USA Bundesstaaten
1
2
3
4
5
6

Das Deutschtum in Nordamerika

Das Leben an der Indianergrenze

Zum Vergrößern Bild anklicken
Zum Vergrößern Bild anklicken

Wenn man von den versprengten Deutschen im französischen Louisianagebiet und von den bald ins Angelsachsentum eingeschmolzenen deutschen Elementen in den späteren Südstaaten der Union absieht, so waren die drei hauptsächlichen Niederlassungsgebiete des Deutschtums in Pennsylvanien die Gegend von Philadelphia nach Nordwesten gegen die "Blauen Berge" und die vordere Kette der Alleghanies, und in der Kolonie ( dem späteren Staat ) New York die Täler des Schoharie Flusses, der in das mittlere Mohawktal mündet, sowie das Mohawktal selbst. Die pennsylvanischen Niederlassung waren volkreicher - wir werden die ungefähre Stärkenberechnung des dortigen Deutschtums für das 18. Jahrhundert später kennen lernen - aber auch die New Yorker Deutschen, in der Hauptsache gleichfalls Pfälzer und verwandte Süddeutsche, waren ein kräftiges und blühendes Geschlecht mit zahlreichen Nachkommenschaft.

Für das Verständnis der weißen Siedlungen in den amerikanischen Kolonien, nicht nur der deutschen, sondern auch der natürlich weit stärkeren englischen, muß man sich dreierlei vor Augen halten: die für unsre heutigen Begriffe kaum vorstellbare dichte Walddecke, die mit Ausnahme der Flußtäler über dem ganzen Lande lag; den westlichen Abschluß der einigermaßen bekannten und als besiedlungsfähig geltenden Region durch das Gebirgssystem der Appalachen, vielfach auch Alleghanies genannt; endlich das Vorhandensein der Indianer, zum Teil sehr kräftiger und kriegerischer Stämme, die sich von Natur als die eigentlichen Herren des Landes betrachteten!

Die Alleghanies galten Jahrzehnte lang als unübersteigbar und undurchdringlich. Ungeheure Waldmassen, Eichen, Ulmen und andre Laubbäume von nie gesehenem Umfang, Ahorne, in denen man einen wertvollen Zuckersaft entdeckte, Schlingpflanzen, Moose, Steintrümmer, gestürzte Bäume, bedeckten nicht nur das Gebirge, sondern auch das Vorland gegen die Küste, in das sich von den Häfen und Flußufern aus die Rodungen der Siedler langsam hineinnagten. Die Gebirgsketten zeigen selten offene Felsformen; sie sind mit dicken, weichen Verwitterungsschichten bedeckt, und diese Massen zusammen mit der Feuchtigkeit erzeugten die in unbeschreibliche Vegetation, von deren einstiger Beschaffenheit auf dem ganzen Gebirge entlegenere Teile der südlichen Appalachen noch heut eine Vorstellung geben.

Es dauerte ein Jahrhundert seit dem Anfang der Besiedlung, und ein halbes seit der Ankunft der ersten Deutschen in Pennsylvanien, bis einzelne verwegene Jäger und Trapper die ersten Durchgänge durch die in vierfacher Reihe mehr als hundert Kilometer breit sich aufbauenden Ketten der Alleghanies entdeckten. Weiter nördlich, im Staat New York, boten die mächtigen Täler des Hudson und des Mohawkflusses bequeme natürliche Passagen. Auch in Pennsylvanien reichen der Susquehanna und die nahe der Küste im Potomac sich sammelnden Gebirgsflüsse mit ihren obersten Verzweigungen bis in das Land jenseits der Alleghanies. Sie fließen lange strecken durch die zwischen den Ketten gelagerten Täler und durchbrechen dann plötzlich einen der vorgelagerten Gebirgsriegel. Diese im dicksten Urwald liegenden Durchbrüche im Gebirge, Gaps genannt, wurden aber nur allmählich entdeckt, und es bedurfte großer Kühnheit, um sich durch die pfadlose, nur von jagenden Indianern durchstreifte Wildnis zu Fuß oder im Rindenkanoe, allein im Vertrauen auf körperliche Zähigkeit, Pulverhorn, Kugelbeutel und Büchse, durchzuschlagen.

