Die Bedeutung des Norddeutschen Lloyd
für die deutschen Kolonien in der Südsee

 

Unsere Südseekolonien sind gegenwärtig auf den Punkt angelangt, ihre Kinderschuhe auszuziehen. Allüberall bessern sich die Verhältnisse, das Klima wird durch eine fortgeschrittenere Tropenhygiene und vor allem durch die immer größere Ausdehnung der dem Urwalde abgerungenen Kulturbezirke je länger je mehr überwunden, und die Verkehrsverhältnisse haben Dank der weitausschauenden Maßnahmen des Norddeutschen Lloyd einen für die Verhältnisse und die Lage des Landes glänzenden Aufschwung genommen. Drei große Lloydschiffe laufen in dreiwöchentlichem Turnus die Kolonien an und stellen die Verbindung mit den Hauptweltlinien nach Ostasien und Australien her, während weitere zwei kleinere Dampfer den Lokalverkehr wahrnehmen; die Neu-Guinea-Kompagnie läßt überdies außer zwei der Arbeiterbeschaffung dienenden Segelschiffen, einen kleinen Dampfer von 400 Tonnen laufen, der im Anschluß an die Lloyddampfer den Verkehr in Kaiser Wilhelmsland aufrecht erhält.

Jede der übrigen, in den Kolonien ansässigen Firmen besitzt außerdem teilweise mit Motoren versehene Segelschiffe verschiedener Größe, die in der Hauptsache die für die Kolonie so lebenswichtige Arbeiterbeschaffung besorgen. Kaiser Wilhelmsland hat in Friedrich-Wilhelmshafen einen wunderbaren Hafen, in dem die größten Schiffe bequem an die von Reichs wegen erbaute Landungsbrücke anlegen können. Eine Großtat für den Verkehr und das Land hat aber jetzt eben der Norddeutsche Lloyd dadurch vollbracht, daß er, auf Anregung des jetzigen Gouverneurs Dr. Hahl, den Schwerpunkt des ganzen Schiffsverkehrs nach dem Simpsonhafen in der Blanchebai, nahe bei Herbertshöhe, verlegt hat. Es zeugt von einer weitschauenden, zielbewußten Politik, daß man die einem gedeihlichen Aufschwunge des Verkehrs alles andere als günstige, offene Reede des bisherigen Hauptplatzes und Regierungssitzes Herbertshöhe noch rechtzeitig verläßt, und einen ganz in der Nähe liegenden, vorzüglichen Hafen aufsucht.

Zweifellos wird Simpsonhafen in absehbarer Zeit der Verkehrs- Handels- und Verwaltungsmittelpunkt der ganzen Kolonie werden. Der Norddeutsche Lloyd hat mit enormen Kosten (man spricht von mehr als einer Million Mark) die ersten Anlagen im Simpsonhafen gemacht, vor allem eine große Landungsbrücke, die erforderlichen Lagerschuppen und Verwaltungsgebäude für den eigenen Betrieb errichtet und das umliegende Land geklärt, nivelliert und parzelliert, sodaß nun die Firmen nur zu kommen und zu bauen brauchen. In wenig Jahren wird das Gouvernement und die hauptsächlichsten Firmen, wenigstens mit ihren kommerziellen Betrieben, nach dem neuen Platze übergesiedelt sein. Den einsichtsvollen Kennern der Verhältnisse wird es schon heute und noch mehr in absehbarer Zeit, wenn Tatsachen und Erfolge ihre überzeugende Sprache reden werden, ein Rätsel sein, wie man sich einst auf Herbertshöhe kaprizieren konnte, wo rein gar nichts eine Ansiedlung hätte anlocken können, weder die Hafenverhältnisse noch die Bodenbeschaffenheit, die anderswo vielfach günstiger sind als gerade in Herbertshöhe.

Quelle: Wilhelm Köhler, Kolonial Kalender 1909, von rado, jadu 2000

 

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