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Der Sago, ein Ernährer von Millionen.

Naturwissenschaftliche Plauderei von Dr. Berger.

In allen Zonen kommt es vor, daß Völker, die in einer niederen Kulturstufe leben, sich fast nur von einer einzigen Tier- oder Pflanzenart ernähren. Der Lappe hat sein Renntier, der Eskimo die Robben, der Sandwichinsulaner seinen "Tarro", wie er die knolligen Wurzeln eines Aronsgewächses nennt. Die fast einen Meter langen und einen halben Zentner schweren Yamswurzeln aber sind die hauptsächlichste Nahrung der Eingeborenen der Südsee, indes die süßen Knollen der Batate, einer Windenart, zusammen mit dem Mais, oft nur das einzige Gericht der Negersklaven gewesen ist.

Die Kokospalme liefert unzählige Menschen alles, was sie zum Leben brauchen, und ebenso wertvoll ist auch die Sagopalme, deren stärkereiches Mark die tägliche Nahrung der Malaien ist. Die wichtigste der sieben Arten ist die echte Sagopalme, die nur acht bis zwölf Meter hoch wird, indes die Palmen zu den höchsten aller Pflanzen zählen. Die Sagopalme ist zwar nicht schlank, denn ihr Stamm erreicht etwa einen Umfang von drei Metern. Sie hat ein merkwürdiges Wachstum, denn in der Jugend ist sie nur ein Strauch mit buschigen, dornenreichen Blättern, die den am Boden hinkriechenden kurzen Stamm verdecken.

Im späteren Lebensalter erst steigt dieser senkrecht auf und treibt bis zu acht Meter lange Wedel. Würde man eines dieser riesigen Fliederblätter an unsere Großstadthäuser lehnen, so könnte man auf dieser Leiter bis zu den Fenstern des zweiten Stockwerkes emporklettern. Der Grund für diese unverhältnismäßig starke Blattentwicklung ist im Standort dieser Palme zu suchen, die nur auf sumpfigem Boden recht gedeiht. Die Größe der Blattflächen steht mit dem Feuchtigkeitsgrade der Luft im innigsten Zusammenhang. Wo diese mit Wasserdämpfen gesättigt ist, fällt es der Pflanze schwer, ihre so lebenswichtige Ausdünstung und damit auch den Wasserumlauf aufrecht zu erhalten. Sie hilft sich durch Riesenwedel, die durch die größeren Flächen leichter ausscheiden.

Das eigenartigste aber ist der Blütenstand der Sagopalme, der sich in ihrem ganzen Leben nur einmal zwischen dem zehnten und fünfzehnten Jahre bildet. Aus einer meterlangen Scheide schießt dann ein ungeheurer Kolben mit vielen keulenförmigen Zweigen auf, die an den Gabelungstellen gleichfalls tütenförmige Blattgebilde tragen. Gleich einem Armleuchter erhebt sich diese gelbe Blütenrispe über die Mutterpflanze, bedeckt mit zahllosen männlichen und weiblichen, doch auch zwittrigen Einzelblüten, jede von einem rosafarbenen Deckblatt umgeben. Fabelhaft ist die Menge der pflaumengroßen runden Früchte. Das von bräunlichgelben Panzerschuppen umhüllte Fleisch ist trocken und birgt nur einen abgeplatteten, kugeligen Samen. Nach solcher Höchstleistung ist aber die Lebenskraft der Pflanze erschöpft, und wenn die Palme auch noch weiter vegetiert, stirbt sie doch bestenfalls mit 25 Jahren ab.

Ihr botanischer Name "Metroxylon Rumphii" (metra=Mark, Xylon = Holz) leitet sich her von dem im Jahre 1627 zu Hanau geborenen Rumphius, der als Statthalter von Niederländischindien diese Palme zuerst beschrieb. Sie bildet, besonders auf den Molukken und in Neuguinea, der zweitgrößten Insel der erde, in den Flußniederungen stellenweise ganze Wälder — eine für Palmen nicht häufige Erscheinung.

