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Das Wunderland Kalifornien

Von Professor Felix Flügel, Berkley-Universiläl Kalifornien

Von jeher gilt Kalifornien als das Paradies der Welt, in dem Mutter Natur einen Uebert'luti von Schönheit anhäufte. Mit begehrlichen Blicken betrachtet man allenthalben kalifornische Früchte hinter den Schaufenstern: Riesenzitronen, Orangen und Weintrauben von solchen Dimensionen, daß man sich kaum vorstellen kann, wie sie der gewöhnliche Weinstock zu tragen vermag. Aber man geht fehl, wenn man annimmt, daß in allen Teilen des Landes dieser Überfluß gedeiht, denn obgleich ganz Kalifornien von ungeheurer Fruchtbarkeit ist, gibt es doch Landstriche, in denen es zeitweilig beinahe Winter ist, wenn auch nicht im Sinne des deutschen Winters, und in denen die Früchte nur in mittlerer Güte - wenigstens an der Qualität der anderen gemessen, gedeihen.

Außer den realen Produkten eines außergewöhnlich fruchtbaren Landes besitzt dieses Eldorado landschaftliche Schönheiten, die es zum Wanderziel schönheitsdurstiger Pilger aller Nationen macht. Kein Land vereinigt solche Gegensätze in sich wie Kalifornien: im Süden erstreckt sich die Wüste über hundert Meilen weit, und im Norden lagert sich gleich einer Mauer der Urwald, der jedes Eindringen der Zivilisation hindert und sich an zerklüfteten Gesteinen emporwindet. Und doch besitzt selbst dieser Teil des Landes, das soviel unberührte Naturschönheiten in sich birgt, herrlich angelegte Paßstraßen, die sich für den Autoverkehr wie nichts auf der Welt eignen. Durch Täler der Wunder und Gebirgsketten von seltsamem Zauber winden sie sich, hart an der Ozeanküste entlang - unter sich das brandende Meer, an der Seite schroffe Felswände, die steil zur Straße hinabfallen. Das Klima Kaliforniens weist die gleichen Gegensätze auf wie seine Landschaft. Im Süden wehen sanfte, balsamische Lüfte - im Norden aber toben eisige Winde, fällt der Schnee in dichten Flocken auf die Berge herab, prasseln schwere Regengüsse hernieder.

In letzter Zeit ist im Küstengebiete von Kalifornien eine neue Autostraße angelegt worden, und zwar mit der Absicht, die schönsten Punkte der Landschaft auf diese dem Amerikaner einzigrichtig dünkende Weise zu verbinden. Die beigefügten Illustrationen zeigen Bilder etwa zweihundert Kilonieter südlich von San Francisco, nahe von Monterey. Das ist eine der ältesten und romantischsten der kalifornischen Städte, die ja im allgemeinen, wenigstens was die Großstädte angeht, erst neueren Datums sind, da Kalifornien zu einem großen Teil noch vor etwa dreißig Jahren unkultiviertes Land war, in das zu übersiedeln immerhin mit Schwierigkeiten verknüpft war. Der schnelle Aufstieg des Landes ist verschiedenen Faktoren zuzuschreiben. Einmal zog die Schönheit immer mehr Ansiedler von höherer Bildung an, dann aber waren es die großen Petroleumfunde, die die Veranlassung wurden, daß große Städte beinahe in Jahresfrist aus dem Boden wuchsen und sich immer mehr ausdehnten.

Überall, wo Petroleum gefunden wurde, entstanden Ansiedlungen, die in ganz kurzer Zeit zu großen Städten wurden. Die Landstraßen wurden in Autostraßen umgewandelt, die den ungeheuren Verkehr aufnahmen, und heute sausen die Wagen über die Straßen, als gäbe es gar kein Hindernis. Der Frcmdenzustrom wird immer größer. Auch das ist durch die Naturschönheiten ebenso wie durch die immer steigende Kultur geschehen, denn wenn Natur und Kultur sich einen, so muß es ja zu einem Wunder werden. Die Entfernung von Ost nach West spielt in Amerika überhaupt nur eine geringe Rolle. Man macht Tagereisen, als ob man in Europa einen kleinen Ausflug unternähme, und viele Meilen gelten nichts angesichts der Bequemlichkeiten, die Auto und Eisenbahn aufweisen. Dafür tauscht man dann den größten Zauber, den es vielleicht - abgesehen von den Wundern der Südsee überhaupt gibt - ein, und außerdem winken ja auch noch andere Genüsse, denn Kalifornien ist durch Hollywood seit kurzer Zeit das Paradies des Films geworden. Wenn man sich vorstellt, daß Hollywood eigentlich erst seit ganz wenigen Jahren besteht und daß es heute eine der ganz großen Städte Kaliforniens ist, so kann man ermessen, in welch rasendem Tempo in diesem Wunderlande alles vor sich geht. Hollywood, die Stadt des Scheins, und dicht daneben Los Angeles, die Stadt des Petroleums, wo sich die größten Niederlassungen der großen Petroleumgesellschaften befinden - das sind zwei Wunderwelten, wie sie nur in Kalifornien möglich sind. Beide Städte sind beinahe wie im Märchen aus dem Boden geschossen, gestern nur ärmliche Siedlungen, sind sie heute schon Städte von Weltbedeutung, und vielleicht wird noch einmal der Tag kommen, an dem die gesamte Filmproduktion von Hollywood aufgesogen wird.

Wenn man vom Wunderlande Kalifornien spricht, dann weiß man nicht, was man zuerst nennen soll: die Gewalt der Berge, die Schönheit der Städte, die Pracht der weißen Straßen, die sich durch das ganze Gebiet ziehen und die sogar bis in das verbotene Paradies führen - bis nach Mexiko, allwo man den Alkohol in Fülle genießen kann, die tiefleuchtende See oder die seltsam zerklüftete Küste, von der aus man weit in das Meer blicken kann. Die Wahl ist schwer, denn alles ist schön in diesem Wunderlande, das zu sehen zu den unvergleichlichsten Eindrücken gehört.



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