
Der Weg zur Unabhängigkeit
"Wir halten diese Wahrheiten für unmittelbar einleuchtend:
dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer
mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind,
so mit Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück"
- UNABHANGIGKEITSERKLÄRUNG, 4. JULI 1776.
John Adams, der
zweite Präsident der Vereinigten Staaten, hatte das Glück, ein Alter
zu erreichen, da man mit Reife und philosophischem Abstand auf die Taten
der Mannesjahre zurückzublicken liebt. Aus einer solchen Stimmung seiner
späteren Lebenszeit ist ein Brief erhalten, in dem er erklärte, dass
die Geschichte der amerikanischen Revolution bereits mit dem Jahre 1620
angefangen habe. "Die Revolution", schrieb er, "war Wirklichkeit,
noch bevor der Krieg begonnen hatte. Die Revolution lebte im Geist und
im Herzen des Volkes." Die Grundsätze und Gefühle, die die Amerikaner
zum Aufstand getrieben hatten, müsse man durch "zwei Jahrhunderte zurückverfolgen
und in der Geschichte des Landes, von der ersten amerikanischen Pflanzung
an, suchen."
Dass sich die Wege
Englands und Amerikas einmal scheiden würden, wurde jedoch in Wirklichkeit
erst nach 1763 offenbar. Um jene Zeit waren gute hundertfünfzig Jahre
seit Gründung der ersten Niederlassung, Jamestown in Virginia, vergangen;
die verschiedenen Kolonien waren in Wirtschaft und Kultur reifer geworden,
fast alle hatten lange Jahre der Selbstverwaltung hinter sich, ihre
Bevölkerung war seit 1700 von 250 000 auf insgesamt l 500 000 gestiegen.
Was dieses äußere
Wachstum der Kolonien bedeutete, läßt sich jedoch nicht in
Zahlen ausdrücken. Im 18. Jahrhundert hatte sich, dank des Einwandererstromes
aus Europa, das Siedlungsgebiet ausgedehnt, und da der beste Boden nahe
der Küste bereits vergeben war, hatten die Kolonisten, die später gelandet
waren, über jene Linie hinaus ins Innere vordringen müssen, wo die Flüsse
aus dem Hügelland in die Ebene hinaustreten. Händler erkundeten das
Hinterland und bewogen durch ihre Berichte von fruchtbaren Tälern im
Westen tatkräftige Farmer, die besseres oder billigeres Land suchten,
mit ihren Familien in die Wildnis zu ziehen und dort auf gottverlassenen
Lichtungen ihre Blockhütten zu zimmern. Sie mußten vielen Unbilden
trotzen; der Erfolg aber lohnte die Mühen reichlich, denn immer mehr
Kolonisten kamen nach, und bald bevölkerten die Pioniere, in vollem
Vertrauen auf die eigene Kraft, die Täler des Hinterlands. Im dritten
Jahrzehnt des Jahrhunderts waren die Männer der frontier mit ihren Familien
bereits über die Grenzen Pennsylvanias hinaus in das Shenandoahtal vorgedrungen;
andere Flußläufe wiesen den Weg nach einem noch ferneren
Lande: dem "Westen".
Bis zum Jahre 1763
hatte Großbritannien in seinen Kolonien keine konsequent imperialistische
Politik getrieben. Die englische Krone hatte sich im wesentlichen von
dem merkantilistischen Gesichtspunkt leiten lassen, dass Kolonien das
Mutterland mit Rohstoffen zu versorgen hätten, aber nicht durch eigene
Industrien mit ihm in Wettbewerb treten dürften. Dieses Prinzip war
nicht sehr strikt angewandt worden; die Kolonien hatten sich nie nur
für Teile eines in sich geschlossenen Ganzen angesehen, sondern sich
hauptsächlich als bürgerliche Gemeinwesen oder Staaten, ungefähr nach
dem Muster Englands, betrachtet und waren nur lose mit den Behörden
in London verbunden. Von Zeit zu Zeit hatten sich die Gemüter in England
erregt, und Parlament oder Krone hatten sich bemüht, die Kolonien wirtschaftlich
und politisch dem Willen und den Interessen Englands stärker unterzuordnen.
Die große Mehrheit der Kolonisten aber hatte sich dagegen aufgelehnt,
und der Gedanke an die dreitausend Seemeilen zwischen ihnen und dem
Mutterland hatte die Angst vor Strafe für solchen Ungehorsam nicht recht
aufkommen lassen.
Die
politische Ruhe und Sicherheit, die die große Entfernung von England
den Kolonisten garantiert hatte, wurde durch das Leben in der amerikanischen
Wildnis noch weiter verstärkt. Sie waren aus vorwiegend landwirtschaftlichen
Gebieten mit beschränktem Raum und aus bevölkerten Städten in ein grenzenloses,
weites Gebiet mit dichten Wäldern und großen Flüssen gekommen.
Männer und Frauen, die in Städten oder Dörfern auf gewachsen waren,
hatten in der Neuen Welt ein in der Gemeinschaft verankertes Leben mit
einem Dasein vertauschen müssen, in dem der Einzelne fast ganz auf sich
selbst gestellt war. So war alles in ihrer neuen Umgebung dazu angetan,
die Siedler die Macht der britischen Regierung vergessen zu lassen.
Es war allerdings auch keine Notwendigkeit dafür vorhanden; die politische
Ordnung in den Kolonien ruhte zwar auf den gleichen Grundlagen wie in
England, aber die tausenderlei Gesetze, die aus den Notwendigkeiten
der hochentwickelten englischen Gesellschaft herausgewachsen waren,
verloren in den spärlich besiedelten Wäldern der Neuen Welt Bedeutung
und Nutzen. Die Kolonisten mußten sie abschaffen und neue Gesetze
an ihre Stelle setzen, und da sie von der Regierung wenig zu fürchten
hatten und meist auch ohne sie fertig wurden, lernten sie, das Heft
selbst in die Hand zu nehmen und allen Zwang zu hassen, und waren "geneigt,
zu tun und zu lassen, was ihnen beliebte."
Von allem Anfang
an konnten sie hier von der ererbten Überlieferung von dem langen Kampf
des Engländers um die politische Freiheit großen Nutzen ziehen.
Die Ideen, die in diesem Kampf herausgearbeitet worden waren, fanden
ihren formellen Niederschlag im ersten Freibrief für Virginia, kraft
dessen die Kolonisten die gleichen Freiheiten, Vorteile und Rechtsgarantien
genießen sollten, "als wenn sie in diesem Unserem Englischen Reiche
wohnten und geboren wären", d.h. die Magna Carta und das englische "Gemeine
Recht" (Common Law) sollten auch ihnen zugute kommen. Zu Beginn der
Gründungszeit konnten sie ihre angestammten Rechte durchsetzen, weil
die Krone willkürlich den Standpunkt vertrat, dass die Kolonisten der
Kontrolle des Parlaments nicht unterworfen seien, und in den Jahren,
die folgten, hatten die englischen Könige zu ausschließlich mit
Kämpfen im Inneren Englands zu tun - Kämpfen, die ihren Höhepunkt in
der Revolution der Puritaner fanden - , um sich um die Kolonien zu kümmern.
Ehe sich das Parlament damit befassen konnte, sie unter einer einheitlichen
Reichspolitik zusammenzufassen, waren die Kolonien zu stark geworden
und hatten sich in ihrer eigenen Weise entwickelt.
Von dem Augenblick
an, da sie den neuen Erdteil betreten hatten, lebten die Kolonisten
dem englischen Gesetz und der englischen Verfassung gemäß.
Sie besaßen gesetzgebende Versammlungen und auf Volksvertretung
beruhende Regierungen und genossen die persönliche Freiheit, die das
Common Law garantierte. Aber die Gesetzgebung wandelte sich immer stärker
nach amerikanischen Gesichtspunkten, und englisches Verfahren und Beispiel
traten mehr und mehr in den Hintergrund. Die Befreiung der Kolonien
von tatsächlicher englischer Überwachung jedoch wurde nicht kampflos
erreicht: die Kolonialgeschichte berichtet von unzähligen Auseinandersetzungen
zwischen den gewählten Volksvertretungen und den Gouverneuren, meist
vom englischen König eingesetzten Beamten, die für die Kolonisten den
gefährlichen Geist des Vorrechts verkörperten und ihnen stets als Bedrohung
ihrer Freiheiten vor Augen standen. Oft konnten die Kolonisten diesen
Statthaltern des Königs die Macht aus der Hand winden, denn in der Regel
hatten die Gouverneure "nur das Auskommen, das ihnen die Versammlungen
zubilligten." Auf Anweisung des Königs spielten die Gouverneure gelegentlich
einflußreichen Siedlern Land oder vorteilhafte Positionen in die
Hände, um ihre Unterstützung für die Pläne und Absichten der Krone zu
gewinnen; waren solche Kolonialbeamte aber ihrer Einkünfte erst einmal
sicher, dann vertraten sie gewöhnlich die Interessen der Kolonie genau
wie zuvor.
In den immer wiederkehrenden
Zusammenstößen zwischen dem Gouverneur, dem Sinnbild des
monarchischen Prinzips und eines von außen her einwirkenden herrschaftlichen
Zwangs, und der Volksvertretung, dem Symbol regionaler Unabhängigkeit
und des demokratischen Prinzips, erwachte und schärfte sich der Sinn
der Kolonisten für die Kluft zwischen englischen und amerikanischen
Interessen. Im Laufe der Zeit übernahmen die Versammlungen in steigendem
Masse die Funktionen der Gouverneure und ihrer Räte, zu denen Kolonisten
aus Anerkennung für blinden Gehorsam gegen den König und seine Politik
bestellt worden waren, und das Schwergewicht der Kolonialverwaltung
verlagerte sich allmählich von London nach den Hauptstädten der amerikanischen
Provinzen. Kurz nach 1770 aber wurde ein Versuch gemacht, dieses Verhältnis
der Kolonien zum Mutterland von Grund auf zu ändern. Die Hauptursache
für diesen Wechsel lag in der endgültigen Ausschaltung der Franzosen
aus der Herrschaft über den nordamerikanischen Kontinent.
