Wie
er versprochen hatte, erschien schon um 6 Uhr Mutomba mit Kanoes, die
bis zu 20 m lang bei 1,2 m Breite und 0,4m Tiefe sehr geschickt im Stehen
mit den uns vom Kassai her bekannten langen Rudern gehandhabt werden.
Ein günstiger Platz für eine hier bald wichtig werdende Station war
die äußerste Landspitze zwischen der Mündung des Lubi in den Sankurru.
Man beherrscht von da aus beide Flüsse und die anscheinend stark frequentierte
Fähre.
Das nächste
Lager ließ ich hinter dem 50 m breiten Waldgürtel, der sich am Ufer
entlangzog, schlagen. Während des Flußüberganges waren Bassonge im Auftrage
der Bena-Ngongo erschienen und hatten für Ziegen und Salz ihre Gefangenen
ausgelöst.
Nördlich
des Gebietes der Lussambo, der nur längs des Flusses wohnten, während
weiter im Walde alles unbewohnter Urwald sein sollte, mündet, wie wir
durch Wolf bereits wußten und hier bestätigt ward, der Lomami. Jenseits
desselben wohnten die Bassongo Mino und im Osten hinter den auf viele
Tagesreisen ausgedehnten, von Batua durchstreiften Wäldern die wilden
Batetela. Alles traf mit Wolfs Beobachtungen überein. Ich kaufte eine
Menge aus Holz sehr schön geschnitzter Gerätschaften, die später in
Berlin die schon von Wolf erworbene Sammlung vervollständigen sollten.
Mutomba verpflichtete sich, uns von nun ab bis zum Lande der Batetela
zu führen, und gab eine Masse Namen mit solch treuherziger Sicherheit
an, daß mich mein Dolmetscher Kaschawalla bat, ihm den erbetenen Führerlohn
pränumerando auszuzahlen.
Bei dem
Abmarsche schlugen wir zu meinem Erstaunen längs des Sankurru die Richtung
Nord-Nord-Ost ein, es mußte also der Fluß zwischen Katschitsch, wo ich
ihn im Jahre 1881 passierte, und hier eine starke Biegung machen. In
dem entsetzlichen Gewirr des Urwaldes einen besseren Weg gäbe
es nicht, behauptete der Führer-- ging es, trotzdem die vorn marschierenden
Leute fortwährend mit Axt und Buschmesser arbeiteten, nur langsam vorwärts.
Auf kurzer Entfernung schon weigerte sich Mutomba weiterzugehen, er
wolle uns indes zwei seiner Leute als Führer stellen. Mit erstaunlicher
Frechheit log er uns ins Gesicht, er hätte nicht uns versprochen, uns
zu begleiten, die Geschenke, die er erhalten habe, die für hiesige Verhältnisse
ganz außerordentlich hoch waren, seien auch gar nicht dementsprechend
gewesen. Le Marinel war hierüber sehr empört, daß er den Mann fast zu
Boden geschlagen hätte; verdient wäre diese Strafe reichlich gewesen,
aber wir mußten daran denken, daß die Baschilange denselben Weg zurückgehen
wollten, und ich mußte mir angelegen sein lassen, ihnen die Straße nach
Möglichkeit frei zu erhalten. Le Marinels Empörung erinnerte mich lebhaft
an meine Lehrjahre im afrikanischen Reisen; ich war unterdessen meinem
damaligen Lehrmeister, dem alten, erfahrenen Pogge, schon ähnlicher,
d.h. ruhiger geworden.
Mitten im
Urwald machten wir ermüdet halt, und zwar ganz dicht am Flusse, und
jetzt wurde uns auch klar, warum uns der verschlagene Mutomba diesen
Weg geführt hatte, denn bald erschienen die Kanoes der Lussambo; noch
einmal war ihnen Gelegenheit geboten, für schöne Perlen Lebensmittel
zu verkaufen. Auch der Häuptling selbst erschien und grüßte uns so freundlich,
als wenn nichts vorgefallen wäre, was mich ungemein erheiterte, bei
Le Marinel aber wiederum tiefe Entrüstung hervorrief.
Nach zwei
schwere Urwaldmärschen kamen wir zu den ersten Bassongo oder Bassongo,
einem großen Volksstamm, der sich zum Lualaba ausgedehnt und mit den
weiter ab wohnenden Wassonga oder Wasongora verwandt zu sein schien,
so daß wir nördlich des Balubavolkes wiederum ein weit ausgedehntes
Volk konstatieren können, bei dem allerdings wohl schwerer als bei den
Baluba die Stammeszugehörigkeit nachzuweisen ist, weil die Lubavölker
überall die Ureinwohner, die Batua, verjagt oder ausgerottet zu haben
scheinen, währen unter den Bassongo und Wasongora noch viele Reste der
Zwergvölker zu finden sind, die sich, an vielen Stellen mit jenen vermischt
haben.
Von dem
hochgelegenen Dorfe der Bena Wapambue hatten wir freie Aussicht über
das Tal des Sankurru, der gerade hier ein Knie macht in einem Winkel
von über 90 Grad. Der breite, schöne Fluß strömt gegen eine dunkelrote,
fast 100 m hohe Sandsteinwand, deren Farbenpracht besonders leuchtend
aus dem ringsum herrschenden, dunklen Tone des Urwaldes hervorsticht,
und die, von der Abendsonne beschienen, in tiefen Purpur erscheint.
Zu welch wunderbarem Gemälde müßte in dieser Beleuchtung diese prachtvolle
Szenerie ein Motiv geben! Bei dem Anblick bedauerte ich lebhaft, wie
schon oft in diesem Kontinent, nicht einen Maler bei mir zu haben, der
daheim einen Begriff geben könnte von der übersättigten Farbenpracht,
die hiesige Abendbeleuchtung erzeugen kann.
Auf der
spiegelglatten Fläche des wohl 200 m unter uns dahinfließenden Flusses
war lebhafter Verkehr von Kanoes, jedenfalls durch unsere Anwesenheit
hervorgerufen. Der alte, freundliche Häuptling Soka Kalonda, der Pogge
und mich im Jahre 1881 bei seinem damaligen Oberhäuptlinge Katschitsch
besucht hatte, benahm sich, wie die starke Bevölkerung, die vollkommen
unbewaffnet erschien, ausgezeichnet. Wir fühlten uns wieder einmal recht
behaglich und konnten die stets die Stimmung einer Karawane herabsetzenden
Sicherheitsmaßregel ganz außer acht lassen. Freundschaftlich verkehrten
unsere Leute in den umliegenden Dorfschaften und kauften für sehr billige
Preise Nahrungsmittel ein. Bescheiden und ruhig strömten Menschenmassen
im Lager aus und ein, um uns zu sehen, und alle uns besuchenden Häuptlinge
der Umgebung verließen uns befriedigt, da wir uns in der guten Stimmung,
in der wir uns befanden, auch zu entsprechenden Gegengeschenken bewegen
ließen. Viel hatte zu dem freundlichen Empfange unser früheres Benehmen
und die günstige Bestrafung der Bena Ngongo beigetragen.
Der Boden ist hier
außerordentlich reich, die Maniokpflanzen erreichten baumartige Dimensionen;
wir sahen Maniokwurzeln von der Stärke eines Männerarmes. Alle Erzeugnisse,
die auf dem gerodeten Urwaldboden wuchsen, zeigten eine gleichmäßige
Üppigkeit. Auch der Fluß trägt viel zur Abwechslung der Nahrung der
Wapambue bei; eine große Anzahl verschiedener, recht guter Fische wurde
uns zum Kauf angeboten.
Wir erfuhren,
daß der Bassongehäuptling Zappu Zapp, den Wolf am Sankurru getroffen
hatte, nicht, wie dieser glaubte, auf Sklavenjagd anwesend war, sondern
sich schon seit dem Jahre 1882 niedergelassen hatte, aus seinem alten
Wohnsitze weiter östlich durch die Raubzüge der Sklavenjäger Tibbu-Tibbs
vertrieben, und nur der Bassongehäuptling Zappu behaupte noch sein Gebiet.
Es war dies die erste Nachricht von Streifzügen der Araber westlich
des Lomami, deren verderbenbringende Ausdehnung wir bald erfahren sollten
Auf
dem Weitermarsche wurden wir zunächst in nordwestlicher Richtung geführt,
bis ich, den scheinbar schwachsinnigen Führer entlassend, mich mehr
östlich wandte, einem breiten Pfade folgend. Bald kamen uns auch Eingeborene
mit Lebensmitteln entgegen, die uns nach ihrem mit dichtem Palmenhainen
und undurchdringlichen Hecken umgebenen Dorfe führten. Es waren Leute
vom Stamme der Batempa, die ebenfalls Bassonge sind. Erst am späten
Abend traf der Rest der Karawane ein, da die Passage eines 30 m breiten
und 3 m tiefen Baches, der nur auf einem Baumstamm zu passieren war,
aufgehalten hatte. Auch hier konstatierten wir, wie schon früher bei
den Bassonge, die Häufigkeit der Albinos, die mit ihrem rötlich-weißen,
meist unreinen Teint, der zu dem Negertypus so gar nicht paßt, abschreckend
häßlich sind.