Gerade unter diesen abenteuernden Jägern, die von den Engländern Trapper, von den Franzosen Voyageurs genannt wurden, waren viele Deutsche. Die Mannigfaltigkeit des deutschen Charakters äußerte sich auch bei den Kolonisten in Amerika. Mochte die Mehrzahl aus fleißigen und frommen Farmern und Handwerkern bestehen und den bürgerlich friedlichen Charakter der ganzen Kolonisation in Pennsylvanien verstärken, so erfahren wir doch auch Beispiele von kühner Abenteuerlust und von einem unbändigen Kampf - und Rachegeist bei manchen Abkömmlingen der armen und demütigen Pfälzer, die es unter den Bedrückungen der alten Heimat nicht ausgehalten hatten.

Das Verhältnis zu den Indianern war verschieden. Mitunter lag den Rothäuten daran, weiße Ansiedlungen in ihrer nähe zu haben, wegen des Tauchhandels. Die Indianer lieferten Pelzwerk, Wildfleisch, Fische u. dgl. und begehrten Salz, eiserne Geräte, Decken, Messer Gewehre, Pulver und Blei, Branntwein. Die besten Büchsen in ganz Amerika, gezogene Vorderlader von großer Treffsicherheit, wurden im 18. Jahrhundert von den deutschen Büchsenschmieden, gleichfalls Pfälzer, in Harrisburg gemacht, und nach nichts stand der Sinn der Indianerhäuptlinge mehr, als solch eine "long rifle" in die Hand zu bekommen. Der Pelzbedarf war im damaligen Europa bei den luxustreibenden Schichten sehr groß, und aus Nordamerika kamen kostbare Felle. Der Biber war noch in allen Gewässern ein häufiger Bewohner. Mitunter aber schien es den Indianern einfacher, sich die begehrten Waren der weißen durch ein Überfall auf eine Ansiedlung zu verschaffen, oder es waren Streitigkeiten vorgekommen, die zugleich den Rachedurst und die Habgier erregten. Das Trappergewerbe, durch das die weißen Jäger in stete Berührung, bald freundliche, bald feindliche, mit den Rothäuten kamen, brachte selten Reichtümer, aber es befriedigte die Jagdlust und den Drang zu Abenteuern und zu Unabhängigkeit, der vielen Deutschen schon aus der ersten in Amerika geborenen Generation innewohnte.

Die eigentliche Indianergefahr drohte weniger aus den zwischen den Ansiedler selbst und den roten Eingeborenen sich öfters ergebenden Reibungen, als daher, daß sich der häufige Kriegszustand zwischen England und Frankreich in Europa von den dortigen Schlachtfeldern regelmäßig auch auf die amerikanischen Besitzungen übertrug. Jeder der beiden streitenden Teile suchte hier, die Indianer als Bundesgenossen zu gewinnen, und das Schreckliche dabei war, daß nicht die Europäer die Indianer zu einer zivilisierten Kriegführung erzogen,sondern daß vielmehr die europäischen Offiziere und Soldaten - in dieser Beziehung war kein Unterschied zwischen Franzosen und Engländer - die Grausamkeiten der Indianer duldeten, ja mitmachten. 1744 - 1748 gab es wieder einen englisch-französischen Krieg. Beide Teile waren in Amerika an weißen Streitkräften so schwach, daß sie nicht im Stande gewesen wären, viel gegeneinander zu unternehmen. Es gelang den Bemühungen Konrad Weisers, die mächtigen Senekaindianer vom Anschluß an die Franzosen abzuhalten. Im Jahre 1746 kam es aber doch zu einem Einfall, den ein französischer Priester, Pierre Coeur anführte, von Kanada her in das Mohawktal, der aber nicht auf die deutschen Bauernsiedlungen abzielte, sondern auf die reicheren städtischen Plätze am Zusammenfluß des Hudson und Mohawk. Die Kolonisten kamen mit dem Schrecken davon. Ihre Eltern waren aus Deutschland ausgewandert, um den Verwüstungen und Mordbrennereien der Franzosen zu entgehen. Jetzt sahen sich die Söhne jenseits des Ozeans denselben Feinden gegenüber, und bald sollten sie ihre und ihrer indianischen Verbündeten Mord - und Raubgier schlimmer zu verspüren bekommen, als bei dem einigermaßen glimpflich abgelaufenen Einfall unter Pierre Coeur.

