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Auf den Spuren der deutschen Kolonien

Ein Gang durch Deutschlands Kolonien

1. Deutsch - Südwestafrika

Von Georg Schmitt

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Das zwanzigste Jahrhundert gehört den Deutschen!

Mit diesen kühnen und stolzen Worte, das er so zukunftsfroh und männlich wie einen hellen Kommandoruf hinausschmettert, hat Generalmajor von Liebert, der Gouverneur von Deutschostafrika, seinen Landsleuten in der deutschen Heimat die Stellung zugewiesen, die sie im neuen Jahrhundert zu behaupten haben. Und was gab ihm den Mut zu diesem siegesgewissen Wort, zu diesem Programmruf, mit dem er die deutsche Nation an die Spitze der gesamten Kulturstaaten stellt? Das, was er dort draußen im schwarzen Erdteil von deutschen Fleiß und deutscher Tatkraft geschaut und miterlebt hat, war es, was ihn das stolze Wort in die Feder diktierte. Wer so spricht, der redet nicht nur aus den blinden Glauben an die unverwüstliche Kraft der eigenen Nation heraus, sondern der schaut mit sicherem Blick in den Errungenschaften der Gegenwart die Bürgschaft für eine glorreiche Zukunft. Und in der Tat braucht Deutschland sich dessen nicht schämen, was es in der kurzen Spanne Zeit von kaum mehr als zwanzig Jahren als jüngste Kolonialmacht geleistet hat. Als eine kraftvolle äußere Politik wieder an das anknüpfte, was das kleine Preußen unter dem Großen Kurfürsten weitsichtig begonnen, da ahnte niemand, daß in so kurzer Zeit trotz aller Hindernisse und Hemmungen so vieles erreicht werden würde. Eine Wanderung durch Deutschlands Kolonien soll in engem Rahmen ein übersichtliches Bild von denselben wiedergeben. Es ist nicht unsere Aufgabe, in diesen Blättern Politik zu treiben, aber wir glauben, daß unsere Leserinnen und gern folgen werden, wenn wir sie über die Grenzen des Vaterlandes hinausführen in jene fernen Gebiete, wo deutsche Brüder und Schwestern als fleißige Pioniere der Kultur ihre Arbeit tun.

Die Entwicklungsgeschichte der ersten deutschen Kolonie ist aufs engste mit dem Namen des Bremer Kaufmanns Lüderitz verknüpft, der mit kühnem Unternehmungsgeiste die Errichtung einer Station an der südwestafrikanischen Küste zwischen dem 22. und 28. Grad südlicher Breite ins Werk setzte. Am 7. August 1884 wurde in Angra Pequena, des heute den Namen Lüderitzhafen trägt, die deutsche Flagge gehißt und damit der Grund zur deutschen Kolonialmacht gelegt. Mit seinem Flächeninhalt von 835 100 qkm, auf die eine Bevölkerung von 200 00 bis 300 000 Menschen kommt, ist Deutsch-Südwestafrika heute die zweitgrößte Kolonie Deutschlands und übertrifft das Mutterland fast um zwei Drittel seines Umfanges. So trostlos und öde der etwa 30 km breite Sandstrich ist, der die Küste fast in ihrer ganzen Länge begleitet, so anmutig ist das Innere des Landes, wenigstens zur Regenzeit, und erinnert stellenweise mit seinen grotesken Sandsteinformationen an die Partien der Sächsischen Schweiz, wenngleich das Gebiet im großen und ganzen den Charakter der Steppe trägt. Gras, Dornengestrüpp und niederer Baumwuchs bilden die Hauptvegetation, so daß dieses Kolonialgebiet für die Ausfuhr fast gar nicht in Betracht kommt, der Viehzucht aber, mit der die Eingeborenen, die Hereros und Hottentotten, hauptsächlich ihr Leben fristen, um so größeren Spielraum gewährt. Vor allem ist es das Rind und das Wollschaf, mit deren Züchtung sich die deutschen Ansiedler befassen.