Es führte
nun unser Weg über wellige Prärie, die zur Linken durch unabsehbar weiten
Urwald begrenzt wurde, von dem unsere Führer wußten, daß er sich ununterbrochen
bis zum Lamami ausdehnt. Hinter uns war immer noch der Lauf des Sankurru
an einer langgestreckten Nebelwolke erkennbar, die wie eine Riesenschlange,
so weit das Auge reichte, von Süd nach Nord über den Boden lagerte.
An den tief eingeschnittenen Bächen stand weißer Sandstein an, das tiefkristallene
Wasser war kühl und von reinem Geschmack.
Als wir
einige elende Dörfchen der kleinen, mageren Badingo passierten, hatten
wir offenbar in der Bevölkerung eine Mischung von Batua vor uns. Die
Batua sollen in dem großen Urwalde leben, vor dessen Betreten man uns
warnte, weil die Wege, meist nur aus verbundenen Elefantenpfaden bestehend,
sehr verwachsen seinen und durch viele sehr schwer passierbare, tiefe
Schluchten führen. Da ich mich jedoch nicht zu weit nach Süden nach
meiner alten Marschroute drängen lassen wollte, nahm ich am 21. wieder
eine mehr nördliche Richtung, die uns allerdings in finsteren, lianereichen
Urwald führte, in welchem wir noch vor dem Antreffen einiger Dörfer
Wege öffnen mußten, die durch gefällte Bäume verschlossen waren. Dicht
hinter diesen Barrikaden vertraten uns einige Dutzend ganz schwarz und
rot beschmierte Eingeborene mit dem Bogen in Bereitschaft den Weg. Da
es mir darauf ankam, mit den scheuen Wilden in friedlichen Verkehr zu
treten und Führer zu erlangen, machte ich noch vor den Dörfern halt
und schlug Lager. Die Leute nannten sich Quitundu, auch Betundu, und
das Dorf hieß Backaschocko. Die Bevölkerung gehörte schon zu den Batetela,
mit in die Wälder geflüchteten Bassongo gemischt. Die Form der Hütten
war die der Batetela. In Spitzform roh zusammengestellte Stämmchen waren
in kunstvoller Weise mit Geflecht verbunden und mit Gras bedeckt. Häute
und Rindenzeuge bekleideten die Hüften der Betundu, deren Haar, in zwei
oder mehr steifen Zöpfen geflochten, wie Hörnen vom Kopfe abstand.
Am Nachmittage
erschienen auch zu meiner größten Freude einige Batua, und zwar in reinster,
unvermischter Qualität, wahre Prachtexemplare. Die Leute waren klein,
von lichtbrauner, gelblicher Farbe oder besser lichtgelber Farbe mit
bräunlicher Schattierung, langgliedrig und mager, aber doch nicht eckig,
ohne jede Verzierung, Bemalung oder Haarfrisur. Am meisten fielen mir
die heller als bei den Batetela gefärbten schönen, klugen Augen auf
und die feinen, durchaus nicht negerhaft aufgeworfenen, rosenfarbenen
Lippen. Das Betragen unserer neuen Freunde, die ich mit ausgesuchter
Güte behandelte, war nicht wild wie das der Batetela, sondern mehr ängstlich
bescheiden, ich möchte fast sagen mädchenhaft scheu. Im ganzen erinnerten
mich die kleinen Männer auffallend an Abbildungen der Buschmänner des
Südens dieses Kontinents. Die Bewaffnung bestand in kleinen Bogen und
zierlichen Pfeilen, die sie vor dem Gebrauche in eine kleine, mit Gift
gefüllte Kalabasse tauchten, die am Gürtel befestigt ist.
Durch große
Langmut und ein fortwährend freundliches Lächeln gelang es mir, indem
ich meine Stimme zu den mir möglichen mildesten Lauten zwang, mit ihnen
zu verkehren und von ihnen einige Worte ihres durchaus von den Sprachen
der anderen Stämme abweichenden Idioms zu erhalten. Auffallend unter
anderem war es, daß sie hier zwischen den Batetela, die für das Wort
"Feuer" die Bezeichnung "Kalo" haben, das Wort "Kapia"
hatten, dasselbe wie unsere Baschilange, mit denen sie auch die Weichheit
der Sprache, die etwas von dem Singen unserer Sachsen hat, gemein haben.
Weist dieser Umstand nicht auch auf meine Annahme hin, daß die Baschilange,
die nördlich der Balubavölker, mit Batua stark vermischt sind? In gleicher
Weise gab mir die Gleichartigkeit des Hautpigments, der zarte Körperbau,
die etwas langen Glieder und anderes mehr zu obiger Vermutung Veranlassung.
Für jedes
Wort, das mir die Batua sagten, gab ich ihnen eine Perle; bei dem Überreichen
mußte ich mich vorsehen, daß ich nicht die Hand der Leute berührte,
denn sie zuckten ängstlich zurück, wenn ich zu nahe kam. Nach Verabredung
näherte sich ihnen Bugslag freundlich sprechend mit einer langen Stange,
stellte dieselbe hinter einem der Zwerge auf und ließ plötzlich bis
zur Berührung des Kopfes niedersinken. Wie vom Blitze getroffen flog
der berührte kleine Wildling aus unserer Nähe, indes gelang es uns später,
bei uns besuchenden Batua weitere Maße zu erhalten, die alle zwischen
1,45 und 1,40 schwankten. Weiber habe ich niemals zu Gesicht bekommen.
Auffallend war der Unterschied zwischen jungen und alten Männern. Während
die jungen mit ihren runden Formen, ihrer lebhaften Hautfarbe und ganz
besonders mit ihrem fast graziösen, abgerundeten Bewegungen, die ruhig
und maßvoll waren, angenehm auffielen, konnte man die alten Leute geradezu
abschreckend häßlich nennen. Die Ursache hierzu scheint die mangelnde
Ernährung und das wilde aufreibende Urwaldleben zu sein. Infolge übergroßer
Magerkeit erhielt die am Unterleibe in Falten liegende Haut eine stumpfe,
pergamentähnliche Färbung. Die etwas langen Gliedmaßen waren abschreckend
dürr, der Kopf erschien wegen des mageren Halses unförmlich dick. Die
Leute sprachen unter sich sehr schnell und akzentuiert, die jungen respektierten
sehr das Wort der älteren.
Die Batua
waren hier und, wie ich stets zu beobachten die Gelegenheit hatte, überhaupt
bei den Bassongostämmen nicht so verachtet wie bei den Baluba; sie waren
sehr gefürchtet wegen ihres, wie es heißt, furchtbar wirkenden Pfeilgiftes.
So sagte man uns, daß in nächster Zeit die Batua den mächtigen Häuptling
Zappu Zapp, der sich allmählich hier weit und breit zum Herren gemacht
hatte, töten wollten.
Die eigentliche
Heimat der Batua ist der finstere, weite Urwald, der ihnen in allen
Jahreszeiten eine große Zahl vielleicht nur ihnen bekannter oder nur
von ihnen gegessener Früchte, Wurzeln, Pilze oder Kräuter, und ganz
besonders Fleisch bietet, letzteres wohl hauptsächlich nur von kleineren
und niederen Tieren, also von Ratten, Nachtaffen, Fledermäusen, einer
Anzahl von Nagern, deren mancher vielleicht noch unbekannt ist, hier
und da einem Wildschwein, einem Affen, im Glücksfalle sogar einem Elefanten.
Anderes Wild kommt im Urwald nicht vor, aber das Leben der kleinen und
niederen Tiere ist um so reicher. Auch Raupen Zikaden, Termiten und
Larven bieten dem Mutua (Singularform) reiche Abwechslung.
Wir
sahen von nun ab öfters Batua, ohne jedoch irgendwie besondere Beobachtung
anstellen zu können, da die Leutchen zu zurückhaltend waren, um in irgendwelcher
Weise aus sich herauszutreten. Erwähnenswert ist, daß am Morgen des
Abmarsches einige Batua mit einem kleinen Geschenke von Maniokwurzeln
näherten und mir, als ich das Geschenk abwies, so lange, um Annahme
bettelnd, folgten, bis ich ihrem Wunsche nachkam, worauf sie befriedigt
zurückkehrten. Es waren dies Batua, die tags zuvor von mir zwecks Vermehrung
meines Wortschatzes kleine Geschenke erhalten hatten, und die offenbar
in dem Glauben, daß meine Geschenke, wenn sie sie nicht erwiderten,
mir irgendwelche Macht über sie geben würden, derart handelten. Es ist
ein solches Mißtrauen so recht bezeichnend für einen echten Wilden.
Kaum der
Schrei eines Vogels unterbrach die tiefe Stille des uns ununterbrochene
Arbeit und Mühe entgegensetzenden Urwaldes. Ich entsinne mich, nur selten
am Abend den gellenden Ruf des Helmvogels oder das durch die scharfen
Schwingen des Nashornvogels hervorgebrachte Geräusch gehört zu haben.