Der Friede von 1748 dauerte nur kurze Zeit, sechs Jahre. Dann brach zwischen Engländern und Franzosen, gleichzeitig mit dem Kriege, der in Europa den Namen des siebenjährigen bekam, der große Entscheidungskampf um die Herrschaft in Nordamerika aus. Hören wir wiederum die Darstellung Kapps über die Vorgänge im Mohawktal in den Jahren 1756 und 1757:

"Bisher - bis zum Jahre 1756 - waren die Deutschen von seinen Gräueln verschont geblieben. Sowohl das vom Gouverneur Burnet an der Mündung des Oswego in den Ontariosee erbaute Fort Oswego, als auch die Befestigung bei dem heutigen Rome hatten die Franzosen verhindert, ins Mohawktal einzubrechen. Im Jahre 1756 fiel aber Fort Oswego, und ebenso wurden auch die unbedeutenden Befestigungen am Wood Creek und obern Mohawk von den Franzosen zerstört. Dem Feinde stand jetzt kein Hindernis mehr außer Rome entgegen, und er konnte es umgehen, wenn er durch die Wildnis am Black River vorrückte und östlich vom heutigen Atica, dem damaligen Fort Stanwir, das Tal erreichte.
Ein Französischer Kapitän, Belletre, war der Erste, der an der Spitze von etwa 300 Mann Canadiern und Indianern auf diesem Wege nach dem German Flats, dem jetzigen Herkimer, gelangte und am 12. November 1757 ganz unerwartet die dortige Niederlassung überfiel..
Leider war nicht die mindeste Vorsichtsmaßregel gegen den Überfall getroffen. Der in Albany kommandierende General Abercrombie hatte trotz aller Aufforderungen Sir William Johnsons, des königlichen Indianer-Agenten im Tal, weder Truppen an die bedrohten Punkte, vor allem Fort Herkimer, geschickt, noch die Bewohner selbst gewarnt.
Johnson, der sonst unermüdliche Vertreter der Interessen der Ansiedler. Lag an der Gicht krank zu Hause, und die Deutschen selbst, welche, wie es heißt, rechtzeitig von den Indianern auf die ihnen drohende Gefahr aufmerksam gemacht waren, hatten sie aus Leichtsinn und Sorglosigkeit unterschätzt. Sie fürchteten den Feind nicht, er würde es nicht wagen zu kommen, sollen sie dem Indianer geantwortet haben, der ihnen schon vierzehn Tage vor dem Überfall den Plan der Franzosen mitteilte. Kurz, Belletre gelangte am 11. November Nachmittags ohne jedes Hindernis bis in die unmittelbare Nähe der German Flats. Er verbarg sich eine halbe Stunde nördlich davon im Walde und fiel in der Nacht des 12. gegen 3 Uhr Morgens über die nichts Böses ahnenden Ansiedler her. Sofort brachen die Indianer mit wildem Kriegsgeschrei in die Häuser ein, rissen die noch schlafenden Bewohner aus den Betten, skalpierten Weiber, Kinder und Männer, und trieben die, welche ihrem ersten Angriff entronnen waren, im bloßen Hemd ins Freie, wo die Franzosen die Arbeit ihrer wilden Bundesgenossen fortsetzten und alle niedermetzelten, welche nicht schnell genug fliehen konnten. Es war eine grausame Schlächterei. Anfangs wehrten sich die unglücklichen Männer tapfer. Als sie aber sahen, daß jeder Widerstand bei der Übermacht des Feindes vergeblich sei, ergaben sie sich auf Gnade und Ungnade; allein trotzdem wurden die Häuser samt und sonders niedergebrannt, die Pferde der Ansiedler mitgenommen und ihr Vieh vertrieben oder getötet. Man rechnet über 40 Tote und an 102 Gefangene...
