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Die Insel Rota

Ein Bild der deutschen Marianen in der Südsee

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n. H. Seidel, Berlin

Weit, weit vom lieben deutschen Vaterlande liegen draußen im Stillen Ozean kleine, einsame Inseln, von denen man noch vor wenigen Jahren nicht viel mehr als den Namen wußte. Auf der Karte erschienen sie als winzige Punkte, die sich fern im Süden des japanischen Reiches wie eine dünne Schnur durch die ungeheure Fläche des größten Weltmeeres hinzogen. Daneben war zu lesen: "Marianen oder Ladronen", und zur Erklärung des zweiten Wortes stand wohl noch dabei: das heißt "Diebesinseln". So benannte sie nämlich schon 1521 das Schiffsvolk des ersten Weltumseglers Magellan, weil die braunen Eingeborenen mit erstaunlicher Dreistigkeit jedes nur irgend erreichbare Gerät, besonders von Metall, zu entwenden suchten.

Aus jenen längst vergangenen Zeiten stammt merkwürdigerweise auch der Name des Eilandes, von dem ich heute erzählen will. Als Magellan daran hinfuhr, gewahrte er im Südwesten ein rundliches Vorgebirge, anzusehen wie ein liegendes Rad, das sich steil aus den Wellen erhob.

Nun war Magellan ein Portugiese von Geburt; er nannte daher das Vorgebirge in seiner Muttersprache "Roda", d.h. Rad. Später soll diese Bezeichnung, leicht verändert, auf die ganze Insel übertragen worden sein, die noch heutigen Tages "Rota" heißt. Andere Quellen damaliger Zeit berichten dagegen, daß Rota erst 1524 entdeckt worden sei und zwar durch Magellans letzten überlebenden Offizier, durch Sebastian d'el Cano. Schon im Jahre darauf erklärte ein dritter großer Seefahrer das gesamte Inselreich als Eigentum der Krone Spanien. Allein es dauerte 143 Jahre, bis die Inseln tatsächlich unter spanische Herrschaft kamen. Das geschah 1668 auf Wunsch der frommen Königinwitwe Maria Ana, einer geborenen österreichischen Prinzessin, die den armen, nackten Heiden gern das Christentum bringen wollte. Der Königin zu Ehren erhielten die Inseln fortan den Namen "Marianen".

Leider verstanden es die neuen Herren nicht, mit den Eingeborenen, den tapferen, freiheitsliebenden Chamorro (spr. Tschamórro), in Frieden auszukommen. Das Christentum, das zuerst freundlich aufgenommen ward, stieß vor allem bei den Vornehmen wegen seiner sittlichen Forderungen auf den heftigsten Widerstand. Ein nahezu dreißigjähriger, von beiden Seiten mit höchster Erbitterung geführter Kampf entbrannte, der damit endete, daß 1698 die noch lebenden Chamorro von ihren Inseln fortgeholt und nach dem Sitze der spanischen Regierung, nach Guam, gebracht wurden. Dort starben in den nächsten Jahren ihrer viele an verheerenden Seuchen, so daß 1710 kaum noch 4 000 von den einst mehr als 100 000 Ureinwohnern übrig waren.

Und doch hat sich mancher beherzte Krieger mit Weib und Kind den Spaniern zu entziehen gewußt! Diese Flüchtlinge sammelten sich auf unserm Rota, und als sie auch hier beunruhigt wurden, fanden sie ein sicheres Versteck in zwei geräumigen Höhlen oben in den Bergen. Weite Hallen und verborgene Gänge mit gewaltigem Tropfsteinbildungen nahmen die Verfolgten auf, sobald sich ein spanisches Segel zeigte. Als endlich friedlichere Zeiten kamen, stiegen sie in die Ebene hinab und gründeten auf der schmalen Nehrung zwischen dem Hauptlande und jenem radähnlichen Vorgebirge ein Dorf, in welchem noch jetzt ihre Nachkommen wohnen.

Wie Rota bevölkerten sich auch einige andere der größeren Marianen allmählich von neuem. Deshalb wurden Missionare und Priester dorthin gesandt, die sich der ihnen anvertrauten Gemeinde nach Kräften annahmen und für Verbreitung des katholischen Glaubens sorgten. Im stillen lebten jedoch viele heidnische Anschauungen unter den Leuten fort, namentlich eine übermäßige Gespensterfurcht. Man muß staunen, wenn man hört, daß ein erwachsener Chamorro sich scheute, im dunkeln sein Haus zu verlassen; denn er vermeinte, allerwärts "Unite" oder Geister zu treffen, die ihm schaden könnten. Da gab es Kobolde, Waldmenschen, Großköpfe, Totenerscheinungen und ähnliche Fabelwesen, an die das Volk in der Mehrzahl wohl noch heute glaubt. Die jüngere Generation ist freilich schon "aufgeklärter" und möchte am liebsten die Nacht zum Tage machen.