Nur die Termiten knisterten fast ununterbrochen bei der Arbeit. Von
irgendwelchem Versuch, astronomisch zu arbeiten, war unter diesem nie
sich öffnenden Laubdache natürlich nicht die Rede.
Auf der
Wasserscheide zwischen dem Lomami und Sankurru trafen wir bei den Eingeborenen
eine Andere Form der Hütten, obgleich sich dieselben nach Betundu nannten.
Es war dieselbe Form, wie wir sie bei den Bassonge früher gesehen hatten,
und wies wohl darauf hin, daß hier vom Süden geflüchtete Bassonge in
der Mehrzahl waren. In der Nacht verließen die Betundu ihre Dörfer,
die in unserer Nähe lagen, einen Überfall befürchtend. Das tierisch
Wilde dieser Waldbewohner veranlaßte mich zu dem Befehl, daß jeder Mann
der Karawane sein Gewehr in der Hand tragen und nicht, wie es die Baschilange
vielfach der Bequemlichkeit halber taten, auf die Last binden oder dem
Weibe zum Tragen geben solle. Unsere Braven Söhne des Hanfes gaben ein
zu wenig kriegerisches Bild. Am liebsten zogen sie unaufhörlich schwatzend
ihres Weges, die große Hanfpfeife auf dem Rücken und einen stock in
der Hand, in dem für mich recht schmeichelhaften Gedanken, Kabassu Babu
werde schon für sie sorgen, es könne ihnen unter seiner Führung nichts
geschehen.
Der erste
der bedeutenderen Bäche, der in den Lomami münden sollte, war der Luidi,
den ich mit Pogge nahe seiner Quelle überschritten hatte. Für meine
große Karawane begann sich bei der geringen Bevölkerung dieses Waldes,
die nur das für sie Notwendigste auf den mühevoll zu rodenden kleinen
Lichtung kultivierte, Mangel an Nahrung fühlbar zu machen. Der Einkauf
der Lebensmittel ward ebenfalls durch die Wildheit der Betundu sehr
erschwert. Es dauerte unglaublich lange, bis sie sich entscheiden konnten,
für den angebotenen Preis etwas zu geben. Ein Stückchen Zeug ging erst
von Hand zu Hand. Es war geradezu unheimlich, den Verkehr dieser Wilden
untereinander zu beobachten. Wie Wölfe rissen sie sich um ein stück,
das ihnen in die Augen stach. Heftig war jede ihrer Bewegungen, scheu ihr Blick, alles erinnerte
an das Benehmen eines wilden Tieres im Käfig, und in Wahrheit waren
diese Leute auch im Käfig aufgewachsen, denn als etwas anderes ist dieser
mächtige Urwald nicht zu bezeichnen, der selten einen Blick zum Himmel
frei gibt, der den Gesichtskreis auf nur kurze Entfernung einengt. Einen
Häuptling, der beim Handel gegen einen seiner Leute den Speer zückte,
warf der allseits bereite Simao, der kühne Schwimmer vom Lubi, nieder,
zerbrach ihm seien Speer und ließ ihn erst nach einer ausgiebigen Tracht
Prügel wieder laufen. Es trug dies leider nicht dazu bei, daß man uns
mehr Lebensmittel brachte, ja man drohte, uns die Batetela auf den Hals
zu hetzen.
Immer weiter
ging es im Dunkel durch die Dörfer der Bena Piari Kai, der Balonda und
Bakiola, bei welchen letzteren wir nach Flucht der Eingeborenen gezwungen
waren, zu nehmen, was wir in den Hütten und auf den Feldern fanden.
Aber auch dies, in Verbindung mit den vielen Wurzeln und Früchten, die
die Baschilange aus dem Walde holten, reichte nur zu notdürftigster
Ernährung.
Wir bogen
nun weiter südlich, dem einzigen Wege folgend, und feierten am 25. Weihnachten,
das Fest des Lichtes der Christenheit, inmitten dunklen Urwaldes und
dunklen Heidentums.
Bald wurde
das Benehmen der Eingeborenen in einem solchen Grade scheu und wild,
daß es nicht mehr möglich war, irgendwelchen Namen zu erfahren. Obgleich
sich die Befragten wie hungrige Wölfe keifend und stoßend um ein Geschenk
rissen, war aus ihnen nichts herauszubringen. Die wunderbarsten Gegenstände
als Kopfschmuck trafen wir hier an; so einen, der mit dem Kannibalismus
sehr gut in Einklang zu bringen ist, nämlich im zweiten Gliede abgehauenen,
vertrocknete Finger, die, an Holznadeln befestigt, aus dem kicken Haarwulst
in die Höhe zeigten. Es ist, wie ich schon früher mehrfach erfahren
hatte, die Sitte bei vielen Anthropophagenstämmen, die genannten Glieder
sowie die Zehen der Füße abzuschneiden und fortzuwerfen, bevor der edle
Schmaus beginnt.
Endlich
am 26. unterbrachen hie und da Lichtungen den dichten Urwald. Jubelnd
begrüßten wir an diesem Abend offenes Gelände nach dem 13tägigen Urwaldmarsche
und lagerten an der Grenze des Stammes der Bena Mona, dicht beim Dorfe
Kiagongo an dem wasserreichen Lobbobache. Seit langem hörten wir wieder
einmal des Nachts die Stimme des Leoparden, seit acht Tagen sahen wir
die ersten Ziegen wieder, denn die Waldbewohner züchteten als einziges
Haustier das Huhn. Es war nun zu Ende mit dem ewigen Festgehaltenwerden
von Schlinggewächsen oder wurzeln, mit dem unaufhörlichen Durchkriechen
unter Bäumen, durchzwängen zwischen Stämmen, Erklettern steiler Hänge
und häufigen Aufenthalt zum Freischlagen des Weges mit der Axt. Unsere
Kleidung und die der Leute Bestand nur noch aus Fetzen, ja viele unserer
Baschilange hatten sich Häute erstanden, da ihre Hüftentücher nicht
mehr die notwendige Bedeckung boten.
Nach einem
meiner Baschilange, der in eine Palme hinaufgestiegen war, um Nüsse
herunterzuschlagen, hielten einige Eingeborene Scheibenschießen mit
dem Bogen ab und wurden erst durch das Erscheinen mehrerer meiner in
der Umgebung umherziehenden und Nahrung suchenden Leute vertrieben.
Wir mußten überall Nahrungsmittel nehmen, da niemand da war, sie uns
zu verkaufen, und da meine Leute von der Hungerkur des Waldes recht
mitgenommen waren. In der Nacht wurden wir durch das Geschrei und heftiges
Schießen geweckt, und als ich nach der Stelle kam, um nutzloses Feuern
in die Dunkelheit zu verbieten, brachte man mir zwei verwundete Baschilange.
Der eine hatte einen Pfeil im Kniegelenk, ein Weib war nur am Arme gestreift;
letztere wurde nach Anwendung von Ammoniak verbunden und glücklich wiederhergestellt,
der Mann jedoch starb, nachdem es Le Marinel noch gelungen war, ihm
den mit vielen Widerhaken versehenen Pfeil, der sich auf dem Knochen
krumm gebogen hatte, zu entfernen, kaum fünf Minuten nach der Verwundung,
und zwar unter Krampferscheinungen, die die Wirkung eines Pfeilgiftes
konstatieren ließen. Wir begruben noch während der Nacht ihn und einen
Muschilange, der an Lungenentzündung gestorben, mitten im Lager, und
zwar derart, daß die Eingeborenen keine Spur vom Grabe, wie wir hofften,
finden würden, um ihnen nicht den Triumph zu gönnen, daß sie einen der
Unsrigen getötet hätten, und andererseits die Leichen davor bewahren,
als willkommenes Mahl zu dienen.
In aller
Frühe brachen wir zum Abmarsche auf und stießen bald auf ungefähr 20
Bewaffnete, die uns, zum Wurfe und Schusse fertig, den Weg verschlossen.
Ich begann, trotz der Verräterei der letzten Nacht, Verhandlungen mit
ihnen anzuknüpfen, da ich vor allem endlich zu erfahren wünschte, wo
wir waren, und welche Richtung wir zu nehmen hätten, um nicht wieder
in den ringsum sichtbaren großen Urwald zu gelangen. Die Bena Mona waren
zu bewegen, vor uns her zu gehen, und es war mir möglich, wenn auch
nur mit vieler Mühe, meine entrüsteten Soldaten und die Baschilange
abzuhalten, auf die vor uns Hermarschierenden zu feuern. Da uns unausgesetzt
Bewaffnete entgegenkamen, wuchs unser Führertrupp immer stärker an.
Im Äußeren
erinnerten uns die Bena Mona an die Bassongo Mino; sie waren groß, schlank
und doch muskulös gebaut, trugen, wie jene, meist schwarz gefärbte Palmstoffe*,
auch ebensolche kleinen Tücher als Kopfbedeckung, waren meist mit
starken Bogen und großen Bündeln langer Pfeile, sehr selten mit dem
Speer, dann mit sehr schönen Messern und den uns von den Bassongo von
früher her bekannten Kriegsäxten bewaffnet. Die Leute waren wild, unstet
und offenbar als Krieger gefürchtet, denn ich entsinne mich, daß oft
mit Furcht von den wilden Bena Mona die Rede war.
