
Ausdehnung
und Reform
"Wir müssen alles abschaffen, was einem Vorrecht auch
nur ähnlich sieht."
— WOODROW WILSON, Botschaft an den Kongress vom 8. April
1913.
In dem knappen halben Jahrhundert zwischen zwei grossen
Kriegen — dem amerikanischen Sezessionskrieg und dem ersten Weltkrieg
— erreichten die Vereinigten Staaten von Amerika eine Stufe hoher Reife;
der vorwiegend landwirtschaftliche Charakter der Wirtschaft wich nun
einer weitgehenden Verstädterung — die Epoche der Kolonisation war zu
Ende. Grosse Fabriken und Walzwerke, transkontinentale Eisenbahnen,
blühende Städte und eine Konzentration des Grundeigentums gaben dem
Land ein neues Gepräge, und in ihrem Gefolge kamen die Schattenseiten
moderner Wirtschaftsentwicklung. Monopole traten auf, die Arbeitsbedingungen
in den Fabriken waren schlecht, die Städte entwickelten sich so schnell,
dass die große Masse weder angemessen untergebracht noch von der Verwaltung
erreicht werden konnte, und die Produktion der Fabriken überstieg vielfach
den vorhandenen Bedarf. Das amerikanische Volk und seine politischen
Führer — Cleveland, Bryan, Theodore Roosevelt und Wilson — protestierten
gegen diese Mißtände und verlangten mit Nachdruck Reformen von hohem
Idealismus im Entwurf und doch praktischem Realismus in der Durchführung,
denn — das war ihr Leitgedanke — "die Gesetzgebung muß das Übel an der
Wurzel packen." Die in der Reformepoche geleistete Arbeit trug auch
tatsächlich dazu bei, den während der Ära der Ausdehnung eingedrungenen
Übelständen wirksam Einhalt zu gebieten.
"Der Bürgerkrieg", heißt es bei einem amerikanischen Schriftsteller,
"bedeutete einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Landes. Er
brachte mit einem Schlag die Veränderungen ans Licht, die sich während
der vorausgegangenen zwanzig bis dreißig Jahre angebahnt hatten ..."
Die Erfordernisse des Krieges hatten die industrielle Produktion außerordentlich
gesteigert und die volle Entfaltung einer Wirtschaftsform beschleunigt,
die durch vorwiegenden Gebrauch von Eisen, Dampfmaschinen und elektrischer
Energie, sowie durch den machtvollen Fortschritt von Naturwissenschaft
und Erfindergeist gekennzeichnet war.
Bis
1860 waren 36000 Patente vergeben worden, doch diese Zahl verblasst
vor der Flut der späteren Erfindungen, denn von 1860 bis 1890 wurden
440000 Patente erteilt, und im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts
erreichte ihre Zahl fast die Millionengrenze. Der Dynamo, der im Prinzip
bereits 1831 entwickelt worden war, revolutionierte das Leben in Amerika
bald nach 1880, als Thomas Edison und andere Erfinder ihn praktisch
nutzbar machten; dank Samuel F. B. Morse, der 1844 die Telegraphie vervollkommnet
hatte, waren weit voneinander abliegende Gegenden auf dem Kontinent
binnen kurzer Zeit durch ein Netz von Telegraphenstangen und -drahten
verbunden; 1876 hatte Alexander Graham Bell erstmals einen Telephonapparat
öffentlich vorgeführt, und schon ein halbes Jahrhundert später gaben
16 Millionen Telephone Wirtschaft und Gesellschaft der Nation eine vorher
unbekannte Intensität. Das Tempo des Geschäftslebens wurde noch weiter
beschleunigt durch die Erfindung der Schreibmaschine (1867), der Addiermaschine
(1888) und der Registrierkasse (1897) ; die Erfindung der Linotype-Setzmaschine
(1886), die Rotationspresse und verbesserte Falzmaschinen ermöglichten
nun den Druck von 240 000 achtseitigen Zeitungen pro Stunde; bald nach
1880 gaben Edisons Glühbirnen Millionen von Haushalten besseres, sichereres
und billigeres Licht als je zuvor; Edison vervollkommnete auch den Phonographen
und entwickelte in Zusammenarbeit mit George Eastman die Kinematographie,
den Vorläufer des heutigen Films. Diese und zahlreiche andere praktische
Anwendungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse führten zu einer Steigerung
der Produktivität auf nahezu allen Gebieten.
Gleichzeitig gewann die Hauptindustrie des Landes — die
Eisen- und Stahlindustrie — unter dem Schutz hoher Zölle weiter an Boden.
Ihr erster Standort war in der Nähe der Erzlager in den Staaten des
Ostens gewesen; die Geologen entdeckten jedoch neue Eisenvorkommen im
Westen und trugen dadurch zur Ausbreitung der Eisenindustrie auch nach
dem Westen bei. Besonders wichtig waren in diesem Zusammenhang die Erzvorkommen
der Mesabi-Hügelkette am Westufer des Oberen Sees, die sich bereits
nach kurzer Zeit als eines der ergiebigsten Erzlager der Erde erweisen
sollten. Ihr Eisen lag unmittelbar unter der Erdoberfläche und konnte
leicht und billig geschürft werden, und da es in hohem Grade chemisch
rein war, konnte man es mit Hilfe des neuen Bessemer- und des Siemens-Martin-Verfahrens
zu hochwertigem Stahl veredeln und den Stahl für 35 Dollar je Tonne
— gegenüber meist etwa 300 Dollar je Tonne zuvor — verkaufen.
Grosse Verdienste um die Erhöhung der Stahlproduktion
erwarb sich vor allem Andrew Carnegie, einer der führenden Männer in
der Geschichte dieses Industriezweiges. Er war als Zwölfjähriger aus
Schottland nach Amerika eingewandert, hatte zunächst als Spuler in einer
Baumwollspinnerei gearbeitet und war später in einem Telegraphenamt
und schliesslich bei der Pennsylvania - Eisenbahngesellschaft angestellt
worden. Schon vor seinem 30. Lebensjahr hatte er seine Ersparnisse klug
und umsichtig investiert — von 1865 an in der Eisenindustrie — und hatte
im Laufe weniger Jahre mehrere Gesellschaften, die eiserne Brücken,
Eisenbahnschienen oder Lokomotiven herstellten, selbst organisiert oder
war an ihnen beteiligt. Zehn Jahre später erbaute er am Monongahelafluss
in Pennsylvania das damals grösste Stahlwerk Amerikas. Carnegies Unternehmen
wuchs von Jahr zu Jahr; er brachte allmählich nicht nur weitere Stahlwerke,
sondern auch Kokereien und Kohlenbergwerke, Eisenerzlager am Oberen
See, eine ganze Dampferflotte auf den Grossen Seen, eine Hafenstadt
am Eriesee und eine Zubringerbahn unter seine Kontrolle. Sein Unternehmen
war eng mit einem Dutzend anderer Betriebe verflochten, und gab ihm
so die Möglichkeit, sich günstige Geschäftsbedingungen mit den Eisenbahn-
und Schiffahrtsgesellschaften zu sichern; er verfügte auch über genügend
Kapital für den weiteren Ausbau und kannte keinen Mangel an Arbeitskräften.
Noch nie zuvor hatte Amerika ein ähnliches Beispiel industrieller Expansion
erlebt.
Die
Geschichte Andrew Carnegies verkörpert in mancher Hinsicht die Geschichte
des Unternehmertums in den Vereinigten Staaten. Carnegie beherrschte
seinen Industriezweig lange Zeit, aber es gelang ihm nie, sich ein vollständiges
Monopol über die für die Stahlerzeugung wichtigen Rohstoffe, Transportmittel
und Industrieanlagen zu sichern, und in den neunziger Jahren setzten
sich verschiedene Gesellschaften energisch gegen seine Vorrangstellung
zur Wehr. Carnegie dachte zunächst daran, den Kampf mit der Konkurrenz
aufzunehmen, weitere Gruben zu erwerben und seine wirtschaftliche Macht
noch weiter auszudehnen; alt und müde geworden, fand er sich aber schliesslich
doch dazu bereit, seine Unternehmen einer neuen Organisation einzugliedern,
in der die wichtigsten Eisen- und Stahlwerke des ganzen Landes zusammengefaßt
werden sollten.
Die United States Steel Corporation (Amerikanische Stahlgesellschaft),
die aus dieser Fusion im Jahre 1901 entstand, ist, ähnlich wie Carnegie,
typisch für einen wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß, der sich dreißig
Jahre lang vorbereitet hatte—den Zusammenschluß unabhängiger Industrieunternehmen
zu Kartellen oder Trusts. Diese Tendenz, deren Anfänge in die Zeit des
Sezessionskrieges zurückreichen, gewann in den siebziger Jahren ständig
an Kraft, denn die Unternehmer erkannten, daß sie Produktion und Märkte
kontrollieren konnten, wenn sich die konkurrierenden Firmen in einer
einzigen Organisation zusammenfinden würden, und entwickelten in den
"Corporations" und "Trusts" wirtschaftliche Organisationsformen, die
in vieler Hinsicht den großen Aufgaben der modernen Wirtschaft angemessen
schienen. Gesellschaften dieser Art konnten sich riesige Kapitalien
zunutze machen, denn sie reizten vor allem dadurch zu Investitionen,
dass sie den Besitzern von Aktien und Obligationen laufende Einnahmen
versprachen, aber die Aktionäre im Fall eines Konkurses nur bis zur
Höhe ihrer Beteiligung haftbar machten. Zusammenschluss zu einer Gesellschaft
sicherte den Einzelunternehmen darüber hinaus Existenz und sichere Kontrolle
über die Wirtschaft. Ein Trust war ein Zusammenschluss von Gesellschaften,
bei dem die Aktionäre ihre Aktien jeweils in die Hände von Treuhändern
(Trustees) legten und sie mit der Wahrnehmung der Interessen aller Beteiligten
betrauten. Diese Trusts ermöglichten Zusammenschlüsse grossen Stils,
zentrale Leitung und Verwaltung sowie gemeinsame Auswertung der Patentrechte;
ihre großen Kapitalquellen steigerten ihre Expansionskraft und ihre
Konkurrenzfähigkeit gegenüber ausländischen Unternehmen und ermöglichten
es ihnen, den Arbeitern, die zu jener Zeit gerade erst anfingen, sich
wirksam zu organisieren, harte Bedingungen zu diktieren, die Eisenbahnen
zu günstigen Tarifvereinbarungen zu zwingen und ihren Einfluß in der
Politik geltend zu machen.