Im Frühjahr 1758 kam der Feind verstärkt wieder und griff die Niederlassungen auf der Südseite des Mohawk an. Diesmal hatten sich die Ansiedler besser vorgesehen und waren auf die Ankunft der Franzosen vorbereitet. Kapitän Nikolaus Herchheimer leitete die Verteidigung und schickte eine Kompagnie berittener Jäger aus, welche den in das Fort flüchteten Bewohnern behilflich waren, oder die entfernteren dem feindlichen Angriff ausgesetzten Häuser verteidigen halfen. Am 30. April 1758, gegen 4 Uhr Nachmittags, griffen die Franzosen mit ihren indianischen Bundesgenossen die Wohnungen in der Nähe des Forts an. Etwa dreiunddreißig Personen wurden getötet, dagegen verlor der feind auch fünfzehn Tote. An das Fort selbst wagte sich derselbe nicht heran, weil er es gut verteidigt fand, desto ungestrafter verwüstete er dagegen die preisgegeben Häuser. Einzelne Ansiedler, welche sich nicht früh genug in Sicherheit bringen konnten, wurden unterwegs überrascht und niedergemacht. Ein Zug Flüchtlinge hatte gerade Halt gemacht und wurde von den Indianern überfallen. Die Fuhrleute waren aber nicht gewillt, sich ohne Kampf zu ergeben. Sie flüchteten also in den oberen Stock des Hauses und unterhielten von hier aus ein wohlgezieltes Feuer auf die Indianer, bis diese von den zu Hilfe herbeigeeilten Grenzjägern verjagt wurden. Einer der Fuhrleute aber, Johannes Ebel, erschrak ob der Drohung des Feindes, das Haus in Brand zu stecken, derartig, daß er aus dem Fenster sprang und getötet wurde. Eine deutsche Frau hatten die Indianer skalpiert als tot auf dem Felde liegen lassen, nachdem ihr noch die Nase abgeschnitten und verschiedene Wunden beigebracht waren. Als es aber dunkel war, raffte sie sich auf und schleppte sich ins Fort. Nach ihrer Erzählung waren es Onondaga Indianer, welche die Franzosen auf ihrem Raubzuge begleiteten. Die Frau blieb trotz ihrer furchtbaren Verstümmelung am Leben, was als ein ganz außerordentliches Ereignis in unsern Quellen hervorgehoben wird.
Übrigens hielt die hier geleistete tapfere Gegenwehr die Franzosen von weiteren Vordringen ins Tal ab. Die Kinder der armen Ansiedler, die von den Banden der Turennes, Melacs, Villars und wie alle jene Mordbrenner heißen mochten, Sicherheit überm Meer gesucht hatten, mußten von den Söhnen und Enkeln jener Barbaren dieselben Niedertrachten, ja noch Ärgeres in der amerikanischen Wildnis erdulden. Zu Dutzenden wurden die armen Deutschen von den Indianern, den wilden Bundesgenossen der Franzosen, skalpiert; selbst Frauen und unschuldige Kinder wurden in in jenen rohen Grenzkriegen mit zerschmettertem Hirn oder verstümmelten Gliedern häufig am Waldessaum gefunden. Aber alle diese Grausamkeiten vermochten nicht, die französische Herrschaft über Amerika zu befestigen. Wie auf dem deutschen Kriegsschauplatz Roßbach sie dem Gespött der Welt preisgab, wie Minden ihre Niederlage vollendete, so sicherte auch in New York und Canada die Einnahme von Fort Frontenac ( Kingston) und die Übergabe von Quebec ( 1759 ) den Sieg Englands und seine Alleinherrschaft in Amerika. Vor den Wällen von Quebec wurden die hochfliegenden Pläne der französischen Hegemonie über den westlichen Kontinent auf ewig begraben!"