Bald fahren
wir, daß unsere Führer uns vorausmarschierten nach einem der größten
Dörfer vor uns, auf der Kuppe der Höhe, nach einer Stellung, die auch
mir ganz günstig schien; denn daß wir hier nicht, ohne unsere Macht
zu bestätigen, fortkommen würden, war mir nach dem Benehmen der wilden
Mona und der Aufregung meiner eigenen Leute klar. Bevor wir die nächsten
Dörfer erreichten, fielen denn auch schon an der Queue der Karawane
Schüsse, die mich jedoch nicht abhielten, den Weg nach weiter oben fortzusetzen,
bis Meldung von rückwärts kam, daß Bugflag mit der Queue der
Karawane abgeschnitten sei. Ich ließ Le Marinel halten und die Karawane
auflaufen und begab mich mit einigen der Soldaten nach rückwärts, begegnete
aber sogleich Humba, der mir meldete, die Sache hinten sei schon vorbei,
und Bugflag im Anmarsche. Gleichzeitig zeigten mir dunkle Rauchwolken
an, daß meine den abgeschlagenen Feind verfolgenden Soldaten die Gehöfte
angezündet hatten. Wie ich später erfuhr, hatte Bugflag selbst von einem
am Wege stehenden Eingeborenen ein Huhn kaufen wollen, und während er
mit ihm verhandelte, war aus einem sich nähernden Trupp mit Pfeilen
auf ihn geschossen worden. Auf die nächste Entfernung hatten die Meinen
sofort den Angriff erwidert, und die Eingeborenen hatten sich, nachdem
sie acht der tötlich getroffenen Ihren hatten liegen lassen, in das
Dorf zurückgezogen, wohin sie von meinen Leuten verfolgt worden waren.
Trotzdem
an der Tete der Feind auf über 100 Mann angewachsen war, marschierten
wir auf meinen Wink weiter vorwärts. Die Führer, die jetzt auch Meldung
bekommen hatten von dem, was hinten vorgegangen war, liefen stets vor
uns her, offenbar in der Absicht, einen weiteren Angriff auf uns so
lange aufzuschieben, bis ihre Zahl unserer Macht, die sie jetzt übersehen
konnten, mehr gewachsen sei. Etwa 200 Krieger standen, uns erwartend,
vor dem Dorfe, und las sich unsere Führer mit ihnen vereinigt hatten,
wurden uns unverständliche Unterhandlungen geführt, ohne das wir jetzt
weiter vorwärts kommen konnten. So lief denn naturgemäß die Karawane
allmählich auf und bildete einen Knäuel, an dessen Tete ich mit Le Marinel,
und an dessen Queue Bugflag, natürlich zum Gefecht bereit, auf unseren
Stieren hielten. Die Weiber hatten sich von selbst wie eine furchtsame
Hammelherde in der Mitte des Haufens zusammengedrängt, während die Bewaffneten
ihre Lasten niederlegten und nach außen Front machten. Ich wollte wegen
des hier ringsum nicht günstigen Terrains den Marsch noch weiter fortgesetzt
wissen und unterhandelte diesbezüglich mit einigen Kriegern, die einen
höheren Rang unter den übrigen einzunehmen schienen. Fortwährend kamen
von allen Seiten Bewaffnete herbeigeströmt, und in ganz kurzer Zeit
waren wir dicht umringt, die Eingeborenen schon den Pfeil in der linken
Hand auf den Bogen gepreßt und die Speere fertig, doch noch unentschlossen,
und meine Leute auf die Erlaubnis wartend, zu feuern. Wer jetzt von
den beiden Parteien zuerst die Waffen brauchte, mußte großen Erfolg
haben; es konnte kein Pfeil, kein Speer auf die Entfernung von 2 m unseren
dichten Haufen fehlen, es mußte ebenso jedes Geschoß aus unseren Waffen
irgendeinen der dicht uns umschließenden Wilden treffen, und schon wollte
ich, um den günstigen Moment, der erste zu sein, nicht zu verlieren,
Feuer kommandieren, als sich vor mir der Kreis ein wenig öffnete und
ein älterer Mann, der sich, wie der früher schon erwähnte Bassongehäuptling,
Zappu Zapp, nannte, auf mich zuschritt.
Ich sagte
ihm, daß ich weiter vorwärts lagern wollte, und daß, wenn seine Leute
statt der Waffen Hühner brächten oder Nahrungsmittel überhaupt, die
Bena Mona noch vor Ablauf des Tages manches schöne Stück Zeug und manche
Perle sich verdienen könnten. Ich hoffte, der Häuptling würde, um eine
noch größere Anzahl der Seinen zu erwarten, uns diese Frist geben, die
auch mir zur Vorbereitung für das Gefecht, besonders zur Verteilung
der äußerst knappen Munition, nötig war. Mein hochmütiger Ton und ganz
besonders ein mehrfaches Gelächter, das ich in der Unterhaltung mit
Le Marinel anschlug, mochten den Eingeborenen ein Zeichen sein, daß
ich sie für noch nicht so gefährlich hielt. Bei der Unterhaltung hatte
ich das Gewehr vor mir auf den Sattel, die Mündung auf den Häuptling
gerichtet, fertig und den Finger am Abzug, so daß beim ersten Zeichen
des Gebrauchs einer Waffe der vor mir Stehende gefallen wäre.
Der ganze
Knäuel von Freund und Feind setzte sich denn auch in Bewegung, und auf
einigen Wegen nach rechts und links sowie nach vorwärts jagten Boten
ab, selbstverständlich nur, um die Nachbarn zu dem in Aussicht stehenden
fetten Fange zu rufen. Ich war dicht an der Stelle, wo ich halten wollte,
als abermals am Ende der wieder etwas in die Länge gezogenen Karawane,
wo Bugslag ritt, heftiges Gewehrfeuer ertönte. Jetzt war es vorbei mit
unseren Friedenskünsten, denn auch die vor uns seitwärts von uns Rennenden
griffen zu den Waffen, und Pfeile flogen, so daß ich selbst von den
vor uns Front Machenden einige niederschoß. Dann aber überließ ich Le
Marinel das weitere an der Tete und eilte nach rückwärts, wo die größte
Masse der Bena Mona anzugreifen schien. Auch hier verstummte abermals
das Feuer, ehe ich die Queue erreichte, und da ich in der Karawane eine
Patronenlast antraf, ließ ich dieselbe aufbrechen und schickte an Le
Marinel und Bugslag Munition. Nur vereinzelte Schüsse fielen noch auf
die nach allen Seiten flüchtenden Bena Mona. Dann stiegen auch schon
überall Rauchwolken auf, ein Zeichen der Anwesenheit von Baschilange.
Ich ließ
zum Sammeln blasen und marschierte, um aus dem Bereiche der überall
verteilten Dörfer unseres Feindes herauszukommen, unangegriffen weiter.
Noch immer kam uns zwar in hellen Haufen Zuzug der Wilden entgegen,
kehrte aber bei unserem Anmarsch um und entfloh. Wir passierten auf
unserem Wege ein fast 2000 m langes, von Ölpalmen dicht beschattetes
Dorf, in dem zu ihrem großen Jubel unsere Leute etwas Korn fanden, sodann
machte ich der großen Hitze wegen am Rande eines Baches auf übersichtlicher
Stelle halt und Lager. Es waren nach den einlaufenden Berichten ungefähr
20 Eingeborene gefallen, auf unserer Seite jedoch nur Verwundungen zu
konstatieren. Ich ließ das Lager vollständig schließen und stellte rings
im Kreise gedeckte Feldwachen aus, um uns bei der Nacht vor einer ähnlichen
Verräterei wie gestern zu schützen. Gegen Abend wurden auch überall
in der Nähe Trupps von Eingeborenen gesehen, die aber in angemessener
Entfernung blieben, von Le Marinels und Bugschlags Büchsen belehrt.
Im großen Kreise rings um die vorgeschobenen Posten ließ ich Feuer machen
von trockenem Holz, die während der ganzen Nacht das Vorterrain auf
50 Schritte beleuchteten. Es wurde infolgedessen unsere Nachtruhe nur
gestört von der geräuschvollen Art und Weise, mit der ich, die Wachen
revidierend, einige eingeschlafenen Posten weckte.
Beim ersten
Morgengrauen brachen wir auf, um dem Lande der unfreundlichen Bena Mona
den Rücken zu kehren. Wir gerieten bald abermals in ein Gewirr von Dörfern,
die indes verschlafen waren, kehrten, da der Weg zu weit nach Süden
führte, wieder um und suchten und fanden einen anderen Weg nach Osten,
der am Tage vorher zu diesem Zwecke ausgesandte Boten nicht gefunden
hatten. Man kann sich auf den Bantuneger, selbst auf den besten, nie
verlassen, und der Europäer, der mit solchen Leuten reist, muß stets
selbst zur Hand sein, wenn er überzeugt sein will, daß eine wichtige
Arbeit richtig erledigt wird. Trotz der Aufregung von gestern hatte
ich in der Nacht manchen Posten schlafend gefunden, und meine besten
Leute hatten den großen, offenen Weg nach Osten übersehen. Der
schöne, breite Weg im offenen Gelände machte uns das Marschieren nach
den Erfahrungen im Urwalde geradezu ein Genuß.