Im Westen aber, auf Borneo, Sumatra und Java, überwiegt eine nahe verwandte Art, die glatte, unbewehrte Sagopalme. Wie schon der Name sagt, unterscheidet sie sich besonders dadurch von der echten Sagopalme, daß die den Stamm umgebenden Blattscheiden und ebenso die Stiele keine Stacheln haben. Dadurch ist sie in ihrer Jugend, solange der Schaft noch nicht erhärtet, den Angriffen der Wildschweine und anderen Feinde schutzlos preisgegeben. Das aber läßt vermuten, daß sie vielleicht nur eine Kulturform unserer echten Sagopalme ist, die jedoch bessere und auch reichere Erträge liefern. Gleichwohl stammt der meiste, in den Welthandel kommende Sago — ein Wort, das Mehl bedeutet — von dieser unbewehrten Sagopalme.

In ihrer Vollkraft kann eine dieser beiden Palmen bis zu acht Zentnern rohen Stärkemehl liefern, doch wird sie wertlos, wenn die Früchte reifen, weil diese alle Reservestoffe an sich ziehen, so daß die Palme hohl wird. Die Eingeborenen fällen sie deshalb vor der Blütezeit, nachdem sie die Stämme angebohrt haben und sich durch Proben überzeugten, daß sich die Mühe lohnt. Wie eines unserer Bilder veranschaulicht, wird nur der untere Teil verwendet, der an der dicksten Stelle einen Durchmesser von eineinhalb Meter erreichen kann. Die üppige Krone aber wird meist fortgeworfen, sofern die Blätter nicht zum Dachdecken verwendet werden, wofür sie sich vorzüglich eignen. Die unbewehrte Art vor allem wird deshalb auch in Java nur zu diesem Zwecke längst der Kanäle angepflanzt, bis zum Bewässern der Reisfelder dienen.

Die Sagoernte ist an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Wann und wo es gerade dem Eingeborenen paßt, fällt er die Bäume, denn einige Jahre vor der Blüte schon speichert die Palme ihre Reservestoffe auf, die dem Bedarf der anspruchslosen Malaien vollauf genügen.

Um die geschlagenen Stämme leichter fortschaffen zu können, werden sie an Ort und Stelle in zwei, höchstens drei Meter lange Stücke zerlegt. Eines unserer Bilder zeigt, wie diese, eine Walze gleich, von Eingeborenen vor sich hergeschoben werden. Später zerlegt man sie in kleinere Blöcke, die sich leicht spalten lassen, da nur eine fünf Zentimeter dicke Rindenschicht das Mark umgibt. Es wird in großen Stücken losgebrochen, zerkleinert und in einem Trog zum groben Mehl zerstampft, das aber voller holziger Teile ist, weil viele Längsfasern das Mark durchsetzen. m diese zu entfernen, verrührt man das Mehl zu einem dünnen Brei, der durch ein Sieb in einen anderen Trog gerieben wird. Dort läßt man der Stärke Zeit, sich abzusetzen, schöpft dann das Wasser ab und schaufelt den erst von den gröbsten Unreinigkeiten befreitem Sago in das erste Gefäß zurück. Dieses Verfahren wird drei- bis viermal wiederholt.

Damit ist das Sagomehl, nachdem es noch getrocknet ist, für den Gebrauch der Eingeborenen fertig, die es als Brei verzehren oder zu dünnen fladenförmigen Brot verbacken, das sie zum Fisch oder zum Fleisch genießen.

Für den Handel aber ist es in dieser Form nicht zu gebrauchen, weil es sich höchstens einen Monat hindurch hält. Für die Ausfuhr bedarf es noch besondere Behandlung, die ganz in den Händen der Eingeborenen und zugewanderten Chinesen liegt. Die Arbeit wird in größerem Maßstab betrieben, denn in den Eingeborenenfabriken arbeiten dreißig bis vierzig Mann, allerdings in überaus primitiver Art und Weise. Die meisten dieser Faktoreien liegen in wenig erforschten Sagogebieten, die von Europäern selten aufgesucht werden. Ist doch das Eindringen in solche Wildnis nicht nur beschwerlich, sondern auch, vor allem des Klimas wegen, gefahrvoll für den Weißen.