Während die Briten
längs der Atlantikküste schmucke Farmen, ausgedehnte Pflanzungen und
betriebsame Städte angelegt hatten, hatten die Franzosen im Sankt-Lorenz-Tal
im Osten Kanadas Kolonien eines anderen Typus gegründet. Sie hatten
Forschungsreisende, Missionare und Pelzhändler, aber nur wenige Siedler
über das Wasser geschickt und neben dem Sankt-Lorenz- auch vom Mississippital
Besitz ergriffen. Durch eine Kette von Forts und Handelsposten hatten
sie sich langsam ein Kolonialreich abgesteckt, das sich halbmondförmig
von Quebec im Nordosten bis nach New Orleans im Süden erstreckte und
die Engländer auf den schmalen Raum östlich der Appalachen einengte.
Die Briten aber
hatten sich schon lange gegen solche "französischen Übergriffe" gewehrt.
Seit 1613 war es zwischen französischen und englischen Kolonisten zu
Zusammenstößen gekommen, die sich zu regelrechten Kriegen
entwickelten und auf amerikanischem Boden das Auf und Ab des weltpolitischen
Konflikts zwischen England und Frankreich widerspiegelten. 1689-1697
wurde im "König-Wilhelm-Krieg" (King William' s War) die amerikanische
Phase des Pfälzischen Krieges ausgefochten; der "Königin-Anna-Krieg"
(Queen Anne's war, 1701- 1713) entsprach dem Spanischen Erbfolgekrieg,
der "König-Georg-Krieg" (King George s war, 1744-1748) dem Österreichischen
Erbfolgekrieg. Obwohl England aus diesen Kriegen mit gewissen Erfolgen
hervorgegangen war, war eine endgültige Entscheidung ausgeblieben; Frankreich
hatte seine starke Position auf dem amerikanischen Kontinent behaupten
können.
Zwischen 1750 und
1760 trat der Konflikt in seine Endphase ein. Nach dem Aachener Frieden
von 1748 hatten die Franzosen ihre Stellung im Mississippital verstärkt,
und zu gleicher Zeit hatte sich die Wanderungsbewegung englischer Kolonisten
über die Alleghanies beschleunigt. Dieses Wettrennen um das gleiche
Gebiet hatte 1754 zu einem bewaffneten Zusammenstoß geführt, an
dem Bürgerwehren Virginias unter dem zweiundzwanzigjährigen George Washington
und - auf französischer Seite - eine Abteilung regulärer Truppen beteiligt
waren. So begann der "Französisch-Indianische Krieg", in dem die Engländer
mit den ihnen verbündeten Indianern gegen die Franzosen und deren eigene
indianische Bundesgenossen kämpften; er sollte für alle Zukunft darüber
entscheiden, ob die Franzosen oder die Engländer Nordamerika beherrschen
würden.
Damals - wie nie
zuvor - brauchten die britischen Kolonien jene Tatkraft, die Einigkeit
verleiht, denn nicht nur das britische Empire, sondern die amerikanischen
Kolonisten selbst waren durch die Stellung Frankreichs unmittelbar bedroht:
die Franzosen im Mississippital hätten dem Vordringen amerikanischer
Siedler nach Westen Halt gebieten und damit die Quelle kolonialer Stärke
und kolonialen Gedeihens versiegen lassen können. Überdies hatte sich
die französische Herrschaft über Kanada und Louisiana nicht nur gefestigt,
sondern auch an Ansehen bei den Indianern gewonnen; sogar die Irokesen,
die traditionellen Bundesgenossen der Engländer, wurden ihren alten
Freunden abspenstig gemacht. Jeder britische Siedler, der Erfahrung
mit den Indianern hatte, wußte, dass in einem erneuten Krieg nur
drastische Maßnahmen eine Katastrophe würden abwenden können.
In diesem kritischen
Augenblick wies das britische Handelsministerium, das über die langsame
Verschlechterung der Beziehungen zu den Indianern auf dem laufenden
gehalten worden war, den Gouverneur von New York und Bevollmächtigte
der anderen Kolonien an, die Irokesenhäuptlinge zu gemeinsamen Vertragsverhandlungen
einzuladen. Zu diesem Zweck trafen im Juni 1754 Vertreter New Yorks,
Pennsylvanias, Marylands und der Neu-England-Kolonien mit den Irokesen
in Albany zusammen; die Indianer brachten ihre Beschwerden vor, die
Delegierten erkannten sie in ihrem Bericht als zu Recht bestehend an
und empfahlen entsprechende Schritte.
Die
Versammlungsteilnehmer gingen jedoch weit über ihren ursprünglichen
Zweck - die Lösung des Indianerproblems - hinaus. Die an der Zusammenkunft
beteiligten Vertreter der Kolonien erklärten, dass ein Zusammenschluß
der amerikanischen Kolonien "für ihr Fortbestehen unerläßlich"
sei und nahmen den von Benjamin Franklin entworfenen "Bundesplan von
Albany" (Albany Plan of Union) an. Nach diesem Plan sollte ein vom englischen
König eingesetzter Präsident gemeinsam mit einem von den Volksvertretungen
der Kolonien gewählten Großen Delegiertenrat regieren; jede Kolonie
sollte dort je nach ihren Beiträgen zum gemeinsamen Staatsschatz vertreten
sein, die Regierung alle britischen Interessen im Westen - Verträge
mit den Indianern, Handel, Verteidigung und Siedlungswesen - wahrnehmen.
Franklins Plan wurde jedoch von keiner der Kolonien angenommen, denn
keine wollte das Recht, Steuern zu erheben oder die Entwicklung des
Westens zu leiten, einer fremden Körperschaft abtreten.
Der Krieg mit Frankreich
wurde von den Kolonien im allgemeinen wenig unterstützt; alle Bemühungen,
ein "Pflichtgefühl dem König gegenüber" zu erwecken, blieben erfolglos.
Was immer an Hilfe von der einen oder anderen Kolonie kam, war dadurch
beeinträchtigt, dass es kein Kriegsziel gab, für das sich zu kämpfen
gelohnt hätte; die Kolonisten sahen in dem Krieg nur die imperialistische
Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England, und es kümmerte
sie wenig, dass die britische Regierung Truppen in großer Zahl
nach Amerika senden mußte, um Schlachten für die Kolonien zu schlagen.
Sie bedauerten es auch keineswegs, dass die englischen "Rotröcke" und
nicht die einheimischen Milizen das Lob für den Sieg einheimsten, und
sahen nicht ein, weshalb sie nicht weiter Handel treiben sollten - auch
wenn es schließlich auf "Handel mit dem Feind" hinauslief.
Am Ende trugen
die Engländer - dank ihrer günstigeren strategischen Position, ihrer
überlegenen Marine und ihrer tüchtigeren Führung - auch ohne eine wirkliche
Unterstützung durch die Kolonien und trotz anfänglicher Niederlagen
einen vollen Sieg davon. Nach achtjährigen Kämpfen fielen ihnen Kanada
und das obere Mississippital zu; der Traum von einem französischen Kolonialreich
in Nordamerika war ausgeträumt.
Nach dem Triumph
über Frankreich - in Amerika, in Indien, in der ganzen kolonialen Welt
- mußte Großbritannien den Problemen seines Empires, das
es bis dahin vernachlässigt hatte, zu Leibe gehen, denn nun war es notwendig
geworden, die weitausgedehnten Besitzungen für die gemeinsame Verteidigung
zu organisieren, die widerstreitenden Interessen der verschiedenen Gebiete
und Völker miteinander auszusöhnen und die Verwaltungskosten des Kolonialreiches
gleichmäßiger zu verteilen. In Nordamerika allein hatten
sich die britischen Besitzungen um mehr als das Doppelte vergrößert.
Dem schmalen Küstenstreifen am Atlantik war ein ungeheures Gebiet, ein
wahres Empire - der weite kanadische Raum und das Land zwischen dem
Mississippi und den Alleghanies - zugeschlagen worden. Zu einer Bevölkerung,
die bisher überwiegend aus englischen Protestanten oder englisch beeinflußten
anderen Europäern bestanden hatte, kamen nun französische Katholiken
und eine beträchtliche Zahl erst halb christlicher Indianer hinzu. Verteidigung
und Verwaltung der neuen Gebiete - von den alten ganz zu schweigen -
erforderten riesige Summen Geldes und mehr Menschen. Das "alte Kolonialsystem,55
das eigentlich überhaupt kein System gewesen war, konnte diesen neuen
Anforderungen offenbar nicht mehr genügen. In den kritischen Nöten des
Krieges, als ihre Existenz selbst auf dem Spiel gestanden hatte, waren
die Kolonisten unter dem alten System nicht zu Mithilfe und Zusammenarbeit
zu bringen gewesen. Was also konnte man in Friedenszeiten, ohne Druck
von außen, von ihnen erhoffen?
So stand die Notwendigkeit,
das Empire neuzugestalten, den Briten klar vor Augen; die,Umstände,
die in Amerika herrschten, waren jedoch einem Wechsel kaum günstig,
denn die Kolonien, seit langem an weitreichende Unabhängigkeit gewöhnt,
waren auf einer Stufe ihrer Entwicklung angekommen, auf der sie nicht
weniger, sondern mehr Freiheiten verlangten, besonders seit die Gefahr,
die von den Franzosen gedroht hatte, beseitigt war. Die britischen Staatsmänner,
die ein neues System durchsetzen und eine strengere Herrschaft über
die Kolonien ausüben wollten, sahen sich Siedlern gegenüber, die zur
Selbstverwaltung erzogen worden waren und keine Einmischung dulden würden:
selbstsicheren Unternehmern und Kaufleuten, politisch bewußten
Handwerkern, Pflanzern, die sich stolz jeder Unterordnung unter imperialen
Zwang widersetzen würden, Freisassen aus dem Hochland, die die Gesetze
und Verordnungen des Empire kaum kannten und sich noch weniger an sie
hielten, kolonialen Volksvertretungen, die gegen jede Einmischung in
die Rechte ihrer Wähler auf der Hut sein würden. Viele Amerikaner kümmerten
sich keinen Deut um das britische Empire; sie waren bis auf eine kleine
Minderheit entschlossen, ihre eigenen Wege zu gehen und ihr eigenes
Leben in dem Lande zu leben, wo sie der Wildnis eine neue Heimat abgewonnen
hatten.