Nach anstrengender
Arbeit machten wir den 20 m breiten und mit tobendem Gefälle sich in
Kaskaden über Felsgeröll dahinwälzenden Lukalla durch ein Brücke passierbar.
Das Übersetzen dauerte, da der geworfene Baumstamm nur mit großer Vorsicht
zu passieren war, bis gegen Abend. Zweimal stürzten Leute von der Brücke
herab, wurden zwar gerettet, verloren aber die Gewehre und unseren Eßkoffer,
der unser sämtliches Geschirr und unseren letzten Kognak enthielt. Ich
lief selbst stromabwärts, wo das Wasser ruhiger und tiefer wurde, und
suchte tauchend nach dem Korbe, jedoch vergebens; nur durch einen Zufall
fand ich eines der Gewehre wieder.
Die Bena
Mona waren klug genug gewesen, den Übergang des Flusses für einen günstigen
Moment zum Überfall zu halten, trafen aber bei ihrem Anmarsche auf einen
Verhau, durch welchen ich zur Sicherung nach rückwärts zwei sich nähernde
Dschungel verbunden und mit einer Wache besetzt hatte, und kehrten um,
bevor sie Feuer erhielten.
Für uns
Europäer waren die letzten Tage ohne Ruhe bei Tag und Nacht gewesen,
und wir fühlten uns bei der mangelhaften Nahrung körperlich geschwächt,
wenngleich die geistige Aufregung uns frisch erhielt. Schlimm war es
mit der Zeit in unserer Karawane geworden, die Hungerkur hatte schon
allzu lange angehalten. Viele Krankheiten waren die Folge der schlechten
Ernährung. Einige Leute taumelten vor Hunger und Schwäche beim Marsche,
und wenn wir nicht bewohntere Gegenden trafen, mußte uns die offene
Savanne unheilvoller werden als der Urwald; denn hier hatten unsere
Leute doch noch manche Frucht und manchen Pilz gefunden, der den peinigenden
Hunger stillte. Es ist wahrlich nicht leicht, in solchen Gegenden eine
Schar von nahezu 900 Menschen zu erhalten. Ich hatte beim Abmarsche
auf ähnliche Verhältnisse gerechnet, wie ich sie mit Pogge damals kaum
einen Grad weiter südlich angetroffen hatte, Verhältnisse, die eine
Reise mit zehntausend Mann ermöglicht hätten. Das Mark der Palmen bot
uns jetzt ausschließlich Nahrung; war aber auch nur mit großer Mühe
zu erlangen; denn erstens muß der starke, zähe Baum gefällt werden,
und dann erst kann durch abermalige schwere Arbeit mit der Axt das Herz
des Baumes, das unter der Krone sitzt, herausgeschlagen werden.
Die Bena
Mona, welche dieses magere Land bewohnen, sind ein von Natur bösartiger
Stamm, ich möchte sagen, es war das erst Volk, das sich, noch unberührt
von Sklavenjägern, uns in so ausgesprochen feindseliger Weise gegenüberstellte.
Erfahren hatten die Bena Mona allerdings schon von dem Wüten der mit
Gewehren kommenden weißen Leute, der Araber, und es ist möglich, daß
sie uns gleiche Absichten unterlegten, und hieraus ihre feindliche Stimmung
gegen uns entsprang.
Bei der
Anzahl der sich kreuzenden Wege, und weil vor uns im Osten und überall
im Norden der finstere Urwald drohte, ging ich an dem Lubefufluß
aufwärts nach Süden. Ich mußte bald in ein Lager kommen, wo es
etwas zu essen gab; denn das Gespenst des Hungers drohte meiner immer
schwächer werdenden Karawane ernstlich. Am 29. erreichten wir Dörfer
der Bassonge, die uns von früher in guter Erinnerung waren.
Da leider
das Gerücht von den Gefechten mit den Bena Mona vor uns her lief, flüchteten
die Eingeborenen, alles mit sich nehmend, vor uns her, und nur wenigen
gelang es, geringe Mengen in der Eile zurückgelassener Lebensmittel
zu erbeuten. Unsere Versuche, durch Jagd dem Mangel abzuhelfen, blieben
erfolglos, die Gegen war zu wildarm. Eine mächtige Pythonschlange entdeckten
meine Leute, die aufgerollt in einem Busche lag und holten mich herbei,
um sie zu schießen; denn das Fleisch derselben wurde von unseren Baschilange
gern gegessen. Ich näherte dem Kopfe der Riesenschlange die Mündung
meiner Büchse bis auf einen Meter, bevor sie, aus ihrer Apathie erwachend,
mich bemerkte. Ich schoß und.... fehlte den Kopf des kolossalen Reptils,
das nach dem Knalle blitzschnell im Dickicht verschwand. Die mich umstehenden
Baschilange, die sonst die Sicherheit meiner Büchse kannten, hielten
meinen schlechten Schuß für Fetisch der Bena Mona.
Wir konnten
schon nicht mehr fern von meiner Reiseroute im Jahre 1881 sein, als
wir auf einige provisorisch aufgeschlagene Dörfer der Bassonge, unter
dem Häuptlinge Mona Kassongo stießen. Unsere Freude, hier Nahrungsmittel
zu finden, ward abermals getäuscht. Kassongo war vor einigen Horden
Tibbu Tibbs hierher geflüchtet, und Streifpatrouillen kehrten, die Nacht
benutzend, nach ihrem bisherigen Wohnsitzen zurück, um das Notwendigste
an Nahrung aus ihren alten Feldern herbeizubringen. Immerhin erhielten
wir ein wenig Lebensmittel, die uns wieder Mut und Hoffnung für später
gaben. Kassongo kam mit gegen 60 Gewehrträgern zu mir zum Besuch und
klagte über die furchtbare Heimsuchung der von hier südlich liegenden
Gebiete durch die Horden Tibbu Tibbs. Er sagte mir, das der mächtige
Stamm der Benecki ganz vernichtet
sei, daß Mona Lupungu, mein alter Freund von früher, nach Süden ausgewichen
sei, von wo er sich mit Mona Kakesa, dem anderen größten Häuptlinge
der Kassongo, in das Land der Baluba gerettet habe vor mordenden und
sengenden Zügen der Araber. Kassongo lag hier schon zwei Monate, auf
den Abzug der Sklavenhändler hoffend, jederzeit bereit, nach Norden
in die Urwälder der Batetela zu flüchten. Wir erhielten von allen Seiten
solch eine Menge sich zum Teil widersprechender Nachrichten von dem
Kriege, der in den südlicher gelegenen, mir bekannten Ländern wüten
sollte, daß wir nicht wußten, was wir davon glauben sollten. Regelmäßige
Dörfer trafen wir nicht mehr an, sondern von nun ab nur noch versprengte
Trupps verschiedener Stämme der Bassonge, die, mich zum Teil erkennend,
und so gut mit Lebensmitteln versorgten, als ihnen dies in ihren bedrängten
Verhältnissen eben möglich war. Häuptlinge besuchten mich und brachten
Sklaven zum Geschenke mit der Bitte, für dieselben später Ziegen einzukaufen,
da sie nicht imstande seien, mir auch nur eine Ziege, ja, kaum ein Huhn
zu verschaffen.
Zu meiner
nicht geringen Besorgnis erfuhr ich, daß viele meiner Leute Pulver und
Zündhütchen verkauft hätten, um Nahrungsmittel zu erlangen. Es war dies
fast der einzige, von den armen, gejagten Eingeborenen verlangte Tauschartikel,
das einzige Mittel, sich ihrer furchtbaren Feinde zu erwehren.
Der
Silvesterabend des Jahres 1886 fand uns drei Europäer der Karawane besorgt
in die Zukunft blickend. Le Marinel brachte zur Feier, und um unsere
schweren Sorgen zu zerstreuen, eine Flasche Rum zum Vorschein, deren
Genuß unserer durch die mangelhafte Nahrung geschwächten Konstitution
jedoch sehr schlecht bekam. Voller Sorgen sahen wir die Sonne des ersten
Tages des Jahres 1887 aufgehen. Nach Norden und nach Osten drohte uns
der finstere Urwald, dessen Qualen uns noch frisch im Gedächtnis waren;
nach Süden und Westen, so hörten wir, war alles auf weite Entfernung
hin entvölkert. Rings um uns lagerten 900 Menschen, durch Hunger und
Strapazen sehr geschwächt. Nichts halfen uns unsere Waren, nicht einmal
unsere Macht; denn es war eben nirgends etwas Genießbares zu kaufen,
noch zu nehmen. Wir setzten daher in trüber Stimmung unsere Reise fort
nach Ost-Süd-Ost und trafen bei Kafungoi Pogges und meine alte Straße
wieder. Aber wie verändert! Wo uns früher Tausende von Benecki, die
Bewohner der uns damals überraschenden, schönen, reichen Stadt, freundlich
begrüßten, wo wir in allen Genüssen, die ein reiches Land, von fleißigen
Eingeborenen bewohnt, in Afrika nur irgend zu bieten vermag, geschwelgt
hatten, wo wir in Friede und Freundschaft von Dorf zu Dorf begleitet
waren, da fanden wir jetzt eine durch Mord und Brand entvölkerte Einöde.