Als Schauplatz deutschen Lebens in Südwestafrika kommt vor allem die Kolonie Windhoek, als Sitz des deutschen Gouverneurs, Major Leutwein, in Betracht. Hier konzentriert sich das deutsche Leben; deutscher Brauch und deutsche Sitte haben hier eine Heinstätte. Auf hohem Bergrücken, mit dem Blick in eine weite lachende Hügellandschaft, umrahmt von den riesigen Felsmassen des Awas-Gebirges, liegt die Niederlassung, der Sitz der deutschen Herrschaft in Südwestafrika. Von den Zinnen der aus roten Ziegeln erbauten Feste herab kündet das schwarz-weiß-rote Banner, daß das Deutsche Reich gesonnen ist, von hier aus seine schaffende Kraft über die jungfräulichen Fluren auszubreiten, um den zur Auswanderung lustigen Söhnen der Heimat ein zweites Jung-Deutschland auf südafrikanischen Boden zu schaffen. Die Anfänge sind noch klein, aber das festgemauerte längliche Rechteck mit den die Ecken krönenden Türmchen beweist, daß hier keine Arbeit geschont ist und daß deutscher Fleiß auch unter tropischer Sonne und unbekannten Verhältnissen etwas Tüchtiges zu schaffen versteht. Das Gebäude, das zugleich als Kaserne für 100 Mann der Schutztruppe benutzt wird, hat, von außen gesehen, nur Schießscharten. Hier spielt sich nun ein fast heimatliches Garnisonleben ab. Die Wohnräume der Mannschaften im Innern sind klein, aber gemütlich; Fast ein jeder hat seinen besonderen Ausgang auf den geräumigen Kasernenhof, der einer Unzahl fauler Hunde und kleiner farbiger Knaben zum Tummelplatz dient.

Die Soldaten der deutschen Schutztruppe lieben es sehr, sich auch auf afrikanischen Boden ihren Winkel heimisch herzurichten. Die oft nur aus alten Kistendeckeln und den Resten eines einstmals köstlichen Wißmann-Feldbettes bestehende Lagerstatt wird mit einer Gardine grellfarbigen Kattuns umgeben, die Wände werden mit den Reklamebildern der Tabak-Fabriken verziert, die meist schöne Frauenkörper grellbunt darstellen, ein Leopardenfell und Straußfedern, gewundene Antilopenhörner und Schlangenhäute hängen dazwischen, und das bunte Bild einer südafrikanischen Trapperausstattung ist fertig. In einem stillen Winkel aber, meist von der Gardine halb versteckt, hängt das Bild des elterlichen Hauses, des heimatlichen Kirchleins und der teuren Angehörigen, deren Liebe selbst von den anscheinend teilnahmslosesten Herzen hier draußen in weiter Ferne, von Gefahren rings umgeben, doppelt warm und dankbar empfunden wird.

In Zeiten des Friedens, wenn keine Patrouillenritte auszuführen, keine Begleitkommandos für Transporte und reisende Beamte zu stellen sind, besteht der Garnisondienst nur in kleinem Wachdienst zum Schutze des Viehs, der Gebäude und aller Materialien. Die junge Hottentottin, die die Besorgung der Wäsche übernommen hat, erscheint schon am Tage der Ankunft des Soldaten im frischgewaschenen Kattunkleide, nimmt die Wäsche in Empfang und bringt sie meistens schon am anderen Tage sauber geplättet zurück. Diese eingeborenen Mädchen sind Meisterinnen der Behandlung der Leibwäsche, und alles sieht so appetitlich aus, als wäre es bei der besten deutschen Hausfrau hergestellt, aber nach einiger Zeit merkt man mit Schrecken, daß diese dunkelhäutigen Schönen auch Meisterinnen sind in der Kunst, das derbste Linnen in geringster Frist zu Atomen zu zerreiben. Nicht nur sind unter ihrer Behandlung bald Löcher vorhanden, sondern der ganze Stoff wird fadenscheinig und trägt kleine Dornsplitter in sich, die beim Trocknen auf den Dornsträuchern darin sitzen geblieben sind. Also auch von diesen Wäschermadeln heißt es: keine Rose ohne Dornen!