Eine der ersten und mächtigsten Gesellschaften war die
Standard Oil Company; andere Trustgründungen und Zusammenschlüsse folgten
rasch, so in der Speiseöl- Blei-, Zucker-, Tabak- und Gummiindustrie.
Energische Unternehmer steckten sich ganze Industrien als ihren künftigen
Marktbereich ab: die Besitzer von vier großen Fleischkonservenfabriken
z. B., vor allem Philip Armour und Gustavus Swift, gründeten einen "Fleischtrust",
und die Familie McCormick sicherte sich die Vorherrschaft im Mähmaschinengeschäft.
Diese Tendenz kam deutlich in einer 1904 angestellten Untersuchung zum
Ausdruck, die ans Licht brachte, dass über 5000 zuvor unabhängige Gesellschaften
sich zu etwa 300 Industrie- Trusts zusammengeschlossen hatten.
Das
Nervenzentrum dieser neuen industriellen Gesellschaftsordnung war die
Stadt, in deren Bannkreis sich nun alle dynamischen Wirtschaftskräfte:
die grossen Konzentrationen von Kapital, Handels- und Finanzinstituten,
das Netz der Eisenbahnanlagen, die düsteren, rauchgeschwärzten Fabriken
und ein gewaltiges Heer von Arbeitern und Angestellten zusammenfanden.
Die Menschen strömten vom flachen Land und aus Übersee in die Dörfer,
die Dörfer wuchsen zu Landstädten heran — und die Städtchen wurden fast
im Handumdrehen zu Grosstädten! Noch im Jahre 1830 lebte nur einer von
je fünfzehn Amerikanern in Gemeinden mit 8000 Einwohnern oder darüber;
1860 war es schon einer von je sechs, 1890 aber drei von je zehn Einwohnern
der Vereinigten Staaten! 1860 gab es noch keine einzige Millionenstadt,
doch schon dreißig Jahre später zählte New York 1,5 Millionen und Chicago
und Philadelphia über eine Million Einwohner. Philadelphia und Baltimore
verdoppelten in diesen drei Jahrzehnten ihre Einwohnerzahl, Kansas City
und Detroit vervierfachten, Cleveland versechsfachte und Chicago verzehnfachte
sie. Bei Ausbruch des Sezessionskrieges waren Minneapolis, Omaha und
zahlreiche Gemeinden unbedeutende Flecken gewesen; 1890 hatte sich ihre
Einwohnerzahl um mehr als das Fünfzigfache vermehrt.
So einschneidend diese Veränderungen auch waren, ihre
Konsequenzen werden zu jener Zeit nicht genügend gewürdigt, um voll
im politischen Leben zum Ausdruck zu kommen, und obwohl das amerikanische
Volk mit zahllosen Problemen zu ringen hatte, wurden nach den Worten
eines namhaften Historikers "zwischen 1865 und 1897 kaum mehr als zwei
oder drei Bundesgesetze erlassen, die einen Bürger interessieren könnten,
für den die politische Geschichte nur dann wesentlich ist, wenn sich
an ihren Ausdrucksformen Wandlungen des sozialen Gefüges — der Beziehungen
von Mensch zu Mensch — ablesen lassen."
Grover Cleveland, ein Demokrat, der im Jahre 1884 zum
Präsidenten gewählt worden war, besaß als einziger Präsident der Zeit
nach dem Bürgerkriege Verständnis für die Bedeutsamkeit und Richtung
der Veränderungen, denen das ganze Land unterworfen war, und er allein
bemühte sich, den so entstehenden Problemen nicht auszuweichen. Unter
den zahlreichen Mißtänden 'bei den Eisenbahngesellschaften z. B., die
nach Abhilfe verlangten, befand sich die besonders schädliche Festsetzung
relativ hoher Frachtsätze für kleinere Kunden, der eine gleichzeitige
Gewährung von Ermässigungen an größere gegenüberstand; außerdem verlangten
verschiedene Eisenbahngesellschaften von manchen Kunden — ungeachtet
der tatsächlichen Entfernungen — willkürlich höhere Frachtsätze nach
bestimmten Zielbahnhöfen. Wo mehrere Frachtlinien miteinander in Wettbewerb
standen, hielten sich die Frachten auf einer erträglichen Höhe; sie
waren jedoch unglaublich überteuert, wo nur eine einzige Eisenbahnverbindung
zwischen zwei Städten bestand. Infolgedessen kostete die Fracht zwischen
Chicago und dem ungefähr 1300 Kilometer entfernten New York weniger
als zwischen Chicago und Orten, die nur etwa 200 Kilometer weiter östlich
lagen. Um dem Konkurrenzkampf aus dem Wege zu gehen, versuchten die
Eisenbahngesellschaften auch, Pläne zu gemeinsamem Vorgehen zu entwerfen;
sie griffen z. B. zu pooling (Bildung einer Interessengemeinschaft oder
eines "Gewinnausgleichkartells"), d. h. die konkurrierenden Gesellschaften
teilten sich nach einem feststehenden Schlüssel in die Frachtbeförderung
und führten ihre Gewinne zur Verteilung an einen gemeinsamen Fonds ab.
Solche Praktiken vertieften jedoch die allgemeine Empörung über die
Eisenbahngesellschaften mit der Zeit in solchem Masse, daß die Einzelstaaten
sich verschiedentlich um ihre Regelung bemühten. Ihre Versuche führten
zu einer gewissen Verbesserung, aber das Problem war doch seinem Wesen
nach ein Problem des ganzen Landes und verlangte daher das Eingreifen
des Kongresses. So kam es schließlich zum Erlaß des Interstate Commerce
Act, eines "Gesetzes über den Verkehr zwischen den (Einzel-) Staaten",
das 1887 von Präsident Cleveland unterzeichnet wurde. Es untersagte
überhohe Tarife, Interessengemeinschaften, Sonderrabatte und unterschiedliche
Kundenbehandlung und sah die Bildung einer Binnenverkehrskommission,
der Interstate Commerce Commission, vor, die für die Einhaltung des
Gesetzes, die Überwachung der Eisenbahntarife und die Verhinderung von
Übergriffen verantwortlich sein sollte. Eine durchgreifende Regelung
des Eisenbahnwesens erfolgte jedoch erst 1906 mit Erlass des Hepburn
Act.
Cleveland war auch ein entschiedener Verfechter einer
Zollreform. Die bestehenden hohen Zölle, die während des Krieges ursprünglich
als Schutzmaßnahmen eingeführt worden waren, waren mit der Zeit zu einem
Bestandteil der Bundespolitik geworden; Präsident Cleveland hielt sie
jedoch für schädlich und schrieb ihnen die Hauptschuld an der lästigen
Steigerung der Lebenshaltungskosten und der raschen Entwicklung der
Trusts zu. Nachdem die Zölle in den politischen Auseinandersetzungen
lange Jahre hindurch nicht die geringste Rolle gespielt hatten, verlangten
die Demokraten 1880 einen "reinen Finanzzoll" und riefen eine wachsende
Bewegung zur Zollreform ins Leben. Cleveland schlug alle Warnungen,
das heikle Thema nicht zu berühren, in den Wind und schreckte in seiner
Jahresbotschaft von 1887 das amerikanische Volk aus der Ruhe auf, als
er die phantastischen Ausmasse anprangerte, die der Schutz der amerikanischen
Industrie gegen die ausländische Konkurrenz angenommen hatte.
Die Diskussionen der nächsten Wahlkampagne für die Präsidentschaft
kreisten ausschließlich um das Zollproblem, und der republikanische
Kandidat Benjamin Harrison, der sich für Beibehaltung der Schutzzölle
eingesetzt hatte, trug den Sieg davon. Seine Regierung erfüllte die
Versprechungen des Wahlfeldzuges durch neue gesetzgeberische Maßnahmen
und erließ im Jahre 1890 das "McKinley-Zollgesetz", das nicht nur die
bereits bestehenden Industriezweige zu schützen, sondern auch Neugründungen
zu fördern und sogar neue Industriezweige durch Sperrzölle ins Leben
zu rufen suchte. Die im allgemeinen hohen Zollsätze des neuen Tarifs
trieben jedoch sehr rasch die Kleinhandelspreise in die Höhe, und schon
nach kurzer Zeit herrschte weitverbreitete Unzufriedenheit.
Um dieselbe Zeit traten die Trusts in zunehmendem Masse
in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Sozialreformer wie Henry
George und Edward Bellamy richteten in den achtziger Jahren scharfe
Angriffe gegen sie und erhoben die persönliche Abneigung gegen die Mammutgesellschaften
auf das Niveau eines wichtigen politischen Problems. Das "Sherman-Antitrust-Gesetz"
(1890 erlassen), das aus dieser Bewegung hervorging und in erster Linie
die Monopole zu brechen unternahm, untersagte alle den Handel zwischen
den Einzelstaaten einschränkenden Abreden und enthielt eine Reihe von
Ausführungsbestimmungen und einschneidenden Strafandrohungen; da es
in allgemeinen und unbestimmten Wendungen gehalten war, war jedoch in
der ersten Zeit nach seiner Verkündung von seiner Wirkung zunächst wenig
zu spüren.