Der Weltreisende Franz Otto Koch, dem wir unsere Aufnahmen verdanken, bot von diesen eigenartigen Verhältnissen eine interessante Schilderung. Von der Nordwestküste Borneos aus reiste er mit fünf malaiischen Begleitern. An den ersten Marschtagen wurden je dreißig Kilometer auf ausgetretenen Pfaden im Gänsemarsch zurückgelegt. Am sechsten tage kam man an breite Sümpfe, die nicht umgangen werden konnten, denn rechts und links verhinderte des dicht mit Schlingpflanzen verwachsene Urwald jedes Ausweichen. Da hieß es denn "mitten durch". — Unzählige Male mußten höchst ungesunde Sümpfe durchwatet werden, beständig auf der Hut vor langschnäuzigen Krokodilen, den Gavialen. Dabei herrschte in dem wassertriefenden Dickicht solch eine Schwüle, daß schon nach einem Marsch von fünfzehn Kilometer die Kräfte versagen, und jeder froh war, in einem Eingeborenendorfübernachten zu können.

Sämtliche Häuser, die man fand, waren über dem Sumpf errichtet, das reinste Dorado für Moskitos. Kein Wunder, wenn da ein Europäer am nächsten Morgen mit völlig steifen Gliedern erwachte.

Weiter ging die Reise, und zwar in kleinen Booten nach Art der Einbäume, um die schmalen, doch meist tiefen Urwaldflüsse zu befahren. Die schwanken Kanus, nur für den Ruderer und einem Mann bestimmt, lagen so tief im Wasser, daß eine kaum handbreite Bordwand noch darüberragte und die größte Aufmerksamkeit nötig war, das Gleichgewicht zu halten. So ging die Fahrt, vorbei an unzähligen Affenherden, die sich, oft hundert Stück auf einem Baum, vergnüglich mit den Jungen an den Ästen schaukelten. Die Alten turnten meist eifrig hin und her, das eine kleine Affenkind im Arm, während das andere sich an den Schwanz der Mutter klammerte. Schier unbegreiflich, daß sie mit solcher Last noch meterweite Sprünge riskieren konnten.

Am Ufer aber saßen in greifbarer Nähe hie und da Orang Utane, fletschten mit den Zähnen und drohten in das Boot zu springen. Die Eingeborenen hatten eine unbändige Angst vor diesen Riesenaffen und wurden so nervös, daß die Boote mit den wertvollen Apparaten oft umzuschlagen drohten. An Schießen war hier nicht zu denken, denn dann wären die gereizten Tiere wohl entschlossen zum Angriff vorgegangen und keine Rettung mehr gewesen, zumal nur einer von den Ruderern bewaffnet war.

Als dann der Fluß sich weitete, war man zwar dieser Gefahr entrückt, doch nur um vom Regen in die Traufe zu kommen. Das Wasser wimmelte von Krokodilen, die zwar feige waren, aber auf der Flucht unter den Booten durchschwammen, und auch eines zum Kentern brachten. Das ging zwar noch leidlich gut ab, doch waren die beiden Eingeborenen nur durch die größten Versprechungen zur Weiterfahrt zu bewegen. Unter solchen Fährlichkeiten wurden am zwölften Tage die "Fabriken" erreicht.

Lange vorher herrschte reges Leben an den Ufern, denn die Arbeiter waren mit dem Fällen der Palmen beschäftigt. Im Flusse lagen viele kleine Flöße aus zusammengebundenen Sagostämmen, die, je nach Bedarf, ein bis zwei Jahre im Wasser bleiben, um für die spätere Aufbereitung das Sagomark zu lockern. Haben sie lange genug gelagert, so werden sie in die Fabrik gebracht, in kleinere Blöcke zerlegt, entrindet und mit der Sagoraspel, einem dicht mit Nägeln beschlagenen Brett, völlig zerschrotet. Das grobfaserige Mehl kommt dann auf eine Plattform, wo es auf eine Kokosmatte ausgeschüttet wird. Wie auf einem der Bilder zu sehen ist, hat man diese Rampen dicht am Flusse, ja sogar im Wasser errichtet, um durch primitive Schöpfanlagen, die mit ihren langen Hebelarmen an unsere alten Ziehbrunnen erinnern, das für die Reinigung des Sagomehles nötige Wasser gleich bei der Hand zu haben.