Dieselben mächtigen Palmenhaine, die früher die Stadt der glücklichen
Benecki bezeichneten, nahmen uns in ihre Schatten auf. Doch unheimliche
Stille, nur hier und da vom Zwitschern der Webervögel unterbrochen,
vertrat die freundlichen Begrüßungsrufe der harmlosen früheren Bewohner.
Die Nischen in dem Palmendickicht zu beiden Seiten der breiten, gradlinigen
Wege, vor drei Jahren ausgefüllt von den reinlichen Gehöften der Benecki,
waren mit mannshohem Grase bedeckt, aus dem hier und da ein verkohlter
Pfahl, ein gebleichter Menschenschädel und zerbrochenes Gerät an die
Existenz unserer alten Freunde erinnerten. Wo waren die Tausende und
Abertausende des fleißigen Volkes, das durch seine große Anzahl bis
damals von feindlich Eingriffen gesichert war, wo waren sie geblieben?
Mich überlief ein Schauer der Wehmut bei diesem Anblick, bei der Erinnerung
an die schönen Tage unserer Reise, die wir bei dem freundlichen Empfange
der damals noch ganz unberührten, gutmütigen Wilden genossen hatten.
Mich überkam heiß das Gefühl des Zornes, der innersten Empörung gegen
die mörderische Brut habsüchtiger Sklavenhändler, die diese furchtbare
Veränderung hervorgerufen hatten.
Glücklicher
Weise fanden unsere Leute in den Palmen, in einigen Bananendickichten,
die der Zerstörungswut der Räuberbanden entgangen waren, in einigen
schon mit Gras überwachsenen Kartoffelfeldern, aus denen noch zu riesiger
Größe angewachsenen Knollen ausgegraben wurden, die notwendige Nahrung.
Es sollten für lange Zeit Palmnüsse, das Mark der Palmen, süße Kartoffeln
und unreife Bananen unsere einzige Nahrung bilden; denn das was wir
hier in Kafungoi fanden, wiederholte sich noch während vieler Tagesmärsche.
Ich will
vorgreifen, um zu erzählen, was ich erst später erfuhr, wie das schreckliche
Schicksal über die früher so glücklichen Länder gekommen war. Der Araber
Tibbu Tibb und Famba, welch letzterer
früher mehr handelnd als raubend westlich des Lomami sich aufgehalten
hatte, waren in Streit geraten über das Recht auf diesem Gebiete. Der
bei weitem mächtigere Tibbu Tibb hatte seine Leute, verstärkt durch
die Kannibalenhorden der Bena Kalebue, über den Lomami gesandt, um für
sich die Länder bis zum Sankurru zu sichern. Ich weiß, da ich den Araber
Hamed bin Mohammed, Tibbu Tibb genannt, von früher kenne, daß, wenn
er selbst hierher gekommen wäre, die Folgen des Zuges nicht so entsetzlich
gewesen wären, als sie es waren, da er nur seine Kreaturen als Anführer
schickte. Wenn schon der Araber schon gegen Eingeborene, die ihr Hab
und Gut, die ihre Freiheit mit der Waffe in der Hand zu schützen suchen,
rücksichtslos ist, wie es ihm seine Religion erlaubt, so ist er doch
im allgemeinen nicht der raffinierten Bosheit fähig, wie die Halbblütigen
Kanaillen von der Küste, wie seine Sklaven, die außer dem ihren Herrn
abzuliefernden Tribut für sich nach Möglichkeit durch Sklavenraub sorgen.
Elfenbein wagen sie nicht zu unterschlagen, doch Sklaven können sie
verbergen, und wenn der Herr befriedigt ist von der Ausbeute des Zuges,
so kümmert er sich wenig um die Art und Weise, in der auch seine Leute
für sich sorgen. Der Araber denkt auch im allgemeinen weiter als der
Bastard, der von beiden Rassen denen er seine Entstehung verdankt, nur
die schlechten Eigenschaften geerbt zu haben scheint. Ersterer will
die eingeborenen Fürsten sich tributpflichtig machen, während jener
nur darauf bedacht ist, ein möglichst große Anzahl Sklaven zu erwerben,
und sich nicht weiter darum kümmert, was später aus den verwüsteten
Ländern wird. Die Schuld des Urhebertums dieser Gräuel trifft aber ohne
jede Frage den Araber; denn nur durch seine Initiative ward es möglich,
immer weiter vorzudringen, immer weiter zu unterjochen, zu entvölkern,
und daher muß, wenn man an Abhilfe denkt, wenn man den armen, wehrlosen
Eingeborenen schützen will, das Arabertum in diesen Ländern ausgerottet
werden mit Stumpf und Stil, bevor es eine Macht erreicht, der wir Europäer
des feindlichen Klimas und der Entfernung wegen nicht mehr gewachsen
sind, wie dies im Süden der Fall war. Es war hohe Zeit, daß bald nach
den bösen Tagen, über die ich hier berichte, schärfer vorgegangen wurde
gegen die afrikanische Pest, und mir speziell gewährte es hohe Genugtuung,
daß ich berufen war, beim Niederwerfen des Aufstandes der Araber in
Ostafrika an der Küste, von der aus die Hauptanregung zu den beschriebenen
Greueln ausgeht, den empfindlichen Schlag zu führen.
Wenn auch
die Flotten Englands und Deutschlands den Export der meist aus diesen
Gegenden des zentralen Afrikas verschleppten Sklaven verringern, so
schneidet doch erst die Besetzung der Küstenplätze und der großen Handelsstraßen
dem Sklavenhandel und damit der Sklavenjagd die Zukunft ab. Jetzt, wo
ich dies niederschreibe, ist vieles schon geschehen, jedoch sind die
Operationsbasen der Sklavenhändler im Inneren Tabora, Udjidji und Nyangwe
Absatzgebiete für Sklaven. Noch lebt Tibbu Tibb, wüten Muini Muharra
und andere Sklavenjäger verderbenbringend gegen die ihnen wehrlos gegenüberstehenden,
nur mit Speer und Bogen bewaffneten Eingeborenen. Noch ist viel zu tun
übrig zum Schutze der Freiheit und des Lebens von Millionen harmloser
Kreaturen; noch ist es möglich, daß vom Sudan der Araber südlich vom
Äquator verstärkt wird. Aber Deutschland ist doch schon gerüstet zu
weiterem Schutz, schon bereit, einer vom Norden drohenden Vermehrung
der Gefahr halt zu gebieten, und ich hoffe, daß, ehe noch dieser Ausdruck
meiner tiefsten Empörung dem Leser vorliegt, ich schon wieder die Arbeit
aufgenommen habe, deren Endzweck, die Befreiung des äquatorialen Afrikas
von der Pest des Arabertums, mein Lebensziel geworden ist.
Der Gang
des Vernichtungskrieges, dessen ich vorhin Erwähnung tat, ist folgender
gewesen:
Mona Lapungu
hatte, statt, wie verlangt, an Tibbu Tibb, an Famba Tribut entrichtet
und war, als er sich weigerte, auch an Tibbu Tibb zu zahlen, überfallen
und vertrieben worden. Er hatte sich Mona Kakesa, der ihm befreundet
war, zurückgezogen, und als auch zu diesen die Scharen Tibbus ihm folgten,
wanderten beide, viele Gefangene als Sklaven in den Händen der Angreifer
zurücklassend, und nach dem Verluste vieler Menschenleben nach Süden
an die Grenze der Belande, aus. Die Horden des Arabers zogen, nicht
darauf achtend, wo ihr Feind sei, sondern nur begierig, Elfenbein und
Sklaven zu erbeuten, zu den Benecki, die sich immer nur für die Zeit
der Anwesenheit der Räuber in die Wälder flüchteten. Der weiter westlich
wohnende Zappu Zapp war, wie wir schon wissen, zum Sankurru geflohen,
und die Bassonge entwichen, nach fruchtlosen Versuchen, sich zu wehren,
nach Norden, hierher, wo wir jetzt lagerten, um nötigenfalls im schützenden,
großen Urwalde sich zu bergen.