Trotz
dieser zukunftsträchtigen Anfänge brachte das politische Leben vom Ende
des Sezessionskrieges bis zur Jahrhundertwende im allgemeinen wenig
wirkliche Leistungen hervor. Die Aufgaben, die das amerikanische Volk
in diesen Jahren zur Anspannung aller Kräfte zwangen, waren aus anderen
Lebensgebieten erwachsen. Dies kommt nirgends klarer zum Ausdruck als
in der Geschichte des amerikanischen Westens. Noch 1865 war die Kette
der frontier- Siedlungen im großen und ganzen auf die Westgrenzen der
Mississippi-Anliegerstaaten (einschließlich der nach Westen vorspringenden
Teile von Kansas und Nebraska) beschränkt gewesen; westwärts dieses
schmalen, spärlich mit Farmen durchsetzten Saumes lag noch viel unbesiedeltes
Land, und dahinter erstreckten sich weite, grenzenlose Prärien, die
schliesslich in die Artemesia-Heiden im Vorland des grossen Felsengebirges
übergingen. Daran schlössen sich in einer Ausdehnung von rund 1600 Kilometer
die gewaltigen Bergketten an, die vielenorts reiche Vorkommen von Silber,
Gold und anderen Metallen bargen; wo das Gebirge dann gegen den Pazifik
hin abfiel, dehnten sich erneut Ebenen und Wüstenstriche, denen nur
die Wälder im Hügelland der Küste und schliesslich das Meer Einhalt
geboten. Dieses ganze weite Binnenland, von den besiedelten Gebieten
Kaliforniens und einigen zerstreuten Außenposten abgesehen, war 1865
lediglich von Indianern bevölkert; ein Vierteljahrhundert später war
der ganze Raum jedoch bereits in Staaten und Territorien untergeteilt,
eine Entwicklung, die vor allem durch das Heimstättengesetz von 1862
gefördert worden war, das allen Bürgern, die Land zu besiedeln und urbar
zu machen versprachen, 64 Hektar Farmland unentgeltlich zusicherte und
bis zum Jahre 1880 den Übergang von etwa 22,6 Millionen Hektar Land
in privates Eigentum ermöglichte. Die Indianerkriege waren zu Ende;
Bergleute hatten den ganzen Gebirgsstrich erkundet, Stollen in die Tiefe
getrieben und kleine Gemeinwesen in Nevada, Montana und Kolorado gegründet;
Viehzüchter machten sich die unendlichen Grasflächen zunutze und sicherten
sich Ansprüche auf das ganze grosse Gebiet, das sich von Texas bis zum
oberen Missouri erstreckt; Schafzüchter hatten den Weg in die Täler
und zu den Hängen der Gebirge gefunden, und am Ende strömten Farmer
in die Ebenen und Täler nach und schlössen die Lücke zwischen dem Osten
und dem Westen. Um das Jahr 1890 war die frontier verschwunden; fast
sechs Millionen Menschen bebauten nun den Boden, wo noch zwei Jahrzehnte
zuvor Bisonherden geweidet hatten.
Die Besiedlung des Landes wurde durch die Eisenbahnen
erheblich beschleunigt. Schon 1862 hatte der Kongreß die Ermächtigung
zur Gründung der Union Pacific Railroad gegeben, die ihre Schienenstränge
von Council Bluffs in Iowa nach Westen vortrieb, während die Gleisanlagen
der Central Pacific Railroad zu gleicher Zeit von Sacramento in Kalifornien
aus nach Osten vordrangen, um die der Union Pacific Railroad an einem
noch unbestimmten Punkte zu schneiden. Das gesamte Land verfolgte gespannt
die Arbeit an den beiden sich stetig nähernden Schienensträngen: sie
trafen sich schliesslich am 10. Mai 1869 bei Promontory Point in Utah
und verkürzten so die mühsame Reise vom Atlantik zum Pazifik, die bisher
vier Wochen gedauert hatte, auf einen Bruchteil dieser Zeit. Das Netz
der Überlandeisenbahnen wurde ständig erweitert, und im Jahre 1884 verbanden
vier grosse Strecken das mittlere Mississippital mit der Pazifikküste.
Die erste grosse Wanderungswelle nach dem Fernen Westen
war in die Gebirge gespült worden. 1848 war Gold in Kalifornien, 1858
in Kolorado und Nevada entdeckt worden, Montana und Wyoming folgten
in den sechziger Jahren und die Schwarzen Berge im Gebiet der (späteren)
beiden Dakotas in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Überall
in diesen Gebieten waren es zuerst die Bergleute, die das Land erschlossen,
Gemeinden bildeten und die Grundlage für feste Ansiedlungen schufen;
doch noch wahrend sie ihre Stollen in die Berge trieben, nahmen einige
Ansiedler die Gelegenheit zu Ackerbau und Viehzucht wahr. Einige wenige
Ortschaften lebten auch nach der Gründungsperiode fast ausschließlich
vom Bergbau, aber Weideflächen und Ackerboden erwiesen sich schließlich
doch als der wahre Reichtum der Staaten Montana, Kolorado, Wyoming,
Idaho und selbst Kaliforniens.
In Texas war die Viehzucht schon lange als wichtiger Erwerbszweig
heimisch gewesen, und bald nach Kriegsende trieben unternehmende Männer
ihre Texas-Langhornrinder nach Norden quer über die noch uneingefriedeten
Staatsländereien. Auf ihrem Wege zu den Verladeplätzen fanden die Rinder
gute Weide und trafen mit größerem Gewicht und in besserem Futterzustand
an ihrem Ziel in Kansas ein, als sie Texas verlassen hatten. Bald wurde
der "lange Auftrieb" in diesem Gebiete die Regel, und große Rinderherden
bewegten sich meilenweit den Richtpfaden entlang nach Norden. Die Viehzucht
fand rasch auch in den Gebieten jenseits des Missouri Eingang, und so
entstanden in Kolorado, Wyoming, Kansas, Nebraska und im Dakota-Territorium
ausgedehnte Rinderfarmen. Die Schlachthöfe und Fleischverarbeitungsbetriebe
wiederum, die im Zusammenhang damit aus dem Boden schössen, brachten
die Städte des Westens zur Blüte.
Die
großen Viehfarmen gaben dem Leben eine neue charakteristische Färbung
und schufen die romantische Figur des "Cowboy". "Wir führten ein freies
und verwegenes Leben mit Pferd und Büchse", schrieb Theodore Roosevelt,
der 25. Präsident der Vereinigten Staaten, in Erinnerung an seine eigenen
Erlebnisse in Dakota; "wir arbeiteten im Hochsommer unter der sengenden
Sonne, wenn die weiten Ebenen in der Hitze flimmerten und schimmerten,
und waren mit der bitteren Kälte vertraut, die uns zur Zeit des Austriebs
im Spätherbst überfiel, wenn wir des Nachts die Herden umritten . .
. und doch, es war das Leben selbst, das kühn in unseren Adern pulsierte,
und wir genossen das Hochgefühl der Arbeit und die Lust am Leben."
Insgesamt wurden in der Zeit von 1866 bis 1888 rund sechs
Millionen Rinder von Texas zur Überwinterung nach den Hochebenen von
Kolorado, Wyoming und Montana getrieben. 1885 war der Höhepunkt erreicht;
nach diesem Zeitpunkt war die Prärie bereits zu stark abgeweidet, um
für den langen Auftrieb zu genügen, und zu dicht von den immer zahlreicheren
Eisenbahnen durchquert. So folgten den Viehzüchtern alsbald die grossen
knarrenden Planwagen der Farmer, die "Prärie-Schooner", und brachten
Frauen und Kinder sowie Zugpferde, Kühe und Schweine ins Land; sie massen
die ihnen unter dem Heimstättengesetz zugewiesenen Felder aus, friedeten
sie mit Stacheldraht ein und vertrieben dadurch die Viehzüchter aus
einem Gebiet, auf das sie kein Anrecht gehabt hatten. Während der zwei
außergewöhnlich harten Winter der Jahre 1886 und 1887 gingen auch viele
Herden auf den offenen Weideflächen an der Eiseskälte zu Grunde, und
so wich der romantische "Wilde Westen" schließlich festen, geschlossenen
Siedlungen und Weizen-, Mais- und Haferfeldern.
Im
Westen — wie im ganzen Lande — blieb der Ackerbau die vorherrschende
Erwerbsgrundlage, und trotz der mit Riesenschritten sich ausbreitenden
Industrie waren die meisten Einwohner Amerikas in der Landwirtschaft
beschäftigt. Doch genau wie sich die Industrie erst in den Jahrzehnten
nach Beendigung des Bürgerkrieges voll entwickelt hatte, so erlebte
nun auch die Landwirtschaft eine grosse Umwälzung — die Einführung neuer
landwirtschaftlicher Maschinen und den Übergang von der vorwiegend für
die Deckung des eigenen Bedarfs arbeitenden auf die kommerzielle Landwirtschaft.
Die folgenden Zahlen bringen diese Entwicklung klar zum Ausdruck: in
den fünfzig Jahren zwischen 1860 und 1910 verdreifachte sich die Zahl
der Farmen in den Vereinigten Staaten und stieg von zwei Millionen auf
sechs Millionen; die landwirtschaftlich genutzte Fläche verdoppelte
sich und stieg von 161,7 Millionen auf 352,5 Millionen Hektar; die Weizenerzeugung
stieg von 4,7 Millionen auf 17,4 Millionen Tonnen, die Maiserzeugung
von 21,3 Millionen auf 73,4 Millionen Tonnen, die Baumwollerzeugung
schließlich von 0,9 Millionen auf 2,6 Millionen Tonnen; in den dreißig
Jahren nach 1860 wurde mehr Land unter den Pflug genommen als in der
gesamten voraufgegangenen Geschichte der Vereinigten Staaten, und im
gleichen Abschnitt stieg die Bevölkerung des Landes auf über das Doppelte.
Der größte Zuwachs ergab sich .zwar in den Städten; der amerikanische
Farmer erzeugte jedoch genügend Getreide, Wolle und Baumwolle sowie
Rind- und Schweinefleisch, um nicht nur die werktätige Bevölkerung der
USA zu versorgen, sondern auch einen ständig wachsenden Überschuß zu
exportieren.