Immerhin wurde durch die Kirche doch so viel erreicht, daß die Insulaner, wenigstens äußerlich, den Titel Christen verdienten. Nur mit Schule und Unterricht blieb es fortgesetzt traurig bestellt. Das Wort "Schulzwang" stand weder im Pflichtverzeichnis der Hausväter noch der Behörden. Diese zeigten sich vollauf befriedigt, wenn nur die verschiedenen Steuern und Abgaben richtig eingingen. Das war ihnen die Hauptsache.

Dieser beschauliche Zustand währte ungetrübt bis zum Jahre 1898. Da brach um Kubas willen der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika aus, und bald war es auch in diesem Teile der Welt um die spanische Herrschaft geschehen. Eines Tages erschien vor Guam ein fremdes Geschwader, und die nichts ahnenden Spanier erhielten plötzlich von dem Kommandanten die Aufforderung, unverzüglich das Feld zu räumen. An Widerstand war nicht zu denken; die Überraschten mußten sich also wohl oder übel in das Unvermeidliche schicken, so bitter es war. Die Amerikaner aber machten sich auf Guam rasch heimisch und bauten es als Kabelstation aus für die großartige Unterseeleitung, die sie von San Franzisko über Honolulu nach den ebenfalls eroberten Philippinen legten.

Da erinnerte man sich in Madrid, daß Deutschland schon lange sein Augenmerk auf die Kleininseln der westlichen Südsee gerichtet hatte. Die Spanier boten uns daher nicht bloß die Marianen, sondern auch die größeren und für uns bequemer gelegenen Karolinen zum Kauf an.
Unsere Regierung griff kurz entschlossen zu; der Reichstag genehmigte den Vertrag, und so wurden beide, Karolinen und Marianen, deutscher Kolonialbesitz. Am 17. November 1899 erfolgte auf Saipan, der zweitgrößten Insel, die feierliche Übergabe. Um 4 Uhr nachmittags ließ der letzte spanische Gouverneur, Don Eugenio de Blanco, seine Truppen vor dem Flaggenmaste antreten. Eine Abteilung der Schiffsmannschaft unseres Kanonenbootes "Jaguar" hatte ebenfalls dort Aufstellung genommen. Dann ging nach Verlesung der Urkunde unter dem Donner der Schiffsgeschütze die spanische Flagge nieder, und die deutsche stieg am Maste empor. Eine Rede des spanischen Gouverneurs und die Antwort des deutschen Gouverneurs von Benningsen schlossen die wichtige Handlung, über deren Verlauf sogleich ein von allen Offizieren und Beamten unterschriebenes Protokoll ausgefertigt ward.

Nun waren die Marianen von Rota bis zur Vogelinsel Urakas plötzlich deutsch geworden, und eine andere Ordnung der Dinge bereitete sich vor. Die deutschen Beamten, an der Spitze der kaiserliche Bezirksamtmann Fritz, suchten Land und Leute mit dem regsten Eifer kennen zu lernen. Die bequemen Chamorro wunderten sich nicht wenig über die rastlose Tätigkeit des fremden Herrn. Der kümmerte sich schier um alles.

Er ging in die Häuser der Wohlhabenden wie den Armen; er sah nach Garten - und Ackerwirtschaft und nach der Viehhaltung. Er ließ die Wege verbessern und Brücken bauen; er streifte durch Feld und Wald und bestieg sogar die steilen Berge draußen im Lande, wo die Regenwolken hängen und die Winde toben. Kaum hatte er Saipan hinlänglich erkundet da fuhr er schon nach Tinian hinüber und hielt dort Umschau. Darauf besuchte er Rota, dem er besondere Aufmerksamkeit widmete. Er forschte nach dem Trinkwasser im Dorfe, nach ansteckenden Krankheiten, nach Zahl und Stand der Kokospalmen, nach Obstbäumen und Reisbau.

Als ihm erzählt wurde, daß auf den Terrassen an der Südseite Rotas, oben am Bache Hokog, noch Riesenanlagen aus "alter Zeit" vorhanden seien, da ließ er sich hinaufführen und maß und zeichnete, bis er die Beete nebst den Haupt - und Seitengräben auf dem Papier hatte. Auch von den "Bauten der Alten" wußte er schon, und der Bauer, der jetzt seinen Acker dort oben in Mutschung hatte, mußte er hinauf zur Ruinenstätte. Er tat es wohl kaum mit Freuden; den der Ort bei den Säulen heißt "Halum Unite", das "Feld der Geister", und dahin geht selbst ein Chamorro nicht gern.