Die Benecki,
die ihre reichen Dörfer und Felder nicht verlassen wollten, kehrten
nach jedesmaligem Abmarsche der Räuberhorden zurück und fingen wieder
an zu pflanzen; doch stets, wenn die Felder zur Reife standen, erschien
auch das Raubgesindel wieder, dessen Züge ja ebenfalls von vorzufindender
Nahrung abhingen. So wurde denn mehrfach hintereinander das friedliche
Volk der Benecki überfallen, jedesmal wurden die Tapfersten, die sich
des Raubes wehrten, getötet, viele Weiber und Kinder mitgeschleppt,
während sich der größte Teil in den Wald rettete; aber die notwendige
Folge von dem Verwüsten der Felder war eine furchtbare Hungersnot, und
in deren Fußstapfen folgte, von den Arabern eingeschleppt, die Pockenseuche.
So hatte denn Krieg, Sklavenraub, Hunger und Pest in drei Jahren dieses
immens bevölkerte Gebiet mit seinen tagereiselangen Städten vollständig
zu entvölkern vermocht, nur ein verschwindend kleiner Rest, so erfuhren
wir, hatte sich zu Zappu Zapp nach dem Sankurru durch die Flucht gerettet.
Am 3. Januar
passierten wir den Lubefu bei 60 m Breit und 0,3 m Wasserstand; das
Bett war 50 m tief in rötlichen Sandstein mit fast senkrechten Wänden
eingeschnitten. An der Stelle der Passage wurde tiefer Triebsand unseren
Reittieren gefährlich. Wo immer wir aus dem schmalen Tale eines Wasserlaufes
die Höhe betraten, nahm uns ein langgestreckter Palmenwald, früher eine
Stadt der Benecki beschattend, auf. Wir lagerten in einem solchen, ehemals
der Stadt Kifussa.
Heute mußte jedes Mitglied der Karawane seine Nahrung, die es auf dem
Wege gefunden hatte, selbst mit sich ins Lager bringen. Fast schon überwachsene
Bananen, wieder aufgeschossene Dickichte von Ananas, Reste früherer
Kartoffelfelder und Palmnüsse waren in den früheren Gärten und Kulturstellen
der Benecki aufgefunden worden.
Mona Lupungu,
aus dessen Lager ebenfalls zu dem Zwecke der Verproviantierung sich
Patrouillen in den verödeten Städten herumtrieben, sandte zu mir und
ließ mich bitten, ihn zu besuchen, was ich zunächst ablehnte, besonders
um zu verhindern, daß meine Baschilange ihre Waffen verkaufen möchten
für Elfenbein und meine Karawane dadurch geschwächt werden würde. Mein
Gast war während dieser ganzen Zeit damit beschäftigt, festzustellen,
ob es möglich sei, die, wie es hieß, diesseits des Lomami lagernde Truppe
Tibbu Tibbs zu bestrafen, und ob dies meinem Auftrage entsprechend und
opportun sei. Hätte ich statt der Baschilange, die mit den Gewehren
gegen Wilde, die nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren, sich recht
gut benahmen, Küstenleute gehabt in derselben Anzahl, so wäre fraglos
ein Reinigen der Gegenden von Räuberbanden der Araber durchführbar gewesen.
Mit meinen Baschilange aber, die noch dazu durch Hunger derart entkräftet
waren, daß sie kaum den Strapazen des langsamen Marsches gewachsen waren,
konnte ich kaum auf Erfolg im Kampfe mit den im Kriege groß gewordenen
Sklaven und Küstenleuten der Araber rechnen. Ich hätte, auch wenn ich
gegen eine dieser Banden erfolgreich gewesen wäre, doch bald der Übermacht
und den besseren Kriegern weichen müssen, und es wäre dann mehr verdorben
als genützt.
Friedlich
konnte ich unter den obwaltenden Umständen bei den Arabern mehr erreichen
als im Krieg. Da ich der Meinung war, daß das Verhältnis der Station
im obersten Kongostaate bei den Stanley-Fällen mit den Arabern ein gutes
sei, und da ich nichts von den unterdes dort aufgetretenen Unruhen wußte,
so hoffte ich, Tibbu Tibb durch Drohungen mit Beschlagnahme seines Eigentums
in Sansibar und an der Küste einschüchtern zu können. Ich mußte also
nach reiflicher Überlegung , ich kann wohl sagen mit schwerem Herzen,
von dem Gedanken abstehen, die armen Eingeborenen direkt gegen ihre
Peiniger zu unterstützen, wollte jedoch auf alle Fälle mich so schlagfertig
erhalten, als dies unter den traurigen Verhältnissen, in die meine Karawane
durch die Reise der letzten Wochen gebracht war, nur möglich war, und
bedrohte daher den Verkauf von Waffen und Munition in meiner Karawane
mit schweren Strafen. Ich hätte wohl gewünscht, imstande zu sein, jedem
der von den Arabern bedrängten Stämme eine Anzahl Waffen geben zu können,
die sie befähigten, sich der Räuber zu erwehren.
Le Marinel
und ich mühten uns ab, Fleisch zu verschaffen mit der Büchse, jedoch
umsonst; nur einige Enten belohnten unsere weitausgedehnten, ermüdenden
Jagdzüge.
Am 4. näherten
sich unter fortwährendem Geknall 20 mit Gewehren Bewaffnete, die sieben
Sklaven als Geschenk für mich brachten. Ihnen folgte Mona Lupungu, ein
Bassongefürst, der uns im Jahre 1882 äußerst gastfrei aufgenommen hatte.
Er war von seinen drei Tagesreisen weit entfernten Lager hierher geeilt,
um uns zu sich zu holen. Er hatte sich in seinem Äußeren sehr verändert;
auch er hatte die Blattern gehabt und war durch dieselben, die auch
den Verlust eines Auges herbeigeführt hatten, unglaublich entstellt.
Auch war sein Benehmen ein anderes, als das bescheidene, freundliche
von damals; er hatte, wohl durch die Hetze der letzten Jahre, etwas
Unstetes, Wildes angenommen, das früher durchaus nicht in seinem Wesen
lag. Nach vielen Bitten meiner Baschilange gab ich dem Ersuchen des
Häuptlings nach, zu ihm zu kommen. Seine Begleiter, schöne kriegerische
Gestalten, ebenfalls durch das wilde Treiben der letzten Jahre verroht,
stachen als Krieger äußerst vorteilhaft ab von meinen armen, mageren,
zerlumpten Baschilange, und flößten diesen zum Teil Besorgnis ein, da
sie wußten, daß wir in ein großes Kriegslager, nämlich des mit Lupungu
vereinten Mona Kakesa, gehen sollten. Ein anderer Teil der Karawane
drang darauf, diese beiden zu besuchen, damit sie auf ihrem Rückwege
in dieser Hungergegend einen Stützpunkt hätten. Um dem vorzubeugen,
eilte ich also so schnell, als es mit meinen schwachen Leuten ging,
nach Süden zu Lupungu. Unterwegs kamen uns fortwährend Bewaffnete entgegen,
auch eine Gesandtschaft von Mona Kakesa, die uns Mais und Maniok brachten.
Am 6. machte
ich, ungefähr einen Kilometer von dem Lager der beiden Häuptlinge entfernt
halt, Viele tausend Menschen, unter ihnen nur wenig Weiber, waren dort
versammelt, von denen zirka 300 mit Gewehren bewaffnet waren, während
die übrigen Leute Speer und Bogen führten. Das Treiben in dem großen
Lager war roh und wild, wie es unter den kriegerischen Verhältnissen
nicht anders zu erwarten war; denn nur zwei Tagesreisen von hier entfernt
sollte ein Trupp Tibbus sich aufhalten, um dies Lager anzugreifen, und
es mußte dieser Trupp sehr stark sein; denn die Bassonge waren sich
klar, daß sie sich nicht schlagen, sondern beim Anmarsche des Feindes
weiter fliehen würden. Als ich, einer Idee folgend, beide Häuptlinge
fragte, ob sie, mit mir vereint, die Krieger des Arabers angreifen wollten,
wiesen sie dies bestimmt zurück. Sie glaubten auch nicht, daß meine
Frage ernst gemeint sei; denn sie fragten, wir Weißen wären ja doch
Freunde der Araber und jedenfalls viel schwächer als jene.
Da die reichlichen
Geschenke der Häuptlinge in Lebensmitteln bestanden, so gönnte ich meiner
Karawane für einige Tage Ruhe. Wir waren hier an der südlichen Grenze
des verschwundenen Stammes der Benecki, die zu den Bassonge gehörten.
Nur wenige Stunden entfernt begannen schon die Dörfer der Belande, die
Baluba sind, und südlich dieser die Balungu des Häuptlings Kassonge
Dschiniama, den ich vor wenigen Monaten zu besuchen durch die Gefechte
mit den Baluba verhindert worden war. Südwestlich sollten hier bis zum
Sankurru die Bilolo, ebenfalls Baluba, wohnen.
Die Gegend
bot reichen Wechsel der Szenerie. Die Schluchten der Gewässer wurden
von tiefen Erdstürzen, die roten Laterit zeigten und von üppiger Flora
umrahmt waren, geschmückt. Die Kuppen der Höhen, sonst reine Grassavanne,
waren mit ruinenartigen Felsblöcken bestreut, und auf dem Rücken und
den Sätteln zogen sich, Riesenschlangen gleich, die schon beschriebenen
dunklen Palmenhaine hin.
