch das Hohngelächter der anderen noch erhöht wurden. Da die Korallenbank zu Ende war, und auch das Wasser wieder einkam, d.h. die Flut, sahen wir uns genötigt, unseren feuchten Weg aufzugeben und uns an die Ersteigung der Felsen zu begeben.

Die Eingeborenen banden sich die mitgenommenen Blätter dreidoppelt unter die "Füßchen", und jetzt ging es mit Todesverachtung an den gefärlichsten Teil der Wanderung.

Langsam, Schritt für Schritt, erst jeden Fußbreit prüfend, ging es vorwärts. Die naßgewordenen Kleidungsstücke trockneten in kurzer Zeit, und in die nassen Stiefel schnitten die scharfen Korallenspitzen tief ein. In so großer Nähe sahen wir die Fontäne ihre gewaltigen Strahlen gen Himmel werfen, und doch gebrauchten wir fast eine Stunde, bis wir zu dem ersehnten Punkte gelangten. Wir sahen nicht mehr nach unserem Ziel, strebten nur vorwärts und vorwärts, dem gewaltigen Rauschen der Wassermengen nach. — Und da standen wir nach Überwindung einer äußerst schwierig zu erklimmenden Felsenpartie plötzlich vor diesem herrlichen Naturwunder! —

In zwanzig Meter hohen Garben stürzte das Wasser aus dem brodelnden, zischenden Kessel empor und verlor sich in einem sehr schönen, in der Sonne wie Tausende von Diamanten flimmernden Sprühregen.

Wie war dieses Naturwunder entstanden? — In der den Felsen vorgelagerten Korallenbak befand sich ein etwa 90 Zentimeter breiter Spalt, der bis unter den Korallenfelsen führte. Die ständig heranbrausenden starken Meereswogen haben nun jedenfalls im Laufe vieler Jahrzehnte den etwa 30 Meter hohen Felsen bis zur Spitze kraterförmig ausgehöhlt und sich somit einen Ausweg aus ihrem unterirdischen Labyrinth geschaffen. Jede heranstürmende Welle nahm ihren Weg durch den Spalt in die Höhlung des Felsens und schloß nun in einer hohen Fontäne daraus hervor.

Als wir uns genügend an diesem Schauspiel ergötzt und den Rest unseres Proviants seinem Bestimmungsort zugeführt hatten, traten wir wohlgemut das Ende unserer Wanderung an. Nach Angabe unseres Führers sollte der Weg über die Felsen hinweg in höchstens einer Stunde zurückgelegt sein, ebenso der schmale Pfad durch den Wald, so daß wir in einer Gesamtzeit von etwa zwei Stunden die Kolonie erreichen könnten. Wie sehr sollten wir aber durch diese Annahme enttäuscht werden!

Bereits eine Stunde hatten wir gekraxelt, aber noch immer war keine Lichtung in dem sich zu unserer Rechten befindlichen Urwald zu erblicken, die auf einen kleinen Pfad hätte schließen lassen. Wir gaben und jedoch der Hoffnung hin, bald an den ersehnten Pfad zu gelangen, aber "Hoffen und Harren macht manchen zum Narren", so auch uns.

Es verging 1½ Stunden, 2 Stunden, — immer noch kein Ausweg! — 2½, 3 Stunden, noch keine Lichtung im Walde zu erblicken! — Immer wilder und zerklüfteter wurden die Felsen, immer tiefer schnitte die harten Riffe in die Stiefeln und zerschnitten unsere Hände. Die Sonne, die bei der eingetretenen Windstille immer sengender auf uns niederbrannte, schien die tödliche Absicht zu haben, uns in einen Schmorapfel zu verwandeln, denn Hals und der unbedeckte Teil der Arme waren bereits krebsrot gebrannt. Den aus allen Poren hervordringenden Schweiß zu wischen, war unsere einzigste Tätigkeit bei dem lautlosen Dahinstümpern. War das Taschentuch naß, so wurde es ausgerungen und auf den Tropenhelm gelegt; bereits nach 4 — 5 Minuten war das Tuch wieder völlig trocken zum Gebrauch. Der Durst fing an sich quälend bemerkbar zu machen, und wir hatten keinen Tropfen Flüssigkeit mehr. Nach war keine Kokospalme zu erblicken, von der wir eine Nuß hätten herunterholen können, um mit ihrer Milch unseren Durst zu stillen.

Als wir unserem Führer wegen seiner Unzuverlässigkeit tüchtig ind Gewissen geredet hatten, gab dieser zu, entweder den Pfad, der durch den Wald führen sollte, verpaßt zu haben oder aber von dem alten Mann, der ihm die Beschreibung des Weges gegeben habe, falsch unterrichtet zu sein; er selbst habe den Weg bis über die Fontäne hinaus noch nie gemacht, sondern sei immer wieder dieselbe Fährte zurückgegangen.

Es war inzwischen bereits 2 Uhr nachmittags geworden. — Was blieb uns mehr übrig, als alle Kraft zusammenzuraffen und weiter zu marschieren und uns dem Zufall überlassend einen Ausweg zu finden? Die rechte Hand wurde jetzt, da die Felsen immer unzugänglicher wurden, mir dem Taschentuch umwickelt, um sich so an den scharfen Kanten und Vorsprüngen besser festhalten zu können.

