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Das unbekannte Neuguinea

Seit achtundzwanzig Jahren sind wir Deutschen nunmehr im Besitz des nnordöstlichen Teiles von Neuguinea. Wir besitzen in dieser Kolonie ein Areal, welches ein drittel der Gesamtfläche des Deutschen Reiches beträgt, unsere Kenntnis dieses uns gehörigen Landes aber hat sich in diesen achtundzwanzig Jahren so wenig vermehrt, daß man behaupten kann, der allergrößte Teil des Landes sei uns gänzlich unbekannt. Als die Aufteilung Neuguineas erfolgte, machte man sich die Sache verhältnismäßig leicht: man nahm eine Karte, zog einen Strich quer durch die Insel von Nord nach Süd und erklärte das, was links oder westlich von dem Striche lag, für niederländisches Gebiet, dann teilte man die rechte Hälfte noch einmal durch einen Strich wagrecht, und erklärte den nördlichen Teil für deutsches, den südlichen Teil für britisches Gebiet.

Diese Teilungsstriche machen sich auf der Karte ganz hübsch, in Wirklichkeit weiß aber niemand, wie die Grenzen verlaufen. Von Holland, Deutschland und England aus sind jetzt wiederholt Expeditionen ausgeschickt worden, welche nach Flußläufen, nach Gebirgszügen und anderen Merkmalen suchen sollten, die man als Grenzen betrachten könnte. die Versuche haben nur geringen Erfolg gehabt, immerhin aber haben nur geringen Erfolg gehabt, immerhin aber haben sie die Kenntnis von Land und Leuten einigermaßen gefördert. aber noch immer ist das Innere Neuguineas auf den Karten ein riesiger weißer Fleck, nur die Küsten sind bekannt, vor allem die West- und Nordostküste; die holländische Südküste ist weniger durchforscht, weil hier nicht große schiffbare Flüsse in das Innere des Landes hineinführen.

Fluß

Die an den Küsten mündenden Flüsse sind vor allem die Einfallspforten für die Erforschung des Inneren. Im englischen Gebiete ist der Flyfluß, auf deutschem gebiete der Kaiserin-Augustastrom zu nennen. Den letzteren Fluß hat der Jenenser Professor Leonhard Schulze 960 Kilometer weit landeinwärts befahren, und ihm verdanken wir einige Kenntnisse über das Innere des deutschen Gebietes. Die Flüsse sind besonders an der Mündung sehr breit, werden aber immer flacher, so daß man immer kleinere Fahrzeuge zur Weiterfahrt benützen muß. Die Flüße haben Stromschnellen, und bei Hochwasser in den vielen biegungen gefährliche Strudel. Professor Schultze konnte diese Schwierigkeiten nur dadurch überwinden, daß er Eingeborenen von Zentralborneo verwendete. Diese Dajaks sind fast amphibische Menschen, die in den schwierigsten Lagen, selbst in den Stromschnellen, sich zu helfen wußten. In ihren achtzehn Meter langen und nur einen Meter breiten Booten verrichteten sie ebensoviel Kunst- wie Heldenstücke.

Die Marineoffiziere, Bergleute, Geographen, Naturwissenschaftler, Ethnographen, welche mit Hilfe von Küstenbewohnern und Melanesen Vorstöße in das Innere des Landes gemacht haben, erkären übereinstimmend, es gebe nur eine einzige Möglichkeit, Neuguinea wirklich zu erforschen und sich einen allgemeinen Überblick über die geographischen Verhältnisse, die Gebirge, Flüsse, Wälder usw. zu verschaffen, nämlich mit Hilfe eines Lenkballons. Ob sich eine der drei Nationen, die sich in den Besitz von Neuguinea teilen, aber entschließen wird, eine solche Expedition mit einem lenkbaren Luftballon auszustatten, ist wohl deshalb fraglich, weil die Kosten zu hoch sein dürften. Von den drei Besitzern Neuguineas wäre auch Deutschland wohl nicht allein in der Lage, eine solche Lenkballon Expedition zu unternehmen, da dieses Land am weitesten in der Technik des Luftverkehrs gekommen ist.

