4
6

Das Deutschtum in Nordamerika

Die Öffnung des Mississippiweges und die Deutschen in Missouri

Zum Vergrößern Bild anklicken
Zum Vergrößern Bild anklicken

Nach dem Unabhängigkeitskrieg rückte der jenseits des Alleghany Gebirges gelegene Teil von Pennsylvanien zwar stärker in den Kreis der Besiedlung, aber ein großes Hindernis war, daß von dort keine brauchbare Verbindung für den Absatz der Produkte in dem gutbevölkerten Ostgebiete existierte. Der Transport mit Wagen auf dem langen Weg durch das Gebirge bis nach Philadelphia war zu teuer, und an die Fahrt zu Wasser, den Ohio und Mississippi hinab, dachte natürlich niemand, erstens wegen der immensen Entfernung und zweitens, weil der Mississippi die Grenze gegen das französische Territorium bildete und New Orleans ein französischer Hafen war. Dies Hindernis wurde zwar durch den Louisianavertrag von 1803 fortgeräumt, und es begann nun ein langsamer und schwerfälliger Verkehr den Ohio abwärts mit sogenannten Flachbooten, eine Art von Flößen mit Blockhütten darauf, aber diese Vehikel fuhren so langsam und waren so schwer zu regieren, daß man mit ihnen ein halbes Jahr bis New Orleans unterwegs war. Stromauf waren sie überhaupt nicht verwendbar.

Da geschah es, daß im Jahre 1807 Robert Fulton seinen Dampfer "Clermont" baute und mit ihm eine längere Strecke auf dem Hudson zurücklegte. Vier Jahre nach Fultons Versuch konstruierte schon ein Deutscher, Bernhard Roosefeldt in Pittsburgh, das erste Dampfboot für den Verkehr auf dem Ohio. Roosefeldt nannte sein Fahrzeug gleich "New Orleans", um anzudeuten , wozu er es gebaut hatte, und noch im selben Jahre fuhr er tatsächlich den Ohio und Mississippi bis New Orleans hinunter. Diese Fahrt war ein Ereignis von großer Tragweite.

Von da an, wo man Dampfboote auf dem Mississippi hatte, war es möglich, diese natürliche Verkehrsader nicht nur abwärts, sondern auch aufwärts zu befahren. Lange bevor der Eisenbahnbau die Alleghanies überwand und Schienenstränge sich in die Täler des Ohio und seiner oberen Zuflüsse hinabsenkten, war es schon möglich, diese Gebiete bequem auf dem Wasserwege über New Orleans zu erreichen. Ebenso öffneten sich die Gebiete am Mississippi selbst, das weite fruchtbare Land zwischen dem "Vater der Ströme" und den großen Kanadischen Seen, Illinois, Indiana, Ohio, Michigan, Wisconsin, der Einwanderung auf dem Wasserweg; desgleichen Iowa und Minnesota auf dem westlichen Mississippiufer. Außerdem wurde das Land an den großen Seen zugänglich durch einen vom Mohawktal nach dem Ontariosee geführten Kanal.

Diese plötzliche Erleichterung der Einwanderung, die mit dem Wechsel der Lage in Europa nach dem Wiener Kongreß, dem Sturze Napoleons und dem Einbruch der politischen Reaktion in Deutschland zusammenfiel, brachte auch den Auswandererstrom aus Deutschland von neuem in Bewegung. Außerordentlich viel trug dazu das Buch eines deutschen Arztes bei, des Doktors Gottfried Duden, der im Jahre 1824 eine Reise nach Nordamerika machte und eine Farm sechzig englische Meilen westlich von St. Louis in Missouri, also schon in dem neueröffneten Lande jenseits des Mississippi, erwarb. Von diesen seinem Besitztum schrieb er Briefe nach Deutschland und ließ im Jahre 1829 in Bonn ein Buch erscheinen unter dem Titel:" Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas." Diese Publikation hatte unglaublichen Erfolg. Duden war bemittelt, konnte seine Wirtschaft rationell und mit Erfolg betreiben, verfügte über eine glänzende Feder, und da es ihm gut ging, so atmeten seine Schilderungen die ganze Freude an der eigenen Arbeit, an der Jagdromantik im fremden Westen, wo es von Büffeln, Hirschen, Hasen und Flugwild nur so wimmelte, am blauen Himmel, an der märchenhaften Farbenpracht der herbstlichen Wälder und der ungebundenen Freiheit des Lebens. Mann kann nicht sagen, daß Duden die Verhältnisse absichtlich schön färbte, aber er hob die Vorzüge auf Kosten der Nachteile und Unvollkommenheiten hervor, und die Frische und Romantik seines Stils brachten zuwege, daß den Lesern in Deutschland das ferne Missouri als ein Land der Hoffnung erschien, wenn sie es mit den gedrückten, dumpfen und unerfreulichen Verhältnissen in der Heimat verglichen.