Nur der weiße Herr hatte keine Furcht. Er zählte und maß Säule für Säule, suchte nach altem Steingerät und nahm sogar mit, was er davon entdeckte. Dem Bäuerlein ward seltsam zu Mute; er hätte solche Dinge, die seiner Meinung nach den "Unite" gehören, nie angerührt. Der weiße Herr tat indeß noch mehr; er stieg in die Höhlen, beklopfte die Tropfsteine, griff nach den Fledermäusen, die an den Felsen hingen, und prüfte selbst die tiefe, braune Mulmschicht unten am Boden. Dann fragte er, ob von dieser erde noch niemand geholt habe, um sie als Dünger auf die Felder zu bringen. Da schüttelten nicht nur die Chamorrobauern erstaunt den Kopf, sondern auch der biedere Augustinerpater Mariano Alegre, und alle waren einig in dem Urteil, die Deutschen seien doch wunderliche Leute.

Vom Bezirksamtmann Fritz aber hieß es später, er sei zu den Nordinseln mit den feuerspeienden Bergen gefahren, habe sie bestiegen und in die rauchenden Schlünde hineingeschaut. —

Auf Rota fehlte es seitdem nicht an Abwechslung. Fast in jedem Jahre lag ein deutsches Kriegsschiff vor der Insel, bald in der Westbucht Sansanhaia, bald in der Ostbucht Sasanlago. Eines Tages ertönte im Strandriff ein dumpfes Krachen; dem Meere entstieg eine mächtige Wassersäule, aus der dicke Korallenstücke weithin sprangen. Das Riff aber hatte nachher eine breite Lücke, durch welche die Boote leicht und sicher zum Strande gelangen konnten. Das war freilich sehr angenehm, besonders bei unruhiger See, wenn der wind in die Bucht blies und die Landung erschwerte.

Was die Deutschen sonst noch so trieben, bald im Wasser, bald auf den Bergen, das war unseren Chamorro durchaus rätselhaft. Nur der Ortsvorsteher erzählte, der "Capitano" habe ihm ein großes Blatt gezeigt, worauf die ganze Bucht: jeder Sandfleck, jedes Riff, jede Klippe und jeder große Stein verzeichnet seien, und an jeder Stelle könne man lesen, wie tief es da sei. Endlich machten sich noch zwei Offiziere auf den Weg und wollten ganz Rota umwandern. Sie hatten aber die Rechnung ohne die glasharten, scharfen und spitzigen Korallen gemacht, die den Inselboden rings bedeckten. Kaum vermochten sie bis zur Ostküste vorzudringen, da war es mit ihrem Schuhwerk vollständig zu Ende, und sie mußten warten, bis ihnen vom Schiff aus Hilfe kam.

Das gab für unsere Rotaner natürlich viel zu lachen und zu schwatzen. Allein sie sollten noch weit mehr erleben, namentlich im Jahre 1907. Zum Glück handelte es sich dabei weder um ein Erdbeben, noch um einen Wirbelsturm oder Taifun. Von diesen Schrecken hatte man gerade genug gehabt! Die waren es also nicht, wodurch die Gemüter bewegt wurden, sondern das Schicksal des guten Pater Mariano, der auf Befehl seines Ordens die Insel verlassen mußte. Statt seiner sollten deutsch Mönche einziehen und die Seelsorge übernehmen. Wirklich schied im Dezember 1907 Pater Mariano für immer von der Insel. Darauf blieb Rota ein volles Vierteljahr ohne Geistlichen. Dann aber hieß´es plötzlich, der neue "Pale", so sagt der Chamorro statt "Padre", da seine Sprache kein "r" hat, sei gekommen und habe sich in der Mission einquartiert*.

Das war richtig, und die Gemeinde hatte bald genug Gelegenheit, den deutschen "Pale" kennen zu lernen. Ob sie freilich von dem Personenwechsel sehr beglückt waren, muß zunächst dahingestellt bleiben. Einen nachsichtigen und bequemen Gottesmann hatten sie jedenfalls nicht erhalten; das sah man in der Gemeinde bald genug ein. Und der "Pale" wiederum fand an seinen Chamorro auch manches auszusetzen; denn im Jahresbericht der rheinisch-westfälischen Kapuziner, denen er Pater angehört, stand für 1909 zu lesen: "Die Eingeborenen sind zwar alle Katholiken und wollen es auch bleiben; aber Religionskenntnis und religiöses Leben bedürfen einer gründlichen Auffrischung."

Nun, daran hat es der deutsche "Pate" — er heißt Cordinian Madré und stammt aus Unterfranken in Bayern — bisher keinen Tag fehlen lassen. Anfangs arbeite er ganz allein unter seiner Herde; erst 1910 und zuletzt 1912 wurden ihm zur Unterstützung zwei Ordensbrüder hinausgesandt, so daß nunmehr drei Weiße in der Gemeinde auf Rota wirken.