Pfahlbauten

Was die Bewohner Neuguineas anbelangt, die man allgemein Papua nennt, so haben wir uns jahrzehntelang über diese Menschen Märchen aufbinden lassen müssen, die erst jetzt allmählich von der Wirklichkeit abgelöst werden. früher hieß es, die Papuas seien ausnahmslos Menschenfresser, seien blutdürstig, grausam, weder zu zähmen noch zu bändigen, lebten nur von Raub und Mord und ständen auf der alleruntersten Stufe menschenähnlicher Wesen. vor allem verdankt man den Missionaren eine nähere Bekanntschaft mit den Bewohnern, die entfernter von den Küsten, dem Innern zu, ihre Wohnsitze haben. Da hat es sich denn ergeben, daß es unter den Papuas einzelne sehr blutgierige und räuberische Stämme gibt, welche den Schrecken aller anderen Stämme bilden. Auf deutschem Gebite sind es besonders die Lavomba, deren Name allein in den Dörfern der anderen Papuas eine Panik verursacht. Die beständige Angst vor Überfällen durch blutgierige, mordlustige Stämme ist auch Veranlassung zu den eigenartigen Pfahlbauten, die man in Neuguinea sowohl auf dem Lande wie im Wasser findet. Der Boden der Hütten ruht auf zwei Meter hohen Pfählen. der Zugang zum Boden der Hütte erfolgt durch Leitern, die man heraufziehen kann. So sind die Bewohner wenigstens für den ersten Augenblick eines plötzlichen Überfalls gesichert. stehen die Hütten an Abhängen, die sich leicht verteidigen lassen und die der Feind nicht ohne weiteres ersteigen kann, so ist der Boden der Hütte nur einen halben Meter hoch über der erde angebracht.

Pfahlbauten im Wasser sehen wir auf dem Bild, das uns gleichzeitig ein Panorama aus dem englischen Territorium, nämlich Port Moresby, bietet. Dieser Port (Hafen) ist für die englische Besitzung von großer Wichtigkeit. An ihm liegt auch Granville, der Hauptort und Regierungssitz von Britischpapua, sowie einiger Dörfer von Eingeborenen, die durch den Umgang mit den Weißen etwas kultiviert sind.

Vergessen wir nicht, daß die Dörfer im Innern des Landes gewöhnlich nicht mehr als dreißig Familien haben, daß der Urwald und an den Flüssen sehr viel meterhohes Schilfrohr leicht einen Überfall des Dorfes erleichtern, wir werden es dann begreifklich finden, daß die Bewohnerschaft jedes Dorfes sofort dasselbe verläßt, wenn sich irgend eine größere Karawane nähert. Das ist für alle Expeditionen, welche sich in das Innere des Landes und unter die harmlosen Stämme wagen, etwas sehr Unangenehmes , man kann nämlich weder mit den Eingeborenen in Verbindung treten, noch kann man von ihnen Nahrungsmittel kaufen, der Urwald aber, den man fast ununterbrochen passiert, bietet absolut keinen Proviant. Auch die im Innern lebenden Stämme nähren sich nur vom Fischfang, wenn sie in der Nähe der flüsse sich aufhalten, und die Natur kommt ihnen hier angeblich zu Hilfe, indem eine Riesenspinne ein Netz webt, welches so fest ist, daß man es zum Fischfang verwenden kann. Die englischen Reisenden behaupten sogar, die Eingeborenen stellten bogenförmige Reifen in dem Urwalde auf, der innere Bogen dieser Reifen würde dann von den Spinnen ausgewebt, so daß man dieses Netz zum Fischfang benutzen kann. Diese Berichte klingen freilich höchst unwahrscheinlich.

Boot

Zum Fischfang benützen die Papua sowohl auf den großen Flüssen und Seen des Inneren, wie an der Küste Boote, die ein Zeichen der Intellgenz und Kulturfähigkeit dieser Bewohner sind. Vergessen wir nämlich nicht, daß die Papua noch in der Steinzeit leben, daß sie keine anderen Werkzeuge als Steine und Muscheln haben, daß nur an den Küsten diese Steinwerkzeuge glatt geschliffen, im Innern des Landes aber ganz roh sind, und wir müssen die Geschicklichkeit bewundern die es den Eingeborenen ermöglicht, mit solchen Instrumenten ein seetüchtiges Boot anzufertigen. Die Segel sind aus Gras geflochtene Matten, das Fahrzeug aber (es ist eigentlich ein Prahm und nicht ein Boot) ist so geräumig , daß es einer großen Menge von Menschen sowie für Proviant und Beute genügenden Raum gewährt.