Es gibt viele Erzählungen in den alten Niederschriften und Berichten aus dem 18. Jahrhundert, die sich in den amerikanischen Bibliotheken und Archiven erhalten haben, über tapfere Taten, blutige Kämpfe, mörderische Indianerüberfälle, furchtbare Blutrache und rührende Begebenheiten aus dem Leben der deutschen Grenzbewohner in den Indianerkriegen. Der furchtbarste von allen war der, der gegen Ende der englisch-französischen Kämpfe im Siebenjährigen Kriege jenseits der Alleghanies ausbrach, kurz bevor die streitenden Mächte in Europa Frieden geschlossen hatten. Die Franzosen hatten das Gebiet des oberen Ohio geräumt und sich gegen den Mississippi und nach Kanada zurückgezogen. Sofort strömten Ansiedler englischen, deutschen, irischen Stammes über die allmählich geöffneten Pässe der Alleghanies in das neugewonnene Gebiet um Pittsburgh, um es für Siedlung und Jagd in Besitz zu nehmen. Die Franzosen waren mit den Indianern gut ausgekommen, indem sie ihre Eigentümlichkeiten schonten und sie kluger Weise nicht übervorteilten. Die englischen Beamten, Offiziere, Farmer und Händler waren brutal und gewinnsüchtig. Es erhob sich eine große Indianerverschwörung unter dem Häuptling der Ottawas, namens Pontiac. Fast alle Forts im Westen des Gebirges, die dazu bestimmt waren, die neuen Siedlungen zu decken, fielen auf einen bestimmten Tag den Indianern in die Hände; sie wurden verbrannt, die Besatzungen und alle Ansiedler abgeschlachtet oder gefangen genommen. Alles Land hinter dem Gebirge, West-Virginien und West-Pennsylvanien, ging an die Indianer verloren; 20 000 Menschen mußten die Rettung vor ihnen in der Flucht nach Osten suchen.

Nach mehrjährigen Kämpfen kam es im November 1764 zu einem Friedensschluß mit den Indianern. Sie hatten 206 weiße Gefangene bei sich, 81 Männer und 125 Frauen und Kinder, die zum Teil schon seit Jahr und Tag in ihren Händen und bei verschiedenen Gelegenheiten von ihnen gefangen genommen waren. Sie alle wurden nach dem Friedensvertrag ausgeliefert und nach der Ansiedlung Carlisle gebracht. Aus ganz Pennsylvanien, Virginien und Maryland kamen die Leute herbei, denen Angehörige in indianische Gefangenschaft geraten waren, um zu forschen, ob sie sich unter den Ausgelieferten befänden. Darunter waren auch viele Deutsche. Männer und Frauen, Eltern und Kinder fanden sich hier nach langer Trennung wieder. Ein deutsches Mädchen, Regina Hartmann, aus Ostpennsylvanien, diesseits der Berge, war als neunjähriges Kind geraubt worden und bei den Indianern aufgewachsen. Sie war jetzt 18 Jahre alt. Ihre Mutter erkannte sie und rief sie beim Namen, aber das Mädchen hatte keine Erinnerung mehr. Da sang ihr die Mutter ein deutsches Kirchenlied vor, eine Strophe, die sie früher mit dem Kinde gemeinsam gebetet hatte:


"Allein und doch nicht ganz alleine,
Bin ich in meiner Einsamkeit,
Denn wenn ich ganz verlassen scheine,
Vertreibt mir Jesus selbst die Zeit,
Ich bin bei ihm und er bei mir,
So kommt mirs gar nicht einsam für."

Da fielen die Schleier vom Gedächtnis de Mädchens, und Mutter und Tochter sanken sich in die Arme. Ein andrer Fall aber lief tragischer aus. Einzelne von den geraubten Mädchen waren inzwischen Frauen indianischer Krieger geworden und wollten nicht wieder in das Leben der Weißen zurück. Darunter war auch eine Pennsylvanierin, eine Deutsche, Elisabeth Studebecker. Sie entfloh den Ihrigen, kehrte zu ihrem indianischen Manne, der sie hatte ausliefern müssen, zurück und blieb bei ihm.