Diese
außerordentliche Leistung war zum größten Teil durch die Ausdehnung
nach dem Westen, aber auch durch Nutzbarmachung neuer Maschinen und
wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Farmbewirtschaftung möglich
geworden. Um 1800 konnte der Farmer kaum hoffen, mit seiner Sense mehr
als einen Viertelhektar Weizen pro Tag zu mähen; dreissig Jahre später
mochte er mit seiner Korbsense fast einen Hektar bewältigen; 1840 aber
vollbrachte Cyrus McCormick das Wunder, mit einer seltsamen Maschine,
an deren Vervollkommnung er nahezu ein Jahrzehnt gearbeitet hatte, zwei
bis zweieinhalb Hektar an einem Tage zu mähen! Er sah die künftige Entwicklung
voraus, zog nach Westen in die junge Präriestadt Chicago und gründete
dort eine Fabrik, die 1860 bereits eine Viertelmillion Mähmaschinen
erzeugt hatte.
Weitere Maschinen wurden in rascher Folge entwickelt,
so der automatische Binder, die Dreschmaschine und der Mähdrescher;
auf praktisch allen Gebieten kamen Maschinen dem Farmer zu Hilfe: Maispflanz-
und Maisschneidemaschinen, Maisdresch- und Maisschälmaschinen, Zentrifugen,
Düngerbreit- und Kartoffellegemaschinen, Heutrockner, Brutmaschinen
und Hunderte von anderen Erfindungen erleichterten die Arbeit des Farmers
und erhöhten die Produktivität seiner Farm. Die Gebiete im Westen nahmen
den grössten Teil der neuen Ernte- und Dreschmaschinen sowie Traktoren
auf, denn die Farmen im Osten mit ihrer gemischten Landwirtschaft waren
zu klein, als daß sich die Anschaffung teurer Maschinen gelohnt hätte,
und Baumwolle und Tabak im .Süden eigneten sich zunächst wenig für maschinelle
Anbaumethoden.
Die Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse erwies
sich als ebenso wichtig für die Revolutionierung der Landwirtschaft
wie die Mechanisierung. Durch das Morrill Land-Grant College-Gesetz
von 1862 bewilligte der Kongreß aus öffentlichem Besitz jedem einzelnen
Staat Liegenschaften für die Schaffung landwirtschaftlicher und technischer
Fachschulen, die als Erziehungs- und Forschungsinstitute dienen sollten.
Später stellte der Kongress Mittel für die Einrichtung landwirtschaftlicher
Versuchsstationen im ganzen Lande zur Verfügung und bewilligte auch
dem Landwirtschaftsministerium des Bundes eigene Mittel für Forschungszwecke,
sodaß zu Beginn des neuen Jahrhunderts in ganz Amerika zahlreiche Wissenschaftler
an landwirtschaftlichen Forschungsprojekten arbeiteten.
Einer dieser Männer war Mark Carleton, der im Auftrag
des Landwirtschaftsministeriums Rußland bereiste, wo er eine besonders
rost- und dürrebeständige Winterweizensorte entdeckte und sie nach Amerika
einführte. Mehr als die Hälfte der gesamten Weizenernte der Vereinigten
Staaten besteht heute aus dieser Sorte. Die Beiträge anderer Experten
zur amerikanischen Landwirtschaft wirkten sich auf die Dauer kaum weniger
bedeutend aus: Marion Dorset z.B. fand Mittel gegen die gefürchtete
Schweinepest, George Mohler gegen die Gefahren der Maul- und Klauenseuche;
einer der Forscher brachte die Mohrenhirse aus Nordafrika, ein anderer
führte aus Turkestan das gelbblühende Alfalfa-Gras ein; Luther Burbank
züchtete in Kalifornien Dutzende neuer Obst- und Gemüsesorten. Stephen
Babcock erfand in Wisconsin eine Methode zur Bestimmung des Fettgehalts
der Milch, und der große Wissenschaftler George Washington Carver, ein
Neger, entdeckte am Tuskegee-Institut in Alabama Hunderte von neuen
Verwendungsmöglichkeiten für Erdnüsse, Süßkartoffeln und Sojabohnen.
Trotz dieser Fortschritte mußten die amerikanischen Farmer
im 19. Jahrhundert wiederholt schwere Krisen überwinden, ja, am Ende
eines Jahrhunderts größter landwirtschaftlicher Expansion war die schwierige
Lage der Farmer zu einem der wichtigsten innenpolitischen Probleme geworden.
Unter den verschiedenen tieferen Ursachen, die dieser Krise zugrunde
lagen, sind vor allem Erschöpfung des Bodens, Witterungsunbilden, gewisse
Einseitigkeiten in der Produktion, der Rückgang der Produktion für den
eigenen Bedarf und das Fehlen angemessenen gesetzlichen Schutzes und
staatlicher Hilfe zu nennen. So war beispielsweise der Boden der Südstaaten
im Laufe der Zeit durch den Tabak- und Baumwollanbau erschöpft worden,
während das Land im Westen und auf den großen Ebenen von Erosion, Wirbelstürmen
und Insektenplagen heimgesucht war. Auch die rasche Mechanisierung der
Landwirtschaft im Westen des Mississippi hatte sich nicht als reiner
Segen erwiesen. Sie hatte zahlreiche Farmer dazu verführt, ihren Landbesitz
übermäßig zu erweitern und Stapelerzeugnisse anzukaufen, sie hatte Grossfarmern
einen eindeutigen Vorteil gegenüber den kleineren eingeräumt und damit
die Entwicklung des Pächterwesens und extensiver Bewirtschaftungsmethoden
beschleunigt. Die daraus sich ergebenden Probleme sollten lange Zeit
ungelöst bleiben, bis viele Jahre später moderne Bodenkonservierungsmaßnahmen
in weiteren Kreisen Eingang fanden.
Noch verwickelter, wenn auch leichter durch geschickte
Maßnahmen zu beheben, war die Preisfrage. Der Farmer verkaufte seine
Erzeugnisse auf dem Weltmarkt im freien Wettbewerb, erwarb jedoch die
Dinge des täglichen Bedarfs, Arbeitsgerät und Haushaltwaren auf einem
gegen jegliche Konkurrenz geschützten Markt; der Preis, den er für seine
Mähmaschine, für Kunstdünger und Stacheldraht bezahlen mußte, wurde
von Trusts bestimmt, die ihrerseits wieder durch einen Schutzzoll gegen
ausländische Konkurrenz gedeckt wurden. Von 1870 bis 1890 fielen die
Preise für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse in unregelmäßigen
Intervallen, sodaß sich der Wert der amerikanischen landwirtschaftlichen
Produktion insgesamt nur um eine halbe Million Dollar erhöhte, während
der Wert der industriellen Produktion im gleichen Zeitraum um insgesamt
sechs Milliarden Dollar stieg.
Mangel
an Gleichgewicht in der Wirtschaft führte zur Bildung von Farmer-Verbänden,
in denen die gemeinsamen Nöte erörtert und wirksame Vorschläge zu ihrer
Abhilfe ausgearbeitet werden konnten. Sie folgten darin zumeist dem
Vorbild der im Jahre 1867 entstandenen "Grange"-0rganisation, die nach
Ablauf weniger Jahre in fast jedem Staate FUSS gefaßt hatte, und deren
Gesamtmitgliederzahl die Dreiviertelmillionengrenze überschritt. Diese
Gruppen waren ursprünglich in erster Linie als soziale Organisationen
geplant gewesen, die den Farmer aus seiner Isolierung befreien sollten;
Geschäft und Politik Hessen sich jedoch nicht künstlich von den Diskussionen
fernhalten, den Reden folgten Taten, und bald gründeten viele der "Granges"
Verkaufsgenossenschaften, genossenschaftliche Warenhäuser und sogar
genossenschaftlich geleitete Fabriken. In verschiedenen Staaten des
Mittleren Westens wählten sie sogar Abgeordnete in die Parlamente und
erwirkten Gesetze zur Beaufsichtigung der Eisenbahngesellschaften und
Lagerhäuser. Zahlreiche von den "Granges" gegründete Geschäftsunternehmen
brachen jedoch zusammen, und als gegen Ende der siebziger Jahre eine
Periode wirtschaftlichen Aufschwungs für die Landwirtschaft einsetzte,
verloren die "Granges" rasch an Bedeutung. Die Bewegung, die sie eingeleitet
hatten, erlebte später, gegen Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger
Jahre, eine Wiedergeburt in den Farmerbünden (Farmers' Alliances), denn
die schweren Zeiten waren wieder zurückgekehrt, eine Dürreperiode hatte
die grossen Ebenen ausgedörrt, und die Weizen- und Baumwollpreise waren
tief gesunken. Unter dem Einfluß dieser Ereignisse breitete sich die
Bewegung der Farmerbünde rasch aus und zählte um das Jahr 1890 nahezu
zwei Millionen Mitglieder. Sie führten ein grossangelegtes Fortbildungsprogramm
durch und verlangten auch energisch nach politischen Reformen. Es dauerte
nicht lange, da hatten sich die Farmerbünde in eine äußerst aktive politische
Partei verwandelt und standen unter dem Namen The Populists in .scharfem
Gegensatz zu den traditionellen Parteien der Demokraten und Republikaner.