Zu den im
Lager sich drängenden Kriegern der Bassonge kamen täglich Hunderte von
Belande, die viele Steingewehre führten, also solche, die von der Westküste,
und zwar durch Bihé-Karawanen,
herbeigebracht worden waren, die sie, bevor der Krieg ausbrach, durch
Unterhändler der Araber erhalten hatten. Kleinere Araber oder Mischlinge
von der Küste, die nicht so mächtig waren wie Tibbu Tibb oder Famba,
gaben oft einflußreicheren Häuptlingen einige Gewehre, vermittels welcher
diese dann für sie Sklaven jagten. Hier reichte sich also die Feuerwaffe,
von Westen und von Osten kommend, die Hand. Nördlich diese Punktes aber
sind zum Glück noch keine Feuerwaffen gedrungen, da liegt der große
Urwald als Barriere für den Handel, den in seinen Folgen zu studieren
wir hier volle Gelegenheit hatten.
Das einzige
Nahrungsmittel, in dem alle diese Krieger schwelgten, war der Palmwein,
und daher hatten wir im Lager oft Szenen, die zu Streitigkeiten, ja
einige Male fast zum Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen unseren
Leuten und den Bassonge führten. Lupungu selbst trieb ich eines Abends
nach eingetretener Dunkelheit, von wo ab ich Fremde im Lager nicht mehr
litt, hinweg, und zwar gerade, als er einen matt gewordenen Reitstier,
um den er mit mir verhandelt hatte, in sein Lager bringen wollte, bevor
noch unser Handel abgeschlossen war. Wie ich befürchtet hatte, wurde
bald entdeckt, daß ein guter Teil der Baschilange nicht allein Gewehre,
sonder auch Pulver und Zündhütchen verkauft hatte, daß fast alle Baschilange
gar keine Munition mehr hatten, ohne daß ich davon wußte. Ich war empört
über diesen Leichtsinn. Was hätte werden sollen, wenn Feindseligkeiten
mit den meist betrunkenen Kriegsmassen ausgebrochen wären? Ehe ich die
verpackte Munition verteilt haben würde, wäre fraglos alles verloren
gewesen. Gegen Lebensmittel hatten die Leichtfertigen Zündhütchen und
Pulver fortgegeben. Im Beisein der Bassongehäuptlinge ließ ich die Schuldigen
mit Peitschenhieben bestrafen, gab neue Rationen und Munition aus, die
von nun ab täglich revidiert wurden.
Ich war
recht froh, als die Zeit zum Aufbruche gekommen war; denn die Streitigkeiten
der Parteien wurden immer zahlreicher und heftiger, und auch meine Leute
verwilderten im Verkehr mit den Bassongekriegern.
Ich glaubte,
meinen Auftrag, der mich anwies, die Verhältnisse im Süden des Kongostaates
nach Möglichkeit zu ordnen, nur dadurch ausführen zu können, daß ich
auf irgendwelche Weise die Raubzüge von Nyangwe aus verhinderte oder
wenigstens beschränkte, und beschloß daher, direkt nach dem Lager der
Araber zu gehen und von da aus über weitere Schritte Beschluß zu fassen.
Nach meiner früheren Stellung mit den Arabern mußte ich annehmen, daß
ich in Nyangwe Kanoes und Leute erhalten würde, um den Lualaba aufwärts
zu gehen bis zu seinen Quellseen und den Kamerondo zu erforschen. Wir
traten daher, zunächst von Lupungus Leuten geführt, den Weitermarsch
nach Nordosten an. Nur zwei Dörfer trafen wir bewohnt, und zwar von
Belande, bevor wir wieder in das verödete Land der Benecki kamen.
Es zeigte
sich auf dem Marsche, daß der Verkehr im Kriegslager von schlechtem
Einfluß auf die Disziplin meiner Leute gewesen war. Die Dörfer wurden
von den Baschilange und meine Küstenleuten vollständig ausgeplündert,
und wo sich die Eingeborenen wehrten, kam es zu Gewalttaten, die glücklicherweise
nirgends einen tötlichen Ausgang nahm. Bugslag und Le Marinel, die hinten
ritten, trieben überall mit dem Stocke, ja mit dem Revolver die Plünderer
aus den Gehöften und gaben nach Möglichkeit geraubte Sachen den uns
wütend folgenden Eingeborenen zurück. Ich machte meinen Leuten klar,
wie von meiner Seiten alles geschehen sei, um sie vor Hunger zu schützen,
gegen feindliche Überfälle zu sichern, sowie Feindseligkeiten zu vermeiden,
und wie alles dies durch ihr Benehmen zuschanden gemacht werde, und
sagte ihnen, daß, nachdem ich vergeblich mit Schlägen und der Kette
Vergehen bestraft hätte, die die Sicherheit der ganzen Karawane, all
der Menschenleben, für die ich mich verantwortlich hielt, in Frage brächten,
ich von nun ab Raub an Eingeborenen mit dem Tode bestrafen würde. Alle
waren einverstanden, denn alle sahen die Notwendigkeit selbst ein.
Die weite
Grasprärie mit ihren langen Palmenhainen wies hier und da Quellbildungen
auf, deren Sohle mit einem kleinen See oder Teich bedeckt war. Wildenten
und kleine rote Taucher bevölkerten dieselben in großen Mengen, und
am Abend waren die sandigen Ufer mit hunderten Tauben belebt, die bevor
sie ihre Schlafbäume wählten, hier zur Tränke kamen. Pelikane, Schlangenhalsvögel,
Reiher und Geier ( angolensis) waren häufig, größeres Wild dagegen
sehr selten.
Der Mussongai
und Tambai, die in den Lurimbi, einen Nebenfluß des Lomami, münden,
wurden passiert, und wir betraten die fünf Marschstunden lange Stadt
unserer alten Freunde, der Baqua Peschi, Kintua Muschimba genannt, jetzt
ebenfalls eine Einöde, die uns wiederum an das furchtbare Schicksal
erinnerte, das die vor wenigen Jahren so glücklich lebenden, kindlich
freundlichen Benecki getroffen hatte. An einigen Stellen der Riesenstadt
mußten nachträglich nochmals Versuche zur Ansiedlung gemacht, aber doch
wieder aufgegeben worden sein; denn wir fanden einige Felder mit Mais
und Bohnen, die nur wenige Monate alt waren.
Es war seit
unserer letzten Anwesenheit hier ein Reich entvölkert worden, das sich
zwischen dem 5. und 6. Grade südlicher Breite und vom Lomami bis dicht
zum Sankurru in der Längenausdehnung erstreckt, ein Land, das infolge
Wasserreichtums und guten Bodens zu Niederlassungen geeignet war, wie
kaum ein anderes, ein Land, das sich einst wegen seiner Prärien zur
Viehzucht außerordentlich eignen wird.
Am 12. marschierten
wir eine gute Strecke an einem langausgedehnten See hin, der, nun von
wenigen weidenartigen Bäumen umrahmt, in der weiten Grasprärie ein entzückendes
Bild bot, und schlugen unser Lager am Rande des Tales des Lukassi auf.
Schon hatte sich durch die in diesem früher überreich bevölkerten Gebiete
nun eingetretene Ruhe einiges Wild hierhergezogen; Büffel- und Elefantenspuren
und die große Pferdeantilope, auf deren eine wir leider erfolglose Jagd
machten, bezeugten dies. Früher war an Wild hier nicht zu denken gewesen.
Wie wir
hörten, lag wenige Kilometer von uns östlich jenseits des Lukassi das
große Raublager Tibbu Tibbs, das unausgesetzt von den im Dickicht des
Waldes lebenden Bassongespähern Lupungus überwacht wurde. Bei uns verkehrten
diese Späher furchtlos und brachten uns alle Neuigkeiten aus dem feindlichen
Lager. Einige Leute in langen, weißen Hemden mit einem Turban auf dem
Kopf sollten die Führer sein, deren oberster Said genannt ward. Viele
Sklaven Tibbu Tibbs waren der Hauptkern der Armee, sie wurden auf 500
geschätzt, und der Trupp vervollständigte durch eine nach Tausenden
zählende Menge von Kalebuekannibalen, die früher von Tibbu Tibb unterworfen
und zur Heeresfolge verpflichtet, ihm jetzt folgen mußten. Sie waren
meist ohne Feuerwaffen. Vor einigen Tagen hatte die Räuberbande aus
dem befestigten Lager, das während ihrer Abwesenheit stets besetzt blieb,
nach Süden eine Plünderzug unternommen, war gestern zurückgekehrt und
sollte beabsichtigen, vorläufig noch im Lager zu bleiben, da die reichen
Felder dieses Ortes ihr noch Proviant lieferten.
* Eine schöne schwarze Farbe wird
allen Stoffen, auch dem Holz, dadurch gegeben, daß man den zu färbenden
Gegenstand eine bestimmte Zeitlang in den Quellmorast einiger Bäche
eingräbt.
Quelle: Rund um die
Erde 1906; © Verlag von W. Herlet GmbH; Th. Trommer jadu 2002