Es war noch viel blutige Romantik auch in den Indianerkämpfen und manches deutsche Schicksal ließe sich ebenso zu einer glänzenden und bewegenden Lebensschilderung verarbeiten, wie Cooper es in seinen Romanen getan hat. Michael Schuck - seine Eltern waren aus Deutschland nach Carolina eingewandert - verlor eines Tages im Urwald bei einem Indianerüberfall Vater, Mutter und Geschwister. Er blieb allein im Walde, fristete, obwohl noch ein Knabe, mit Jagd und Fallenstellen sein Leben, wuchs zu einem berühmten Trapper heran, und jedermann kannte ihn an seinem mächtigen Körperbau und seinen langen weißen Haaren, die er als alter Mann stets barhäuptig trug. Sein Leben war ein Kampf mit Indianern. Lange bevor andre Weiße so weit gelangten, dran g er bis jenseits des Mississippi vor und fand sein Ende in den unbekannten Wäldern von Missouri.

Der berühmteste aller Indianerjäger war Ludwig Wetzel. Sein Vater Johann Wetzel stammte aus der Pfalz und gehörte zu den ersten Ansiedlern, die sich nach dem großen Indianerkrieg in Wheeling am oberen Ohio niederließen. Dort überfielen ihn Indianer, erschlugen ihn und skalpierten ihn. Er hatte fünf Söhne; sie alle schwuren, den Tod ihres Vaters zu rächen. Ludwig war der jüngste und unerbittlichste. Er jagte die Indianer wie Wild, schoß einen nach dem andern weg, so daß es eine fortwährende Unruhe mit den Stämme gab und die Regierung einen Preis auf seine Festnahme setzte. Er wurde gefangen und eingesperrt, entkam, und setzte die Indianerjagd fort. Man nahm ihn wieder fest und wollte ihn nun erschießen. Da gab es einen Aufruhr unter allen Weißen am Ohio. Wetzel saß im Fort Washington, an der Stelle, wo später Cincinnati gegründet wurde. Die Farmer und Jäger zogen gegen das Fort und drohten es zu stürmen und die ganze Besatzung umzubringen, wenn Wetzel ein Leid geschähe. Da ließ man ihn frei, aber Wetzel mußte schwören, von nun an Ruhe zu halten. Erhielt sein Wort und ging später nach Texas, lange bevor dies Gebiet von Mexico an die Vereinigten Staaten kam.

Viele solche Geschichten ließen sich aus jener Pionierzeit Amerikas, vor und nach dem Unabhängigkeitskriege, erzählen: von Christoph Geist, der im Winter 1750 in den verschneiten Alleghanies einen Paß nach dem Ohio entdeckte, die Stärke der dort wohnenden Indianerstämme auskundschaftete und den Auftrag hatte, sie für die Zulassung englischer Ansiedler zu gewinnen; von Kaspar Manzker. einem der berühmtesten "langen Jäger", bis 1769 von Carolina aus über das Gebirge in das damals noch unbekannte Tennessee gingen und dort ein ganzes Jahr jagten. Abgesehen von den Niederlassungen in der Nähe der großen Plätze, wie Philadelphia, war es ein sehr primitives und kräftiges, von Gefahren keineswegs freies Grenzerleben, das die Deutschen von Tulpenhocken, vom Schoharie -und vom Mohawktal führten. Die Berichte aus jener Zeit und die Abbildungen der Wohnhäuser, die wir noch haben, zeigen uns, daß Gehöfte und Dörfer im Grenzgebiet den Charakter von Wehrbauten hatten: starke Blockhäuser, mit Palissaden und Schießscharten, häufig mit einem zweitem Stockwerk, das besonders für Verteidigung eingerichtet war und über das untere vorsprang. In der Stube, an Pflöcken in der Wand, hingen neben den Kleidern gleich die Waffen. Nachlässigkeit in ihrer Pflege, wenn z.B. der Feuerstein nicht im Hahn der Büchse steckte, oder wenn es an Pulver und Kugeln fehlte, war schimpflich und brachte Hohn und Strafe.