Während das Rohprodukt nun fortwähren mit Wasser übergossen wird, kneten es die Eingeborenen stundenlang mit den Füßen, die sie taktmäßig heben und senken, um auf diese Weise möglichst rasches Abschwemmen der holzigen Teile zu bewirken. Es ist ein Tanz im wahren Sinne des Wortes, dem auch der Musikant nicht fehlt mit seinen anfeuernden Weisen. Während dieser Tretarbeit fließt der dünne Sagobrei in einen Trog. Was auf dem Mattensieb zurückbleibt, ist eine holzigmehlige Masse, die in langen, mit Brettern verschalten Gräben oder in Trögen, um die Stärke ausfallen zu lassen, geschlämmt wird. Das so erhaltene Mehl wird auf Matten in der Sonne getrocknet und gebleicht, um dann, in Baststücke verpackt, in die "Raffinerie", die Läuterungsabteilung, zu wandern. Bei so roher Arbeitsweise geht selbstverständlich viel verloren, denn nur sieben Zentner Sagomehl werden im günstigsten Falle aus sechzehn Zentnern Palmenmark gewonnen.

Bilder Serie

Wenn zudem der Ertrag der einzelnen Stämme zwischen vier bis acht Zentnern schwankt, so ist es begreiflich, daß von vollwertiger Ausbeutung keine Rede sein kann. Doch in verschwenderischer Fülle wachsen ringsum die Sagopalmen, und wo ein Stamm geschlagen wird, sind so viele Wurzelschößlinge vorhanden, daß eine Neuanpflanzung nie nötig wird. Die Eingeborenen lassen jeweils nur den stärksten Sproß zur Nachzucht stehen.

Auch bei der weiteren Bearbeitung des Palmenmehles zu Perlsago wird noch viel vergeudet, denn die Chinesen, in deren Händen diese liegt, betreiben sie in urgroßväterlicher Weise. Ihre Anstalten liegen hauptsächlich an den größeren Hafenplätzen des Malaien Archipels. So gibt es mehrere in Britisch Sarawak im Nordwesten Borneos, und zwar in Kutsching, Brunei und Labuan, die täglich bis zu hundert Zentnern Perlsago bereiten. Der Mittelpunkt der ganzen Sagoindustrie ist aber Singapur dicht vor der Spitze von Malakka, das allein für den Sagohandel mit Europa wichtig ist. Die Zufuhr nach genannter Hafenstadt erfolgt hauptsächlich von März bis zum Oktober, weil da der Nordostmonsum nicht mehr weht, so daß die kleinen Fluß- und Küstenfahrzeuge ohne besondere Gefahr verkehren können. Eines unserer Bilder gibt einen Blick in eine solche Raffinieranlage mit ihren Bütten und Trögen. Die Arbeitsweise darin ist kurz folgende: Die Sagosäcke werden im Hof ausgeleert und die durch den Versand entstandenen Brocken klein gehackt, das Ganze dann zu einem dünnen Brei verrührt und durch ein dünnes Tuch getrieben. Hat sich das Sagomehl im Bottich abgesetzt, so erfolgt die Schlußreinigung, wozu zwei Bütten dienen, die durch vier Meter lange schräge Laufrinnen verbunden sind.

Das offene Ende eines solchen Troges wird mit einem Filtertuch verschlossen und mit dünnen Sagobrei gefüllt, der langsam durch den schmalen Spalt eines in der Rinne befindlichen Querbrettes dem Aufnahmegefäß zufließt. Dabei schlägt sich fast alle Stärke im Trog nieder, so daß nur das mit winzigen Faserteilchen verunreinigte Wasser in den Bottich gelangt. Hat sich die Laufrinne mit Sagomehl gefüllt, so läßt man sie zwölf Stunden stehen, damit die Masse fest wird. Die durchgeseihte Brühe aber wird immer wieder mit neuem Sagomehl verrührt, um, bis zu fünfmal durch den Trog zu laufen. Zum Schluß bricht man den Sago los und trocknet ihn auf Tischen in der Sonne, bis er krümelt. Dann zerkleinert man ihn und siebt ihn durch, worauf er in ein rauhes Tuch geschüttet wird, das mit vier Zipfeln an einem wagrechten Balken hängt. Das halbgefüllte Tuch wird nun gerüttelt und geschüttelt, wodurch der Sago sich in wenigen Minuten zu kleinen Kugeln ballt, ein Arbeit, die viel Sachkenntnis erfordert, weil von der Art und Weise dieses Schüttelns die Korngröße abhängt. Der so entstandene "Perlsago" wird in drei Sieben von verschiedener Maschenweite gesichtet.