Zunächst
bemühten sich die Briten, das Hinterland zu organisieren. Die Eroberung
Kanadas und des Ohiotals stellte England vor die Aufgabe, ein Verwaltungssystem
und eine Boden- und Religionspolitik zu finden, die ihnen die französische
und indianische Bevölkerung nicht entfremden würden. Eine solche Politik
mußte aber mit den Interessen der Kolonien an der Küste in Konflikt
geraten, deren Bevölkerung rasch stieg und die ihrerseits die neugewonnenen
Gebiete ausbeuten wollten. Einige von ihnen, die mehr Land brauchten,
beriefen sich auf ihr verbrieftes Recht, nach Westen bis zum Mississippi
vorzudringen, und immer größere Mengen von Kolonisten strömten
über die Gebirgspässe, überzeugt davon, dass ihnen das neueroberte Land
gehörte. Die britische Regierung aber fürchtete, dass der Zustrom der
Pioniere neue Kriege mit den Indianern entfachen könnte; sie wollte
den unruhigen Rothäuten Zeit lassen, sich zu beruhigen, und die neuen
Gebiete nur allmählich den Kolonisten zugänglich machen. Aus diesem
Grunde erging 1763 eine königliche Proklamation, die das gesamte westliche
Gebiet zwischen den Alleghanies, Florida, dem Mississippi und Quebec
den Indianern zusprach: die Krone versuchte, die Ansprüche der dreizehn
Kolonien auf das Land im Westen mit einem Schlage hinwegzufegen und
die Ausdehnung dorthin in gleicher Weise aufzuhalten wie zuvor die Franzosen
durch ihre Eroberungen. Diese Maßnahme konnte niemals wirksam
ausgeführt werden; die entrüsteten Siedler betrachteten sie jedoch als
willkürliche Verletzung ihres natürlichen Rechts, das Land im Westen
nach Bedarf zu besiedeln und zu nutzen.
Ernstere Folgen
hatte die neue Finanzpolitik der englischen Regierung. Die Erhaltung
des größeren Empires kostete Geld, und die Kolonien mußten
dazu beitragen, wenn die englischen Steuerzahler nicht die ganze Last
tragen sollten. Die Steuern in den Kolonien konnten nur von einer stärker
zentralisierten Verwaltung eingetrieben werden, stärkere Zentralisierung
aber mußte die Selbstverwaltung der Kolonien weiter einschränken.
Der erste Schritt in der neuen Richtung war das 1764 erlassene und zwei
Jahre später ergänzte Zuckergesetz (Sugar Act), das die Erhöhung der
Einkünfte aus den Kolonien zum alleinigen Ziel hatte und den Handel
kaum einzuschränken suchte. Es setzte sogar einen älteren einschränkenden
Erlaß über die Regulierung des Handels außer Kraft: während
durch das ältere Melassegesetz (Molasses Act) von 1733 Zuckersäfte aus
nichtenglischen Gebieten mit einem hohen Einfuhrzoll belegt worden waren,
sah das neue Zuckergesetz nur allgemein für Sirup aus allen Ländern
einen bescheidenen Zoll vor. Auch auf Weine, Seide, Kaffee und andere
Luxusartikel wurden Zölle erhoben, und die Regierung wies die Zollbehörden
an, das Gesetz strenger und energischer anzuwenden. Britische Kriegsschiffe
in amerikanischen Gewässern erhielten Befehl, Schmuggler aufzugreifen,
und die Ausgabe von writs of assistance (Blankovollmachten zu Haussuchungen)
wurde genehmigt, um es den Beamten der Krone zu ermöglichen, Haussuchungen
in verdächtigen Anwesen durchzuführen.
Die Kaufleute Neu-Englands
waren an sich von den neuen Zöllen wenig beeindruckt; ihre Empörung
war mehr von der Absicht der Regierung hervorgerufen, die Einhaltung
der Zollgesetze zu erzwingen. Das war etwas vollkommen Neues, denn ein
Menschenalter hindurch hatten die Neu- Engländer den größten
Teil des Zuckersirups, den sie brauchten, aus Französisch- und Niederländisch-Westindien
bezogen, ohne Zoll zu bezahlen. So behaupteten sie jetzt, dass selbst
die neuen, niedrigen Zollsätze sie zugrunde richten würden, und benutzten
mit großem Geschick die einleitenden Worte des Zuckergesetzes,
um die Verfassung selbst in den Dienst ihrer Empörung über das neue
Gesetz zu stellen. Das Recht des englischen Parlaments, den Handel des
Empires gesetzlich zu regeln und zu diesem Zweck Waren mit Steuern zu
belegen, war theoretisch, wenn auch nicht immer in der Praxis, längst
anerkannt; aber das Recht, Zölle zu erheben, um "die Einkünfte dieses
Königreichs (d. h. Englands) zu erhöhen", wie es im Zollgesetz von 1764
hieß, war neu, und daher anfechtbar.
Der
Kampf um die Verfassung, der so begann und zu einer großen Auseinandersetzung
heranwuchs, trieb den ersten sprengenden Keil in den Stamm des britischen
Reiches. "Ein einziger Parlamentsbeschluß", schrieb James Otis,
ein zeitgenössischer Patriot, "hat in sechs Monaten mehr Menschen zu
mehr Gedanken angeregt, als sie in ihrem ganzen früheren Leben gehabt
hatten." Kaufleute, Volksvertretungen und Gemeindeversammlungen fochten
das Gesetz als ungerecht an; Juristen in den Kolonien - unter ihnen
Samuel Adams - entdeckten in der Präambel die erste Andeutung von "Besteuerung
ohne parlamentarische Vertretung" (taxation without representation),
Begriffen, die später zum geflügelten Wort wurden und viele Patrioten
für den Kampf gegen das Mutterland gewannen.
Gegen Ende des
Jahres erließ das englische Parlament ein Währungsgesetz (Currency
Act), "um zu verhindern, dass Papiergeld, das künftig in den Kolonien
Seiner Majestät herausgegeben würde, gesetzliches Zahlungsmittel würde."
Da die Kolonien mehr ein- als ausführten und stets knapp an Hartgeld
waren, lastete die neue Verordnung schwer auf ihrer Wirtschaft. Auch
das 1765 erlassene Einquartierungsgesetz (Billeting Act) war den Kolonien
unwillkommen; es verpflichtete Bürger der Kolonien, in denen Truppen
des englischen Königs in Garnison lagen. Quartiere für die Soldaten
bereitzustellen und zu ihrem Unterhalt beizutragen.
So heftig auch
der Unwille war, den diese Gesetze hervorriefen, organisierter Widerstand
flammte erst auf, als durch eine weitere Maßnahme das neue Kolonialsystem
volle Wirklichkeit zu werden drohte. Es war das berüchtigte Stempelsteuergesetz
(Stamp Act), kraft dessen alle Zeitungen, Plakate, Flugschriften, Erlaubnisscheine,
Pachtverträge und andere gesetzlichen Urkunden mit Stempelmarken versehen
werden mußten. Der Ertrag sollte einzig und allein für "Verteidigung,
Schutz und Sicherung" der Kolonien verwandt werden; nur Amerikaner konnten
zu Steuereinnehmern ernannt werden und die Steuern eintreiben, und die
Lasten schienen so gleichmäßig verteilt und so leicht zu
tragen, dass das Parlament das Gesetz gebilligt hatte, ohne ihm besondere
Aufmerksamkeit zu widmen oder lange darüber zu beraten.
Um
so größer war das Erstaunen selbst im Kreise wohlwollend-massvoller
Geister über die Erbitterung, mit der alle dreizehn Kolonien auf das
Gesetz reagierten. Es wurde ihm besonders zum Verhängnis, dass es gerade
bei den einflussreichsten Gruppen von Kolonisten, die das Wort zu führen
gewohnt waren, - Journalisten, Anwälten, Geistlichen, Handelsherren
und Geschäftsleuten - auf geharnischte Ablehnung stieß und dass
es alle Teile des Landes, Norden, Süden und Westen, gleich belastete.
Bald taten sich führende Kaufleute, die nach dem neuen Gesetz jeden
Frachtschein mit Stempelmarken hätten bekleben müssen, zum Widerstand
zusammen und bildeten Vereinigungen zur Bekämpfung der Einfuhr britischer
Waren. Die Geschäfte stockten fast ganz, und der Handel mit dem Mutterland
ging im Sommer 1765 erheblich zurück. Im Volk bekannte Männer schlössen
sich im Bund der "Freiheitssöhne" zusammen; bald mündete der politische
Widerstand in Gewalttaten ein. Aufgeregte Volksmengen füllten die gewundenen
Gassen Bostons; von Massachusetts bis nach Süd-Carolina wurde das Stempelsteuergesetz
für null und nichtig erklärt; die Massen trieben die unseligen Steuereinnehmer
aus dem Amt und vernichteten die verhaßten Stempelmarken.
Das Stempelsteuergesetz
war nicht nur deshalb bedeutsam, weil es revolutionären Widerstand entfachte,
sondern auch, weil es die Amerikaner zwang, das Wesen der Reichseinheit
in Rechtsbegriffe zu fassen, die auf amerikanische Verhältnisse anwendbar
waren. So nahm zum Beispiel die Volksvertretung von Virginia unter dem
Einfluss Patrick Henrys eine Reihe von Entschließungen an, die
"Besteuerung ohne Vertretung im Parlament" als beispiellose, gefährliche
Neuerung und Bedrohung der kolonialen Freiheiten verdammten. Einige
Tage danach forderte die Abgeordnetenkammer von Massachusetts alle Kolonien
auf, Delegierte zu einem Kongreß nach New York zu entsenden, um
über die Gefahren des Stempelsteuergesetzes zu beraten.
Dieser Kongreß
(Oktober 1765) war das erste Treffen, zu dem die Kolonien sich aus eigener
Initiative zusammengefunden hatten. Siebenundzwanzig kühne, tatkräftige
Männer aus neun Kolonien benutzten die Gelegenheit, die öffentliche
Meinung gegen die Einmischung des englischen Parlaments in amerikanische
Angelegenheiten aufzurufen. Hitzige Redeschlachten wurden geschlagen
; am Ende nahm der Kongreß eine Reihe von Beschlüssen an und hielt
daran fest, dass den Kolonien "verfassungsmäßige Steuern,
wie in der Vergangenheit so in alle Zukunft, nur durch ihre eigenen
gesetzgebenden Körperschaften auferlegt werden könnten" und dass das
Stempelsteuergesetz "offenkundig darauf abziele, die Rechte und Freiheiten
der Kolonisten zu untergraben."