Die neberhafte Begeisterung für diese Volkspartei verbreitete
sich wie ein Lauffeuer über Prärien und Baumwollplantagen — ein in der
amerikanischen Politik bis dahin einmaliger Vorgang: nach einem harten
Arbeitstag auf den Feldern schirrten die Farmer ein Pferd vor den Wagen
und fuhren mit Weib und Kind zum Versammlungshaus, wo sie zu den leidenschaftlichen
Reden ihrer Wortführer Beifall klatschten. Die Wahlen des Jahres 1890
brachten die neue Partei in einem Dutzend Staaten im Süden und Westen
an die Macht, und rund zwanzig Senatoren und Abgeordnete aus ihren Reihen
zogen in den Kongreß ein. Von diesem Erfolg angefeuert, entwarfen die
Populisten ein fortschrittliches politisches Programm, das ausgedehnte
Reformen forderte, so unter anderem eine Einkommensteuer, ein für den
ganzen Bund einheitliches Darlehenssystem für Farmer, Überführung der
Eisenbahnen in Staatsbesitz, den Achtstundentag und eine Vergrößerung
des Hartgeldumlaufes durch freie und unbeschränkte Ausgabe von Silbermünzen.
Bei den Präsidentschaftswahlen von 1892 stellten die Populisten
ihre Stärke in den Staaten des Westens und Südens erneut eindrucksvoll
unter Beweis. Über eine Million Stimmen wurden für ihren Präsidentschaftskandidaten
abgegeben; der demokratische Kandidat Grover Cleveland aber trug dennoch
den Sieg davon. Vier Jahre später hatte sich die dynamische Volkspartei
nahezu überall mit der Demokratischen Partei verschmolzen, deren führende
Persönlichkeiten sich nun unter dem Einfluß der Populisten anschickten,
die Währungsfrage in den Mittelpunkt ihrer Innenpolitik zurücken.
Die Vereinigten Staaten hatten von ihrer Gründung an eine
bimetallische Währung besessen, d. h. die Regierung war bereit, alles
dem Münzamt zugeführte Gold oder Silber in Dollars auszuprägen. Im Jahre
1837 hatte der Kongreß eine Münzreform verfügt und den Standard-Silberdollar
von der Liste der offiziellen amerikanischen Münzen gestrichen. Zunächst
hatte man diesem Gesetz nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt, da die
Silberbestände sehr gering waren, und tatsächlich waren vierzig Jahre
lang keine Silberdollar mehr im Verkehr gewesen. Diese Situation änderte
sich jedoch über Nacht, als in den Gebirgsstaaten des Westens neue Silbervorkommen
entdeckt wurden, und zu gleicher Zeit verschiedene europäische Länder
ihre Silbermünzen aus dem Verkehr zogen. Ein erhebliches Überangebot
an Silber war die Folge.
Amerika befand sich zu jenem Zeitpunkt in einer Wirtschaftskrise,
und die Vertreter der ländlichen Bevölkerung des Westens und Südens
und einiger Arbeiterverbände in den Industriestädten des Ostens, überzeugt,
dass ihre Not sich zum Teil aus einer Verknappung des in Umlauf befindlichen
Geldes erklärte, verlangten die Rückkehr zur unbegrenzten Ausprägung
von Silbermünzen. Sie erwarteten, dass eine Vermehrung des im Umlauf
befindlichen Geldes indirekt eine Erhöhung der Preise für landwirtschaftliche
Erzeugnisse und gleichzeitig eine Erhöhung der Industrielöhne mit sich
bringen werde, und wiesen darauf hin, dass auch Schulden dann rascher
getilgt werden könnten. Die konservativen Kreise waren dagegen überzeugt,
dass eine solche Politik zu einer Finanzkatastrophe führen werde, dass
man einer einmal in Gang gekommenen Inflation nicht mehr Einhalt gebieten
könne und dass die Regierung dadurch Bankrott erleiden werde. Nur der
Goldstandard, so behaupteten sie, sichere stabile Verhältnisse.
Die "Silberpartei" — Demokraten und frühere Populisten
— fand ihren Führer in William Jennings Bryan aus dem Staate Nebraska
und stellte ihn als Präsidentschaftskandidaten für das Jahr 1896 auf.
Bryan, der über eine gute äussere Erscheinung verfügte und ein hinreissender
Redner war, nahm Millionen von Amerikanern für sich ein; seine Partei
war jedoch in sich gespalten, und seine Gegner waren stark. Der einzige
Trumpf, den die Demokraten hatten — es war Bryans Persönlichkeit — reichte
nicht aus, und William McKinley ging mit einer Mehrheit von über einer
halben Million Stimmen als Sieger aus der Wahl hervor. Bryans Wahlfeldzug
hatte sich jedoch dem Bewusstsein des Volkes tief eingeprägt, und die
meisten Programmpunkte der Populisten und der landwirtschaftlichen Gruppe
in der Demokratischen Partei — mit Ausnahme der Münzpolitik — haben
ihren Niederschlag in der amerikanischen Gesetzge- bung gefunden.
Diese Wahlkampagne legte ein eindeutiges Zeugnis dafür
ab, dass die Union seit Beendigung des Bürgerkrieges eine große Festigkeit
erlangt hatte, denn obwohl die Not der Farmer ebenso groß war wie zuvor
die der Sklavenhalter, war doch von einer "Nichtigkeitserklärung" bestimmter
Bundesgesetze oder gar einer Sezession nicht die Rede. Diese Einigkeit
der Nation bewies sich auch deutlich, als das Land im Jahre 1898 in
eine Auseinandersetzung mit Spanien gestürzt wurde. Spanien hatte aus
der Unabhängigkeitsbewegung seiner wichtigsten Kolonien in der westlichen
Hemisphäre zu Beginn des Jahrhunderts nichts gelernt und übte noch 1895
eine unverändert despotische Herrschaft auf der Insel Kuba aus, die
einen blühenden Handel mit den Vereinigten Staaten unterhielt. Im Jahre
1895 machte sich die wachsende Unzufriedenheit der Kubaner in einem
Unabhängigkeitskriege Luft, und da die Vereinigten Staaten von altersher
grossen Anteil an dem Kampf der Ibero-Amerikaner zu nehmen gewohnt waren,
verfolgte man dort den Verlauf der Revolution mit wachsender Besorgnis.
Präsident Cleveland war fest entschlossen, sich nicht in einen Krieg
hineintreiben zu lassen, und scheute keine Mühe, die Neutralität der
Vereinigten Staaten zu wahren. Drei Jahre später jedoch — in der Amtszeit
des Präsidenten McKinley — wurde das amerikanische Kriegsschiff Maine
im Hafen von Habana, wo es friedlich vor Anker lag, durch eine Explosion
zerstört; 260 Mann der Besatzung gingen dabei zugrunde. Das Ereignis
löste eine Welle von Erbitterung und Patriotismus in den USA aus, und
McKinley, der anfangs den Frieden zu bewahren versucht hatte, fand sich
nach Ablauf weniger Monate, als er die Nutzlosigkeit längeren Zögerns
einsah, bereit, ein bewaffnetes Eingreifen zu empfehlen.
Die eigentlichen Kampfhandlungen dauerten nur vier Monate
und kamen zu einem raschen und entscheidenden Abschluß, ohne dass die
Vereinigten Staaten eine einzige nennenswerte Niederlage erlitten hätten.
Eine Woche nach der Kriegserklärung nahm Kommodore George Dewey von
Hongkong aus mit einem Verband von sechs Kriegsschiffen Kurs auf die
Philippinen, um — so lauteten seine Befehle — die dort stationierte
spanische Flotte aus amerikanischen Gewässern herauszuhalten. Er passierte
die Küstenbatterien der Bucht von Manila kurz vor Morgengrauen und hatte
bereits um die Mittagszeit ohne irgendwelche eigenen Verluste die gesamte
spanische Flotte vernichtet! Inzwischen waren auf Kuba in der Nähe von
Santiago amerikanische Truppen in Stärke eines Armeekorps gelandet,
führten eine Anzahl rasch aufeinanderfolgender siegreicher Gefechte
und belegten den Hafen mit Feuer. Vier spanische Panzerkreuzer machten
daraufhin einen Ausfall aus der Bucht von Santiago und waren nach wenigen
Stunden nur noch zerfetzte Wracks.
Die Nachricht vom Fall der Stadt Santiago, die an einem
heissen Julitage in den USA eintraf, löste freudigen Jubel aus; die
Fabriksirenen heulten, das Volk, von Boston bis nach San Francisco,
schwenkte Fahnen, und die Zeitungen entsandten in grösster Eile Korrespondenten
nach Kuba und auf die Philippinen und feierten den Ruhm der neuen Nationalhelden
in den höchsten Tönen. Die Helden des Tages waren besonders George Dewey,
der Sieger von Manila, und Theodore Roosevelt, der Führer der sogenannten
Rough Riders (Rauhreiter), eines freiwilligen Kavallerieregiments, das
er für den Einsatz auf Kuba angeworben hatte. Bald darauf bat Spanien
um Frieden, und am 10. Dezember 1898 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet.
Spanien trat Kuba an die Vereinigten Staaten ab, die es provisorisch
(bis zur Erteilung der vollen Unabhängigkeit) besetzt halten sollten;
anstelle einer Kriegsentschädigung trat Spanien weiterhin die Inseln
Puerto Rico und Guam und schließlich — für die Summe von zwanzig Millionen
Dollar — die Philippinen ab.
Von ihrer neuen Position auf den Philippinen erhofften
die Vereinigten Staaten die Anknüpfung reger Handelsbeziehungen mit
China. Nach Chinas Niederlage im chinesisch-japanischen Kriege von 1894/5
hatten verschiedene europäische Staaten auf chinesischem Gebiet Marinestützpunkte
erworben, Gebiete gepachtet und Einflussphären in China abgegrenzt und
sich nicht nur Handelsmonopole, sondern in der Regel auch das alleinige
Recht auf die Finanzierung von Eisenbahn- und Bergbauprojekten in der
Umgebung ihrer Schutzgebiete gesichert. Die amerikanische Regierung
hatte bis zu diesem Zeitpunkt in diplomatischen Beziehungen mit dem
Fernen Osten stets darauf bestanden, dass allen Ländern die gleichen
Rechte eingeräumt würden. Dieses Prinzip konnte nun nur noch durch entschiedenes
Handeln aufrecht erhalten werden, und 1899 richtete Außenminister John
Hay ein Rundschreiben an alle beteiligten Mächte, in dem der Grundsatz
der "Offenen Tür" in China (d. h. gleicher Handelsmöglichkeiten, gleicher
Zölle, Hafengebühren und Eisenbahntarife für alle Länder) vertreten
wurde. Keine der interessierten Mächte gab zwar den Grundsätzen des
amerikanischen Außenministers ihre formelle, bindende Zustimmung, und
nur ein einziges Land — Japan — zog sie öffentlich in Zweifel. Die Note
behielt jedoch als Erklärung der politischen Ziele Amerikas im Fernen
Osten bleibende Bedeutung.