Was nicht für brauchbar gilt, wird nun abermals geschüttelt. Dann werden alle Sagokügelchen in eisernen Pfannen unter beständigem Umrühren geröstet und nach Aussieben der zusammengebackenen Körner zu einem dampfenden Haufen geschichtet, den man verkühlen läßt. Durch dieses Verfahren ist der meiste Sago etwas durchsichtig und klebrig geworden. Er muß daher noch einer zweiten Röstung unterworfen werden, wodurch die Körner kleiner und vor allem härter werden.

Man unterscheidet groß-, mittel- und feinkörnigen Perlsago, der mitunter nur noch die Größe eines Mohnkorns hat. Vom Grad der Röstung hängt auch die Farbe ab, ob weiß, grau oder gelblich, während durch Zuckerzusatz beim erhitzen ein bräunlicher, durch Beimengung von Bolus, einer feinen Tonerde, ein ziegelroter Sago entsteht. Nach der Farbe des Sagos kann man auf seine Herkunft schließen. So stammt die weiße "Sagoblume" meist von Java, der gelblichweiße von den Malediven, der gelbliche von Sumatra, während den grauen und bräunlichen, der in England und Frankreich öfter zu haben ist, die Molukken, den ziegelroten aber Neuguinea liefern.

In seiner Heimat wird der Sago bis zum Verkauf in offenen Zinkbehältern aufbewahrt und dann in Kisten, seltener in Säcken verfrachtet. Den ersten Sago brachte der weitgereiste Venezianer Marco Polo im Jahre 1295 in seine Vaterstadt. In den Handel kam es jedoch erst im sechzehnten Jahrhundert durch die Portugiesen.

Heute bildet er einen wichtigen Ausfuhrartikel, dessen Bedeutung sich schon daraus ergibt, daß hundert Millionen Zentner jährlich von Singapur aus auf den Weltmarkt kommen.

Mehr als Dreiviertel des nach Europa eingeführten Sago verbraucht England, doch weniger als Nahrungsmittel, sondern mehr in seinen Webereien und Zuckerfabriken statt der Kartoffelstärke.

Auf dem Festland ist Italien der Hauptabnehmer, doch ging der größte Teil des nach Europa ausgeführten Perlsago vor dem Weltkrieg nach Hamburg. Im Jahre 1902 betrug die deutsche Sagoeinfuhr beispielsweise 68 520 Zentner im Werte von 925 000 Mark. Wohl mag uns diese Summe gering erscheinen, doch sank der Wert des Sago in dem Maße, als die Einfuhr sich hob. Einige Zahlen mögen dies erläutern: Während ein Doppelzentner Sago im Großhandel in den Jahren 1851 bis 1855 durchschnittlich 45 Mark 16 Pfennig kostete, sank dieser Preis schon binnen zwanzig Jahren auf 36 Mark 22 Pfennig und 1891 gar auf 26 Mark 31 Pfennig, um in der Folge noch weiter abzunehmen, so daß ein Pfund im Einkauf nur etwa zehn Pfennig kostete. Trotzdem blieb die Sagoindustrie noch lohnend, weil ja das Rohprodukt so gut wie nichts kostet und die Arbeitslöhne gering sind.

Ein Sagoverzehrer ist auch die Larve eines dunkelbraunen Rüsselkäfers, die oft im Palmenmark lebt und großen Schaden fristet, wenn sie in Menge auftritt. Da aber die fingerdicke, fette Larve gebraten als großer Leckerbissen gilt, ist der Malaie getröstet.