Damit war die Frage
der Vertretung im Parlament in den Mittelpunkt des verfassungsrechtlichen
Streits gerückt. Die Kolonisten behaupteten, nur dann wirklich im englischen
Parlament vertreten zu sein, wenn sie tatsächlich Abgeordnete in das
Unterhaus wählen durften. Dies widersprach dem herkömmlichen englischen
Grundsatz "Vertretung bei Implikation" (virtual representation), d.
h. Vertretung mehr nach Ständen und Interessen als nach geographischen
Gesichtspunkten. Die meisten britischen Beamten waren der Auffassung,
dass das Parlament das ganze Reich vertrete und dass es die gleiche
Gewalt über die Kolonien habe wie über das Mutterland. Deshalb sei es
ebenso befugt, für Massachusetts Gesetze zu erlassen, wie für Berkshire
in England. Die amerikanischen Wortführer setzten dem entgegen, dass
es ein "Reichsparlament" nicht gäbe und dass die Kolonien rechtlich
nur mit der Krone verbunden seien. Der König habe der Gründung von Kolonien
jenseits des Meeres zugestimmt, der König habe ihnen ihre Regierungen
eingesetzt; er sei zwar genauso König von England wie König von Massachusetts,
das englische Parlament habe aber nicht mehr Recht, für Massachusetts
Gesetze zu erlassen, als Massachusetts für England. Wenn der König von
einer Kolonie Geld haben wolle, so könne er um Bewilligung nachsuchen,
Steuern aber dürften von einem britischen Untertan - ganz gleich, ob
in England oder in Amerika - nur durch und über selbstgewählte Vertreter
erhoben werden.
Es war natürlich,
dass die britischen Parlamentarier die Argumente der Kolonisten nicht
bereitwillig anerkannten. Die englischen Kaufleute jedoch übten einen
wirksamen Druck auf die Parlamentarier aus, denn sie spürten die Folgen
des amerikanischen Boykotts und setzten sich daher voll für eine Bewegung
ein, die das Stempelsteuergesetz aufzuheben trachtete. Im Jahre 1766
gab das englische Parlament nach: es widerrief das Stempelsteuergesetz
und veränderte das Zuckergesetz weitgehend. Die Kunde darüber rief in
allen Kolonien lebhafte Freude hervor. Die Kaufleute hoben den Boykott
englischer Ware auf, die "Freiheitssöhne" traten in den Hintergrund,
der Handel ging seinen alten Gang; der Friede schien nah.
Aber es war nur
eine Atempause. 1767 wurden neue Maßnahmen erlassen, und alle
alte Zwietracht lebte wieder auf. Charles Townshend, der britische Schatzkanzler,
hatte den Auftrag erhalten, ein neues Finanzprogramm für die Regierung
zu entwerfen, um die Steuern in England herabzusetzen. Dies konnte durch
wirksamere Eintreibung der Zölle geschehen, die auf amerikanischem Handelsgut
lagen; er ordnete deshalb eine verschärfte Anwendung der Zollgesetze
an und schlug gleichzeitig weitere Zölle für die Papier-, Glas-, Blei-
und Teeausfuhr von England nach den Kolonien vor. Der so erhöhte Steuerertrag
sollte zum Teil für den Unterhalt der Gouverneure, Richter und Zollbeamten
in den Kolonien sowie für die britische Armee in Amerika verwendet werden.
Townshend regte ferner ein Gesetz an, das die höheren Gerichtshöfe in
den Kolonien dazu ermächtigte, writs of assistance auszustellen und
so die den Kolonisten verhaßten allgemeinen Haussuchungsbefehle
mit einem besonderen Rechtstitel auszustatten.
Die Erregung über
Townshends Zollgesetze war fast so heftig wie die über das Stempelsteuergesetz.
Die Kaufleute griffen erneut zu Boykottmaßnahmen: Männer trugen
Anzüge aus hausgewebten Stoffen, Frauen tranken Ersatz-Tee, Studenten
schrieben auf einheimischem Papier und Häuser blieben unangestrichen.
In Boston, wo die Handelsherren gegen Einmischung von außen besonders
empfindlich waren, begegnete man den neuen Bestimmungen mit Gewalt.
Die Bevölkerung fiel über die Zollbeamten her und mißhandelte
sie, als sie die Steuern einzutreiben versuchten. Dies veranlaßte
die Engländer, zwei Regimenter nach Boston zu schicken, um die königlichen
Beamten zu beschützen.
Dass von nun an
britische Truppen in der alten Puritanerstadt standen, gab jedoch ständig
zu neuen Unruhen Anlaß. Achtzehn Monate schwelte die Erbitterung;
endlich, am 5. März 1770, flammte offene Feindschaft zwischen Bürgern
und Soldaten auf. Eine scheinbar harmlose Schneeballschlacht endete
als Massenangriff auf die "Rotröcke": von irgendwoher kam
der Befehl zu feuern, und drei Bostoner Bürger fanden den Tod auf den
beschneiten Strassen. Die koloniale Propaganda war geschickt genug,
diesen Zwischenfall dazu auszunutzen, den Haß gegen England immer
stärker anzufachen, und machte das "Bostoner Massaker" zum dramatischen
Beweis britischer Herzlosigkeit und Tyrannei.
Angesichts dieser
Opposition wich das englische Parlament und widerrief 1770 sämtliche
Townshend-Zölle mit Ausnahme des Teezolls, der bestehen blieb, weil
es, wie Georg III. sagte, wenigstens eine Steuer geben müsse, damit
Recht Recht bleibe. Die meisten Kolonisten sahen im Vorgehen des Parlaments
wirklich eine "Abstellung von Beschwerden" (redress of grievances)
und beendeten den Kampf gegen England. "Englischer Tee" durfte
zwar nach wie vor nicht frei eingeführt werden, aber die Protestbewegung
hatte sich nahezu gelegt, und das Verbot wurde scheinbar nicht allzu
genau eingehalten. Die Lage schien im allgemeinen gute Beziehungen zwischen
Mutterland und Kolonien zu versprechen: der Wohlstand war im Wachsen;
die meisten politischen Führer in den Kolonien sahen der Zukunft mit
Vertrauen entgegen, und Trägheit und Nachlässigkeit schienen Erfolg
zu haben, wo Wagemut und Widerstand versagt hatten. Die Gemäßigten,
die überall in den Kolonien überwogen, begrüßten das friedliche
Zwischenspiel, und nur eine einzige Gruppe gab sich während der dreijährigen
Ruhepause ernsthaft Mühe, den Streit am Leben zu erhalten. Eine verhältnismäßig
kleine Anzahl "Patrioten" oder "Radikaler" vertrat den Standpunkt, dass
der Sieg der Kolonisten illusorisch sei, denn solange die Teesteuer
in Kraft sei, bleibe auch das Recht des Parlaments, für die Kolonien
Gesetze zu geben, im Prinzip unangetastet und könne jederzeit in voller
Schärfe, mit bitteren Folgen für die Freiheit der Kolonien, wiederausgeübt
werden.
Samuel Adams aus
Massachusetts, einer der einflussreichsten der "Patrioten", der erfolgreich
und unermüdlich für das höchste Ziel, die Unabhängigkeit, kämpfte, kann
als typischer Vertreter der Gruppe gelten. Seit seiner Promotion von
Harvard College hatte es keine Zeit gegeben, wo er nicht in der einen
oder anderen Weise im öffentlichen Dienst gestanden hätte - als Feuerinspektor,
als Steuererheber, als Leiter von Bürgerversammlungen. Für das Geschäftsleben
war er völlig unbrauchbar; in der Politik dagegen konnte seine klug-berechnende
Natur sich wirklich ausleben. Die Bürgerversammlungen Neu- Englands
hatten ihm als Plattform gedient; er wußte Menschen für seine
Zwecke zu gebrauchen und war gut Freund mit aller Welt; Schauerleute
wie Prediger unterstützten vertrauensvoll seine Pläne. Es war wesentlich
sein Verdienst, dass die einfachen Leute die übertriebene Achtung für
gesellschaftlichen und politischen Rang zu überwinden lernten und zum
Bewußtsein ihres eigenen Wertes durchdrangen. Um sie zu politischer
Tat anzuleiten, schrieb er Zeitungsartikel, reizte Gemeinde- und Provinzialversammlungen
zu Beschlüssen an und wühlte mit seinen Reden die demokratischen Leidenschaften
auf. 1772 veranlaßte Adams die Bostoner Bürgerversammlung, einen
"Korrespondenz-Ausschuß" (committee of correspondence) zu wählen,
um die Rechte und Beschwerden der Kolonisten darzulegen und mit anderen
Städten darüber Meinungsaustausch zu pflegen. Die Anregung verbreitete
sich rasch, und in allen Kolonien wurden "Korrespondenz-Ausschüsse"
gegründet. Sie legten den Grund für die bald entstehenden revolutionären
Organisationen.
1773 gab England
endlich Adams und seinen politischen Freunden die ersehnte Gelegenheit
zur Tat. Die mächtige East India Company war in Geldnöte geraten und
hatte sich um Hilfe an die britische Regierung gewandt. Diese übertrug
ihr das Teemonopol für die Kolonien. Seit Townshends "Teesteuer" hatten
nun die Kolonisten den von der Gesellschaft eingeführten Tee boykottiert:
nach 1770 hatte der Schleichhandel so zugenommen, dass etwa neun Zehntel
des Tees, der in Amerika getrunken wurde, aus dem Ausland stammte und
"zollfrei" ins Land gebracht worden war. Die East India Company entschloß
sich angesichts dieses Schmuggels, ihren Tee durch eigene Vertreter
zu einem Preise zu verkaufen, der erheblich unter dem der geschmuggelten
Ware lag, um Gewinne aus Schleichhandel unmöglich zu machen und gleichzeitig
die selbständigen kolonialen Kaufleute auszuschalten.