Unterricht
Kirche


Bereits im September 1908 wurde die Schule eröffnet, in der mit deutschem Ernst und nach deutschen Grundsätzen unterrichtet wird. Der Lehrplan ist ziemlich reichhaltig, er umfaßt auch Einführung in unsere Muttersprache, die aber der Südseejugend arge Mühsal bereitet. Oftmals, ja vielleicht gar zu oft, sind nachlässig Schulbesuch, Trägheit und Spielsucht die Ursachen der schlechten Leistungen. Dann tritt freilich bei den ganz groben Sündern der "Herr Stock" in Tätigkeit und schärft den völlig in Freiheit aufgewachsenen Buben die Begriffe: Gehorsam, Arbeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Wahrheitsliebe und Ordnung nach Bedarf recht fühlbar ein. Und was solch braunen Jungen auf der "Erziehungsfläche" kräftig unterstrichen ward, das haftet und trägt gute Früchte. Und die brauchen wir auf Rota bei den Kleinen wie bei den Großen, und das gilt nicht nur für diese Insel, sondern für alle unsere Marianen, soweit sie bewohnt sind.

Rein landschaftlich betrachtet ist unsere Insel eine der schönsten im Archipel, und sie kann in der Hinsicht selbst mit Pagan wetteifern. Korallenbauten finden sich nur in den beiden Buchten und in dem eigenartigen Kranz von Felsen, Untiefen, Klippen und Riffen, der wie eine bunte Girlande die ganze West - und Nordwestküste umsäumt. Sonst stürzt überall das Ufer schnell in die Tiefe, und ein weißer Brandungsgürtel zeichnet sich schon aus der Ferne wirkungsvoll vom blauen Meere ab. Darüber steigt das Land auf dem Vorgebirge Taipingot wie auf Rota selber in jähen Terrassen zu bedeutender Höhe an.

Gerade nach Süden hin durchbricht dunkles Vulkangestein die hellen, trockneren Kalkmassen und bildet einen fruchtbaren, wasserhaltigen Boden, dem Quellen und Bäche entspringen. In weithin sichtbaren Kaskaden stürzen sie glitzernd vom Gebirge herab, bis sie an der palmenbedeckten Küste in den Schoß des Ozeans münden. Hochstämmiger Wald und dichter Busch kleiden die Berge in Grün und zaubern dem Beschauer Bilder tropischer Üppigkeit vor, die der Wirklichkeit vielfach ermangeln.

Leider bedrohen unablässig zwei Feinde das friedliche Eiland; das sind Wirbelstürme und Erdbeben. Schon oftmals hat der grimme Riese Seïsmos an den Grundfesten Rotas gerüttelt, hat Menschenwerk zertrümmert, Menschenleben gefährdet. Nachts im Schlafe, tags in der Kirche, in den Häusern, auf dem Felde, bei der Arbeit hat der unterirdische Feind die erschreckten Bewohner an sein Dasein und seine Macht erinnert. Bei strahlender Sonne wie in regendunkler Nacht zerrt er unheimlich und plötzlich an seinen Fesseln, und ein angstvolles Zittern rinnt durch die Erde.

Wenn im Juli und August die Sommerregen in Fülle herniederrauschen, wenn die Herbstmonate kommen, dann naht die Zeit, in der die Wirbelstürme, die gefürchteten Taifune, mit tödlicher Gewalt über die Insel hereinbrechen. Am 19. Oktober 1911, am 10. November 1913 waren die jüngsten Schreckenstage für Rota. Kein Haus blieb unzerstört, keine Pflanzung unverwüstet. Selbst die Kirche und die anderen festen Steingebäude wurden der Dächer beraubt, im Innern beschädigt, von Regenströmen überflutet, und die schutzlosen Bewohner retteten nichts als das nackte Leben. Wie einst in den Jahren der spanischen Kämpfe eilte die Chamorro den nahen Höhlen zu, wo sie sich zitternd und frierend vor der Wut des entfesselten Elementes verbargen.

Erdbeben und Taifune sind die Feinde, die auch die anderen Marianen bedrohen, mehr die südlichen als die nördlichen, am meisten vielleicht die Insel Guam. Dies alles darf uns aber nicht hindern, immer neu Werke und Werte zu schaffen, und so auch auf unserem Anteil rüstig fortzuwirken für das Heute wie für die Zukunft.

*)Die Eingeborenen nennen ihre Insel auch nicht Rota, sondern "Luta" und sie selbst "Lutaner".

Quelle: Jung-Deutschlands Flotten - und Kolonial-Kalender 1915. Druck und Verlag d. Kgl. Universitäts Druckerei H. Stürtz U.G. Würzburg, von rado by jadu 2003