Mehr oder weniger guten Sago liefern übrigens noch eine ganze Anzahl anderer Palmen, doch wird dieser an Ort und Stelle meist verbraucht. So wächst in den Gebirgsgegenden Vorderindiens eine kaum einen Meter hohe, einem dichten Busch gleichende Palme, die Phoenix farinefera, deren mehlreiches Mark man zu Grütze kocht, wenn es an Reis fehlt. Geringwertigen Sago liefert die auf Zeylon (Sri Lanka) und den Malediven heimischen Talipotpalme oder Schattenbaum, weil unter einem ihrer Blätter zwölf Menschen Schutz vor der Sonne finden, und ebenso die Gebangpalme von den Sundainseln. Die Zuckerpalme Javas aber enthält drei- bis viermal weniger Stärkenmehl, als die echte Sagopalme. Das Mark der Kittupalme kommt jedoch dem besten Sago gleich und ist daher zur Zeit der Hungersnot für Indien überaus wichtig. Sonst ist ist der Baum zu wertvoll, um Sago daraus zu gewinnen.

Auch in der Neuen Welt liefern mehrere Palmen ein geschätztes Sagomehl, vor allem die Mauritiuspalme, eine der schönsten von Amerika, ferner die Wachspalme von Nordbrasilien und die Kohlpalme Westindiens. Von größerer Bedeutung sind indes einige Farnpalmen Indiens, der malaiischen Inselwelt und Japans, die deshalb auch unechte Sagopalmen heißen. Die gefiederten federartigen Wedel dieser Sagopalme werden an Stelle echter Palmenzweige als Grabschmuck verwendet. Sie stammen vom japanischen Palmfarn, der auf den Liu Kiu Inseln nur mit Erlaubnis der Regierung gefällt werden darf, weit der von Stärkemehl erfüllte Stamm für den nicht seltenen Fall, das Wirbelstürme die Getreideernte vernichtet haben, eine wertvolle Nahrungsquelle ist.

Eine dem Sago verwandtes Nahrungsmittel ist die Tapioka, die deshalb auch brasilianischer oder westindischer Sago heißt. Sie wird aus den Wurzeln einer Wolfsmilchart bereitet, die denen unserer Georgine gleichen, doch über einen halben Meter lang und mehr als zwanzig Pfund schwer werden. Im frischen Zustand sind diese Knollen äußerst giftig, da sie einen blausäurehaltigen Milchsaft enthalten; zerrieben, ausgepreßt und gekocht oder geröstet, werden sie jedoch völlig unschädlich und gelten als gute Speise.

Das aus den Wurzeln gewonnen "Mandiokamehl" wird zum Brotbacken oder zur Herstellung von Sago viel gebraucht.

Als Kuriosum sei kurz noch des wilden Sagos gedacht, walnußgroßer, wohlschmeckender Wurzeln eines Liliengewächses, das in den Wüsteneien um den großen Salzsee häufig ist. Es spielte eine große Rolle bei der Gründung des Staates Utah durch die "Heiligen des letzten Tages" im Jahre 1847, denn was das Manna in der Wüste den nach Kanaan ziehenden Juden gewesen war, das wurde dieser wilde Sago den eine neue Heimat suchenden Mormonen.

Sago läßt sich also aus jeder Stärkeart gewinnen. So wird der Portlandsago in England aus dem Wurzelstock des auch bei uns häufigen Aronstabes, der billige deutsche Sago aber aus Kartoffelstärke hergestellt, indem man diese anfeuchtet und dann durch Siebe reibt. Die so erhaltenen Körner werden in rotierenden Fässern gerundet, gesiebt und schwach erhitzt, worauf man sie durch Einleitung von Dampf verglasen und dann erkalten läßt. Die Einführung des Kunstsago ist das Verdienst eines Deutschen namens Sattler. Sie erfolgte in jenen harten Zeiten, da die Hand des Franzosenkaisers Napoleon I. schwer auf unserem Vaterlande lastete und die Kontinentalsperre die Einfuhr englischer Waren unmöglich machte.

Heute wird Kartoffelsago in zahlreichen Fabriken hergestellt. Auch Frankreich erzeugt ihn nach einem etwas anderen Verfahren, bei dem gelochte Platten statt der Siebe verwendet werden. Doch all dieser Ersatz vermag den Palmensago nicht zu verdrängen; die Sagoindustrie hat vielmehr ständig zugenommen, so daß man diese Palmen jetzt auch an vielen anderen Orten pflanzt.

Gibt es doch kaum noch eine andere Pflanze, die den sonst unbrauchbaren Sumpfboden so vorteilhaft ausnützt, wie die Sagopalme, die Ernährerin von Millionen Menschen.

Quelle: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart,1925, von rado jadu 2001

 

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