Dieser unbedachte
Schritt empörte die Händler und trieb sie erneut auf die Seite der "Patrioten",
denn das Prinzip des Monopols, nicht der Verlust im Teehandel, wurde
als Hauptdrohung empfunden. Nahezu alle Kolonien unternahmen Schritte,
um die East India Company an der Verwirklichung ihrer Absichten zu hindern.
In den Hafenstädten - mit Ausnahme von Boston - wurden die Vertreter
der Gesellschaft "überredet", ihre Posten aufzugeben; neu eintreffende
Teesendungen wurden entweder nach England zurückgeschickt oder eingelagert.
In Boston aber verweigerten die Vertreter der East India Company den
Rücktritt und trafen mit Unterstützung des königlichen Gouverneurs Vorbereitungen,
allem Widerstand zum Trotz die eingelaufenen Frachten zu löschen. Die
"Patrioten" unter Samuel Adams antworteten mit Gewalt. Am Abend des
16. Dezember 1773 bestiegen als Mohawk-Indianer verkleidete Männer drei
vor Anker liegende Teeschiffe und warfen die "anstoßerregenden"
schwarzen Blätter ins Meer.
England
sah sich nun einer schicksalhaften Entscheidung gegenüber. Die East
India Company hatte nach einem Gesetz des Parlaments gehandelt; blieb
die gewaltsame Zerstörung des Tees ungestraft, dann würde alle Welt
zu dem Schluß gezwungen sein, dass das britische Parlament die
Macht über die Kolonien verloren hatte. Die offiziellen englischen Kreise
verurteilten daher fast einstimmig die Boston Tea Party als einen Akt
roher Zerstörungswut und begrüßten die Maßnahmen, die
zur Unterdrückung der aufrührerischen Kolonisten vorgeschlagen wurden,
von ganzem Herzen. Neue Gesetze — von den Kolonisten "Zwangsgesetze"
genannt—ergingen: das sogenannte Bostoner Hafengesetz sperrte den Hafen
der Stadt solange, als der Tee nicht bezahlt war. Dies traf ins Herz,
denn eine Stadt wie Boston war ohne Seeverkehr verloren. Bald darauf
wurde der englische König ermächtigt, die Mitglieder des Rats von Massachusetts
zu ernennen, die früher von den Kolonisten gewählt worden waren; Geschworene,
bisher von den Bürgerversammlungen gewählt, sollten fortan von den Sheriffs
— Mittelsmännern des Gouverneurs — berufen werden. Die Bürgerversammlungen
durften nur noch mit Erlaubnis des Gouverneurs tagen; auch die Ernennung
und Abberufung von Richtern und Sheriffs wurde ihm nun überantwortet.
Ein Einquartierungsgesetz wurde erlassen, das die örtlichen Behörden
zwang, geeignete Quartiere für britische Soldaten bereitzustellen. Kamen
sie ihren Verpflichtungen nicht nach, dann konnten die Gouverneure Gaststätten,
Bierkneipen oder andere Gebäude für diesen Zweck beschlagnahmen. Auch
das ungefähr gleichzeitig erlassene "Quebec-Gesetz" (Quebec Act) wurde
in den Kolonien feindselig aufgenommen, denn es vergrößerte
die Provinz Quebec und gewährte den französischen Einwohnern Glaubensfreiheit
und eigenes Recht. Die Kolonisten bekämpften dieses Gesetz, weil es
ohne Rücksicht auf alte, urkundlich festgelegte Ansprüche in den Zug
nach dem Westen störend einzugreifen und ihnen im Norden und Nordwesten
durch eine römisch-katholisch beherrschte, absolutistische Provinz Halt
zu bieten drohte. Obwohl das "Quebec-Gesetz" nicht als Strafe gedacht
war, zählten es die Amerikaner zu den "Zwangsgesetzen", die schließlich
als "die fünf untragbaren Gesetze" in aller Munde waren.
Mit solchen Gesetzen
war Massachusetts nicht zu bezwingen, ja, sie bewirkten gegen die Absicht
des Gesetzgebers, dass andere Kolonien zu Hilfe eilten. Auf Anregung
der Volksvertreter von Virginia wurden Delegierte der Kolonien für den
5. September 1774 zu einer Tagung nach Philadelphia geladen, um über
"die gegenwärtige unglückliche Lage der Kolonien" zu beraten.
Mit diesem ersten
"Kontinentalen Kongreß" waren die Kolonien voll über das bestehende
Recht hinausgegangen; seine Mitglieder waren von Provinzialkongressen
oder Volksversammlungen gewählt und handelten nach ihren Aufträgen.
Die Folge war, dass die Partei der "Patrioten", die über das bestehende
Recht hinaus zu Taten gedrängt hatte, die Oberhand gewann und dass die
Konservativen, die mit einer Auflehnung gegen britische Gesetze nichts
zu tun haben wollten, im Kongreß nicht vertreten waren. Im übrigen
stellten die Kongreßteilnehmer — von den gemäßigten
bis zu den stürmisch vorwärtsdrängenden— einen guten Querschnitt durch
die öffentliche Meinung Amerikas dar. Abgesehen von Georgia hatte jede
Kolonie zumindest einen Delegierten entsandt, und die Gesamtzahl von
55 Teilnehmern war groß genug, um Meinungsverschiedenheiten klar
hervortreten zu lassen, klein genug, um echte Diskussionen und frische
Taten zu ermöglichen.
Da die Meinungen
in den Kolonien geteilt waren, sah sich der Kongreß in einem leidigen
Zwiespalt: er mußte den Eindruck von Entschlossenheit und Einmütigkeit
erwecken, um die britische Regierung zu Zugeständnissen zu überreden,
und durfte doch keinerlei Radikalismus oder "Unabhängigkeitsgeist" zeigen,
um die gemäßigten Amerikaner nicht abzuschrecken. Einer vorsichtigen
Eröffnungsrede folgte ein Beschluß, der die Kolonien vom Gehorsam
gegen die "Zwangsgesetze" freisprach. Daran schloß sich eine an
das Volk von Großbritannien und an die Kolonien gerichtete "Erklärung
der Rechte und Beschwerden" (Declaration of Rights and Crievances) der
Kolonien und eine Petition an den englischen König, die noch einmal
die früheren Argumente gegen die englische Bevormundung zusammenfaßte,
dem Parlament jedoch die Zuständigkeit für den Außenhandel der
Kolonien und für die Angelegenheiten des Gesamtreiches nicht bestritt.
Die wichtigste Leistung des Kongresses aber war die Bildung einer Association
zur Wiederaufnahme des Handelsboykotts und zur Einrichtung von Überwachungsausschüssen
in jeder Stadt und jedem Landkreis, um Einfuhr, Ausfuhr, und Verbrauch
von Waren zu kontrollieren. Komitees sollten die Zollregister einsehen,
die Namen der Kaufleute veröffentlichen, die gegen die Abmachungen verstießen,
importierte Ware konfiszieren und die Bevölkerung "zu Genügsamkeit,
Sparsamkeit und Fleiß anhalten."
Mit der Association
trat zum ersten Mal die organisierte Revolution auf den Plan, denn die
neuen lokalen Organisationen rissen nun überall, auf den "Korrespondenz-Ausschüssen"
aufbauend, die Führung an sich. Sie setzten alles daran, den letzten
Rest königlicher Macht zu beseitigen; die Unentschlossenen wurden eingeschüchtert,
bis sie sich der Volksbewegung anschlössen, die offenen Gegner rücksichtslos
verfolgt. Die Komitees brachten das erste Kriegsmaterial zusammen, beriefen
Truppen ein und erhitzten die Stimmung im Volk zur Weißglut.
Durch die Arbeit
der Komitees der Association vertiefte sich der Zwiespalt, der nach
und nach in der Bevölkerung entstanden war, zu einer unüberbrückbaren
Kluft. Viele Amerikaner hatten der Widerstandsbewegung fürs erste zu
größerer Vorsicht geraten; sie waren in der überwiegenden
Mehrheit gegen die Übergriffe Englands in die Rechte der Amerikaner,
wollten jedoch die Gegensätze durch Diskussion und gütlichen Vergleich,
nicht durch einen offenen Bruch, aus der Welt schaffen. Die zum Kompromiß
neigende Gruppe war jedoch nicht einheitlich: sie schloß die Mehrheit
der von der Krone bestellten Beamten aller Art ein, ferner viele bedeutende
und unbedeutende Quäker und Mitglieder anderer religiöser Sekten, die
Gewaltanwendung in jeder Form ablehnten; sie zählte viele Kaufleute,
namentlich aus den Siedlungen der mittleren Region, und ein paar unzufriedene
kleine Farmer und Grenzer aus dem Inneren der Kolonien im äußersten
Süden. Auf der Seite der Patrioten standen nicht nur die ärmeren Klassen,
sondern auch viele Angehörige der freien Berufe, besonders Anwälte,
die Mehrheit der bedeutenden Pflanzer des Südens und eine beträchtliche
Anzahl von Kaufleuten.
Was nach Erlaß
der "Zwangsgesetze" geschah, war durchaus geeignet, den Loyalisten Angst
und Schrecken einzujagen. So wäre es dem König ein Leichtes gewesen,
sich mit ihnen zu verbünden und durch rechtzeitig-kluges Nachgeben ihre
Position so zu stärken, dass die "Patrioten" die Feindseligkeiten nur
schwer hätten fortsetzen können. Aber Georg III. dachte nicht daran,
Zugeständnisse zu machen. Im September 1774 antwortete er auf eine Petition
von Quäkern aus Philadelphia mit Verachtung: "Die Würfel sind gefallen",
schrieb er; "die Kolonien müssen entweder siegen oder sich fügen." Durch
diese Haltung zog der König den Loyalisten oder Tories, wie man sie
nun zu bezeichnen anfing, den Boden unter den Füßen weg.