Duden selbst kehrte trotzdem, nachdem er einige Jahre in Missouri gelebt hatte, nach Deutschland zurück. Für ihn war die Farm in Missouri im Grunde nur ein romantisches Experiment gewesen. Die aber, deren Träume und Pläne auf Grund seiner Schilderungen in den fernen Westen der damaligen Union gelenkt wurden, zählten nach vielen Tausenden. Ohio, Indiana, Missouri und Illinois waren die bevorzugten Staaten. Nach Missouri, wohin westfälische und hannöversche Kleinbauern und Landarbeiter vorangegangen waren, wandte sich in den dreißiger Jahren, durch die Dudenschen Schriften angeregt, eine große Anzahl gebildeter deutscher Auswanderer. Eine der Folgen von Dudens Propaganda war die Bildung der "Gießener Auswanderungsgesellschaft", die es sich zur Aufgabe setzte, im nördlichen Missouri einen deutschen Staat zu gründen, "der natürlich ein Glied der Vereinigten Staaten werden müßte, doch mit Aufrechterhaltung einer Staatsform, welche das fortbestehen deutscher Gesittung, deutscher Sprache sichern und ein echtes, freies und volkstümliches Leben schaffen sollte." Diese Phantasie ist in der Geschichte der deutschen Auswanderung nach Nordamerika mehrmals wiedergekehrt, aber regelmäßig schon in den ersten Anfangsstadien verunglückt.

Die Stifter und Führer der Gießener Auswanderungsgesellschaft waren zwei gebildete Männer, Friedrich Münch und Paul Follenius. Münchs Nachkommen sind in der Folge in St. Louis zu Wohlstand und großem Ansehen gelangt. Als die beiden im Sommer 1834 in Missouri ankamen, fanden sie in der Nähe der früheren Dudenschen Farm eine merkwürdige Niederlassung von Deutschen, die allgemein das "Lateinische Settlement" genannt wurde. Münch schrieb darüber, es sei, außer einer Partie westfälischer Heuerleute, die sich notdürftig, eingerichtet hätten, eine "bunte Aristokratie" gewesen, bestehend aus deutschen Grafen, Baronen, Gelehrten, Predigern, Ökonomen, Offizieren, Geschäftsleuten, Studenten usw., die einen mit mehr, die anderen mit weniger Mitteln, und "nur zum Teil willig, sich den Anforderungen des dortigen Lebens zu bequemen." Sie hatten alle an die Dudensche Romantik geglaubt, die Büffeljagden, die Sonnenuntergänge, die Farben des Indianersommers, und fanden nun, daß die Tagelöhner und Bauern aus der alten Heimat mit ihren geringen Lebensbedürfnissen und ihre Gewöhnung an harte Arbeit allmählich zu Wohlstand gelangten, daß sie selbst aber mehr zurück als vorwärts kamen. Allmählich untergrub die Täuschung bei den meisten die Tatkraft, manche gingen zugrunde, starben frühzeitig; anderen glückte es, noch rechtzeitig einen anderen rettenden Beruf zu ergreifen.

Das Deutschtum in Missouri erreichte seine größte Blüte in den sechziger und siebziger Jahren. Damals war, nach einer Schilderung von Münch, in weiten Bezirken Missouris das deutsche die Familiensprache und wurde auch in den Schulen gelehrt, ja es gab richtige deutsche Schulen. Die deutschen Einwanderer, unter denen nur noch ein kleiner Rest von einstigen "lateinischen Farmern" war, hatten eine sorgfältige, mit Obst und Weinbau verbundene Art des Ackerbaus eingeführt, Gewerbe und Handel waren großenteils in deutschen Händen, und wer als Fremder dorthin kam, konnte glauben, in eine deutsche Provinz versetzt zu sein.