Der große und wohlgepflegte Garten der Schutztruppe liefert, von gelernten Gärtnern unterhalten, alle europäischen Gemüse jahraus jahrein in üppigster Fülle und bester Beschaffenheit. Nur die Kartoffel wird oft schmerzlich vermißt, denn die wenigsten Kleinsiedler widmen sich dem zuerst kostspieligen und beschwerlichen Anbau derselben, und die kleinen Erträgnisse der Gärten an dieser Feldfrucht sind schnell aufgezehrt. Dafür sind aber Tomaten und andere Südfrüchte das ganze Jahr in Menge vorhanden und würzen Suppen, Saucen und Gemüse, besonders aber den Reis, den die Europäer hier bald zum Überdruß gegessen haben. Im übrigen bietet der Truppengarten wirklich das liebliche Bild der tropischen Vegetation. Unter schattigen Gängen breitblättriger Ricinusstauden wandelt man dahin, Pflanzen, die bestimmt sind, die keimenden Früchte vor den mächtigen Sonnenstrahlen zu schützen und sie an nutzloser Üppigkeit zu hindern. Breite Wasserbecken liegen wie stille Weiher traumverloren dazwischen und geben, künstlich geschaffen, den vom Berge herabströmenden heißen Quellen Gelegenheit, sich zu sammeln, den umgebenden Boden zu befeuchten und sich abzukühlen, eine Vorsicht, deren es dringend bedarf.

Windhoek ist in diesem als wasserarm verschrienen Lande weit und breit als Spenderin nie versiegender Gewässer bekannt. Auf seinen Hängen entspringen sechs heiße Wasserläufe und senden am kühlen Abend ihre weißen Dampfsäulen zum Himmel empor. Die Hottentotten des Landes nennen den Ort daher "Eikams" und die Ovaherero "Otjimyza", welche Namen beide "heißes Wasser" bedeuten. Die Temperatur der meisten dieser Quellen ist so bedeutend, daß man Eier darin kochen kann.

Unterhalb der Feste liegen die im Villenstil erbauten Wohnhäuser für die kaiserlichen Beamten, nur wenige Meter von den Quellen, und überblicken von ihren gegen Westen und Süden gerichteten Fenstern und Veranden aus den belaubten Abhang um dies weite, von den roten Riesen des Awas-Gebirges umrahmte buschige Hügelland.

An Sonn- und Feiertagen sowie an nationalen Festen hallt der ganze Ort von freudigen Stimmen wieder, alle Flaggen sind gehißt, die Eingeborenen stolzieren in buntfarbigen Gewändern umher, die Europäer tragen heimatliche Kleidung, während sie sonst nur in Manchesterbeinkleid, farbigen Gürtel und bunten Flanellhemd einhergehen, und dazwischen sieht man die kaiserlichen Beamten und Offiziere in schmucken weißen Uniformen mit goldnen Knöpfen und Verzierungen und den Reiter der Schutztruppe in seiner Sonntagsgarnitur aus gelben Manchester mit hohen naturfarbenen Lederstiefeln. An solchen Tagen erhalten die Eingeborenen besondere Fleischrationen, und eine große Anzahl von Geschenken wird als Preis für öffentliche Wettspiele ausgesetzt, die stets zu allgemeinen Belustigung verlaufen. In den Kasernen und Speiseräumen werden Festessen und gemeinschaftliche Abendunterhaltungen veranstaltet, und die Leiter des kolonialen Wohl und Wehe versammeln sich mit den Spitzen des Handels und anderer im Ort vertretener Zweige zu einem Gastmahle, bei dem die Gläser hoffnungsvoll aneinanderklingen und so mancher Toast auf die Zukunft der Kolonie ausgebracht wird. Und wenn dann die sternenklare Nacht sich über Windhoek senkt, dann erklingen deutsche Weisen, im Chore gesungen, und der klagende Laut der Tänze der Eingeborenen ertönt bis zum frühen Morgen in die Nacht hinaus.