Sie hatten ihren Gesinnungsgenossen jetzt nichts anderes zu bieten als
eine vollkommene und verächtliche Unterwerfung und bedingungslose Annahme
der äußersten Forderungen des englischen Parlaments. Den
Gemäßigten blieb nur die Wahl, die Patrioten, nun Whigs genannt,
zu unterstützen; jeder andere Weg hätte sie um alle ihre Freiheiten
gebracht. Eine regelrechte Verfolgung der Tories setzte ein: Müller
weigerten sich, ihr Korn zu mahlen, Arbeiter wollten nicht für sie arbeiten,
sie konnten weder kaufen noch verkaufen. Man schmähte sie als Verräter,
und die Komitees veröffentlichten ihre Namen, "um sie zu wohlverdienter
Schmach und Schande der Nachwelt zu überliefern."
General Thomas
Gage, ein liebenswürdiger, mit einer Amerikanerin verheirateter englischer
Gentleman, befehligte die Garnison in Boston, wo der Handel fast ganz
der Politik zum Opfer gefallen war. Einer der führenden Patrioten der
Stadt, Dr. Joseph Warren, hatte am 20. Februar 1775 einem Freunde nach
England geschrieben: "Noch ist es für die gütliche Beilegung des Konflikts
nicht zu spät. Sollte General Gage jedoch tatsächlich mit seinen Truppen
ins Hinterland marschieren, um die unlängst vom Parlament erlassenen
Gesetze mit Gewalt durchzusetzen, dann bin ich allerdings überzeugt,
dass Großbritannien zumindest Neu-England und, wenn mich nicht
alles täuscht, ganz Amerika wird Adieu sagen müssen. Wenn in der Nation
noch ein bißchen Weisheit lebt, so gebe Gott, dass ihr schleunigst
zu ihrem Recht verholfen werde!"
General Gage aber
hatte die Pflicht, den "Zwangsgesetzen" Achtung zu verschaffen. Er erhielt
die Nachricht, dass die "Patrioten" von Massachusetts Pulver und
andere Kriegsvorräte in der im Hinterland gelegenen Stadt Concord, gute
dreissig Kilometer von Boston entfernt, zusammengetragen hatten, und
entsandte am Abend des 18. April 1775 eine starke Abteilung seiner Garnison
dahin, um die Vorräte zu beschlagnahmen und Samuel Adams und John Hancock
festzunehmen. (Beide sollten auf Befehl des Königs nach England gebracht
und dort wegen Hochverrats abgeurteilt werden.) Die Nachricht verbreitete
sich wie ein Lauffeuer, und als die britischen Truppen nach einem Nachtmarsch
das Dorf Lexington erreichten, sahen sie im frühen Morgennebel eine
Bereitschaft von fünfzig grimmigen, bewaffneten Kolonisten (Minute Men)
auf der Gemeindewiese angetreten. Ein Moment des Zauderns, Rufe und
Befehle auf beiden Seiten, und dann — inmitten des allgemeinen Lärms
— ein Schuß! Beide Seiten gaben Feuer; als sich die Amerikaner
zerstreut hatten, waren acht ihrer Leute auf dem Felde geblieben. Das
erste Blut im Unabhängigkeitskriege war geflossen.
Die
englischen Soldaten stießen bis Concord vor, wo' die "Farmer,
in Schlachtordnung" an der Brücke aufgestellt, "den Schuß abgaben,
der in der ganzen Welt widerhallte." Nachdem die britischen Regimenter
wenigstens einen Teil ihres Zieles erreicht hatten, traten sie den Rückmarsch
an; doch auf dem ganzen Weg lauerte hinter Steinmauern, Erdhügeln und
Häusern die Miliz, die aus den nahen Dörfern und Farmen herbeigeeilt
war, um die leuchtend roten Röcke aufs Korn zu nehmen. Die Beteiligung
des Volkes an diesem ersten Gefecht der Revolution war so stark, dass
der britische Trupp von ursprünglich 2 500 Mann nahezu dreimal so hohe
Verluste zählte wie die Kolonisten, als er schließlich erschöpft
nach Boston zurückgekommen war.
Der Bericht von
Lexington und Concord durchfuhr die Kolonien wie ein elektrischer Schlag.
Krieg — richtiger Krieg — stand vor der Tür, darüber konnte kein Zweifel
mehr bestehen. Ein Komitee gab das Signal dem anderen weiter, die dreizehn
Staaten hindurch, der Funke — Lexington—hatte gezündet und den gemeinsamen
Verteidigungswillen entflammt. Innerhalb von zwanzig Tagen hatte die
Nachricht, oft einseitig ausgeschmückt, das Volk von Maine bis Georgia
in Patriotismus vereint.
Während Lexington
und Concord noch in aller Munde waren, trat der Zweite Kontinentale
Kongreß am 10. Mai 1775 in Philadelphia unter dem Vorsitz von
John Hancock, einem reichen Bostoner Kaufmann, zusammen. Wie Thomas
Jefferson gehörte ihm auch der ehrwürdige Benjamin Franklin an, der
eben in London als "Mittelsmann" verschiedener Kolonien vergeblich einen
Ausgleich zustandezubringen gesucht hatte.
Der
Kongreß hatte sich kaum konstituiert, als er sich schon mit dem
Problem des offenen Krieges befassen mußte. Die wahre Stimmung
des Kongresses offenbarte sich, trotz einiger Gegenströmungen, in einer
aufrüttelnden Erklärung über "Ursachen und Notwendigkeit des Waffenganges",
von John Dickinson und Thomas Jefferson gemeinsam verfaßt:
"Unsere Sache ist
gerecht, unsere Einigkeit vollkommen. Unsere eigenen Hilfsmittel sind
bedeutend, Hilfe vom Ausland wird, wenn nötig, ohne allen Zweifel zu
erhalten sein . . . Wir werden die Waffen, die uns unsere Feinde in
die Hand gezwungen haben, . . . für die Erhaltung unserer Freiheiten
führen, einmütig entschlossen, lieber als freie Männer zu sterben denn
als Sklaven zu leben . . ."
Noch während der
Beratung dieser Erklärung übernahm der Kontinentale Kongreß die
Milizen der Kolonien und ernannte Oberst George Washington zum Oberbefehlshaber
der amerikanischen Streitkräfte. Innere Echtheit, Selbstbeherrschung
und Würde machten ihn menschlich überlegen und hielten Leidenschaft
und Geduld im Gleichgewicht; er war von vollendetem physischem und moralischem
Mut und besaß hohe Führerqualitäten; ein gesundes Urteil und ein
zuverlässiges Wissen machten ihn groß, und sein gesunder Menschenverstand
"erhob ihn ins Geniale." Glaubte er an eine Sache, so stand er aufrichtig,
fest und überzeugt zu ihr. "Niederlagen sind nur ein Grund für noch
größere Anstrengungen", schrieb er. "Das nächste Mal werden
wir es besser machen." Die Siege der kommenden Jahre entsprangen diesem
Geist und seiner Gabe für militärische Organisation.
Trotz der kriegerischen
Verwicklungen aber und trotz der Ernennung eines Oberbefehlshabers war
der Gedanke einer völligen Trennung von England vielen Kongreßmitglieder
und einem großen Teil des Volkes noch immer zuwider. Die öffentliche
Meinung war für einen so drastischen Schritt noch nicht reif. Dabei
war es allen klar, dass die Kolonien nicht ewig in einer Zwitterstellung
zum Empire verbleiben konnten. Die Gemäßigten redeten sich
jedoch ein, dass sie nicht den König, sondern nur seine Minister bekämpften,
und noch im Januar 1776 tranken General Washington und seine Offiziere
allabendlich auf die Gesundheit des Königs. Im Laufe der nächsten Monate
zeigte es sich immer deutlicher, wie schwer es für die Kolonien war,
Krieg zu führen, solange sie noch zum britischen Empire gehörten.
England aber verweigerte
einen gütlichen Vergleich, und am 23. August 1775 erließ König
Georg eine Proklamation, in der der Stand der Kolonien als Rebellion
bezeichnet wurde. Fünf Monate später erschien Thomas Paines "Common
Sense", eine Flugschrift von fünfzig Seiten. In kraftvoll-flammenden,
aufrüttelnden Worten machte er seinen Lesern klar, dass die Unabhängigkeit
der Kolonien notwendig geworden war; er verstand, dass die geheiligte
Person des Königs der Bewegung am stärksten im Wege stand, und griff
sie an: er machte die Idee des Erbkönigtums lächerlich und erklärte,
dass ein ehrlicher Mann wertvoller für die Gesellschaft sei als "alle
gekrönten Lumpen, die je gelebt haben." Es klang überzeugend, wenn er
die Alternative formulierte: dauernde Unterwerfung unter einen tyrannischen
König und eine überlebte Regierungsform, oder Freiheit und Glück in
einer unabhängigen, auf sich selbst gestellten Republik.
Die Broschüre hatte
unabsehbare Wirkungen. In wenigen Monaten waren Tausende von Exemplaren
überall in den Kolonien verbreitet und halfen, Überzeugungen zu festigen
und Unentschlossene und Schwankende für die Sache der Freiheit zu gewinnen.
Wohl begann das
Volk jetzt, den Gedanken der Trennung vom Mutterland ernsthaft zu erwägen;
aber noch blieb die Aufgabe, jede einzelne Kolonie für eine formelle
Unabhängigkeitserklärung zu gewinnen. Paine hatte darauf hingewiesen,
dass die Kolonien "den Gipfel der Inkonsequenz erreicht hätten": sie
befänden sich in offenem Aufruhr, besäßen ein eigenes Heer
und eine eigene Flotte, ihre Regierungen kümmerten sich weder um den
König noch um das Parlament. In dieser Situation nicht den letzten Schritt
zu tun, sei die Höhe der Ungereimtheit.
Im Kontinentalen
Kongreß herrschte Einstimmigkeit darüber, dass ein so endgültiger
Schritt wie die Erklärung der Unabhängigkeit nicht ohne ausdrückliche
Anweisung der Kolonien unternommen werden dürfe. Aber Tag für Tag hörte
der Kongreß, dass neue, jenseits des alten Rechts stehende Regierungen
in den Kolonien errichtet und dass Delegierte ermächtigt worden waren,
für die Unabhängigkeit zu stimmen. Gleichzeitig gewannen die Radikalen
innerhalb des Kongresses mehr und mehr die Oberhand; sie bauten ihre
"Korrespondenz-Ausschüsse" aus, erhielten schwache Komitees künstlich
am Leben und erhitzten die patriotischen Gemüter mit flammenden Aufrufen.