Im Jahre 1900 brach in China der gegen die Fremdherrschaft
gerichtete Boxeraufstand aus, in dessen Verlauf (Juni 1900) Aufständische
die Stadt Peking in ihre Gewalt brachten und die dortigen auswärtigen
Gesandtschaften belagerten. Das führte Hay dazu, die europäischen Mächte
davon in Kenntnis zu setzen, dass die Vereinigten Staaten gegen jede
Störung chinesischer Herrschafts- und Verwaltungsrechte und die Nichtachtung
des Grundsatzes der "Offenen Tür" einschreiten würden, und es scheint
auch teilweise seinem Einfluß zuzuschreiben zu sein, daß die auswärtigen
Mächte unangemessene Entschädigungsansprüche an China herabsetzten.
Inzwischen hatten die Präsidentschaftswahlen des Jahres
1900 dem amerikanischen Volk Gelegenheit gegeben, seinem Urteil über
die Regierung McKinley und insbesondere über ihre Aussenpolitik Ausdruck
zu geben. Die Republikaner konnten den erfolgreichen Krieg mit Spanien,
die Rückkehr der Konjunktur und die von der "Politik der Offenen Tür"
zu erwartenden neuen Absatzmärkte auf ihr politisches Konto buchen und
gaben dem auf ihrer Parteiversammlung in Philadelphia stürmisch Ausdruck.
Dass ihr Präsidentschaftskandidat McKinley (mit Theodore Roosevelt als
Vizepräsidenten) wiedergewählt würde, stand von Anfang an fest. Der
Präsident konnte sich jedoch seines Sieges nicht allzulange freuen,
denn im September 1901 fiel er bei der Besichtigung einer Ausstellung
in Buffalo im Staate New York der Kugel eines Attentäters zum Opfer.
Dies brachte Theodore Roosevelt auf den Präsidentensessel.
Roosevelts Amtsantritt fiel in der Innen- wie in der Außenpolitik
mit einer neuen Epoche im politischen Leben Amerikas zusammen. Um die
Jahrhundertwende konnte das Land auf drei Generationen ununterbrochenen
Fortschritts zurückblicken; der gesamte Kontinent war besiedelt und
die Kolonisationsgrenze verschwunden; aus einer kleinen, von allen Seiten
bedrohten und um ihre Existenz ringenden Republik waren die Vereinigten
Staaten zu einer Großmacht emporgewachsen; ihr staatliches Gefüge hatte
die Wechselfälle eines Bürgerkrieges, mehrerer Kriege mit dem Ausland
und die Schwankungen der Konjunktur und ihrer Krisenwellen überdauert;
in der Landwirtschaft wie in der Industrie war Grosses geleistet worden;
das hohe Ideal eines kostenlosen staatlichen Erziehungswesens war in
Erfüllung gegangen, die Presse war frei geblieben und die Religionsfreiheit
gewahrt worden. Trotzdem fanden viele tieferblickende Amerikaner keinen
Grund zu Stolz und Selbstzufriedenheit über die soziale, wirtschaftliche
und politische Situation; sie sahen vor allem das Grossunternehmertum
in einer festeren Stellung als je zuvor, sie sahen die Gemeinde- und
Stadtverwaltungen häufig in den Händen korrupter Politiker und gaben
sich darüber Rechenschaft, daß eine Sucht nach materiellem Gewinn alle
Schichten der Gesell- schaft ergriffen hatte.
Der Protest, der sich nun von vielen Seiten gegen diese
Mißtände erhob, hat der amerikanischen Politik und dem amerikanischen
Denken etwa vom Jahre 1890 bis zu Beginn des ersten Weltkrieges einen
besonderen Stempel aufgedrückt. Eine Reihe ähnlicher Proteste waren
vorausgegangen. Von den ersten Tagen der industriellen Revolution an
hatten die Farmer mit den Städten und den emporgekommenen Industriemagnaten
im Kampf gelegen, und bereits in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts
war heftige Kritik an dem vorherrschenden Patronatssystem geübt worden,
unter dem Politiker nach ihrer Wahl einträgliche Regierungsämter an
ihre Anhänger verteilten. Nach dreißigjährigem Ringen führten diese
Reformbestrebungen im Jahre 1883 zum Erlaß des "Pendleton-Gesetzes über
den Staatsdienst" (Civil Service Bill), das die Anstellung im Regierungsdienst
von einem Befähigungsnachweis abhängig machte und damit weiteren politischen
Reformen das Tor öffnete. Auch die Industriearbeiter hatten ihre Stimme
gegen verschiedene Ungerechtigkeiten erhoben und sich zum Schütze ihrer
Interessen im Bunde der "Ritter der Arbeit" (Knights of Labor) ihre
erste Organisation geschaffen. Die Mitgliederzahl des 1869 gegründeten
Bundes stieg mit aufsehenerregender Geschwindigkeit bis Mitte der achtziger
Jahre auf insgesamt 700 000 Arbeiter an, doch die Organisation fiel
bald wieder auseinander, und an ihre Stelle trat wenig später der Amerikanische
Gewerkschaftsverband AFL (American Federation of Labor), ein mächtiger
Zusammenschluss von Facharbeiterverbänden, der vorwiegend die Interessen
der gelernten Arbeiter vertrat. Um die Jahrhundertwende war die Gewerkschaftsbewegung
in Amerika zu einer Macht geworden, mit der jeder Politiker zu rechnen
hatte.
Die von dem Agrarstaat des 18. Jahrhunderts ererbten Methoden
und Grundsätze hatten sich als unzulänglich für die industrielle, städtisch
bestimmte Gesellschaftsordnung des 20. Jahrhunderts erwiesen. Dass das
Maschinenzeitalter in Amerika an seinem Anfang so viel Verwirrung hervorbrachte,
hatte sich vor allem daraus ergeben, dass die Gesellschaft sich mehr
und mehr komplizierte, dass ihre Teile miteinander zunehmend in ein
noch nicht recht verstandenes Wechselwirkungsverhältnis traten und dass
der Wille des Menschen zu persönlicher Verantwortlichkeit von den gewaltigen
Kapitalgesellschaften erstickt wurde. Diese Situation rief eine Reihe
von jungen Schriftstellern auf den Plan, die nach sozialen Reformen
riefen; Zeitungen und volkstümliche Zeitschriften unternahmen den ersten
Vorstoß, Romanschriftsteller griffen das Thema auf, und alsbald gaben
tatkräftige politische Reformer — unter ihnen auch der neue Präsident
der USA — ihrem Kreuzzug eine Wendung zum Praktischen.
Der Höhepunkt der Reformbestrebungen fiel in die Periode
von 1902 bis 1908; die Anfänge der Gesellschaftskritik reichen jedoch
weiter zurück: schon 1873 z.B. hatte Mark Twain in The Gilded Age (Zeit
aus Falschgold) einige Schattenseiten des amerikanischen Gesellschaftslebens
gegeisselt. Nun griffen drei Zeitschriften — McCIure's Magazine, Everybody's
Magazine und Collier's Magazine — mit schneidender Schärfe Trusts, Finanzunternehmen,
Nahrungsmittelfälscher und Eisenbahngesellschaften an. Upton Sinclair
verstand es, die literarische Form des Romans als gesellschaftskritische
Waffe zu verwenden; sein Werk The Jungle (Der Sumpf) enthüllte den Mangel
an Sauberkeit, der in den großen Schlachthäusern von Chicago herrschte,
und deckte auf, wie weitgehend der Rindfleischtrust die Fleischversorgung
des ganzen Landes in seinen Fängen hielt. Theodore Dreisers Romane The
Financier und The Titan zeichneten ein unerbittlich realistisches Bild
des Grossunternehmertums, Frank Norris gab in seinem Roman The Octopus
(Der Polyp) Aufklärung über die Hintergründe der landwirtschaftlichen
Krise, während Lincoln Steffens in seinem The Shame of the Cities (Die
Schande der Städte) die politische Korruption anprangerte. Ihre gesellschaftskritische
Literatur (literature o/ exposure) trug entscheidend dazu bei, das Volk
zum Handeln zu bewegen.
Die nachhaltige Wirkung aber, die diese kompromisslosen
Schriftsteller erzielten, und der zunehmende Druck der öffentlichen
Meinung spornten die führenden Politiker zu praktischen Maßnahmen an.
Verschiedene Einzelstaaten erließen Gesetze, die auf eine Verbesserung
der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bevölkerung hinzielten, und in
den ersten fünfzehn Jahren des 20. Jahrhunderts wurden insgesamt mehr
Gesetze sozialen Charakters verabschiedet als in der gesamten amerikanischen
Geschichte zuvor. Die bestehenden Gesetze über die Kinderarbeit wurden
verschärft und durch neue ergänzt, die Nachtarbeit von Kindern wurde
weitgehend beschränkt, die Altersgrenze hinaufgesetzt, die Arbeitszeit
verkürzt und der Schulbesuch zur Pflicht gemacht. Inzwischen hatten
auch die meisten Großstädte und über die Hälfte aller Einzelstaaten
den Achtstundentag für alle mit öffentlichen Vorhaben verbundenen Arbeiten
eingeführt; auch die Arbeitszeit für berufsgefährdete Arbeiter wurde
gesetzlich geregelt; kaum weniger wichtig war die Gesetzgebung zur Invalidenversicherung,
die die Haftpflicht der Arbeitgeber für alle Schädigungen, die ihre
Arbeiter bei der Arbeit erlitten, gesetzlich festlegte. Neue Steuergesetze
zogen Erbschaften, Einkommen und Besitz bzw. Gewinne der verschiedenen
Gesellschaften zur Besteuerung heran, um die Verwaltungskosten den zahlungskräftigeren
Kreisen aufzubürden.