Die Ansiedler trieben Landbau, Jagd und Fischfang, dazu Handel mit den Indianern. Bei allem rauhen Leben waren die Deutschen darauf bedacht, sich auch Kirche und Schule zu schaffen. Am Anfang war freilich nicht viel davon die Rede; man mußte stundenweit, mit dem Gewehr auf dem Rücken, zum Sonntagsgottesdienst nach dem Dorf reiten, wo eine kleine Holzkirche stand, und ein paar Mal im Jahr ein Geistlicher hinkam. Später wurde es auch damit besser. Die Jugend wuchs frei auf, lernte schießen und reiten und übte sich, nach Indianerart mit Messern und Axten zu werfen.
Bemerkenswert war die Fähigkeit mancher unter den Deutschen, ein gutes Verhältnis zu den Indianern zu finden. In dieser Beziehung unterschieden sich die deutschen Einwanderer überhaupt von den Kolonisten englischen Stammes, namentlich den Puritanern, die auf die Eingeborenen als auf Wesen geringeren Menschenrechts herabsahen. Unter den Pfälzern von Schoharie, die von dort nach Tulpenhocken gelangten und sich eine große Stellung unter den Indianern erwarben, war auch einer, dem das Schicksal einen außerordentlichen Wirkungskreis zuwies, namens Konrad Weiser. Über ihn lesen wir bei Cronau:

"Er war der Sohn eines Johann Konrad Weiser, der in seinem schwäbischen Heimatsort Astädt das Amt eines Dorfvorstehers innegehabt hatte. Während der Reise nach der Neuen Welt wie in den Hungerlagern am Hudson und Schoharie diente dieser seinen Landsleuten stets als Wortführer und treuer Berater. Sein noch in Deutschland geborener Sohn Konrad hatte am Schoharie in häufigem Verkehr mit den Indianern so große Vorliebe für das Leben in der Wildnis und die Söhne des Urwalds gefaßt, daß er der Einladung eines Mohawkhäuplings, seinen Wigwam zu teilen, folgte und mit Zustimmung seines Vaters in das Lager der Rothäute Übersiedelte. Im engen Verkehr mit denselben erwarb sich der junge Weiser eine vorzügliche Kenntnis der Mohawksprache, so daß er imstande war, bei allen Verhandlungen seiner Landsleute mit den Rothäuten als Dolmetscher zu dienen. Später erlernte Weiser noch die Sprachen verschiedener anderer Indianerstämme und wurde wegen dieser Kenntnisse von den Behörden der Kolonien New York und Pennsylvanien bei ihren Beratungen und Vertragsschlüssen mit den Indianern häufig als amtlicher Dolmetscher zugezogen. Infolge seiner strengen Unparteilichkeit setzten die Indianer so unbegrenztes Vertrauen in ihn, daß sie wiederholt seine Vermittlung in Streitfragen mit den Kolonialregierungen anriefen und es ablehnten, an Beratungen teilzunehmen, wo Weiser nicht als Dolmetscher fungiere. Die ersten größeren Erfolge errang Weiser nach seiner im Jahre 1729 erfolgten Übersiedlung nach Tulpenhocken. Von dort aus trat er im Jahre 1737 auf Wunsch der Gouverneure von Pennsylvanien und Virginien eine höchst gefahrvolle Reise zum Onondangasee im Westen des heutigen Staates New York an, um die dort versammelten Häuptlinge des mächtigen Irokesenbundes zu einem Friedensschluß mit ihren Erbfeinden, den in Westpennsylvanien und Westvirginien hausenden Cherokesen und Catawbas, zu bewegen. Das glückliche Gelingen diese Auftrages hatte zur Folge, daß die bisher als Kriegsschauplatz zwischen den feindlichen Nationen dienenden Gebiete sich nunmehr in Ruhe und Frieden entwickeln konnten. Im Jahre 1742 nahm Weiser an höchst wichtigen Verhandlungen teil, die vom Gouverneur von Pennsylvanien mit siebzig großen Häuptlingen anberaumt waren, um den Irokesenbund wegen der widerrechtlichen Besitznahme einiger ihm gehörender Ländereien zu beschwichtigen und obendrein seinen Beistand in dem drohenden Krieg gegen die Franzosen zu gewinnen. Der glückliche Ausgang dieser Zusammenkunft wird von allen gleichzeitigen Berichten ausschließlich dem geschickten Vorgehen Weisers zugeschrieben. Die wichtigsten Dienste leistete Weiser aber in den Jahren 1745, 1748 und 1754, wo die Franzosen alle erdenklichen Mittel aufboten, den Irokesenbund zu sich hinüberzuziehen. Obwohl die indianischen Lager von französischen Emissären schwärmten, machten Weisers Reden doch so tiefen Eindruck, daß ein Schutz - und Trutzbündnis zwischen dem Irokesenbund und den englischen Kolonien gegen die Franzosen zustande kam. Weiser war damals viele Monate unterwegs. Bald reiste er zu Fuß oder zu Pferd auf einsamen Indianerpfaden durch die majestätische Wildnis; bald glitt er auf schwankendem Kanu die rauschenden Ströme hinab, zahllosen Entbehrungen und Gefahren mutig Trotz bietend. Dies alles tat er lediglich in der Hoffnung, zwischen den Weißen und Eingeborenen friedliche Beziehungen herzustellen, damit die Ansiedler unbehelligt ihren Arbeiten nachgehen könnten. Beim Ausbruch des Franzosenkrieges wurde Weiser zum Hauptmann ernannt. Tätigen Anteil am Kriege zu nehmen, war ihm nicht beschieden. Die jahrelangen Reisen und Strapazen hatten seine Kräfte vor der Zeit erschöpft. Aber er erlebte noch die Schlacht bei Quebec, die den Untergang der französischen Herrschaft in Nordamerika bedeutete, 1760.
Konrad Weiser war unstreitig einer der interessantesten Männer seiner Zeit. Obwohl er nie regelmäßig Schulunterricht genossen hatte, gebot er doch über reiche Kenntnisse. Zugleich besaß er einen Scharfen Blick, der ihn die jeweilige Lage und die einzuschlagenden Schritte rasch erkennen ließ. Die Indianer hatten an ihm einen ebenso warmen Freund, wie die gewissenlosen Schnapshändler einen erbitterten Feind. Er war zu oft Zeuge der schrecklichen Verheerung gewesen, welche diese Leute anrichteten, indem sie den Eingeborenen gegen schweres Geld gemeinen Fusel zuführten und damit ihr Dasein vergifteten. Weiser war auch der Erste, der sich energisch dafür aussprach, daß die Schnapshändler, wenn man sie bei ihrem nichtswürdigen Gewerbe erwischte, auf dem Fleck gehängt werden sollten."

