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Mugamug - Südseekartoffel

Ein Erntebild aus der Südsee

Von Dagobert Winter

Auch die Südsee hat ihre Kartoffel. Sie führt zwar einen anderen Namen, entstammt auch nicht gleich der unserigen der vornehmen Familie der Solanazeen, ist aber eine Knollenfrucht wie diese und für die Ernährung der Kanaken nicht minder wichtig als für uns. In Europa kennt man sie — oder doch nahe Verwandte von ihr — unter dem Namen Arrowroot, und vor einigen Jahrzehnten stand das daraus gewonnene Stärkemehl als damals gepriesenes Kindernährmittel in hohem Ansehen. Die Mikronesier nennen das zu ihren wichtigsten Nährpflanzen zählende Gewächs "Mugamug".

Auf Mejit, einer der nördlichsten Inseln der Marschallgruppe, ist die Arrowrooternte mit besonderen Feierlichkeiten verbunden, wie sie weder die Kokosnuß, noch der Pandanusfrucht erwiesen werden, obgleich diese als Nahrungsmittel für die dortigen Eingeborenen mindestens gleich wichtig sind, die erstere besonders deshalb, weil die Kopra — der getrocknete Kern der Kokosnuß — der hauptsächlichste Wirtschafts- und Handelsartikel des gesamten Inselreiches ist. Kokospalmen und Pandanusbäume, die ihm neben ihren Früchten auch noch die mannigfaltigsten Gebrauchstoffe zur Herstellung seiner Kleidung und Wohnung, seiner Boote und der verschiedensten Gerätschaften liefern, sieht der Eingeborene von Tag zu Tag wachsen und gedeihen und betrachtet sie vielleicht darum als etwas weiter nicht Wunderbares, wogegen das unter der Erde verborgen heranreifende Arrowroot für ihn geheimnisvoller sein mag und ihm deshalb auch des besonderen Schutzes der Götter bedürftig und eines eigenen Kultus würdig erscheint.

Im November erlangt das Mugamug seine Reife. Die krautartige Pflanze sieht unserer heimischen Kartoffelstaude sehr ähnlich, nur daß die Blätter schärfer ausgezackt sind; auch die weißlichen Knollen unterscheiden sich in Form und Größe kaum von denjenigen unseres "Erdapfels". Durchaus verschieden von der unserigen ist die Art der Behandlung. Die Knollen sind ungenießbar, denn sie sind bitter im Geschmack und werden erst durch gründliches Auslaugen mit Seewasser genießbar gemacht. Die rohe Frucht wird auf reibeisenähnlichen Steinen, wie solche an den Korallenriffen gefunden werden, fein zerrieben, die so gewonnene breiige Masse, reichlich mit Seewasser vermischt, durch Siebe getrieben und in Becken aufgefangen, in denen sich das Stärkemehl als Bodensatz ablagert. Dieser wird getrocknet, zu Pulver zerdrückt und in Beuteln aufbewahrt, die aus Pandanusblättern geflochten werden.

Das Arrowroot wird teils für sich allein als Brei, teils mit Pandanussaft und geriebener Kokosnuß vermischt, gekocht oder geröstet genossen. Verpönt ist durch hergebrachte Vorschriften der gleichzeitige Genuß von Arrowroot mit dem Fleische des Bonito, einer häufig vorkommenden Thunfischart. Besonders Strenggläubige lassen zwischen einer Mugamug- und einer Bonitomahlzeit mehrere Tage vergehen.

Wenn die Zeit der Arrowrooternte herangekommen ist, wird in jedem Bezirk der Insel eine Art Vorernte gehalten. Die ausgegrabenen Knollen werden in Körbe verpackt und zunächst auf dem Felde, dem sie entnommen sind, aufgestapelt. Ist in sämtlichen Bezirken diese Arbeit getan, so kommen die Ältesten zusammen und bestimmen einen Tag, an dem die Körbe nach dem Strande gebracht werden sollen. An diesem Tage müssen sich beim ersten Hahnenschrei sämtliche Weiber und Mädchen der Insel ins Innere des Landes zurückziehen, denn sie dürfen nicht Zeugen der nun folgenden Vorbereitungen zum Erntefest sein und sind auch von der Teilnahme an dieser Feier ausgeschlossen.

Saumselige werden durch den Zuruf "E kirr kaku!" — Der Hahn kräht! — vom Lager aufgescheucht und zur Eile ermuntert. Die Männer ziehen zum Strande, wo der für das Fest bestimmte Mugamug in der angegebenen Weise zubereitet wird. Am dritten Tage ist diese Arbeit vollendet und die zum Gebrauch fertige Masse wird nun nach den im Innern des Landes eigens dazu hergestellten Öfen geschafft, wo sie zur Erntefestspeise, zum sogenannten "Jagalu", verarbeitet wird. Einer dieser Öfen wird im nördlichen, der zweite im südlichen Teil der Insel errichtet.