Am Fuße des Windhoeker Hügels, den die Feste krönt, schlängelt sich der breite Fahrweg durch den eigentlichen Ort. Zwischen Bäumen und Büschen versteckt liegt hier die "Heynsche Wirtschaft", die echt deutsche Kost an Gartenbänken und Tischen und im Hause darbietet und von allen Beamten, Offizieren und Soldaten sehr besucht wird, da sie ihre Gäste stets mit Freundlichkeit bewillkommt. An dem Tage der Lohnauszahlung oder bei Ankunft neuer Transporte geht es hier lebhaft genug zu. An solchen Tagen lohnt es sich auch ein Gang durch die Kaufläden, die sogenannten Stores. Vor dem langen Ladentisch stehen dicht gedrängt trinkende und plaudernde Soldaten, dort feilschen riesige, gelbhäutige Bastards, von ihren umfangreichen Frauen begleidet, um Kleider, Stoffe und Kaffee; alles ist ihnen zu teuer, aber sie kaufen doch von allem reichlich ein. Daneben stehen Hottentotten und verlangen ein "Süppchen", wie sie den Branntwein nennen; unweit davon kaufen bescheidene Berg-Damaras ein paar Fetzen Kattun und einige Lebensmittel, aber alle schreien und toben durcheinander, und jeder will von dem unglücklichen Händler zuerst bedient sein. Dieser aber ist an den Lärm schon gewöhnt, und seine überlegene Ruhe verläßt ihn keinen Augenblick. Aber während seine Ohren taub erscheinen, sehen seine flinken Augen jeden Griff und verstehen jeden Wunsch, der sich berechtigt oder unberechtigt nach seinen Waren ausstreckt.

Und wie leben die deutschen Frauen dort im fernen Südwestafrika? Nun, der Unterschied zwischen hier und dort ist doch nicht so groß, wie man meinen möchte. Die Sorge für Küche und Haus ist auch dort ihre Hauptaufgabe. Besonders der häusliche Herd ist der Platz, wo die deutsche Frau in den deutschen Ansiedlungen zu schalten und walten hat, denn auf die eingeborenen Dienstboten ist, ganz abgesehen von ihrer großen Unsauberkeit, wenig Verlaß. Kurz, reich an Bequemlichkeiten ist das Leben nicht, jedoch sind die Frauen der deutschen Ansiedler und Beamten durchaus nicht allein auf den engen Kreis ihrer Häuslichkeit angewiesen. "Kaffeekränzchen" und "Abendgesellschaften" gibt es dort wie bei uns, und auch an anderweitigen Vergnügungen fehlt es nicht. Vor allem sind es die patriotischen Festtage, an denen das gesellige und gesellschaftliche Leben "blüht", nur mit dem Unterschiede, daß bei dem engen Kreise die einzelnen Glieder sich bedeutend enger und freundschaftlicher aneinander schließen. Wie bei uns wird Musik getrieben, gezeichnet und gemalt, und die Lektüre bildet im Laufe der häuslichen Geschäfte eine willkommene Abwechslung. Deutsche Bücher, Zeitungen und Zeitschriften wandern von Hand zu Hand, und auch unsere "Sonntagszeitung" ist in Windhoek ein lieber Gast. Wir schließen damit unsere Schilderung deutschen Lebens in Südwestafrika. Gern machen wir alle diejenigen unserer verehrten Leserinnen, welche sich eingehender über die Zustände in Deutsch-Südwestafrika zu orientieren wünschen, auf ein größeres Werk aufmerksam, welches von Hauptmann Schwabe verfaßt, unter dem Titel "Mit Schwert und Pflug in Deutsch-Südwestafrika" im Verlage von Mittler und Sohn in Berlin erschienen ist, und dem wir einzelne unserer Abbildungen entnommen haben. Alles in allem genommen, wird man sagen müssen, daß das Leben dort draußen trotz aller Mühe und Arbeit, trotz vieler Mängel und Entbehrungen doch ein glückliches ist, weil es sich in den Dienst einer großen Sache und nationalen Aufgabe stellt, einer Aufgabe, an deren glückliche Erfüllung auch die deutsche Frau wesentlich berufen ist, mitzuarbeiten.

Quelle: Sonntags Zeitung 1899/1900, von rado jadu 2002

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