Das Problem, wie in einem Lande, das von einer halbnomadischen eingeborenen Bevölkerung kriegerischer und waffenkundiger Jäger äußerst dünn bewohnt war, zugleich eine Städte - und Ackerbausiedlung europäischer Art sich entwickeln solle, war natürlich unter den damaligen Verhältnissen im Prinzip unlösbar. Man hätte die Indianerstämme mit einem immensen Aufwand an Mitteln unterwerfen, zur festen Ansiedlung zwingen und so pazifizieren müssen - woran natürlich kein Mensch dachte. Unter diesen Umständen sind solche Gestalten wie Konrad Weiser moralisch doppelt wertvoll.

(Quelle: Rohrbach, Paul: Das Deutschtum über See. Wilhelm Schille & Co./ Verlagsbuchhandlung, Karlsruhe in Baden o.J. Copyright by Wilhelm Andermann Verlag, Berlin - Jadu-Berlin April 2000)

 

Nathaniel Jarvis Wyeth organized and led two expeditions to the fur country, with the purpose of establishing a fur trapping business to compete with the entrenched companies.

 

Besuchen sie auch die Cowboy und Indianer Seiten.

Jadu décline toute responsabilité quant au contenu diffusé sur ces pages.
Jadu is not responsible for the content offered by these links.
Jadu ist nicht Verantwortlich für den Inhalt dieser Links.
3
4

© Copyright 2000 by JADU

 

Webmaster