Sobald der Transport der auf Matten gebreiteten Mugamumasse nach dem Innern des Landes ins Werk gesetzt worden ist, müssen die Weiber an den Strand gehen; die Männer bereiten das "Jagalu". Das Arrowroot wird zu diesem Zweck mit zerriebener Kokosnuß vermischt und mit Wasser zu einem Teig geknetet, der in einem aus grünen Pandanusblättern geflochtenen Troge von fünfundvierzig Zentimeter Höhe und Breite und bis zu viereinhalb Meter Länge gepreßt wird.

Die Jagaluöfen bestehen aus einem Steinlager von gleicher Größe wie der Trog, das über einer mit Holz und anderem Brennstoff angefüllten Grube errichtet und von unten her in Glut gesetzt wird.

Auf dieses Steinlager wird der Jagalu gelegt und mit Matten bedeckt. Dann wird Sand und Erde darüber geschaufelt, so daß sich über der Grube ein Haufen erhebt. Am nächsten Morgen ist der Jagalu fertig, und das Fest kann jetzt beginnen.

Die männlichen Bewohner der nördlichen Hälfte der Insel versammeln sich am Morgen des Festtages bei ihren Jagaluöfen, die der südlichen tun dasselbe bei den ihrigen. Der sechs bis acht Zentner schwere Riesenkuchen wird aus dem Ofen gehoben und nach dem in der Mitte der Insel gelegene Platze geschafft, zu einem uralten Baume, dem Sitze des Hauptgottes der Mejiter, den sie Loduio nennen.

An der Spitze jedes der beiden Züge schreiten die Häuptlinge der betreffenden Inselhälfte und der Priester. Dann folgt der Jagalu, von etwa zwanzig Mann auf den Schultern getragen; den Schluß des Zuges bildet das junge Volk. Unter Lachen und Scherzen langen die beiden Züge auf dem freien Platze vor dem Gottesbaume an. Die beiden Jagalus werden auf den Boden gelegt; der Priester tritt an den Baum heran und bringt der Gottheit das Festopfer dar. Er hält in jeder Hand eine kleine Kugel aus rohem Arrowrootteig, eine von der Ernte der Nordhälfte, die andere stammt von der Südhälfte der Insel.

Ein Knabe reicht ihm sechs grüne Blätter; auf jedem einzelnen Blatt ist etwas Arrowroot gehäufelt; drei der Blätter tragen solches vom nördlichen, die drei anderen solches vom südlichen Teil der Insel. Der Priester legt nun die sechs Blätter vor der Gottheit im Baume nieder; die beiden Kugeln aber zerdrückt er und streut die Teile nach den vier Himmelsrichtungen aus.

Dann fleht er unter den wunderlichsten Verdrehungen der Augen und des Körpers den Gott um eine gesegnete Ernte und um Schutz vor Sturm und See an; dabei preist er der Gottheit die Vorzüge des Produktes der beiden Inselhälften. Lobt mit beredten Worten, was eben daran wertvoll für die Menschen ist.

Auf ein Zeichen des Priesters heben nun die Jagaluträger des südlichen und nördlichen Gebietes ihre Last wieder hoch, und beide Parteien stürmen zum Angriff gegeneinander los. Die Träger am vorderen Ende jedes Jagalu bemühen sich, diesen so hoch wie möglich zu heben, so daß beim Zusammenstoße der von ihnen getragene Jagalu über den anderen zu liegen kommt. Die Träger und die Zuschauer machen dabei ein furchtbares Gebrüll, und im letzten Augenblick mengt sich alles, was heran kann, in den Kampf. Wer in diesem Sieger bleibt, dem verheißt der Volksglaube künftig die reichere Ernte.

Ist der Kampf entschieden, dann setzt sich jung und alt friedlich um die Jagalus, und der Festschmaus beginnt. Was dabei übrig bleibt, wird verteilt und nach Hause getragen, wo nun auch die Weiber ihren Teil erhalten.

Acht Tage nach diesen Fest beginnt die eigentliche Ernte, die mit der den Eingeborenen eigentümlichen Lässigkeit betrieben und mehrere Wochen hinausgezogen wird.

Dort, wo die Knollenfrucht nicht das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung ist, ehrt man sie durch ein eigenes Erntefest, während man bei uns ein solches zwar für Korn und Wein, nicht aber für die Kartoffel kennt, die doch bei arm und reich als tägliches Nahrungsmittel auf dem Tische erscheint.

Quelle: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1921, von rado jadu 2001

   
Arrowroot
Pandanus
Marshall Island Cities
Tacca leontopetaloides, arrowroot
"Verschwundene und seltene Gäste der Speisekarte. Ein Kochbuch"
Die Kartoffel eine Knollenpflanze aus der Familie der Solanazeen (Nachtschattengewächse)

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