Schon mehrere Jahrzehnte früher war die Stadt St. Louis ein deutsches Zentrum geworden. Solange es im Mississippibecken noch keine Eisenbahnen gab, war der Strom die einzige Verkehrsader und St. Louis das Hauptemporium. Unter den Deutschen gab es zwei Parteien, die der "Lateiner" und die der Arbeiter. Unter den Gebildeten spielten die führende Rolle zwei Ärzte, Engelmann und Mislicenus. Wir finden bei Eickhoff bezeugt:
"Nie hat sich seitdem an einem Orte in den Vereinigten Staaten eine so zahlreiche Gesellschaft gebildeter Deutscher gesammelt, wie in den dreißiger Jahren in und um St. Louis. Als der geistvolle Redakteur Wilhelm Weber im Jahre 1849 die Feder niederlegte, ging die Redaktion des "Anzeigers des Westens", des einflußreichsten deutschen Blattes im Westen, an Heinrich Börnstein über, unter dessen Nachfolger es von der "Westlichen Post" überflügelt wurde und später einging. Erst nach dem Bürgerkriege wurde der "Anzeiger" von Carl Dänzer wieder ins Leben zurückgerufen.

Es gab also zwei bedeutende deutsche Zeitungen politischen Charakters, denen sich noch eine dritte, katholisch-konfessionell gehaltene, die "Amerika" hinzugesellte. In dies lebhafte deutsche Leben von St. Louis kam mit den deutschen "Achtundvierzigern", Karl Schurz.

Östlich vom Mississippi bildete sich vorübergehend eineigentümliches deutsches Zentrum in dem Städtchen Belleville ( schönes Dorf ) in Illinois. Dorthin waren in den Zwanziger Jahren Hannoveraner, in den dreißiger Jahren Hessen-Darmstädter auf dem Mississippiwege eingewandert. Darunter waren eine ganze Anzahl junger, strebsamer und gebildeter Männer. Die Deutschen trieben Farmwirtschaft, Handel und Gewerbe, und im Jahre 1836 bildete sich in Belleville eine deutsche Gesellschaft, die den Beschluß faßte, eine deutsche Bibliothek zu gründen, zur wissenschaftlichen Belehrung und Unterhaltung der Mitglieder. Sie hat viele Jahre existiert und zählte, nach Eickhoff, 1879 gegen 5600 Bände. Man nannte Belleville ein kleines deutsch-amerikanisches Athen; verschieden Deutsche kamen zu Wohlstand und auch zu politischen Ansehen. Später, mit der plötzlichen und reißend schnellen Wachstum Chicagos, zog sich das Deutschtum von Illinois immer mehr nach diesem einen Platz, um in den kleineren Städten so gut wie zu verschwinden. Überhaupt ist es merkwürdig, wenn man den Berichten aus dieser frühen Zeit, jetzt vor hundert Jahren, nachgeht, auf wieviel deutsche Bildung und deutsches geistiges Leben man im damaligen amerikanischen Westen stößt. Die Vorstellung, als ob erst nach dem Scheitern der Revolution von 1848 ein Zustrom höher gebildeter deutscher Einwanderer nach Amerika eingesetzt habe, ist nicht richtig. Die Reaktionszeit zwischen 1815 und 1848 hat gleichfalls schon viele gebildete Menschen aus Deutschland vertrieben, und neben den besitzlosen Landarbeitern, den armen Kleinbauern und Handwerkern waren es besonders Menschen aus den akademischen Berufen, die hinübergingen, weil gerade sie von den den deutschen Zuständen sich am meisten gedrückt fühlten. Dies ganze alte gebildete Deutschtum aus der Zeit vor 1848 ist mit Ausnahme weniger Familien, die ihren Namen und die Erinnerung an ihre deutsche Herkunft behalten haben, spurlos untergegangen. Es hat sich im Amerikanertum aufgelöst und ihm seine Begabung, seine geistige Beweglichkeit, seine Energie und hier und da vielleicht noch einen Schuß anerkannter deutscher Sentimentalität und deutschen Bildungsstrebens übertragen

(Quelle: Rohrbach, Paul: Das Deutschtum über See. Wilhelm Schille & Co./ Verlagsbuchhandlung, Karlsruhe in Baden o.J. Copyright by Wilhelm Andermann Verlag, Berlin - Jadu 2000)

 

Germany
The Germans in America
German Americana
The van Dreveldts' Experiences along the Missouri
German-Americans in Missouri and St. Louis

America's Most German-American City" Milwaukee Looks Back on Its Legacy as the Deutsch-Athen

 

Besuchen sie auch die Cowboy und Indianer Seiten.

Jadu décline toute responsabilité quant au contenu diffusé sur ces pages.
Jadu is not responsible for the content offered by these links.
Jadu ist nicht Verantwortlich für den Inhalt dieser Links.
4
6

© Copyright 2000 by JADU

 

Webmaster