Bereits nach einer Stunde waren wir dermaßen erschöpft, und die Sonnenstrahlen wirkten trotz des Tropenhelms jetzt schon so stark auf unsere Kopfnerven ein, daß es uns nicht mehr möglich war, auf diesem so sehr schwierigen und gefährlichen Wege weiter zu wandern. Noch mindestens 4 — 5 Kilometer weit dehnten sich die Felsen vor uns aus, und wir hätten kaum die die Hälfte dieser Strecke vor eintretender Dunkelheit zurücklegen können. Vor Nacht mußte wir aber unbedingt heimkehren, um die Kolonie nicht zu beunruhigen. Also einen Durchbruch versucht und die letzten Kräfte darangesetzt!

Die langen Buschmesser wurden aus ihrer schützenden Hülle hervorgeholt und dann begann ein hartes Stück Arbeit. Da große Felsbröcke noch weit in den Urwald hinein verstreut lagen, und die zwischen diesen sich befindenden größtenteils schlecht sichtbaren und vielfach bewachsenen Löcher und Vertiefungen dem scharfen Auge des Eingeborenen viel leichter erkenntlich sind als sen Augen eines Weißen, so eröffnete unser Führer den wenig gemütlichen Gänsemarsch. Hinter dem Führer folgten die Weißen, und den Schluß bildete der zweite Eingeborenen.

Die ersten Sträucher und alles, was im Wege stand, fielen unter den Harten Schlägen des Buschmessers. was eine enge Lücke von 3 — 4 Metern einigermaßen frei, so folgten wir dem Führer nach. Hier mitten im Urwaldgestrüpp zeigte sich der Führer zu Hause; links und rechts um sich hauend, erprobte er vorsichtig jeden Fußbreit, zeigte, wo wir auf den schlüpfrigen Felsstücken hintreten mußten, um sicheren halt zu gewinnen und keinen Fehltritt zu tun. Als wolle er das Versäumte wieder gut machen, si ungestüm drang er vor, so daß wir fast Mühe hatten, ihm zu folgen. Nach 30 Minuten wurde der weg ebener,d.h. die Felsbröcke hörten auf; und wenngleich das Urwaldgestrüpp jetzt auch noch dichter wurde, so konnten wir doch wenigstens festeren Fuß fassen.

Nacheinander lösten wir uns jetzt im Führerposten ab, und wohl selten hatten die Buschmesser so reichlich Arbeit getan wie an diesem Tage.

So waren wir etwa 1½ Stunden mühsam durchgedrungen, und die Sonne begann bereits zu sinken, als unser Eingeborener plötzlich stehen blieb, mit seinen Augen das Dickicht tz durchdringen schien und freudig bewegt: "Clugur, Clugur," das heißt Kokosnuß, ausrief. Wie elektrisierend wirkte dieser Ruf auf unsere Stimmung. Wenngleich auch wir die ersehnte Labung durch das Dickicht moch nicht erblicken vermochten, so verließen wir uns doch auf die um so schäferen Augen des Eingeborenen. Freiwillig stellte er sich an die Spitze, und nun ging es, das noch hinderliche Buschwerk mit doppelter Kraft beseitigend, geradewegs auf das Schlaraffenland zu. Die Müdigkeit schien vergessen zu sein, der brennende Gaumen schlürfte schon in Gedanken die Kokosmilch, — und wirklich, wer beschreibt unsere große Freude, als wir nach einhundert Metern die erste Kokospalme erreichten und der Urwald sich zu lichten begann.

Mit Katzenartiger Geschwindigkeit, fast um die Wette kletternd, erstiegen die beiden Eingeborenen die schlanken Palmen und warfen von oben unter wilden Jauchzern an zehn Kokosnüsse herab. Sich auf sie stürzen und sie mit zwei gewaltigen Hieben des Buschmessers öffnen war das Werk eines Augenblicks. "Mit verzückter Miene", wie einer der teilnehmer nachher feststellte, wurde die erste Nuß in einem Zuge ihres erquickenden Inhalts beraubt, und wohl selten war, wie einmütig zugegeben wurde, jemals einem von uns ein Trunk so köstlich und labend erschienen, wie in diesem Augenblick die Nußmilch. Nachdem wir mit dem weichem, an der Schale haftenden Kern noch 8unseren Hunger etwas gestillt hatten, setzten wir froh und guter Dinge unseren jetzt weniger beschwerlichen Weg fort und gelangten bei einbrechender Dunkelheit in der Kolonie an.

Mit freunden wurden wir, um die man sich schon geängstigt hatte, empfangen, und wenngleich unsere zerkratzten und zerschundenen Glieder auch wohl etwas Mitleid erregten, so gab unser Anzug, welcher dem eines Erzvagabunden Konkurrenz gemacht hätte, und so mehr Anlaß zu allgemeiner Heiterkeit. Nachdem wir unserem äußeren Menschen wieder ein würdiges Aussehen verliehen hatten, mußten wir bei einem gemütlichen Abendschoppen unsere Erlebnisse erzählen.

Wenngleich sich auch noch tagelang nachher eine furchtbare Steifheit in den Gliedern, namentlich den Beinen, bemerkbar machte, und wir der lieben Frau Sonne für ihre wärmenden Strahlen unseren Tribut in Form äußerst schmerzhafter Brandblasen auf Hals und Armen entrichten mußten, so blieb allen Teilnehmern doch eine schöne Erinnerung an diese, wenn auch mit vielen Hindernissen verknüpft, so doch seltene wanderung.

Quelle: Süssenrotts Illustrierter Kolonial-Kalender 1912, von rado jadu 2000

Frauen in Angaur
Palau
Handbuch der deutschen Südsee
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