So bewundernswert diese Schritte auch im einzelnen waren,
so bestand doch Klarheit darüber, dass die meisten der von den Reformpolitikern
angepackten Probleme nur durch den Bund gelöst werden konnten. Dies
erkannte auch der selbst leidenschaftlich für soziale Reformen eintretende
Präsident Theodore Roosevelt. Er war Realpolitiker, glühender Nationalist
und treues Parteimitglied der Republikaner in einer Person, nach Thomas
Jefferson der vielseitigste aller amerikanischen Präsidenten: er war
Grossviehzüchter und Gouverneur eines Einzelstaats gewesen, hatte Grosswild
gejagt und Bücher geschrieben, war im Staatsparlament von New York tätig
gewesen und hatte die Polizei der Stadt New York geleitet, die amerikanische
Kriegsmarine reorganisiert und am Feldzug in Kuba teilgenommen. Er las
alles, was ihm unter die Hände kam, und hatte auch über alles eine eigene
Meinung; gleich Andrew Jackson besaß er die Gabe, das Vertrauen des
Volkes zu gewinnen und die breiten Massen für seine politischen Kämpfe
zu interessieren. Er bewies in Jahresfrist, dass er die sich in Amerika
vollziehenden großen Wandlungen verstanden hatte, und war entschlossen,
dem amerikanischen Volk eine "ehrliche Behandlung" (Square Deal) zu
bieten.
Obwohl Roosevelt seinen Überzeugungen nach nicht zur Gruppe
derer gehörte, die eine Zerstörung der Trusts verlangten, zog er doch
das Trust-Problem durch einige aufsehenerregende Gerichtsverfahren in
den Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Auch die Erweiterung der
Aufsichtsbefugnisse des Bundes über die Eisenbahngesellschaften fiel
in seine Amtsperiode und war eine seiner bemerkenswertesten Leistungen.
Zur Regelung des Eisenbahnwesens, das er selbst als das "Kernproblem"
bezeichnete, wurden zwei wichtige Gesetze verabschiedet. Das "Elkins-Gesetz"
von 1903 zwang die Gesellschaften zur Veröffentlichung ihrer Tariflisten
und machte die Kunden der Eisenbahngesellschaften ebenso für die Einhaltung
der Ermässigungsbestimmungen verantwortlich wie die Gesellschaften selbst.
Es gelang der Regierung in der Folgezeit, die Übertretung dieser Bestimmungen
seitens mehrerer Gesellschaften strafrechtlich zu verfolgen.
So war Theodore Roosevelt bereits im Jahre 1904 zum Abgott
der Republikaner geworden. Seine eindrucksvolle Persönlichkeit und seine
von hohem sittlichem Ernst getragenen Reden erwarben ihm die Sympathien
des kleinen Mannes; ja, fortschrittliche Demokraten fühlten sich sogar
mehr zu ihm als zu dem Kandidaten ihrer eigenen Partei hingezogen, und
die außerordentliche Hochkonjunktur, die im Lande herrschte, trug ein
Übriges zum Wahlsieg der Republikanischen Partei im Jahre 1904 bei.
Der Präsident sah in seinem überwältigenden Wahlerfolg eine Bestätigung
seiner Politik und trat seine Amtsperiode mit dem festen Vorsatz an,
sich an der Ausführung seiner Reformen in keiner Weise hindern zu lassen.
Seine erste Botschaft an den Kongreß, in der er eine strengere Überwachung
der Eisenbahnen forderte, führte im Juni 1906 zur Verabschiedung des
"Hepburn-Gesetzes", das der Interstate Commerce Commission (Binnenverkehrskommission)
— deren Zuständigkeit ausgedehnt wurde — die Macht gab, die Frachttarife
wirksam zu regeln, und die Eisenbahngesellschaften zwang, ihre enge
Verflechtung mit Schiffahrtsgesellschaften und Kohlengruben aufzugeben.
Gegen Ende der zweiten Amtszeit Roosevelts gab es praktisch keine "Sondertarife"
mehr, und die Regelung des Eisenbahnwesens durch die Bundesregierung
hatte sich für alle Zukunft eingebürgert.
Andere Maßnahmen des Kongresses dehnten die Überwachung
durch den Bund noch auf weitere Gebiete aus. Im Jahre 1906 wurde eine
alte Forderung der Reformbewegung erfüllt und ein "Gesetz über die Reinheit
von Lebensmitteln" erlassen, das die Verwendung aller "schädlichen Drogen,
Chemikalien oder Konservierungsmittel" bei der Herstellung von Arzneien
und Nahrungsmitteln untersagte, und kurz danach gab ein weiteres Gesetz
der Bundesregierung die Über wachung aller Geschäftsunternehmen, die
Fleisch im Binnenhandel vertrieben, an die Hand.
Eines der größten Verdienste der Regierung Roosevelts
war zweifellos ihr Wirken für die Erhaltung der natürlichen Hilfsquellen
und Bodenschätze des Landes. Dem Raubbau und der Vergeudung von Rohstoffen
mußte Halt geboten werden, und weite, als wertlos geltende Landstriche
bedurften nur einer entsprechenden Behandlung, um zu Ackerland zu werden.
Während alle seine Vorgänger zusammen nur neunzehn Millionen Hektar
Waldland unter Schutz gestellt hatten, vergrößerte Roosevelt diese Fläche
um weitere sechzig Millionen Hektar und sorgte für systematische Brandverhütungsmaßnahmen
und für die Aufforstung von Kahlschlägen. Im Jahre 1907 setzte er eine
"Kommission für die Binnengewässer" ein, der die Probleme der gegenseitigen
Abhängigkeit von Wasserwegen, Boden konservierung und Forstwirtschaft
sowie Energiegewinnung und Schiffahrt zum Studium übertragen wurden.
Die Empfehlungen dieser Kommission gipfelten in einem Plan zu einer
"Amerikanischen Naturschutzkonferenz", und noch im gleichen Jahre lud
Roosevelt die Gouverneure sämtlicher Einzelstaaten, die Mitglieder des
Kabinetts und andere namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft
und Erziehungswesen zu einer solchen Konferenz ein. Es gelang der Konferenz,
das Interesse der Öffentlichkeit auf das Problem der Bodenkonservierung
zu lenken; sie proklamierte eine Reihe von Grundsätzen, in denen sie
nicht nur auf die Notwendigkeit der Erhaltung der Forsten, sondern auch
auf den Schutz der Wasserkräfte und Bodenschätze sowie auf die Probleme
der Erosion und Bewässerung hinwies, und empfahl ferner, daß Vorschriften
über den Holzeinschlag auf Privatbesitz, die Regulierung der schiffbaren
Flüsse und Konservierungsmaßnahmen im Gebiet der Wasserscheiden erlassen
würden. Ihr Werk führte zur Einsetzung zahlreicher "Naturschutzkommissionen"
durch die einzelnen Staaten und im Jahre 1909 zur Bildung des "Amerikanischen
Naturschutzverbandes" (National Conservation Association), der sich
die Aufklärung der breiten Öffentlichkeit über diese Fragen zum Ziele
setzte. Ein "Wiederurbarmachungsgesetz", das der Regierung das Recht
zum Bau von Staudämmen und Staubecken gab, war schon 1902 erlassen worden;
es dauerte nicht lange, und große Strecken ausgedörrten Bodens trugen
wieder eine Pflanzendecke und konnten unter den Pflug genommen werden.
Als der Wahlfeldzug des Jahres 1908 näherrückte, befand
sich Roosevelt auf dem Gipfel seiner Popularität; da er jedoch die Tradition
nicht durchbrechen wollte, die bisher die Regierung eines Präsidenten
auf höchstens zwei Amtsperioden beschränkt hatte, unterstützte er William
Howard Taft, der dann auch zum Präsidenten gewählt wurde. Taft versuchte,
das Programm Roosevelts weiterzuführen, und setzte einige Verbesserungen
durch: er setzte die Strafverfolgung der Trusts fort, stärkte den Einfluß
der Binnenhandelskommission, richtete eine Postsparbank und einen Paketpostdienst
ein, vergrößerte den Beamtenstab und regte die Aufnahme von zwei weiteren
Verfassungszusätzen an. Der 16. Verfassungszusatz ermächtigte die Bundesregierung
zur Erhebung einer Einkommensteuer; der 17. Verfassungszusatz —1913
ratifiziert—beseitigte das bisherige Verfahren, Senatoren durch die
Staatsparlamente wählen zu lassen, und ließ die direkte Wahl durch das
Volk an seine Stelle treten. Tafts positive Leistungen wurden jedoch
dadurch beeinträchtigt, dass er eine Schutzzollvorlage billigte, die
von den Liberalen abgelehnt wurde, daß er sich der Aufnahme Arizonas
in den Bund widersetzte, weil es eine weitgehend liberale Verfassung
besaß, und schließlich, dass er sich immer mehr auf den extrem konservativen
Flügel seiner Partei stützte.
Das spaltete Tafts Partei, und im Jahre 1910 gab ein überwältigender
Wahlsieg den Demokraten die Mehrheit im Kongress zurück. Für die Präsidentenwahl
von 1912 liess sich Woodrow Wilson, der Gouverneur des Staates New Jersey,
als demokratischer Gegenkandidat gegen den Republikaner Taft aufstellen;
Roosevelt, den die Landestagung der RepublikanischenPartei als Kandidaten
abgelehnt hatte, organisierte eine dritte Partei, die Fortschrittspartei
(Progressive Party), und bewarb sich als ihr Führer erneut um die Präsidentschaft.