Schließlich, als am 10. Mai 1776 eine Entschließung angenommen
wurde, "den gordischen Knoten zu durchhauen", fehlte nur noch die formelle
Erklärung. Am 7. Juni brachte Richard Henry Lee aus Virginia auf Anweisung
seines Staates eine Resolution ein, die sich für Unabhängigkeit, Bündnisse
mit dem Ausland und einen föderativen Zusammenschluß der amerikanischen
Kolonien aussprach. Unverzüglich wurde ein Komitee bestimmt, um in aller
Form eine Erklärung aufzusetzen, in der "die Gründe, die uns zu diesem
gewaltigen Entschluß gezwungen haben", dargelegt werden sollten.
Ein fünfköpfiger Ausschuß unter der Leitung von Thomas Jefferson
wurde mit der Ausarbeitung des Dokuments beauftragt.
Jefferson, der
von der Abgeordnetenkammer von Virginia nach Philadelphia entsandt worden
war, besaß trotz seiner 33 Jahre bereits einen guten Ruf als Politiker.
Obwohl er dem (niederen) Patriziat Virginias entstammte, war er in seinen
Jugendjahren, die er im demokratischen Hinterland verbracht hatte, zum
Feind patrizischer Rechte und Privilegien geworden; Reiten, Schiessen
und eine Vorliebe für Geigenspielen hatten ihn nicht gehindert, seinen
mächtigen Wissensdurst, wo und wie immer er konnte, zu befriedigen.
Es steht außer Frage, dass kein geeigneterer Mann für die Abfassung
der großen Erklärung hätte gefunden werden können. Jefferson wußte,
dass ein bitterer Krieg über Amerika hereinbrechen würde, aber er glaubte
daran, dass "der Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von
Patrioten und Tyrannen begossen werden müsse!" Und obwohl zu jenem Zeitpunkt
noch kein System gefunden worden war, das die Funktionen der früheren
Regierung, auf deren Zerstörung nun alles hinzielte, hätte übernehmen
können, befürwortete Jefferson zu keiner Zeit ein allzustrammes Regiment.
Er wußte, dass die Regierungsgewalt nur beim Volke selbst sicher
aufgehoben war. Die Herrschaft einer kleinen Zahl von Auserwählten bezeichnete
er als "verwerfliche Verschwörung gegen das Glück der Massen." Jefferson
empfand die großen Grundsätze, die in der Unabhängigkeitserklärung
ausgesprochen sind, mit derselben Tiefe wie das einfache Volk, für das
er sie schrieb; er sprach die Sprache des Volkes und dachte seine Gedanken;
wie ein Zeitgenosse es ausdrückte, "er hauchte dem kalten Geschehen,
das zur Unabhängigkeit führte, die Seele des neuen Erdteils ein."
Die
am 4. Juli 1776 angenommene Unabhängigkeitserklärung verkündete nicht
allein die Geburt einer neuen Nation, sondern vertrat eine Lehre von
der Freiheit der Menschen, die eine dynamische Kraft in der gesamten
westlichen Welt werden sollte. Sie wollte nicht einzelne besondere Beschwerden
zum Ausdruck bringen, sondern den Gedanken von der Freiheit des Individuums
verkünden, der der Unterstützung ganz Amerikas sicher war. Ihr politisches
Glaubensbekenntnis war unmißverständlich:
"Wir halten diese
Wahrheiten für unmittelbar einleuchtend: dass alle Menschen gleich geschaffen
sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen
Rechten ausgestattet sind, so mit Leben, Freiheit und dem Streben nach
Glück; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen
aufgerichtet sind, die ihre gerechten Vollmachten von der Zustimmung
der Regierten herleiten; und dass, so jemals eine Regierungsform diesen
Zielen gefährlich werden sollte, das Volk das Recht hat, sie zu ändern
oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solchen
Prinzipien gegründet ist, und deren Befugnisse in einer Weise festgelegt
sind, die ihm am meisten geeignet erscheint, Sicherheit und Glück zu
gewährleisten."
"Diese Wahrheiten"
waren nicht ursprüngliche Schöpfungen Jeffersons, sondern bildeten politische
Ideen, die seinen Zeitgenossen und den meisten Menschen, die nach ihnen
kamen, "unmittelbar einleuchteten." Jeffersons Ideen und Formulierungen
hatten ihren Ursprung in der politischen Philosophie Englands, vor allem
in James Harringtons Oceana und in John Lockes Second Treatise on Covernment
(Zweitem Traktat über Regierung). Aber der Geist des Dokuments entsprang
der erwachenden Gewißheit der Menschen, dass die Regierung für
das Volk da sein soll und nicht das Volk für die Regierung. Jefferson
sah Zweck und Ziel einer Regierung darin, den Menschen zu helfen und
ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Glück zu schützen, nicht, sie zu unterdrücken
oder zu mißbrauchen.
Die
Unabhängigkeitserklärung diente nicht allein dazu, die Trennung von
England anzukündigen. Sie begeisterte die Massen für die Sache Amerikas,
denn sie weckte in den einfachen Menschen das Bewußtsein ihrer
eigenen Bedeutung und feuerte sie an, für persönliche Freiheit, Selbstverwaltung
und einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu kämpfen. Und da die
in der Unabhängigkeitserklärung erhobenen Anklagen den englischen König
Georg III. zum Mittelpunkt hatten, wurde der Konflikt zu einer persönlichen
Auseinandersetzung — statt eines Protestes gegen tote Paragraphen und
ein abstraktes Parlament zu einem Kampf gegen einen unmittelbaren Gegner
aus Fleisch und Blut. Es war die eigene Sache, für die man kämpfte,
und der persönliche Feind, den es zu besiegen galt: das brachte die
Revolution dem Volke nahe und verlieh ihr die begeisternde Kraft einer
Volksbewegung.
Der Unabhängigkeitskrieg
zog sich über sechs Jahre hin; es gab Scharmützel in allen Kolonien,
doch nicht mehr als zwölf davon waren Schlachten von Bedeutung. Schon
vor der Unabhängigkeitserklärung war es zu Kampfhandlungen gekommen,
die einen wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Krieges hatten,
so z. B. zur Unterdrückung der Loyalisten in Nord-Carolina im Februar
1776 und zur Vertreibung der britischen Streitkräfte aus Boston im März
desselben Jahres. In den ersten Monaten ihrer Unabhängigkeit erlitten
die Amerikaner eine Reihe schwerer Rückschläge, den ersten in New York.
Washington hatte
vorausgesagt, dass New York, der Nachschubhafen Neu-Englands für Kriegsmaterial
und Truppen, eines der ersten militärischen Ziele des Feindes werden
würde. Der britische Befehlshaber, General Sir William Howe, griff die
Stadt jedoch nicht gleich zu Anfang an. Er war ein Freund der amerikanischen
Sache und wollte das Schwert nicht ziehen, ohne es zuvor mit einem Ölzweig
versucht zu haben; er versprach den Rebellen, der englische König werde
Milde walten lassen, wenn sie den Kampf einstellten. Wirksame Sicherheiten
für eine Freiheit im Rahmen des Empires waren jedoch nicht von ihm zu
erhalten; sein Angebot wurde zurückgewiesen, und nun rückten dreissigtausend
britische Soldaten, unterstützt von der britischen Flotte, gegen General
Washingtons achtzehntausend Mann vor.
New York war kaum
zu verteidigen; darüber war sich Washington im klaren. Aber die Ehre
verlangte, dass die Stadt nicht kampflos preisgegeben würde. Eine Schlacht
entwickelte sich: Washington machte strategische Fehler; die Generäle
führten seine Befehle nicht aus, und die Übermacht der Engländer war
überwältigend. Als er seine Stellung nicht mehr halten konnte, setzte
er in einem meisterhaften Rückzug seine Truppen in Booten von Brooklyn
nach Manhattan über. Zum Glück blies ein starker Nordwind, so dass die
britischen Kriegsschiffe den East River nicht befahren konnten. Hätte
Howe verstanden, was sich ereignete, dann hätte er die amerikanische
Sache empfindlich treffen, vielleicht dem Krieg überhaupt ein Ende machen
und Washingtons Armee gefangen nehmen können. Der Kongreß hätte
dann nur unter allergrößten Schwierigkeiten ein neues Heer
aufstellen können. Howe aber verfehlte die Gelegenheit.
Washington wurde
immer weiter zurückgedrängt, konnte jedoch seine Truppen bis Jahresende
einigermaßen zusammenhalten. Die wichtigen Siege von Trenton und
Princeton ließen die Hoffnungen der Kolonisten wieder aufleben.
Dann kam neues Unglück. Im September 1777 eroberte Howe Philadelphia,
vertrieb den Kongreß und zwang Washington und seine Soldaten zu
einem Winter voll Verzweiflung in Valley Forge. Die Patrioten erfroren
fast an ihren Lagerfeuern und ihre wunden Füße hinterließen
blutige Spuren im Schnee. Die Niederlage schien sicher.
Dieser gleiche
bittere Herbst 1777 brachte jedoch den Amerikanern mit dem größten
Sieg, den sie im Revolutionskrieg errangen, den Wendepunkt ihres militärischen
Schicksals. Der britische General Burgoyne hatte seine Truppe von Kanada
nach Süden verschoben, um die Linie Champlain-See — Hudson zu besetzen
und so Neu-England völlig von den anderen Kolonien zu isolieren, und
hatte den Oberlauf des Hudson erreicht, wo er bis Mitte September auf
Nachschub warten mußte, ehe er weiter nach Süden vordringen konnte.
Er wußte so wenig von amerikanischer Geographie, dass er es für
ein leichtes hielt, mit einer Streifabteilung durch Vermont den Connecticut
entlang nach Süden und wieder zurück zu marschieren und unterwegs Vieh,
Zugtiere, Wagen und wenigstens dreizehnhundert Kavalleriepferde für
die Armee zu requirieren—alles in vierzehn Tagen! Die dreihunderfünfundsiebzig
unberittenen hessischen Dragoner und etwa dreihundert Tories, die er
für dieses Stückchen ausgesucht hatte, erreichten nicht einmal Vermont.