An den unteren Abhängen der Berge finden sich Kasuare, Wildschweine und eine kleine Känguruhart. Diese Tiere werden von den Eingeborenen durch Massenaufgebote gejagt. Weite Strecken werden mit Netzen, die man aus Rotang flicht, eingezäunt, und von der breiten, offenen Seite her wird das Wild durch hunderte von Eingeborenen in die Netze hineingejagt, um dort mit den Speeren getötet zu werden. Dann wird tagelang geschmaust , und die Papuas verzehren Quantitäten von Fleisch, die für unsere Begriffe ungeheuerlich groß sind.

Unter diesen Jäger- und Fischerstämmen hat man sehr liebenswürdige Leute gefunden,die, wenn sie durch längeren Verkehr mit Europäern vertraut werden, sich als zuverlässige, treue Freunde, als fleißige, plichtengetreue Arbeiter und als bildungsfähiges "Menschenmaterial" erwiesen haben. Es braucht also die Hoffnung nicht aufgegeben zu werden, im Laufe der nächsten Jahrzehnte doch zu gewissen Stämmen in dauernd freundschaftliche Beziehung zu treten. Mit Gewalt ist gegen die Eingeborenen nichts auszurichten; jede Strafexpedition, die in das Innere des Landes zieht, macht sich lächerlich, sie wird von den Eingeborenen, die beständig unsichtbar bleiben, durch Zurufe verhöhnt, und ist fortwährend in Gefahr, durch einen überraschenden Angriff vernichtet zu werden, wie dies leider wiederholt britischen und deutschen Strafexpeditionen geschehen ist.

Der Kannibalismus ist nach den neusten Forschungen weniger verbreitet als man glaubt, man ißt nur gefangene und erschlagene Feinde. Das Recht aber, den Gefangenen zu verzehren, wird von dessen Angehörigen nicht anerkannt. Die Tötung und das Verzehren eines Gefangenen fordert die Blutrache heraus , und ein Kampf auf Tod und Leben beginnt zwischen den Verwandten des Aufgefressenen und demjenigen Stamme, der ihn verzehrte. Indes kann die Fehde dadurch aufgehoben werden, daß man für einen verzehrten Gefangenen nach langen Verhandlungen zwei bis drei Schweine zählt.

Daß es zwerghafte Völkerstämme in Neuguinea gibt, auch auf deutschem Gebiet, hat sich bestätigt. man findet Papuas, von denen die kleinsten, die man gemessen hat, nur 132 Zentimeter groß sind, dafür fand man an anderer Stelle wieder riesenhafte Papuas, welche bis 220 Zentimeter hoch waren. Der Urstamm der Bewohner Neuguineas ist eben durch Mischung sowohl von Australien, wie von den malaiischen Inseln beeinflußt und stellt, besonders an den Küsten, ein buntes Gemisch von rassen und völkern dar.

Port Moresby

Die Erforschung des Inneren der fast unbekannten Insel empfiehlt sich nicht allein aus wissenschaftlichen Gründen, die Praxis hat da ein gewichtiges Wort mitzureden, denn das Land bietet reiche Schätze, von denen bisher nur ein sehr geringer Teil gehoben werden konnte. Aber diese wenige Ausbeute genügte schon, um die Kolonie prosperieren zu lassen. Der deutsche Anteil von Neuguinea kann schon seit 1909 auf jeden Reichszuschuß verzichten und bringt doch jährlich einen Überschuß von mehr als einer Million. Riesenhaft wären die Summen, die Neuguinea allein den Deutschen einbrächte, wenn man systematisch auch die Schätze, die im Inneren des Landes liegen, ausbeuten könnte. Man hat, besonders auf englischer Seite, bereits reiche Goldfelder entdeckt, man hat Steinkohlen und Kupfer, Diamanten und Rubinen gefunden, und war doch nur in der Lage, an wenigen Orten Untersuchungen anzustellen. Nirgends gedeiht der Gummibaum besser als in neuguinea, sowohl an der Küste wie im Innern, Palmenkerne werden bereits in großen Mengen ausgeführt und der Vorrat an wertvollen Nutzhölzern ist gerade unerschöpflich. Das Klima ist für Europäer sehr bekömmlich, und nur in den Niederungen an den Küsten und Flußufern herrscht das Fieber. Die Eingeborenen sind nicht nur bildungsfähig, sondern auch arbeitswillig und, wenn man sie erzieht, zuverlässig. Neuguinea hat also eine bedeutende Zukunft. Die Hauptsache bleibt nur, daß wir mit dem Inneren des Landes vertraut werden und es besser ausnützen als bisher.

Quelle: Das große Weltpanorama, Verlag w. Spemann 1912, von rado jadu 2001



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