Nach einem lebhaften Wahlfeldzug gelang es Wilson, beide Rivalen aus
dem Felde zu schlagen; sein Wahlsieg bedeutete einen Triumph des Liberalismus,
denn er empfand es als seine unabänderliche Pflicht, die Demokratische
Partei ein für allemal auf ein Reformprogramm festzulegen. Unter seiner
Führung ging der neue Kongreß daran, eine Reihe von Gesetzen zu beraten,
die in Anlage und Bedeutung zu den bemerkenswertesten der gesamten amerikanischen
Geschichte gehörten. Die erste Aufgabe bestand in einer Revision der
Zollgesetzgebung: "Die Zölle müssen geändert werden", hatte Wilson dem
Kongress erklärt, "wir müssen alles abschaffen, was einem Vorrecht auch
nur ähnlich sieht." Das "Underwood-Zollgesetz", das er am 3. Oktober
1913 unterzeichnete, brachte erhebliche Zollsenkungen für wichtige Rohstoffe
und Lebensmittel, für Baumwoll- und Wollwaren, Stahl, Eisen und andere
Güter und hob die Zölle für über hundert Warengruppen überhaupt auf.
Obwohl dem Gesetz immer noch zahlreiche Kennzeichen der Schutzzollpolitik
anhafteten, stellte es doch einen ernstgemeinten Versuch dar, die Lebenshaltungskosten
zu senken.
Als nächstes nahmen die Demokraten, in Erfüllung ihres
Programms, die Reorganisation des Bank- und Münzwesens in Angriff. Das
Land hatte lange Jahre hindurch unter einem Mangel an Elastizität im
Kredit- und Münzwesen gelitten; Notmaßnahmen hatten zwar die Nationalbanken
ermächtigt, Notgeld in Umlauf zu setzen, aber die gründliche Überholung
des gesamten Bankwesens war doch nicht mehr zu umgehen. Es war Wilsons
Überzeugung, daß "die Kontrolle nicht privat, sondern öffentlich sein
und von der Regierung selbst ausgehen müsse, damit die Banken dem Geschäftsleben
wirklich dienen und sich nicht zu Herren über den Unternehmer und seine
Initiative aufschwingen könnten." Das "Bundesgesetz über die Kapitalreserven"
(Federal Reserve Act) vom 23. Dezember 1913 wurde diesen Forderungen
gerecht. Die bereits bestehenden Banken wurden neu organisiert und zu
diesem Zweck das ganze Land in zwölf Distrikte mit je einer Föderal
Reserve Bank untergeteilt, bei denen die dem System angeschlossenen
Banken ihre Bargeldreserven hinterlegen sollten und die in erster Linie
als "Banken für andere Banken" gedacht waren. So wurde es möglich, die
in ihnen deponierten Reserven einzusetzen, wenn eine vorübergehende
Bargeldverknappung eine einzelne Bank in Schwierigkeiten brachte und
eine Unterstützung notwendig machte. Die Federal Reserve Banks dienten
femer dazu, die Flüssigkeit des Geldumlaufs sicherzustellen, denn das
Gesetz ermächtigte sie zur Ausgabe von Banknoten für den Bedarf der
Wirtschaft. Ein Direktorium, der Föderal Reserve Board, sollte die Durchführung
des gesamten Planes überwachen.
Für die nächste wichtige Aufgabe, die Überwachung der
Trusts, legte die Erfahrung ein ähnliches Kontrollsystem nahe, wie es
durch die Binnenhandelskommission für die Eisenbahngesellschaften geschaffen
worden war. Infolgedessen wurde die Befugnis zur Untersuchung von Gesetzesübertretungen
durch derartige Gesellschaften an eine neugeschaffene "Bundeshandelskommission"
(Föderal Trade Commission) übertragen, die auch ermächtigt wurde, jeden
unlauteren Wettbewerb von Konzernen im die Grenzen der Einzelstaaten
übersteigenden Binnenhandel zu unterbinden. Ein zweites Gesetz, der
Clayton Antitrust Act, machte zahlreiche, bisher nicht ausdrücklich
verbotene Geschäftsmethoden der Gesellschaften strafbar, beispielsweise
die Verflechtung von Direktorenposten, die Vorzugsbehandlung einzelner
Kunden bei der Preisfestsetzung und die Beteiligung von Gesellschaften
an Unternehmen in verwandten Branchen.
Auch Industriearbeiter und Farmer wurden in die Gesetzgebung
miteinbezogen. Das "Gesetz über Bundesdarlehen an Farmer" gewährte Landwirten
eine neue Kreditmöglichkeit bei niedrigen Zinssätzen; eine Bestimmung
des "Clayton Antitrust-Gesetzes" verbot den Arbeitgebern, die Gerichte
dazu zu benutzen, Streiks niederzuschlagen; das "Gesetz über die Seeleute"
von 1915 sorgte für die Hebung der Lebens- und Arbeitsbedingungen des
Personals der Hochsee- und Binnenschiffahrt; der Föderal Workingmans
Compensation Act von 1916 sprach Angestellten der Bundesregierung Renten
für Gesundheitsschäden zu, die sie sich während der Arbeit zugezogen
hatten, und das "Adamson-Gesetz" desselben Jahres führte den Achtstundentag
für alle bei Eisenbahngesellschaften Beschäftigten ein.
In
der von solchen Reformen erfüllten Amtszeit Wilsons machte auch der
Kampf für das Frauenwahlrecht rasche Fortschritte. Seit Ende der sechziger
Jahre, d.h., seit der Zuerkennung des Wahlrechtes an die befreiten Sklaven,
die einen mächtigen Ansporn für die Frauen bedeutet hatte, waren ihre
Forderungen immer dringender geworden. Ein ganzes Menschenalter hindurch
hatte der aktivere Flügel der Frauenbewegung unter Führung so fähiger
Persönlichkeiten wie Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony - später
waren Anne Howard Shaw und Carrie Chapman Catt hinzugekommen — ihre
Sache mit einleuchtenden Argumenten vertreten und trotzdem nur enttäuschend
geringe Ergebnisse erzielt. Erst zu Beginn der neunziger Jahre gaben
einige Staaten im Westen unter dem Einfluß des mit der Populistenbewegung
eingezogenen Reformwillens den Frauen das Wahlrecht, und in der sich
anschließenden "Periode des Fortschritts" folgten einige andere Staaten
ihrem Beispiel. 1916 machte sich schließlich der republikanische Präsidentschaftskandidat
Charles Evans Hughes (wie auch der ehemalige Präsident Theodore Roosevelt)
zum Fürsprecher dieser Idee, und Präsident Wilson, der dem Suffragettenwesen
bis dahin ablehnend gegenübergestanden hatte, äußerte sich nun gleichfalls,
wenn auch mit gewissen Einschränkungen, zugunsten des Frauenstimmrechts.
Mit dem Kriegsemtritt Amerikas hatten die amerikanischen Frauen Gelegenheit,
ihren Wert für die Nation unter Beweis zu stellen: das gab den Frauenrechtlerinnen
neue Hoffnung; sie entfalteten eine regere Werbetätigkeit als je zuvor,
veranstalteten Umzüge, paradierten vor dem Weissen Haus und führten
sogar Hungerstreiks durch. Im September 1918, am Vorabend wichtiger
Kongresswahlen, forderte Wilson vor dem Kongress die Ausdehnung des
Wahlrechtes auf alle Frauen des Landes als "entscheidend für die siegreiche
Beendigung des Krieges". Der diese Forderung erfüllende 19. Zusatzartikel
zur Verfassung wurde den Staaten im Juni 1919 übermittelt, und schon
im Sommer 1920 war er ratifiziert. Bei den Präsidentschaftswahlen im
November dieses Jahres gaben erstmalig auch die Frauen in den gesamten
Vereinigten Staaten ihre Stimme ab.
Es war der politische Wille des Volkes, der in dieser
langen Liste von Reformen Gestalt gewonnen hatte, und es war Präsident
Wilson zu danken, daß er so zum Ausdruck kam. Wilson war eine der außergewöhnlichsten
Persönlichkeiten in den Annalen der amerikanischen Präsidentschaft,
denn er war ohne jene Robustheit, die nun einmal für Erfolge im rauhen
Spiel des politischen Wettbewerbs unentbehrlich zu sein schien, im tiefsten
Grunde ein Gelehrter und Staatsphilosoph, und seine Publikationen auf
dem Gebiet der -amerikanischen Politischen Wissenschaft (Political Science)
wurden als bemerkenswerte Beiträge zum tieferen Verständnis des gesamten
Feldes empfunden. Wilson betrachtete die Welt mit dem kühlen, leidenschaftslosen
Blick des Wissenschaftlers, der gewohnt ist, den wechselnden Ereignissen
des Tages auf den Grund zu gehen und sie in die größeren prinzipiellen
Zusammenhänge einzuordnen, und das Vertrauen des Volkes in ihn gründete
mehr in der Gewißheit, dass Wilson in der Kompromißlosigkeit seines
Denkens über den Gegensätzen des Augenblicks stand, als in bloß persönlichen
Gefühlen für seine menschlichen Eigenschaften, wie sie seinen engeren
Kreis in tiefer Freundschaft an ihn banden.
Doch weder seine wissenschaftlichen Leistungen noch seine
Arbeit als Sozialreformer haben Wilsons Anspruch auf einen Platz in
der Geschichte begründet: ein eigentümliches Schicksal hat ihm die Rolle
des Kriegspräsidenten aufgezwungen und ihn vor allem ändern zum Schöpfer
jenes Friedens gemacht, der voll Unrast auf den ersten Weltkrieg folgte.
Die mächtigen Kräfte, die während Wilsons zweiter Amtszeit frei wurden
sollten das amerikanische Volk in seinem innersten Wesen beeinflussen,
denn nun, zum ersten Male in seiner Geschichte, war es vor die Verantwortung
und die Gefahren gestellt, die eine Weltmachtstellung mit sich bringt.