Die Miliz von Vermont hielt sie auf, und nur wenige Hessen fanden je
den Weg zurück. Unterdessen hatten die Amerikaner im Mohawktal die vom
Erie-See anrückenden britischen Verstärkungen daran gehindert, sich
mit Burgoyne zu vereinigen.
Die Schlacht an
der Grenze Vermonts hatte die Bevölkerung des nördlichen Neu-England
zu den Waffen gerufen; Burgoynes erzwungener Aufenthalt ermöglichte
es Washington, ihnen reguläre Truppen vom unteren Hudson zu Hilfe zu
schikken. (Die Truppen in Valley Forge waren inzwischen durch den deutschen
Baron Friedrich Wilhelm von Steuben, den neuernannten verdienten Generalinspekteur
der Armee, zu einer kampftüchtigen Einheit zusammengeschweißt
worden.) Als Burgoyne seine schwerfällige Streitmacht endlich in Marsch
bringen konnte, lief er einer von den Erfolgen ihrer Waffengefährten
trunkenen Yankee-Miliz in die Arme, die durch reguläre Truppen verstärkt
worden war und von einem ausgezeichneten General der regulären Armee
befehligt wurde. Als der erste frühe Frost einfiel, begann der Kampf.
Zwei Angriffe Burgoynes wurden abgeschlagen, dann wichen die Briten
nach Saratoga zurück, viele Hessen liefen vor dem Herbstregen davon,
Amerikaner schwärmten auf allen Seiten und bedrohten Vor- und Nachhut
und die Flanken. Am 17. Oktober 1777 ergab sich Burgoyne mit seiner
gesamten, noch immer über fünftausend Mann starken Armee dem amerikanischen
General Gates. Das war der Schlag, der letztlich den Krieg entschied,
denn er hatte nicht nur weitreichende strategische Folgen, sondern brachte
auch Englands Erzfeind Frankreich auf Amerikas Seite.
Seit
seiner Niederlage im Jahre 1763 hatte Frankreich nach einer Gelegenheit
für Revanche Ausschau gehalten. Seine Begeisterung für die Sache der
Amerikaner war groß; die gebildete Schicht in Frankreich war in
Aufruhr, noch nicht eigentlich für eine Republik, aber gegen Feudalherrschaft
und Privilegien, und nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
hatte man Benjamin Franklin am französischen Hofe äußerst
warm empfangen. Die französische Regierung war von Anfang an nicht neutral
gewesen, sondern hatte Amerika mit Waffen und anderem Kriegsbedarf unterstützt,
scheute aber zunächst noch vor einer offenen Intervention zurück, um
Krieg mit England zu vermeiden. Nach Burgoynes Kapitulation jedoch gelang
es Franklin, einen Handels- und Bündnisvertrag abzuschließen,
in dem die Partner einander versprachen, bis zur Anerkennung der Unabhängigkeit
Amerikas gemeinsame Sache zu machen. Viele französische Freiwillige
hatten sich ohnedies schon nach Amerika eingeschifft. Der hervorragendste
unter ihnen war der Marquis de Lafayette, ein Offizier der Armee, der
voll jugendlicher Begeisterung darauf brannte, Amerikas Freiheitskampf
zu unterstützen, Frankreichs Ruhm zu erhöhen und England zu demütigen
und dabei seine persönlichen militärischen Fähigkeiten zu beweisen.
Er trat als General ohne Besoldung in Washingtons Armee ein und bewährte
sich so ausgezeichnet, dass er die Achtung des großen Amerikaners
gewann, den er wie einen Helden verehrte.
Im Winter 1779/80
fuhr Lafayette nach Versailles und bestürmte die französische Regierung,
ernstlich einzugreifen und den Krieg einem baldigen Ende zuzuführen.
Bald darauf entsandte Ludwig XVI. Ein ausgesuchtes Expeditionskorps
von sechstausend Mann unter General Rochambeau, und französische Flotteneinheiten
verschärften die Nachschub- und Verpflegungsschwierigkeiten der Engländer,
deren Handel schwer durch die französischen und amerikanischen Blockadebrecher
(Privateers — Freibeuter — genannt) und durch die Aktionen des verwegenen
amerikanischen Kapitäns John Paul Jones litt. Auch der Kriegseintritt
Spaniens und der Niederlande schadete England.
Trotzdem kämpften
die Briten hartnäckig weiter. 1778 zwang sie die französische Flotte,
Philadelphia zu räumen, und im gleichen Jahr erlitten sie im Ohiotal
eine Reihe von Rückschlägen, die den Amerikanern die Herrschaft über
den Nordwesten sicherten. Im Süden aber behielten sie die Führung. Zu
Beginn des Jahres 1780 besetzten sie Charleston, den wichtigsten Hafen
des Südens, und, vorübergehend, die Carolina-Kolonien. Das Jahr darauf
versuchten sie, Virginia zu erobern. Im Sommer des gleichen Jahres gewann
jedoch die französische Flotte zeitweilig die Kontrolle über den Chesapeake
und einen Teil der amerikanischen Küstengewässer. Washingtons and Rochambeaus
Truppen wurden in Kriegsschiffen über die Chesapeakebucht gesetzt und
schlössen, insgesamt fünfzehntausend Mann stark, Lord Cornwallis' achttausend
Mann bei Yorktown an der Küste Virginias ein. Cornwallis' Übergabe am
19. Oktober 1781 setzte Englands Versuchen, die Revolution mit Waffengewalt
niederzuschlagen, ein Ende.
Als der Sieg der
Amerikaner bei Yorktown in Europa bekannt wurde, beschloß das
englische Unterhaus, den Krieg zu beenden. Kurz darauf trat der Ministerpräsident,
Lord North, zurück, und der König berief eine neue Regierung, die Amerikas
Unabhängigkeit anerkennen und Frieden schließen sollte. Im April
1782 begann die letzte, ernste Phase der Friedensverhandlungen, die
sich bis zur Unterzeichnung von Präliminarverträgen Ende November hinzogen.
Die Verträge sollten jedoch erst in Kraft treten, wenn auch Frankreich
mit Großbritannien Frieden geschlossen hatte. 1783 wurden die
Abmachungen als definitiv anerkannt und unterzeichnet.
Der Friedensvertrag
bestätigte den dreizehn amerikanischen Staaten Unabhängigkeit, Freiheit
und Souveränität und sprach ihnen das begehrte Gebiet im Westen bis
zum Mississippi zu; die Nordgrenze verlief ungefähr auf der heutigen
Linie. Der Kongreß sollte darauf hinwirken, dass die Staaten den
Loyalisten ihren beschlagnahmten Besitz zurückerstatteten, und die Bevölkerung
der Vereinigten Staaten erhielt das Recht, vor der neufundländischen
Küste zu fischen und den Fang in den unbesiedelten Teilen Neu-Schottlands
und Labradors zu trocknen.
Mit der gewonnenen
Unabhängigkeit waren die Amerikaner nicht nur aller auswärtigen Herrschaft
ledig, sondern hatten auch die Freiheit erkämpft, ihre neue Gesellschaft
auf den politischen Idealen ihrer eigenen, von Europa verschiedenen
Umwelt aufzubauen. Wohl hatten die Kolonien bei ihrem Aufstand den größten
Nachdruck auf Anerkennung ihrer Rechte unter der englischen Verfassung
gelegt: in Tat und Wahrheit aber hatten sie für neue politische Ideen
gekämpft, die ihr alleiniges Eigentum waren: für Selbstregierung durch
das Volk, das Grundprinzip der amerikanischen Demokratie, und, als ein
Zweites, für Örtlichdemokratische Selbstverwaltung, d.h. für das Recht,
unter Gesetzen zu stehen, die nicht Tausende von Kilometern entfernt
gemacht worden waren» Der Geist Amerikas ertrug keinen Unterschied zwischen
Mensch und Mensch vor dem Gesetz.
Das Wahlrecht,
das bei Abschluß der Revolution noch beschränkt war, wurde mit
jedem Jahrzehnt weiter ausgedehnt und wurde allgemein und gleich. Die
Gewißheit, dass Menschen unveräußerliche Rechte haben,
drang in die ganze Welt; binnen vierzig Jahren waren sämtliche spanischen
Besitzungen in Amerika dem Beispiel der englischen Kolonien gefolgt.
Wo immer in Europa die Revolution scheiterte, konnten die Menschen nach
der Neuen Welt auswandern und die zutiefst ersehnte Freiheit finden.
Es war das neue, revolutionäre Amerika, nach dem die Freunde der Freiheit
nun aus allen Teilen der Alten Welt zu strömen begannen, und Benjamin
Franklin, der während des Krieges in Frankreich tätig gewesen war, hatte
den Wanderungsstrom vorausgesagt: "Die Tyrannei in der Welt ist so allgemein,
dass die Aussicht auf eine Zuflucht in Amerika alle Freiheitsliebenden
mit tiefem Glücksgefühl erfüllt..."
Der Norweger Henrich
Steffens erinnerte sich noch in seinem späteren Leben an den Tag, da
der Sieg der Kolonien in Dänemark, wo er seine Kindheit verbracht hatte,
verkündet worden war:
"Ich erinnere mich noch lebhaft
des Tages, an dem der Friedensschluß, der Sieg im Kampf um die
Freiheit, gefeiert wurde. Es war ein schöner Tag. Die Schiffe im Hafen
waren festlich geschmückt, von den Masten wehten lange Wimpel. Die
prächtigsten waren am großen Flaggenmast achtern aufgezogen,
andere flatterten am Bug oder waren zwischen die Masten gespannt.
Eine leichte Brise war aufgekommen und blähte Fahnen und Wimpel .
. . Vater hatte ein paar Gäste ins Haus gebeten, und wir Knaben durften
gegen die sonst im Hause herrschende Gewohnheit bei Tisch erscheinen.
Vater erläuterte die Bedeutung des festlichen Tages, man füllte auch
unsere Gläser mit Punsch, und während wir tranken und die neue Republik
hochleben ließen, wurden die dänische und die nordamerikanische
Flagge in unserem Garten gehißt. . . Die Vorahnung großer
Ereignisse, die dieser Sieg nach sich ziehen würde, füllte die Herzen
mit Jubel. Es war der Frühschein eines neuen Morgens, der nach einem
blutigen Tag der Geschichte freundlich emporstieg."
